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Jüdische Rundschau · 1935-02-08 · Heft 12 (8.2.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 12 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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m mmmm^^ß. mmm^sr^^^s^ f •/ l' o /? Nr. 12 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JUDISCHE RÖNP *«hriftU!tU(,V*rUf ■. Anx>l£*iiT*rw»ltfln j i Berlin W15, Melnek.ltr.10 BERLIN Famral: Sammol-Nr.,1 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bwugnprei» je Mon«t RM V.i> Viert«li«hr RM 5,75. - Po«»check-Kont«n d«r Vertriebt-Abteilung: r*l"5»~lPl 'N "HM TI Berlin 71573 (für GroS - Berlin), Berlin 17392 (für du übrige Reich). Ausland*. trtxug i» jew«liSer I.«ndesw«lirung. - Er. theint Jeden DUnftag nnd Fr.lU». FREITAG, 8. F E B R U AR 1 935 Der Zionismus erstrebt für das jadische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In 10 Schalter Freitag 9-15 die Fl'citai'Auagabe Der Kindermord von Breslau i Die „B r c s I a u e r Zeitung" vom 5. Februar berichtet Unter der Ueberschrift „Der Fehse-Mörder gefaßt?" Über die Verhaftung eines Menschen, der in höchstem Maße verdächtig sei, den Mord an den beiden Fehse-Kindern beangen zu haben. (Anschließend brachten auch andere Jlätter die Nachricht.) Es handelt sich um die Ermordung der Kinder Erika und Otto Fehse am 6. Juni 1926, die im August 1934 von der Zeitschrift „Der Stürmer" zu einer Sonderausgabe mit der Ueberschrift „Der Ritualmord von Breslau" verwendet worden ist. Auf vielen Spaiten hat in dieser Nummer der „Stürmer" die Behauptung vertreten, es handle sich um einen „Ritualmord"; zur Stützung dieser Behauptung wurden allerlei abenteuerliche Umstände angeführt. Die Reichsvertretung der deutschen Juden hat, wie wir in der „Jüdischen Rundschau" vom 21. August 1934 mitteilten, gegen diese Beschuldigungen beim Herrn Reichsminister des Innern Vorstellungen erhoben. Die betreffende Nummer des „Stürmer" wurde damals von dem Polizeipräsidenten in Breslau beschlagnahmt, wobei die amtliche Begründung gegeben wurde, daß „der Bericht des Blattes in allen wesentlichen Punkten völlig unzutreffend und außerdem geeignet sei, das Ansehen der Polizeibeamten in erheblichem Maße herabzusetzen." Trotz dieser Erklärung einer amtlichen Stelle ist aber jene Nummer des „Stürmer" nur in Breslau, nicht aber im übrigen Reich beschlagnahmt worden, so daß die Möglichkeit besteht, daß Leser dieser Zeitschrift in allen Teilen des Reiches außerhalb Breslaus der Darstellung des „Stürmer", die von der zuständigen deutschen Behörde als „völlig unzutreffend" bezeichnet wurde, Glauben schenkten. Die Breslauer Behörden haben weiter nach dem Mörder gefahndet, und die „Breslau er Zeitung" berichtet über den jetzt verhafteten Verdächtigten folgendes: „In dem Wirtschaftsgebäude dieser Villa fand man in einer ausgebauten Darlikammcr einvii ehemaligen Smdcii'en tschechischer Staat Nnngehörigkcit, namen* ' Herbert Holl, hausend, der seit 1926 sich in Breslau aufhielt und polizeilich nicht gemeldet war. Er wurde längere Zeit beobachtet und am 17. Novcmlicr des vorigen Jahres nachts überraschend verhaftet. Was man bei ihm fand, ist einzigartig in der Kriminalistik der ganzen Welt. E> handelt sich um einen absolut anormalen Menschen auf sexuellem Gebiet. Obwohl der Mann kaum über das Notwendigste, zum Leben verfügte, ausgehungert war und wie ein Tier in einer schirmt zstarrenden Kammer hauste, fand man bei ihm zirka 6700 Karten und Bilder tiner ganz bestimmten Kategorie, die immerhin bei der Anschaffung einen erheblichen Wert besaßen. Sie waren mit zahlreichen stenographischen Notizen bedeckt, deren Ucbertragting eine wochenhmge Arbeit verursachte. Weiterhin fand man 1230 lose Blätter Schreibpapier, ebenfalls voller stenographischer Notizen. Ks handelt sich um die Nieder« hrift und Poesie eines absolut anormalen und krankhaft veranlagten Menschen, einen Sadisten der übelsten und schlimmsten Form, gefährlich vor allem für Kinder. Die Uebertragungen der Stenogramme füllen 3944 Schreibmaschincnseiien, d. s. 16 dicke Aktenbände. In 166 Lallen schildert er Lustmorde an Kindern, in denen er sich selbst ab Ausführender bezeichnet" Herbert Holl ist in Dresden geboren, hat aber die Naturalisierung nicht nachgesucht. Was seine Beziehung zu dem jetzigen Mordfall betrifft, so liegt eine Anzahl von Zeugenaussagen vor, über die Näheres noch nicht bekannt ist. Die Breslatter Polizei hält den Verhafteten für überaus verdächtig. Die „Breslauer Zeitung" schreibt: „Seine Veranlagung gibt die Gewißheit, daß er jederzeit f ii h i f> wäre, ein solches grauenvolles Verbrechen, wie das an den Kehsekindcm, auszuführen. Nach acht Jahren ist der Tatbeweis natürlich außerordentlich schwer zu führen." Dali die furchtbaren Enthüllungen über dieses pathologische Individuum von uns auch vom jüdischen Stand punkt gewertet werden müssen, ist ein Zeichen der anormalen Lage des Judentums. Niemandem würde es einfallen, bei einem Verbrecher dieser Art nach Abstammung, Volkstum oder Religion zu fragen. Wenn sich erweist, daß Holl das Verbrechen begangen hat, so wird gewiß niemand auf die Idee kommen zu behaupten, er sei dazu durch irgendwelche religiösen Lehren veranlaßt worden. Uns Juden gegenüber aber werden sogar Verbrechen, die k c i n Jude begangen hat, als Kampfmittel zur Verunglimpfung des Judentums benützt. Aus diesem Grunde haben auch wir ein Interesse an der Aufklärung des Falles Fehse, zumal der „Stürmer" in Nr. 34 (1934) gegen das Breslauer Polizeipräsidium wegen der Beschlagnahme der „Ritualmordnummer" polemisiert und trotz der damaligen Erklärung der Polizei seine Ritualmord-Beschuldigung wiederholt hat. In den letzten Tagen hat der „Stürmer" eine überaus große Propaganda für eine von ihm veranstaltete Sondernummer „S k and <a f «W»i*rH e i a^lrju-d o ti Ba um m— freund" inszeniert. In 'dieser Sondernummer werden angebliche Verfehlungen einer süddeutschen Fleischfirma dargestellt, eine Angelegenheit, die wir nicht beurteilen können, da dies Sache der Gerichte ist, die Einblick in das Material haben. Daß bei dieser Gelegenheit auch alle möglichen Privatangelegenheiten berührt werden, ist eine Geschmackssache, die die Leser des „Stürmer" betrifft, zu denen Juden nicht gehören. Was aber uns angeht, ist die Verbindung dieser Angelegenheit mit Angriffen auf das Judentum auf Grund gefälschter Talmudzitate. Das zur Reklame ausgegebene Flugblatt, das unserer Redaktion von mehreren Empfängern zugesandt wurde, zeigt eine widerlicheGestalt, die offenbar einen Juden darstellen soll, mit einem spitzen Messer in der Hand, auf dem groß das Wort „Talmud" steht. Zu dieser Art Propaganda paßt es gut, wenn in der letzten Nummer des „Stürmer" unter der Rubrik „Zeitgemäße Anzdgen des Stürmers" folgender Text steht: „Streng koschere Kille (Judengemeinde) sucht erstklassigen ,schochet' (SchMchter) zum ,Schwarzschächten', welcher auch Erfahrung in ,Ritualmorden' hat. Zuschriften unter ,Gojimblut' koscher schel Pesach.' Wir Juden können nur erstaunt fragen, wie lange noch derartige Beschimpfungen gegen uns fortgesetzt werden sollen. Der neue Staat, der die Idee der Ehre als eine der höchsten proklamiert hat, muß Verständnis dafür haben, daß auch wir Juden einen Schutz unserer Ehre beanspruchen. Neue Wolkenbrüche in Palästina Große Zerstörungen in arabischen Städten — Mehrere arabische Tote Telegramm unseres g.l.■Korrespondenten Tel-Awiw, 6. Februar Eine neue Unwetterwelle hat in den letzten Tagen Palästina heimgesucht. Im ganzen Land tobte der Sturm und gewaltige Wolkenbrüche, mit Hagel vermischt, gingen nieder. Die Bahnverbindung von Jerusalem nach Haifa und nach Tel-Awiw war zeitweise unterbrochen, die Straßen völlig unpassierbar. Am stärksten war das Unwetter in Mittelpalästina, insbesondere In der arabischen Stadt Nablus wurden große Zerstörungen angerichtet. Die Stadt Wurde überschwemmt, die Bewohner flüchteten auf die Dächer, und 18 Menschen fanden den Tod in den Wellen. Die Schulen und B a n k e n in der Stadt sind geschlossen. Viele Obdachlose müssen provisorisch untergebracht werden. Die Autobus-Verbindungen zwischen den Städten und den Plätzen in der Scharon-Ebene mußten eingestellt werden. Die jüdischen Siedlungen und Wadi Chawarith waren vom Verkehr abgeschnitten. Durch die Ueberflutung weiter Flächen sind insbesondere die in Zelten wohnenden Beduinen an vielen Stellen obdachlos geworden. Die Rettungsarbeiten und die Ausbesserung der Schäden an den Häusern und Straßen, sowie in den Plantagen wurden sofort aufgenommen. Der in den Zitrus-Plantagen angerichtete Schaden ist nur gering. Einem amtlichen Communique zufolge, wurden beide Ufer des Jordan Oberflutet und dadurch die Verbindung von Transjordanien abgeschnitten. Emir Abdullah, der in Begleitung des Exkhediven A b b a s Hilm! am 3. Februar in Jerusalem war und von dort nach Amman zurückkehren wollte, war gezwungen, in Jericho zu bleiben. Zahlreiche Telephonverbindungen sind gleichfalls gestört. In der Nähe von Nablus ist ein Autobus abgestürzt. Der britische Regierungsvertreter in Amman, Col. Cox, mußte infolge der Ueberschwemmung seine Büros räumen. Trotz der vom Unwetter verursachten Störungen Ist nirgends im Lande eine Panik zu verzeichnen, und es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Jüdische Menschenleben sind nicht zu beklagen. Ein späteres Telegramm berichtet, daß die Telephonverbindung zwischen Jaffa und Haifa wiederhergestellt ist. Es wird weiter mitgeteilt, daß in der arabischen Stadt Kalkilich viele Häuser beschädigt und eine Anzahl Menschen ertrunken sind. Der Eisenbahnverkehr wurde jedoch am 5. Februar wieder aufgenommen, drei Tage früher, als man gerechnet hatte. Auch die Straßen sind wieder passierbar. Vom 6. Februar wird telegraphiert, daß nach dein Regengüssen und Ueberschwemmungen in ganz Palästina wieder strahlendes Frühlingswetter herrscht. Wie aus Beirut gemeldet wird, hat die Wetterkatastrophe der letzten Tage schwere Schäden auch in Syrien verursacht. Besonders arg waren die Verwüstungen im libanesischen Distrikt Blka, Evolution Der europäische Friede — Um die Eingliederung der deutschen Juden Alle Aufmerksamkeit ist in den letzten Tagen auf die großen internationalen Verhandlungen gerichtet, die, nach den Erklärungen der führenden Diplomaten, einer Stabilisierung des Friedens und einer Abwendung der Kriegsgefahr dienen sollen. Im Zusammenhang mit der durch das bekannte Londoner Communique ergangenen Einladung an Deutschland sind, wie den deutschen Zeitungen aus dem Ausland berichtet wird, die Blicke auf Deutschland gerichtet. Die größte Aufmerksamkeit fanden in Deutschland die Aufsätze von Lord Lothian in der „Times", die wirkungsvoll für die deutsche Gleichberechtigung eintreten und die Fricdensbereitschaft Deutschlands unterstreichen. Lord Lothian war als Philipp Kerr wahrend des Krieges der Privatsekretär Lloyd Georges. Wir deutschen Juden, die wir unter den heute geltenden Anschauungen keine politische Stimme in Deutschland haben, sind einfach kraft der Tatsachen des Lebens auf das engste mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen Deutschlands verbunden, eine Selbstverständlichkeit, die nicht ausgesprochen zu werden brauchte, wenn sie nicht von judengegnerischer Seite manchmal angezweifelt würde. Auch die deutsehen Juden wünschen, daß Deutschland die Stellung erhält, die ihm als großem europäischen Volk und Staat zukommt, und daß der Weg zum Wiederaufstieg nach den Zerstörungen des Krieges geebnet werde. Es ist, obwohl in den großen internationalen Erörterungen die Judenfrage keine Rolle spielt, für uns Juden interessant, daß eine Reihe von Persönlichkeiten der angelsächsischen Welt, die sich für die Gleichberechtigung Deutschlands einsetzen, bei anderer Gelegenheit mit Nachdruck betont haben, daß ihre Weltanschauung mächtig durch die Gercchtigkcitsidecn der jüdischen Bibel beeinflußt worden ist und daß die jüdische Ethik ihnen richtungweisend geworden ist. Solche Aeußcrungen wurden z. B. von Lloyd George oder von General Smuts gemacht, und diese Männer sind es, die, obwohl an ihrem Patriotismus nicht gezweifelt werden kann, auch ihren eigenen Laiidsleuten gelegentlich recht unverblümt Worte der Selbsterkenntnis sagten. Sic hatten den Mut, den Versailler Vertrag, an dem sie selbst mitgearbeitet haben, heute zu verwerfen. Nach einer Zeit kritischer Zuspitzung ist jetzt auch die Außenpolitik in eine Periode ruhigerer Evolution eingetreten. * Wir Juden sind keine ,,politische" Macht. Wir waren in der Diaspora stets auf den Schutz derjenigen Faktoren angewiesen, die die Macht hatten, seien es nun Kaiser, Fürsten, Städte o. a. Man sprach daher von „Schutz-Juden", und das Wort hatte einen etwas spöttischen Klang. Aber es war eine Form der Regelung, die das Leben möglich machte. Denn in jedem Falle ist es für die Juden notwendig, eine legitime Form der Einordnung in das Ganze zu finden. Dies gilt auch überall dort, wo ein alter Zustand durch einen neuen abgelöst wird. Für uns deutsche Juden ist der alte Rechtszustand der „Gleichberechtigung" aufgehoben und auf Grund des Rassenprinzips kann er nicht in der alten Form aufleben. Nachdem jetzt die revolutionäre Entwicklung abgeschlossen ist und die Epoche der Evolution begonnen hat, ist es zweifellos ein für uns wichtiges Problem, wie sich die Einordnung der deutschen Juden vollziehen soll. Man hört oft die Meinung, daß es keiner weiteren besonderen Regelung bedarf, da ja auf vielen Gebieten des Lebens durch die Arier- Gesetzgebung die Stellung der Juden bereits fest umschrieben sei. Es ist uns unbekannt, wie die Reichsregierung über diese Frage denkt. Aber von unserem Standpunkt müssen wir sagen, daß u. E. die Rechtslage noch einer Ergänzung bedarf. Denn so wie in manchen Gesetzen die Rechte der Juden negativ abgegrenzt wurden, indem man die Nichtarier ausgeschaltet hat, so müßte auf der anderen Seite der den Juden verbliebene Status u. E. positiv unterbaut werden. Hierbei handelt es sich vor allem um zwei Gebiete, auf denen, wie man aus zahlreichen Kundgebungen erschließen kann, auch nach dem Willen des nationalsozialistischen Staates die Juden unangefochten sein sollen: in der wirtschaftlichen Tätigkeit und in ihrer geistig-moralischen Eigensphäre. Was zunächst die Wirtschaft betrifft: Wenn von privater Seite entgegen den Richtlinien der Ministerien wirtschaftsschädigende Aktionen gegen die Juden angeregt oder eingeleitet werden, so müßte eine Handhabe)

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