Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 1.11.1935 Wo der Motor noch nicht siegte: Arabischer Laslen- Transpoii PcrJsüirhzinderteiv y^-,! i-'ln:i. das Land der Gegensätze, ist der Schauplatz verschiedener Kulturen und Zivlllsa- *^ tionsstüfen, die heinahe unvermittelt nebeneinanderstellen. Neben dem Araber, der sein Feld noch in altbiblischer Weise behaut, steht der Traktor und Motorpflug des jüdischen Kolonisten, neben dem Auto das Kamel als Transportmittel und neben der Turbine das primitive jS •■I k* I ft>3>.v>.. }oto M V ]Kn-Gaen«i, Jerusalem /V" I ■ .i .1 ■<4 Z. Kluger, Tel - AuAw Wasserschöpfrad des Fellachen. Trotzdem kann man feststellen, daß der Prozeß der Media- und Tier als Lastträger im arabischen Bezirk Palästinas noch weitgehend verwandt. Die Billignisicrung, der die ganze Welt seit dem 10. Jahrhundert ergriffen hat, auch vor Palastina keit dieser Transportmittel ermöglicht eine erfolgreiche Konkurrenz mit Auto und Eisenbahn, wie überhaupt vor den Ländern des Vorderen Orient nicht Halt macht, und daß ein immer besonders dann, wenn es sich um nicht allzu schwere Lasten und um weniger eilige Transgrößerer Sektor de* Landes mechanisiert wird. Dennoch findet man auch heute noch weite portc handelt. Unsere Bilder geben einen Ausschnitt aus dem arabischen Leben Palastinas in Gebiete, in denen die Handarbeit vorherrscht, und besonders im Transportwesen wird Mensch seiner ganzen Ursprünglichkeit. (Red.) nach beiden Seiten tief ins Emek hinein, gegenüber die Berge mit der arabischen Stadt Nuris, vor uns auf einem Hügel Serain, das alte Jesreel, die ehemnlige jüdische Königsresidenz, und unter uns das Tal, in dein Siul die Philister schlug (die (irgend des alten Ljn Cliarod). Wir haben da in Zelten gewohnt, ganz einsam, einmal kamen zwei Beduinen mit ihrer Herde vorbei, sonst niemand. Ich habe meist gewacht, die Nachte, rem/ mondhell, waren einfach zauberhaft. Und am Tag, wenn ich ausgeschlafen hatte (und gerade nicht Geschirr waschen mußte), habe ich dagelegen und Thomas Manns „Jaakolv' gelesen. Ihr könnt euch nicht denken, wie sich das hier liest, es hat sich im Grunde ja so wenig geändert, was bedeuten die paar Autos und Traktoren! Ueherhaupt ist mir die Tatsache, in Palästina zu sein, erst in letzter Zeit richtig aufgegangen, erst jetzt allmählich zum Erlebnis geworden, nachdem ich es lange sehr vermißt und gesucht hatte. Ich weih noch gut, wie es mir zum ersten Male aufging. Und ich möchte es festhalten. Ich lag in der Mittagspause — wir arbeiteten in jenen Tagen zirka :r( Stunde von Chefzihah entfernt auf dem Feld, und gingen daher mittags nicht nach Hause -- im Schatten unseres Wagens. Es war ziemlich in der Mitte des Tales, die Berge beiderseits waren weit weg, und das vermehrte den Lindruck der Weite. Es war still, der Himmel sehr blau, riesige Schwärme von Staren, kleinere von Lerchen, übten Geschwaderflug. Auf der anderen Seite der Bahn, nach Scharia zu, zogen Beduinen mit großen Schafherden, eine Kamelherde zieht nahe an uns vorbei, ein Beduine kommt, sich hei uns Wasser zu holen, er zeigt uns rahlerisch seinen Dolch, dann will er uns ein Gewehr veraufen. Unter uns fallen nur wenige Worte. Alles ist ganz einfach, ist zugleich sehr besonders. Ich fühle in dieser Stunde, wie ich aufgenommen werde, wie ich zugleich alles in mich aufnehme. Ich weiß auf einmal, daß ich in Palästina bin und daß das schön ist. Zugleich ist es aber auch schon ganz natürlich. Es ist, als hätte ich meine Augen ausgeschickt und sie holen nun alles für mich in mich hinein. Ich war sehr glücklich. Wenige Tage später, am nächsten Schabbat, machten wir TM sechs, davon zwei alte Palästinenser, eine Wagenfahrt nach Beth Schaan, das ist Beisan, bekannt durch die an die Araber verlorenen Böden. Es war ein herrlicher und ungeheuer interessanter Tag, ich möchte sagen, der palästinensischste Tag, den ich erlebt habe. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön. Wir sahen uralte römische Wasserleitungen, die zum Teil wieder benutzt werden, kamen durch Beduinen-Zeltdörfer von unfaßbarer Primitivität, sahen die Wohnbaracken der anzusiedelnden Araber, kamen dann auf die Pkntage einet vornehmen Arabers (des jetzigen Oberstaatsanwaltes von Palästina), aut der einige Leute von uns gearbeitet haben. (Veredlungen.) Während wir sie besichtigten, wurden die Teppiche Decken und Kissen, sowie einige Hocker aus dem sehr einfachen Landhaus geholt und an einer schattigen Stelle unter großen Bäumen ausgebreitet, und als wir zum Haus zurückkamen, gab es Tee und den besten Kaffee, den ich je in meinem Lehen getrunken habe. Vorher ging ein Olas gekühltes Wasser herum, aus dem jeder trinken mußte. Eine sehr orientalische halbe Stunde! Beth-Schaan: die typische rein arabische Stadt, ganz Orient. Kaum standen wir einen Augenblick auf der Straße, so schleppte man schon aus einem der unzähligen Kaffees Hocker heran, und im nächsten Augenblick hatte schon jeder eine Tasse Kaffee in der Hand, zürn eventuellen Ablehnen wurde einem gar keine Zeit gelassen. Sehr interessant und instruktiv die landwirtschaftliche Versuchsstation der Regierung, wunderbar angelegt, aber im Gründe kein Wunder bei den für palästinensische Verhältnisse geradezu unwahrscheinlichen Wasserverhältnissen. Von dort fuhren wir in Richtimg des Jordantales auf den Hof von zwei Deutschen, mit denen Chefzihah geschäftlich in Verbindung steht. Der Hof blitzsauber, tadellose Ordnung, ein Genuß für das Auge, dem landwirtschaftliche Dinge schon vertraut geworden sind. Das Haus geräumig, zugleich schön und praktisch gebaut, im ersten Stock ein riesiger gedeckter Balkon, auf dem man in heißen Nächten schläft, und auf dem wir sitzen, den Blick auf das — noch einige Kilometer entfernte — herrliche Jordantal und die transjordanischen Berge. Wir werden sehr herzlich auf. genommen, trinken Kaffee (das dritte Mal an dem Vormittag), Schnäpse, rauchen Pfeifen und Zigaretten. Man merkt den beiden Deutschen ihre Achtung vor der Leistung der Juden als Landwirte an. Auch diese Stunde war in mancher Hinsicht bemerkenswert und interessant. * Kfar Jecheskel, 17. Dezember 1Q34 Vollständiger Szenenwechsel! Wenn ich aus dem Fenster vor dem Schreibtisch, an dem ich sitze, schaue, der in dem hellen, sauberen, tadellos eingerichteten Ambulatorium steht, so sehe ich vor mir einen großen Platz, in der Mitte darauf das Beth Am von Kfar Jecheskel, auf der andern Seite des Platzes das sehr hübsche Schulgebäude. Es ist Pause. 40 bis 50 Kinder jeden Alters, aber alle von gleicher Lebendigkeit und Lebenslust, toben und schreien. Links von mir, vor dem andern Fenster, rupfen mit nicht weniger Geschrei fünf Araberinnen im Garten etwas Kraut für ihre Esel. Eine von ihnen ist bfldechön in einem herrlichen, orangefarbenen Gewand. Sie waren eben mit ihren Kindern bei mir, auch einige Mariner, natürlich alle auf einmal. Ich war — ohne jede Möglichkeit der Verständigung — ziemlich hilflos, konnte nur ganz weniges behandeln, das ganz klar war. Die meisten schwangen leere Flaschen jeden Formates vor mir und wollten irgendeine Medizin mithaben. Der eine Araber suchte meine arabischen (oder medizinischen?) Kenntnisse dadurch zu fördern, daß er mir dauernd Geld anbot, mit zwei Piastern fing er an, bei sechs gab er es auf. Er schien der Vater des einen Kindes zu sein, was ich deshalb vermutete, weil er die andern dauernd herauszuschmeißen versuchte. Aber ich sehe noch mehr durch das Fenster: einen reizenden kleinen ganz bunten Vogel, der auf dem Wasserhahn sitzt und immer den fallenden Tropfen wegnickt, ich sehe einen kleineu Teil des Dorfes, das Gebäude der Tenuwah mit einem richtigen Laden (in dem ich Zigaretten und Schokolade bekommet dahinter wieder das Emek, drüben am andern Rand im Grün ein paar Dächer: Kwuzath Chugim, und dahinter wieder die Berge. Wieso ich hier bin? Die hiesige Aerztin mußte plötzlich fort, und ich wurde hergeschickt, sie zu vertreten. So lerne ich das Leben in einem richtigen jüdischen Dorf kennen. Ich wohne bei dem Mann der Aerztin, der hier Lehrer ist, russischer Jude, der kein Wort deutsch kann und einen ausgezeichneten Eindruck macht. Er gibt sich große Mühe, es mir nett zu machen. Er bewohnt ein Holzhaus aus drei kleinen Zimmern und Küche mit Frau und Kind, sehr nett, natürlich mit Garten. Ich esse in einer richtigen, übrigens blitzsauberen „Pension", sowas fibt's im Emek! Das Leben macht hier einen völlig anderen indruck wie in der Kwuzah, wirklich wie im Dorr. Es gibt hier unter den 400 Menschen kaum Deutsche, ich habe erst eine Familie entdeckt, Berliner, die seit einem Jahr hier sind und hier ein Kinderheim machen wollen. Sie sprechen schon gut Iwrith und machen überhaupt, einen energischen und zielbewußten Eindrück. Ich bin jetzt ein Vierteljahr im Land — ein buntes Viertel« jähr: Eine Woche Emigrant in Haifa, zwei Monate Poel in der Kwüzah, eine Woche Assistent im Krankenhaus, zwei Wochen Landarzt im Emek (und hoffentlich bald wieder Poell). Ich habe viel gesehen, viel gehört, viel kennengelernt, viel in mich aufgenommen. Und doch bin ich noch nicht so weit, doch scheue ich mich noch, das Erlebte zu Urteilen zu verdichten, Erkenntnisse zu formulieren. Wirklich kennen und daher notwendig auch lieben gelernt, habe ich dis Emek. Von welchem Standpunkt immer: landschaftlich, historisch, tioiristisch<hah«isch, wirtschaftlich: immer Ist m rekvoll, spannend, anregend, schön. l