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Jüdische Rundschau · 1935-01-25 · Heft 8 (25.1.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 8 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fr, 8 /Jahrgang 40 Preis RM -.25 ÜDISCHE RUNDSCHAU fdtriftkltnnf.VcrUf ■,Ans«lv*aT*rwa1t«Bci BarU«W1S.MahMkMtr.lt frrarul: S.mmcl-Nr.J 1 Bianurck 3181/82,7165/70,7240/4Z - Beiug»prei. jeMon« RM 2,-, je Vlerteljihr RM 5,75. - Postscheck-Konten der Vertriebs - Abteiltuifc Berlin 71573 (für GroS - Berlin), Berlin 17392 (für dss übrige Reich). AoslendsberaR in jeweiliger Londe«w»hrung. - Erscheint jeden Dlaadag uni Freitag. BERLIN irsnn ddp K'o FREITAG, 25. JANUAR 1935 Anxelganpreliliite Nr. 2 gültig. Dio I2gesp. mm-/'nie 20 Rpf, für Stellengeft 10 Rpl, für Familiennachrichten 15 Rpf. Einzel an zeigen nur gegen Vorauszahlung am Schatter oder auf Postscheck-Konto Berlin 7! 618 Montag bis Donnerstag 9 - 18 Uhr, Freitag 9-15 Uhr, Annahmeschluß für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanxeigen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlieh gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Zum Interesse der Auslandsjuden Wer in den letzten Tagen Gelegenheit hatte, ausländische jüdische Zeitungen zu verfolgen, konnte beobachten, daß über angeblich bevorstehende Entwicklungen, die das deutsche Judentum betreffen, die merkwürdigsten Nachrichten verbreitet werden. Sei es bloß das Sensationsbedürfnis der Leser, sei es, daß Vermutungen in der Luft schweben oder unverbürgte Gerüchte da und dort von Journalisten aufgefangen werden, — auffallend ist, daß nicht etwas Einheitliches berichtet wird, sondern die aufeinanderfolgenden Nachrichten einander oft kraß widersprechen. Manche wollen von einer Wendung zum Besseren gehört haben, manche von einer Wendung zum Schlechteren; dieselbe Zeitung gestern dies und morgen das. Für den deutschen Juden sind oft ohne weiteres die Irrtümer erkenntlich, die sich durch Mißverständnis mancher Aeußerung oder mancher Quelle ergeben. Aber unabhängig von der Frage der Richtigkeit solcher Informationen erkennen wir daraus das brennende Interesse, das nach wie vor an der Lage der deutschen Juden genommen wird. Das Neuartige der jüdischen Vorgänge in Deutschland wird überall von den Juden empfunden, und gleichviel, wie man die Sache bewertet, wird die Frage, welche endgültige Neuordnung für die Juden sich aus den revolutionären Ereignissen dieser zwei Jahre herausbilden wird, mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgt. Meist finden wir freilich, daß die Aufmerksamkeit sich hauptsächlich den äußeren Geschehnissen zuwendet, wobei die formale Rechtsstellung der Juden und ihre ökonomische Situation die wichtigste Rolle spielen. Für das Gesamtjudentnm noch wichtiger aber ist zweifellos die innere Entwicklung, die sich im deutschen Judentum vollzogen hat. Was in dieser Hinsicht geschehen ist, ist keine Kleinigkeit. Hat sich doch das Eigenbewußtsein von Grund auf gewandelt. Es ist heute fast für jeden Juden eine Selbstverständlichkeit geworden, als Jude aufzutreten. Das war nicht immer so! Ein selbstverständliches und unbefangenes jüdisches Verhalten fanden wir früher eigentlich nur bei unverdorbenen „Ostjuden", während die „Westjuden", bewußt oder unbewußt, wünschten, nicht als Juden erkannt zu werden. Und das zu einer Zeit, wo es zwar manchmal peinlich, aber doch im Grunde „ungefährlich" war, als Jude zu erscheinen. Heute enthält das Judesein eine viel größere Bürde, und trotzdem ist es viel natürlicher geworden. Man könnte zynisch sagen: weil den Juden nichts anderes übrig bleibt. Dies wäre aber nur eine teilweise Erklärung. Zu einem guten Teil ist die Bejahung des Judentums eine echte Frucht eines tief aufwühlenden Erlebnisses. Diese zwei Jahre haben das Bewußtsein gewandelt, aber wir beobachten auch die Gefahr, daß das Selbstverständliche zur Gewohnheit und damit zur Phrase wird. Man redet jetzt vom Judesein und denkt sich oft nichts dabei. Auch die alte Ghettovorstellung, daß ein offenes Sich-Erkennen als Juden zu einem Sich-Gehenlassen führen müsse, ist da und dort noch vorhanden. Die jüdischen Dinge sind überall Gesprächs- und Unterhaltungsstoff, und da nun auch alle früher außerhalb des jüdischen Bezirks stehenden Funktionäre jetzt auf jüdische Betätigung angewiesen sind, entsteht ein ungeheurer „Betrieb", bei dem manchmal das Wesentliche zu versinken droht. Es gibt sozusagen schon Habitues der Judenfrage, die sich dem neuen Stil angepaßt haben. Das aber wäre eine schwere Bedrohung der deutsch-jüdischen Errungenschaften. Denn was wir erworben haben und was die deutschen Juden heute von den meisten anderen jüdischen Gruppen unterscheidet, ist die unlösliche Verbindung des neu entdeckten Judentums mit einer unvergeßlichen menschlichen Erfahrung, die die ganze Seele packt. Die deutschen Juden haben sich zu entscheiden. Echte Entscheidung kommt aber stets nur aus echtem Menschentum, nicht aus sorgfältig ausgeklügelten Formeln. Von den Fesseln früherer Illusionen und Irrtümer befreit, konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft neue Verantwortungen auferlegt, dürfen wir nicht zulassen, daß neue Fesseln und neue Schablonen (oder alte Schablonen?) uns gefangennehmen. Das kann aber immer geschehen, sofern *vir nicht auf der Wacht sind und unser Verhältnis zum Judentum als etwas Lebendiges empfinden. Das Leben ist vielfältig und widerspruchsvoll, jeder Einzelne kann jeden Tag vor neuen Problemen stehen, aber das Judentum als einen Faktor unseres Schicksals können jvir und wollen wir nicht mehr ausschalten. Darum Können wir uns auch keine seelische Beruhigung leisten, Der amerikanische Innenminister zur Judenfrage „Die repräsentativste jüdische Versammlung:, die Amerika je sah" Die Londoner „Times" vom 21. Januar bringt einen ausführlichen Bericht über den „P a 1 ä s t i n a - T a g" in Washington. Es heißt darin, daß die allamerikanische Palästina- Konferenz, an der 1587 Delegierte teilnehmen, die 1 240 890 Menschen vertreten, die repräsentativste jüdische Versammlung ist, die jemals in den Vereinigten Staaten zusammentrat. Der Staatssekretär für innere Angelegenheiten, Mr. Ickes, hielt bei der Konferenz eine Ansprache, worin er sagte, auch die jüdischen Pioniere in Palästina seien tätig für einen „New Deal". Amerika, so führte der Redner aus, habe für die Wiedergeburt des jüdischen Nationalismus große Sympathien. Von Zeit zu Zeit, so sagte er weiter, habe es seitens kleiner versprengter und isolierter Gruppen in Amerika Versuche gegeben, eine Barriere des Vorurteils gegen den Juden aufzurichten, aber es werde wohl aligemein zugegeben werden müssen, daß der Jude in Amerika gleiche Möglichkeiten habe wie alle anderen. Von den weiteren Rednern der Konferenz zitiert die „Times" die Rede von Morris Rothenberg, dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas, und Louis L i p s k y, Mitglied der Zionistischen Exekutive, der die Schaffung eines Wirtschaftsrates für Palästina unter den Auspizien der Jewish Agency vorschlug. Der Präsident des American Jewish Committee, Dr. Cyrus Adler, sprach von Palästina als dem allen drei großen Religionen heiligen Land, auf dessen Boden die geistigen Kämpfe um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden frühzeitig entbrannt seien. Besonders hervorgehoben wird von der „Times" die Rede von Alfred Cohen, dem Präsidenten des Ordens Bne Brith, welcher darüber Klage führte, daß der V 61 k e r b un d, der einen High Conunissioner zur Behandlung der Flüchtlingsfragen eingesetzt hat, nichts dazu getan hat, um Mr. James MacDonald bei der Ausführung der ihm übertragenen Aufgabe zu helfen. Nach 15 Monaten Arbeit sei nicht ein einziger Dollar von irgendeinem der fünfzehn beteiligten Länder beigesteuert worden, und keines dieser Länder habe auch die Iminigrations-Bcstimmungen gemildert. Außer den in unserem kurzen Vorbericht bereits erwähnten Botschaften von Präsident Roosevclt und Staatssekretär Ii u 1 I sind /u der Tagung noch eine große Anzahl von Telegrammen, Begrüßungen und Botschaften "amerikanischer Staatsmänner und Politiker eingetroffen, Unter den Absendern sind noch mehrere Mitglieder des Kabinetts der Vereinigten Staaten, viele Gouverneure, Senatoren und Kongreßmitglieder. Anläßlich der Konferenz hat die Zionistische Organisation Amerikas (New York, 111 Fifth Avenue) ein übersichtliches Werk vorgelegt, einen „F ü h r e r für die Begehung des Palästina-Tages1' („Guide book for observance of Palestine day"). Das Buch enthält Kundgebungen von Lloyd George, Lord Cetil, Lord Stiel!, Sokolow, ferner eine Aeußerung des bekannten amerikanischen Senators Wagner, des Gouverneurs von New York Herbert Lehmann, von Felix Warhurg u. a. Iis folgen dann Anweisungen zu kurzen Reden und Radiovorträgen und schließlich eine Zusammenfassung von wichtigen auf Palästina bezüglichen Daten. * Washington, 22. Januar. (JTA.) Die Reichskon* ferenz der amerikanischen Palästina-Bewegung, die am 20. Januar mit dem „Palästinatag" in Washington eröffnet wurde, hat in einer Resolution an England als die Mandatarmacht Palästinas den Appell gerichtet, eine verstärkte jüdische Ein w anderung nach Palästina zu ermöglichen. Die Konferenz beschloß ^ferner, eine Kommission einzusetzen mit der Aufgabe, die gesamte wirtschaftliche Arbeit für Palästina in Amerika zu koordinieren. Auf diese Weise sollen alle öffentlichen und privaten Stellen, die sich am wirtschaftlichen Aufbau Palästinas beteiligen, zusammengefaßt werden, damit Ueberschneidung der Arbeitsgebiete und Doppelarbeit vermieden werde. In einer Entschließung wurde die Exekutive der Jewish Agency aufgefordert, eine entsprechende Körperschaft für die Zusammenfassung und Koordinierung der Palästinawirtschaftsarbeit in der ganzen Welt ins Leben zu rufen. Die „Verjudungr des Adels" Die „Deutsche Adelsgenossenschaft" sendet der Presse eine Mitteilung, worin sie sich mit der, wie gesagt wird, an ihr geübten Kritik auseinandersetzt. Es wird eine Ansprache des Adelmarschalls Fürst zu Bentheim-Tecklenburg wiedergegeben, die sich u. a. auch mit dem Arier-Paragraphen beschäftigt, der auch in der Deutschen Adelsgenossenschaft eingeführt worden ist. Infolge des Arier- Paragraphen mußten einige Mitglieder ausscheiden. Dazu heißt es in der erwähnten Ansprache: „Immer wieder wird die Behauptung aufgestellt, die Familien, die sich jetzt von uns trennen mußten, wären für alle Zeiten von uns geschieden. Es ist aber wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Frage, wann man nichtarisches Blut als getilgt ansehen könne, zwar noch nicht geklärt sei, aber geklärt werden würde. Von manchen Stellen ist der Vorwurf erhoben worden, die Deutsche Adelsgcnossenschaft habe mit dem Arierparagraphen einen Keil in den Adel getrieben. Ich kann nicht einsehen, daß es eine Spaltung bedeuten soll, wenn wir uns von einigen Mitgliedern trennen müssen, die nichtarischc Ahnen haben. Das ist notwendig, seit wir überhaupt Rassenbestimmungen hal>cn. Jeder Logik entbehrt der Vorwurf, das Vorgehen der Deutschen Adclsgenossenschaft gebe den Verdächtigungen, als wäre der deutsche Adel vollkommen verjudet, einen Schein der Berechtigung. Man wird im Gegenteil wohl sagen können, sie hätte so weitgehende Forderungen an den Adel nicht stellen können, wenn ct wirklich stark verjudet wäre. Tatsächlich hat die Durcharbeitung unserer Kartei das sicherlich außerordentlich günstige Ergebnis gezeigt, daß nur etwa 1,5 o/s unserer Mitglieder den neuen Bestimmungen nicht entsprachen. Mag das Verhältnis im gesamten Adel etwas ungünstiger sein, sicher ist, daß es eine grobe Entstellung der Wahrheit bedeutet, von einer Verjudung des Adels zu sprechen." In dieser Darlegung interessiert der Passus, daß eine Klärung der Frage bevorsteht, „wann man nichtarisches Blut als getilgt ansehen könne". Diese Frage bedarf in der Tat einer Bereinigung, denn die Situation der christlichen Abkömmlinge aus Mischehen, die weder als vollwertige deutsche Volksgenossen angesehen werden, noch selbstverständlich als Juden gelten können, ist sehr beklagenswert. Bei den meisten Mischehen, besonders aber bei Vermischung von Juden mit Adelskreisen, war zweifellos auf jüdischer Seite eine völlige Assimilation, das heißt „Austilgung des nichtarischen Blutes", beabsichtigt, und nachdem einmal die Situation so weit gediehen ist, wird man schon aus Gründen der Menschlichkeit int Interesse der schuldlosen Nachkommen von jüdischer Seite gewiß hiergegen keine Einwendung erheben können. Keine Einwanderung ausländischer Juden nach Birobidschan Warschau, 22. Januar. (JTA.) Die Gesellschaft Agro- J i d veröffentlicht folgende Erklärung der Moskauer Jüdischen Kolonisations-ties. Ozct: Im Zusammenhang mit den in der Presse erschienenen Mitteilungen über bestimmte Möglichkeiten der Einwanderung nach Birobidschan aus Polen und aus dem Ausland überhaupt, macht Ozet daratd aufmerksam, daß das von der Gesellschaft Agro-Jid dem Zentralexekutiv-Komitee übergebene Memorandum noch gar nicht geprüft wurde und daß keinerlei Entscheidung über dieses Ansuchen und über die Einwanderung ausländischer Juden im allgemeinen getroffen wurde. Es kann auch nicht vorausgesetzt werden, daß dies geschehen wird. Jedenfalls besteht keinerlei Grund für die Festsetzung des Datums oder des Umfangs einer etwaigen Einwanderung aus Polen. Im Hinblick auf die in einigen Ländern getriebene Propaganda für die Ansiedlung nicht aus Sowjetrußland stammender Juden in Birobidschan kommt der Erklärung von Ozet eine über Polen hinausgehende Bedeutung zu. komme sie auch durch noch so nützliche Beschäftigung. Die Herzen müssen wach sein — darauf kommt es an. Die Parole von der „Wiederbelebung der Herzen", die jeder Erneuerung des jüdischen Lebens, auch des Volkslebens oder der Kultur, vorausgehen muß, stand am Anfang der jüdischen Renaissance-Bewegung der Neuzeit. Nicht Politik, nicht Organisation oder ähnliche Dinge, so sagte Achad Haara, können das Volk wieder aufrichten, sondern nur dieses Eine: die Wiederbelebung der Herzen. Schwer ist es, bei einem in Starrhett und Apathie versunkenen, teilweise sogar bewußt von seinem Volkstum abgefallenen Volk eine solche Forderung durchzusetzen. Wir deutschen Juden, 45 Jahre nach Achad Haam, sind insofern in einer anderen Lage, als unsere Herzen innerlich so tief bewegt worden sind, daß . die Erstarrung von ihnen gewichen ist. Diese Herzen, sie zittern, sie leben wieder! Von hier aus, von einer tiefen Sehnsucht nach vollem Menschentum, können wir unsere eigene Judenfrage erst begreifen und dann auch bewältigen. Es wird uns klar, daß unabhängig von unseren äußeren Schicksalen unser innerliches jüdisches Schicksal in hohem Maße von uns selbst abhängt. Darum meinen wir, daß das deutsche Judentum mehr als jede andere jüdische Gruppe in einer Wende steht und daß das, was an jüdischem Gehalt und jü-» discher Haltung hier ersteht oder wiedererstehen wird,- was durch die Macht unserer jüdischen Entscheidung aufgebaut wird, auch für das übrige Judentum und damit für die jüdische Geschichte von ausschlaggebender Bedeutung sein wird. _

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