Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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mm, -uO fit. 6 / Jahrgang 40 Preis RM -.25 JUDISCHE RUNDSCHAU gchriftlBltonx,V«rU2 m. Anielgenv.rwultnnx i Batlla Wl S, M•Inskutr.M Ferarul: Sammel-Nr.Jl Biamarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Berugaprei« je Monat p M 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. - PoMachecl-Konten der Vertrieb» - Abteilung: Berlin 71573 (für GrorS - Berlin), Berlin 17392 (lür He» übrige Reich). Aualandabezog in jeweiliger Landeswährung. - Eredielnt Jaden Dl«n«taf ond Freitag. BERLIN rvsnn D3t^ t« FREITAG, 18. JANUAR 1935 AnsalgrapreUUsta Nr. 2 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20Rpf. lür Stelleng«« 10 Rpf, lür Familionnachrichten 15 Rpl. Einrelunreigen nur gegen Vorauszahlung »m Schalter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstag 9 - 18 T Thr, Freitag 9-15 Uhr. AnnahmesrhluS lür die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, lür die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanzeigen bis Donnerstag 10 Uhr) per Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Jüdische Gegenwartsfragen Von Fabius Schach Wir Juden müssen rückwärts schauen, wenn wir vorwärts wollen. Das ist kein Paradoxon, sondern eine schlichte Wahrheit. Wir sind ein geschichtliches Element. Die Anderen leben i n der Geschichte, wir von der Geschichte. Bei jeder ernsten Betrachtung müssen wir ein wenig rückwärts gehen, bei jeder Schicksalswendung müssen wir unser Sinnen der Vergangenheit zuwenden, Schicksal und Weisung, Beruf und Erlebnis gehen bei Utultt: T-hfiwz, b/vifd „du We>$> du {/ziUeißuHp" uns zusammen. Bei jedem Problem müssen wir uns immer wieder fragen: Wo stehen wir? Sind wir den richtigen Weg gegangen? Haben wir richtig gerechnet, richtig gelebt? Das wahre jüdische Problem in Deutschland ist das Zweiseelcn-Problc m, das seit dem Austritt aus dem Ghetto wohl seine Form häufig gewechselt, nfe aber geruht hat. Wir wollen und können nicht in der Umwelt aufgehen, und wir wollen und können nicht stehen bleiben. Die Frage bliebe also: Wie werden wir volle moderne Kulturmenschen, ohne daß das Judentum in uns verkümmert? Die Judenheit Deutschlands hatte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ihre ganze Kraft im Kampfe um die Emanzipation verzehrt und vernachlässigte das innere Problern. Sie hatte zuviel mit der Gegenwart zu tun, um an die Zukunft zu denken. Auch nach der erlangten Emanzipation war man zu sehr erfüllt vom Neuen, als daß man dem Alten Aufmerksamkeit schenken könnte. Man stürmte voller Eifer in die große Welt hinein, suchte mit der Leidenschaft des Neuerwachten Betätigung auf allen Gebieten und entfernte sich immer mehr von seinem eigenen Element. Ein jüdisches Leben, das diesen Namen verdient, gab es bald kaum noch. Das Universale, Große des Judentums wurde zu einer Konfession, wurde aus dem Leben in die Synagoge gedrängt. Man versteckte das Judentum solange, bis man das Versteck gar nicht mehr fand. Es war eine Totenstille, hier und da von inneren Kämpfen unterbrochen, die sich aber ausschließlich um Religion und Kultus drehten. Es war das Bild einer Erstarrung, nicht ohne Schönheit, aber ohne Fruchtbarkeit, ohne Entwicklungskeime. Es wurde — merkwürdig genug — zur selben Zeit von einzelnen Großen eine neue Grundlage jüdischer Wissenschaft aufgebaut, die noch heute von uns bewundert wird. (Sie war nicht ohne Tendenz geschaffen, man wollte, daß die Juden durch die Anerkennung ihrer großen Literatur auch nach außen Anerkennung finden.) Das war das einzige erfreuliche Ergebnis dieser Zeit. Aber es waren Werke für Einzelne, für Fachleute, die Masse merkte nichts davon, wurde gar nicht o!avon angerührt. Noch schlimmer: man identifizierte alles Jüdische mit der Theologie, überließ es dem Rabbiner, dem alleinigen Träger des Judentums, alles nach individuellem Geschmack zu modeln. Man wird in dieser Epoche vergebens nach pulsierendem jüdischen Leben suchen. Alles machte einen ästhetischen, schläfrigen Eindruck, eine beinahe weltfremde Literatur für romantische Liebhaber, eine Presse im kleinsten Stil mit wenig Verbreitung, — alles war „kirchlich" oder wissenschaftlich, aber ohne Leben, Epigonen ohne Zukunft. Das änderte sich auch in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts wenig. Die deutschen Juden schliefen und wollten gar nicht geweckt werden. Die antisemitischen Bewegungen Stöckers und später Ahlwardts waren Nadelstiche,' die unangenehm berührten, aber keine inneren Wandlungen hervorriefen. Man verstand die drohenden Symptome nicht, man wollte sie nicht ernst nehmen. Man trieb Abwehr aus dem Gesichtspunkt allgemeiner Aufklärung, man baute eine Apologetik auf aus dem Blickfeld des Wissens und nicht des Lebens. Man nahm seine Stellung zur Umwelt als etwas Unabänderliches an, und man ließ hier gar keine Kritik aufkommen. Man erinnere sich, welches Unbehagen das Auftreten des Zionismus am Ende des vorigen Jahrhunderts in der deutschen Judenheit hervorrief. Man glaubte, darin eine „Rückkehr zum Ghetto" zu sehen, Die Juden der Saar Die Reichsvertretung an die Saar-Juden Die Reichsvertretung der deutschen Juden schreibt, wie uns mitgeteilt wird, an die jüdischen Gemeinden des Saargebietes: Nach 15 Jahren der Trennung ist die Saar zu Deutschland zurückgekehrt. In geschichtlicher Stunde entbieten wir den jüdischen Gemeinden im Saarlande ein Wort herzlicher Verbundenheit. Ihr seid jetzt wieder mit uns zusammengeschlossen und wir mit Euch. Gemeinsam ist uns wieder unser Schicksal, gemeinsam Arbeit, Sorge und Aufgabe. Pflichten sind Euch neu gestellt; wir teilen sie mit Euch. Gegenseitig wird unsere Hilfe sein. Dem Gebot und der Hoffnung unseres deutschen Judentums treu werden wir zusammenhalten. Die Reichsvertretung: der deutschen Juden. gez. B a e c k. Roechling zur Judenfrage Der Londoner „Sunday Express" veröffentlicht ein Interview seines Sonderberichterstatters in Saarbrücken, C. A. Lyon, mit Kommcr/icnrat Hermann R o e c h 1 i n g, einem der Führer der Deutschen Front. In dieser Unterredung äußerte sich Kommer/ienrat Roechling über die voraussichtliche Gestaltimg der Verhältnisse im Saargebiet nach der Rückgliederung an Deutschland, wobei er auch auf die Judenfrage zu sprechen kam. In diesem Zusammenhang erklärte er, der Darstellung des Sonderkorrespondenten zufolge, u. a.: Die Politik gegenüber den Juden im Saargebiet wird eine betont milde sein, von einer Milde, die von großer Bedeutung für die Welt sein wird. Etwa 400 Juden haben das Saargebiet bereits verlassen. Unter ihnen sind Rechteanwälte, die infolge der Acndcrung des Rechtsverfahrens im Saargebiet keine Arbeit mehr finden würden, und Waren - hansbesit/er. Jene l.adcnbcsit/er, mit denen das Volk keine Geschäfte machen will, haben bereits Ausverkäufe vorgenommen. Die libtigcn Juden im Saargebiet, Aerzte, Angehörige freier Berufe und kleine Kaufleute, werden unbehelligt ihrem Erwerb weiter nachgehen. Sogar einem jüdischen Richter wird die weitere Ausübung seines Berufes gestattet sein. Es gibt gegenwärtig im Saargebiet einen jüdischen Richter und er wird seines Amtes nicht enthoben werden. und man wehrte sich dagegen. Man wollte vorwärts und nicht rückwärts schauen, und alles jüdische Leben außerhalb der Synagoge wurde als kultureller Rückschritt aufgefaßt. In Vielen mag das Verständnis dafür vorhanden gewesen sein, daß das Jüdische doch irgendwie organisch mit uns verbunden ist, und daß alles verdorrt, wenn es keine Nahrung hat. Aber man hütete sich, es laut auszusprechen. Das Auftreten der Bne-Brith-Logen und der jüdischen Literaturvereine fand einen dankbaren Boden, nur durften da die eigentlichen Lebensprobleme nicht aufgerollt werden. Bei allen Institutionen mußte man betonen, daß man nur so däneben und zufällig Jude ist. Das änderte sich in den letzten Jahrzehnten. Aeußere Erscheinungen und tieferes Nachdenken erinnerten daran, daß die Entwicklung sich nicht auf gerader Linie bewegt. Man wurde, gerade als man glaubte, dem Gipfel der Emanzipation nahe zu sein, von Lawinen überrascht. Es entstand wenigstens eine Aufrüttelung, eine gewisse Rückkehr zum Jüdischen oder doch zum Weltanschaulichen. Probleme, die man früher kaum ahnte, entstanden, es war ein Erwachen Zum ernsten Nachdenken. Im wesentlichen gab es zwei Richtungen, die eine, die an eine Verschmelzung der Juden mit der deutschen Welt glaubte und die andere, die das Wesen der Judenfrage aus der Andersartigkeit der Juden herleitete. Noch schwebte beiden nur das Ziel vor, noch hatte man den Weg nicht gefunden, aber schon das ernste Suchen bedeutete Fortschritt. Es gab Stürme und Kämpfe, aber sie ebbten bald ab, der Ton wurde milder, und die Richtungen fingen an, wenigstens einander zu verstehen. Das war ein Gewinn auf beiden Seiten. Der Zionismus erreichte eine Stärkung des jüdischen Bewußtseins und Liebe und Interesse für den Aufbau Palästinas als Sache der Gesamtjudenheit. Man war auf dem besten Wege, so etwas wie eine gemeinsame praktische, wenn auch nicht weltanschauliche Bahn zu finden. Der Weltkrieg führte dann die beiden Richtungen menschlich noch näher aneinander. Die Zionisten sahen ein, daß die Welt der Wirklichkeiten ihre Rechte fordert und die Gegner er- Dizeng-off schwer erkrankt Der Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, Ist, wie aus Tel-Awiw telegraphiert wird, schwer erkrankt und mußte sich am 14. d. M. einer Bluttransfusion unterziehen. Das Rabbinat der Stadt veröffentlichte Aufrufe an die Bevölkerung, für die Genesung des Bürgermeisters Gebete zu sprechen. Sein Zustand gibt zu ernsten Befürchtungen Anlaß. Weizmann aus Palästina abgereist Jerusalem, 15. Januar. (Palcor.) Dr. Weizmann, der für mehrere Wochen nach. London fährt, besuchte, seinem alten Brauch gemäß, vor seiner Abreise Nahalal. Vor einer Versammlung der Siedler, der sich auch Gäste aus der Umgebung anschlössen, hielt Weizmann eine Ansprache, worin er betonte, daß mit Rücksicht auf das heutige Ueberwuchern der Städte der Zionismus eine große landwirtschaftliche Unternehmung in Angriff nehmen müsse, mit dem Ziel, in den nächsten fünf Jahren 30 000 Familien auf dem Lande anzusiedeln. Mehrere Arbeitervertreter, die dann das Wort ergriffen, forderten Weizmann auf, die Führerschaft der Bewegung wieder za übernehmen. kannten, daß für eine wirkliche Assimilation der Boden fehlt, wenn das andere Element die Vereinigung ablehnt Nun kam die Umwälzung von 1933. Kein bloßer Wechsel der Staatsgewalt, sondern des ganzen inneren und äußeren Lebens des Volkes, seelisch gesehen, eine Revolution von ungeahntem Ausmaß, und für uns Juden ein Zurück um mehr als ein Jahrhundert. Das Neue fand die Juden aller Läger unvorbereitet. Die auf „Fort, schritt" vertrauten, sahen, daß die ,.Aufklärung" versagte, weil die Instinkte des Volkstums stärker sind. Und die Zionisten, die von einem langsamen, ruhigen. Aufbau Palästinas träumten, sahen plötzlich Tages-, fragen vor sich, die die großen Z u k u n f t s fragen zu verdrängen drohten. Man sah erst, wo die Not akut war, welche inneren und äußeren Schwierigkeiten bei der Umpflanzung jüdischer Massen entstehen. Schon bei der Einwanderung von 15 000 deutscher Juden entstand in Palästina eine gar nicht so leicht zu nehmende deutsch« jüdische Frage. Das „Unglück" — von allem Wirtschaftlichen abgesehen — wäre gar nicht auszudenken, wenn zweihunderttausend deutsche Juden nach Palästina ausgewandert wären! Es wäre eine deutsche Kolonie entstanden, fremd der jüdischen Idee, fremd dem Boden, fremd der jüdischen Kultur. (Selbst das Hebräischlernen hätte da aufgehört.) Was Jahrhunderte getrennt haben, kann nur durch einen langsamen Prozeß und nicht durch ein Experiment wieder vereinigt werden. Die Not der Stunde peitschte die jüdischen Parteien Deutschlands zusammen, aber es war und konnte nur e i n Waffenstillstand sein. Ein Waffenstillstand aber droht, wenn ein befriedigender Friedensschluß nicht möglich ist, zur Wiederaufnahme des Kampfes zu führen. Man kann nicht die Zukunftssehnsucht zugunsten der Gegenwart ganz aufgeben, und man kann nicht an einer Zukunft in der Idee festhalten, ohne ihr irgendwie in der Gegenwart die Wege zu ebnen. Darin liegt, psychologisch gesehen, die größte Schwierigkeit. Wir Juden, das liegt in unserer Natur, können nie das Weltanschauliche lange zurückstellen. Ueber Zukunft läßt sich streiten, aber nicht entscheiden. Symptome kann man als Krisen deuten, aber auch als Organisches. Es wäre also das Beste, die Ausmalung der Zukunft jeder Partei zu überlassen und sich auf das Leben von heute zu beschränken. Es würden dabei große Lösungen unmöglich sein, aber auch die Rettung der Stunde — „Chaje schaah" — ist nach jüdischer Auffassung wichtig, gerade wegen der Zukunft, weil alles Zeitliche in die Ewigkeit eingeht, alle Atome zur Einheit führen. Diese Erkenntnis dürfte, wo die Leidenschaft nicht vorherrscht, nicht schwer zu gewinnen sein. Daß man aus Katastrophen keine Weltanschauungen bilden kann, zeigen Philosophie und Geschichte. Und daß heute der Boden für Dauerlösungen fehlt, darüber sind wir uns ja im Grunde alle einig. Was jede Richtung ersehnt, das läßt sich von heute auf morgen nicht erreichen, und wir Juden, die w,ir solange nur von Geduld lebten, müssen weiter Geduld haben. Wie wir unser äußeres Leben eingeschränkt haben, ohne innerlich Schaden davonzutragen, so müssen wir auch kulturell das Kleine, Naheliegende zu erfassen suchen. Daraus läßt sich so etwas wie ein Notprogramm * ¥■ In. KU ta) Ii i«J üt ig s- Tie S ie h t« '.•3 :r le i« ts* rti 4 s» ill r* 0 r* n 9 e i» a © u i» n B -'jHf<V ■ <«4