Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang« Preis RM -.25 JÜDISCHE RUNDSCHAU S<fcrmUltang,VorUz ». Amt«lg«BV.rw«lt«ng i Barlin WH, M.ln.ke.tr.lO F«nmJ: S.mmelNr. 11 Bi.m.rcl 3181/82,7165/70,7240/42- - Beiugepre» je Mon.t RM 2,-, je Viene!j»hr RM 5,75. - Posuchecl-Konten Her Vertrieb» - Abteilung: Berlin 71573 (Kir GroS - Berlin), Berlin 17392 (liir H.« übrige Reich). Auel.ndsrwzng in jeweiliger Lendeswihmng. - Erscheint Jeden DUastag nnd Fraltag. BERLIN -"am vzv X'* DIENSTAG, 15. JANUAR 1935 AnEelgAnpreUtUt* Nr. 2 gttltlgr. Die 12ßesp. mm-Zcile 20 Rpf, für Siellenges. 10 Rpf, für Familiennachrichien 15 Rpi. Eintel an zeigen nur gCRen Vorauszahlung am Schalter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montaß bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9 -15 Uhr. Annahmen-Muß für Hie DienslaR-AusRabf Montag 10 Uhr, für die FreitBR-Ausgabr Mittwoch 13 Uhr (Familicnanzeipen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina. ,,Baseler Programm" Wir Juden im Zerrspiegel Als wir Kinder waren, machte es uns große Freude, wenn wir uns in Gasthäusern oder auf Rummelplätzen vor dje bekannten gebogenen Spiegel stellen durften, in denen uns ein komisch verzerrtes Bild unserer eigenen kleinen Person anblickte, sei es, daß alle Proportionen maßlos vergrößert, in die Länge oder Breite gezogen oder auch verkleinert waren. Diese Kindheitserinnerung taucht vor unseru Augen auf, wenn wir sehen, wie Juden und Judensorgen in der Welt um uns sich widerspiegeln und wie man zu uns Stellung nimmt. Es ist aber zumeist kein lustiges Schauspiel, das sich uns so bietet, sondern bitterer Ernst, da die Urteile, die über uns gefällt werden, mögen sie auch noch so verzerrt sein, nur allzu oft Anlaß für die B e - Handlung sind, die man uns angedeihen läßt. „Der Selbstbetrag des Zionismus" Es ist merkwürdig, auch diejenigen Dinge, bei denen das eigene Interesse gar nicht oder kaum berührt wird, erwecken bei manchen sogleich antisemitische Affekte und werden dadurch maßlos verzerrt betrachtet, wenn es sich nur um jüdische Angelegenheiten handelt. So beschäftigte sich die „Berliner Bö r s e n z e i t u n g" vom 11. Januar mit der Palästina-Konjunktur unter der Uebcrschrift: „Palästina-Konjunktur — ein Trugschluß; Goldene Brücken des Fluchtkapitals -- der Selbstbetrug des Zionismus". Schon die Uebcrschrift des umfangreichen Aufsatzes zeigt die Tendenz des Ganzen, das „von einem Kenner der Verhältnisse aus Palästina" geschrieben sein soll. Der Berichterstatter schildert einleitend den Aufschwung Palästinas, wobei er sogar gelegentlich etwas übertreibt, und weist dann darauf hin, daß Palästina in der Weltwirtschaft wegen seiner Kleinheit und seiner bescheidenen Einwohnerzahl auf die Dauer keine große Rolle spielen kann, so daß es verfehlt ist, wenn die Industrie aller Länder in Palästina das Absatzgebiet der nächsten Zukunft sieht. Soweit ist die Darstellung gewiß zutreffend und liegt durchaus in dem Sinne, der auch an dieser Stelle oft genug betont worden ist. Merkwürdig ist aber, wenn der Verfasser sagt: „Die Juden und die jüdische Presse sehen Palästina durch die Brille eines übersteigerten Nationalismus, hier „Zionismus" genannt." Warum diese politische Bewertung mitten in einer rein wirtschaftlichen Betrachtung Platz findet, ist nicht recht ersichtlich, zumal ja nationale Bewegungen in der Welt heute im allgemeinen anerkannt und von der „Berliner Börsen-Zeitung" sonst recht hoch geschätzt werden. Der Verfasser beschäftigt sich dann mit der Einwanderungspolitik der Mandatsregierung und glaubt, das baldige Eintreten einer Krise voraussagen zu müssen, weil heute zu wenig Arbeiter im Verhältnis zum einwandernden Kapital ins Land kommen. Dieses Argument allerdings geht völlig fehl; das Uebcrangebot von Kapital kann zwar zu einer Verminderung der Kapitalerträgnisse führen, nicht aber zu einer Entstehung von Massenarbeitslosigkeit, die ja heute in allen Ländern das wesentlichste Krisensymptom ist. Gewiß ist ein zu geringes Einströmen von Arbeitskräften nach Palästina vom jüdischen Standpunkt aus sehr zu bedauern, aber aus anderen Gründen als denen, die in dem Artikel angeführt werden. Der Verfasser bemängelt dann weiter die Qualität der in Palästina erzeugten Industrieprodukte, die „Dutzendware" sei. Er mag für viele Gebiete damit recht haben. Wer aber die Geschichte der industriellen Entwicklung Palästinas (und vieler anderer Länder!) kennt, weiß, daß die Erzeugung wirklicher Qualitäten das Ergebnis einer allmählichen Entwicklung ist. Wenn der Artikel am Schluß behauptet, daß die jüdischen Arbeiter „streng, wohl meist kommunistisch organisiert" seien, so zeigt diese Behauptung die ganze Ahnungslosigkeit des in Palästina lebenden Artikelschreibers gegenüber den wirklichen Zusammenhängen, da bekanntlich die Zahl der jüdischen Kommunisten in Palästina außerordentlich gering und die Arbeiter-Organisation scharf antikommunistisch eingestellt ist. So kommt es, daß bei aller richtigen Kritik im einzelnen, die in diesem Artikel geübt wird, die Stellungnahme zum Ga,nzen der Palästina-Wirtschaft am Kernpunkt vorbeigeht: Das ist der durch die J u d e n n o t in den meisten Ländern der Welt gespeiste Wille des jüdischen Volkes, das Land mit Arbeit und Kapital aufzubauen. Daß dieses Unternehmen von Erschütterungen und Krisen auch in Zukunft nicht verschont bleiben wird, wissen die am besten, die die Geschichte Palästinas jn den vergangenen Jahrzehnten kennen; sie wissen aber auch, daß hier nicht etwas «lailtllnill.....ItlirilllllilllillllMTIIItllUKIIIItllMMIllMIUIIItllltlMIIHItilltlll.....niMlillllllMIIMIIMtlll>IIIU1t1tMlirillllll)ltlt>fin In der nächsten Nummer der „Jüdischen Rundschau" beginnen wir mit der Veröffentlichung von Auszögen aus dem Bibeldrama „Der Weg der Verheißung" von Franz Werfe! swnmMMMm^ Nach dem 13, Januar Das lange erwartete Ereignis der Saar-Abstimmung ist vorbei. Während diese Zeilen in Druck gehen, ist das Ergebnis noch nicht bekannt. Jeder Gutgesinnte nicht nur im deutschen Volk, sondern in der ganzen Welt muß wünschen, daß es dazu beiträgt, der Befriedung und Beruhigung Europas zu dienen. Viele Berichte illustrieren, mit welcher Begeisterung die Einwohner der Saar, deren Deutschtum niemals angezweifelt werden durfte, für ihr deutsches Bekenntnis eintraten. Ucberall, und auch in den zum Teil schon am Radio übermittelten Berichten des Auslands, wird betont, mit welcher Disziplin sich der Vorgang der Abstimmung abspielte. Nirgends ist es zu Zwischenfällen gekommen. Das Verhalten der Bevölkerung findet allenthalben Bewunderung und Anerkennung. Auch in der deutschen Presse wird mit besonderem Nachdruck die Disziplin der Saarbevölkerung hervorgehoben. Die ersten Kommentare der Montagmorgcnpressc, so z. B. im „Völkischen Beobachter" und im „Montag" vom 14. Jan., teilen u. a. mit, daß die Status quo-Partci, beziehungsweise deren Führer Max Braun, bereits an die ausländische Presse die Losung „Pog r om s t i m m u n g" (beide Zeitungen schreiben wohl irrtümlich ,,Progrom") gegeben habe. Uns ist nicht bekannt, worauf diese Bemerkung anspielt. Das Wort „Pogrom", aus dem Russischen stammend, bedeutet im Grunde nichts anderes als „Zerstörung", man versteht darunter organisierte Gewaltakte gegen einen wehrlosen Teil der Bevölkerung. Solche Akte sind in der Geschichte mehrfach vorgekommen, trotzdem hat sich das Wort nur in der Anwendung auf Juden eingebürgert. Aus der Verwendung dieses Wortes ist daher zu entnehmen, daß ein jüdisches Moment in diese Angelegenheit, die mit jüdischen Dingen zunächst nichts zu tun hat, hineingebracht wird. Die Juden bilden nur einen verschwindenden Bruchteil der Saarbevölkerung. Die politischen Kämpfe im Saargebiet haben sich durchaus zwischen n i c h t j ü d i s c h e n Gruppen auf beiden Seiten abgespielt, wobei ja oft darauf hingewiesen wurde, daß spezifisch christliche Fragen, von denen also luden a priori ausgeschaltet sind, eine Rolle spielten. Wir Juden bedauern, dalS bei politischen Konflikten, welcher Art sie auch sein mögen, so leichthin das böse Wort „Pogrom" fallt. Wir begrüßen es, daß die oben genannten deutschen Zeitungen diese von der besiegten Partei ausgegebene Insinuation zurückweisen. Im ..Montag" hellt Friedrieh Hussotig hervor, daß „der Präsident der Abstimmungskomiuission selber den Bankrotteur der Separatisten Lügen gestraft" habe. Die Bevölkerung an der Saar hat Beweise ihrer Disziplin gegeben. Ueber die Art und Weise der Eingliederung d e i Saarjuden in die deutsche Judenschaft wird erst nach Verkündigung des Abstimmungs-Lrgebnisses gesprochen werden können. Gewiß wird den zentralen jüdischen Institutionen in Deutschland hier eine wichtige Aufgabe erwachsen. Nach den vom Volkerbundsrat festgelegten Bestimmungen, denen das Deutsche Reich zustimmte, soll der Arierparagraph im Saargebiet erst nach einem Jahr in Geltung treten, währenddessen auch die Möglichkeit der Abwanderung besteht. Sodann werden die verbleibenden Saarjuden, die bisher in einer „liberalistischen" Enklave gelebt haben, sich den aus der Umwandlung der Verhältnisse in Deutschland resultierenden neuen Lebensbedingungen anpassen müssen. Von der New-Yorker Tagung Die Haltung der Je wish Agency In der zweiten Sitzung der New-Yorker Tagung des Administrative Committec der Jewish Agency legte das Mitglied der Exekutive Berl Locker, wie bereits kurz berichtet, die politischen Richtlinien der Agency dar, als deren Grundvoraussetzung er die freundschaftliche Kooperation mit der Mandatarregicrung bezeichnete. Er führte u. a. aus: Es gibt Leute, die die beste Politik darin erblicken, dauernd Proteste und Anklagen gegen die Mandatarregierung zu erheben; scheinbar glauben sie, daß wir um so mehr erreichen werden, je mehr wir fordern. Das ist nicht immer der Fall. Die früheren Exekutiven und, wie ich glaube, auch die gegenwärtige, haben bewiesen, daß sie den Mut haben, kraftvoll zu sprechen und unsere Forderungen und Ansichten der _ Mandatarmacht vollkommen klar auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, daß wir in unseren Verhandlungen mit der englischen Regierung den Sinn für Proportionen bewahren und damit rechnen, daß sie den Bestimmungen des Mandats unterworfen ist. Den Standpunkt der Exekutive in der Frage der Einwanderung nach Palästina präzisierte Locker dahin, daß „keinerlei Begrenzung der Einwanderung bestehen soll, falls die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit größere Einwanderung ermöglicht. Die Zahl der Einwanderer sollte durch keinerlei politische Erwägungen eingeschränkt werden". Im Zusammenhang damit betonte der Redner, daß die Notwendigkeit verstärkter Einwanderung noch nie so groß gewesen sei wie heute. Palästina, sagte er, ist das einzige Land in der Welt, wohin wir uns wenden können. Es gibt nur dieses eine Land in der Welt, in das die Juden nicht nur geduldet, sondern kraft eines Rechts einwandern können, und dank diesen Rechten und dem Zustrom jüdischen Kapitals und jüdischer Arbeitskraft dürfte Palästina mehr als 40 000 Juden, manche glauben 60 000 bis 70 (XX), jährlich aufnehmen können. Wir nehmen dankbar die Zahl von 40 000 zur Kenntnis, die ja schließlich und endlich das Zehnfache jener viertausend ist, die noch vor wenigen Jahren die Jahressumnie der Einwanderer ausmachte. Trotzdem glauben wir, dal! eine weitere große Zahl von Menschen, die ins Land hätten kommen können, daran gehindert wurde; dies bedauern wir außerordentlich und dies sagen wir auch der Regierung. Zur Frage einer arabisch-jüdischen Verständigung führte Berl Locker folgendes aus: Die Juden sollten nicht den Fehler hegehen. den Nationalgeist der Araber zu unterschätzen. Es gibt eine sehr ernsthafte und sehr ehrliche nationale Bewegung unter den Arabern, insbesondere unter der Jugend. Wir sollten hierfür Verständnis haben. Andererseits sollten wir den arabischen Geist nicht ausschließlich danach beurteilen, was die arabischen Politiker sagen. Es gibt mehr Z u s a m m e n a r h c i t zwischen J u d e n u n d A r a b e r n, als der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Die arabischen Massen nähern sich den Juden. In den letzten zwei bis drei Jahren sind Schritte unternommen worden, um ein bessere-. Verstehen arabischen Lebens unter den Juden zu verbreiten. Schließlich gab Berl Locker folgende Erklärung ii b c r den S t a n d p u n k t der L \ e k u t i v e gegenüber dem Plan der Einsetzung eines Legislative Council ab: Wir haben versucht, der Regierung und insbesondere dem High Coratnissioncr eindringlich klarzumachen, warum wir gegen einen Legislative Council in diesem Augenblick sind. Für die Stellung Palästinas ist der wichtigste Punkt das Mandat und der Aufhau des jüdischen Nationalheims. Jeder Schritt, der dazu führen würde, die Juden in Palästina in die Lage einer M i n d c r h e i t zu bringen, widerspricht unserer Ansicht nach dem Geist und den Buchstaben des Mandats, Künstliches ins Leben gerufen wird, sondern daß ein Prozeß von elementarer Kraft vor sich geht, der wohl zu verzögern, aber nicht mehr aufzuhalten ist. Gewalt nnd Recht für Minderheiten Auch noch auf einem anderen Gebiete finden wir merkwürdige Irrtümer über das Wesen der Judenfrage und die Möglichkeit ihrer Lösung. Wir haben vor einigen Wochen (14. 12. 34) darüber berichtet, daß in Berlin eine Tagung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Nationalisten stattfand. Mit dieser Veranstaltung beschäftigt sich Carl C. von Locsch in einem Aufsatz: „Ein drittes Europa?", der im Januarheft der Zeitschrift: „V o I k und Reich" erschienen ist. Der Verfasser teilt darin mit, daß bei der erwähnten Konferenz auch die J u d e n f r a g e erörtert worden ist. Er sagt dazu u. a., daß im Osten ein „unverhüllt-völkisches Problem der mehr oder weniger in mittelalterlichen Zuständen lebenden (teilweise vom Zionismus erfaßten) Jargonjuden mit ghettohaften Zügen" besteht. Diese Völker „leiden an der ungelösten jüdischen Frage im primären (Vorassimilations-)Stadium". Gewiß ist diese Unterscheidung zwischen den Ländern des Ostens und denen Mittel- und Westeuropas im Prinzip richtig, nämlich insoweit, als es sich um den Unterschied zwischen Judensiedlungen von Massencharakter im Osten und den zahlenmäßig viel mehr zerstreuten Juden der mitteleuropäischen und westlichen Länder handelt. Wenn nun gesagt wird, daß für die assimilierten Juden als Folge der m i ß g 1 ii c k t e n A s s i m i I a t i o n die Lösung auf dem Wege der Dissimilierung angestrebt werden müsse, so ist dieser Satz insoweit verfehlt, als die Assimilation gewiß nicht mißglückt, sondern nur allzu sehr gelungen ist. Die Juden der westlichen Länder haben ihre jüdische Substanz verloren und sich beinahe ganz in das Leben der Umweltvölker eingegliedert. Die Anhänger der Dissimilation auf nichtjüdischer Seite wollen also gerade eine geglückte Assimilation wieder beseitigen, und zwar nicht so sehr im Hinblick auf die kulturellen Verschiedenheiten als