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Jüdische Rundschau · 1935-01-04 · Heft 2 (4.1.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 2 (4.1.1935)
Date
1935-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 / Jahrgang 40 Preis RM -.25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdirtftleitanf .Varlag n. Anxalganvarwaltanf i Berlin W1S, Malnekaitr.lt Fcrnrul: Summcl-Nr. J1 Bismurdc 3181/82,7165/70,7240/4Z - BczURsprei« jeMon.t RM 2,-, i» Vierleljahr RM 5,75. - Poirtuchcck-Konten der Vertriebs-Abteilung: Bfrlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (Ittr cLs übrige Reich). AusUndsbr/ut in jewcilierr Landeswährung. - Erachclnt jeden Dienstag »nd Freitag. BERLIN -"Sin mt: FREITAG, 4. JANUAR 1935 AnzelgenprcUUate Nr. 2 gOUIg. Dio 12gesp. mm-Zcilo 20 Rp(. für Sipllpnge« 10 Rp(. lür Familiennachrichtrn 15 Kpf. Iiinzelanzeipen nur gegen VoraiiszahlunK am Schaller oder auf Powscheck-Konlo Berlin 71618 Menne bis Donnerslae 9 - IS Uhr, Freitag 9-15 Uhr. AnnabmewhluB für die DienM«g-Au»|:ahe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienan/eigen Donm.'nüaj; 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Helmstatte In Palastina. ,,Baseler Programm" Die „Jüdische Rundschau" veröffentlicht: Jenseits der Grenzen Franz Werfel Der Weg der Verheißung Das neue Bibeldrama des bekannten jüdischen Dichters, das unter der Leitung von Max Reinhardt in Amerika zur Aufführung gelangt. Wir beginnen in der nächsten Woche mit dem (gekürzten) Abdruck des Bibeldrarnas von Franz Werfel „Der Weg der Verheißung". Franz. Werfel hat versucht, den gewaltigsten Stoff der Weltliteratur üi einer dramatischen Szenenfolge zu gestalten, und Max Reinhardt will diesem Werk einen der Größe des Vorwurfs entsprechenden theatralischen Ausdruck schaffen. Durch die Mittel der modernen Theaterkunst soll der Stoff zu einer eindrucksvollen anschaulichen Wirkung gebracht werden. Die vorliegenden Pläne zeigen, daß es sich um ein Schaustuck von ungewöhnlichen Dimensionen handeln wird. Die Aufführung wird als ein künstlerisches Ereignis ersten Ranges empfunden, das die Aufmerksamkeit der ganzen Welt fesseln wird. Franz. Werfel hat nicht einfach die Bibel dramatisiert, sondern er ist auf den für die Behandlung dieses Stoffes genialen Gedanken verfallen, das Geschehen der Bibel im Bewußtsein der jüdischen Gemeinde spielen zu lassen. Eine jüdische Gemeinde— zeitlos, denn die echte jüdische Gemeinde ist in ihrem Verhältnis zur Bibel in wechselnden «äußeren Formen immer die gleiche geblieben — erlebt in einer Stunde der Not ihre Bibel, sie wird „vorgelesen", und für den Zuschauer erscheint nun die gelesene, durch die Jahrtausende hindurch wirkende Erzählung als sichtbare Handlung auf einer besonderen Bühne. Die Leser der „Jüdischen Rundschau" werden die Ersten sein, die Gelegenheit haben, dieses Werk in seinen wichtigsten Partien kennenzulernen. lieber das Drama, das von der ganzen jüdischen Welt mit Spannung erwartet wird, hat Franz Werfel vor einiger Zeit dem Mitarbeiter einer Prager jüdischen Zeitung folgende Mitteilungen gemacht: Es sind eigentlich zwei Dramen ineinander gefügt, ein irdisches, von einfacher Handlung, und ein biblisches, in wel« cbem die großen Ereignisse der Bibel — so weit als möglich mit den Worten der Bibel — sich abspielen. Eine besonders hiezu konstruierte Simultanbiihnc wird das Neben- und Ineinander dieser beiden Dramen, des irdischen und des biblischen, des zeitlichen und des zeitlosen, ermöglichen. Der Aufbau des Werkes ist kurz folgender: Eine jüdische Gemeinde des Mittelalters strömt auf der Flucht in der Synagoge zusammen. Es ist Nacht, und in dieser Nacht soll es sieh entscheiden, was der König über die betreffende Gemeinde ^erhängt. Es treten einfache Personen auf, ein Rabbiner, dann ein frommer, gelehrter Mann, ein 1 ijähriger Knabe und ein Widersacher, der „gegen alles'' ist, ein richtiger Korach (er sollte ursprünglich von Pallenherg gespielt werden). Der fromme Mann verlangt in der Not, man solle die Thora lesen — und die Vorgänge der Bibel wickeln sich nun im Himmelsraum ab. Es ist gleichsam eine dramatisierte Thoravorlesung, wobei die Personen des irdischen Stückes auf die biblischen Ereignisse immer wieder reagieren, während die biblischen Gestalten auf die Handlung des irdischen Stückes nicht reagieren. Das biblische Drama hat vier Akte. Der erste behandelt die Geschichte der Erzväter von Abraham bis Josef, der zweite das Leben Mosis, der dritte Said, David, Salomo, der vierte die Propheten bis zur Zerstörung des Tempels. Den Schluß bildet die Tröstung durch den Messias. Die biblischen Teile des Dramas sind in Versen geschrieben, und zwar einem daktylischen Vers, der sich oft zum Reim steigert, das irdische Spiel in Prosa. Der Darsteller des Abraham wird zugleich der des Moses, Samuel und Jeremias sein, der des Josef ist zugleich David und der Messias; ebenso werden Rahel, Ruth, Bathscba, die drei Frauenrollcn, von einer Darstellerin gespielt. Die reale Handlung endigt mit der Ausweisung der Gemeinde. Aber die Worte des Messias, welche nur der Dreizehnjährige hört, verwandeln das traurige Bild in messianische Hoffnung. Den Sinn des irdischen und himmlischen Geschehens erblickt Werfel in der ewigen Paradoxie des jüdischen Vol- Züricher Stadtrat gegen antisemitische Kundgebungen Zürich, 30. Dezember. (JTA.) Der Züricher Stadtrat P f1" '"-cgierungsrat (d. h. bei der Kantonalrcgiernng) die I nifutig der frage eines Erlasses angeregt, durch den ähnlich jvie m Hasel ein besonderes Verbot j u d e n f e i n d - ' n fv Kundgebungen a u s g c s p r o e h e n w e r d e n soll. Dieser Schritt erfolgte im Zusammenhang mit mehreren Interpellationen über antisemitische Kundgebungen anläßlich von Theater- und Kabarett-Aufführungen in Zürich. In Beantwortung dieser Interpellation erklärte Polizeivorstand Dr. Muom berger, der Stadtrat bedauere jene Vorfälle, die keineswegs geeignet seien, dem Ansehen der Stadt zu dienen. ,,r werde auch bei kommenden Gelegenheiten die durch die umstände gebotenen Maßnahmen treffen und jeder Verwilderung der öffentlichen Stellungnahme, komme sie von welcher Seite immer, mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln entschieden entgegentreten. Der Polizeivorstand bemerkte, er habe ursprünglich persönlich mit der „N a t i o - "b f/1 f" r ° n t" sympathisiert, doch habe sich diese durch ihr Vorgehen diese Sympathie verscherzt. kes, das ewig vor einer Forderung steht; einfach formuliert: der Jude will wie jeder Mensch leben nach der Art, in der er erschaffen worden ist; aber Gott will, daß er anders lebe, als er erschaffen worden ist. Durch diese Spannung entsteht ein Potentialunterschied, aus dem der Strom der Geschichte kommt. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes ist ein ewiges Ringen mit dem Befehl Gottes, der gerade dieses Volk, gerade Abraham erwählt hat. Für die Aufführung in Amerika wird Werfeis Drama Von Ludwig Lewisohn ins Englische übersetzt. Ludwig Lewisohn ist den Lesern der „Jüdischen Rundschau'' aus zahlreichen Berichten über seine Werke kein Fremder; in Deutschland sind besonders seine in deutscher Uebersetzung erschienenen Bücher „Gegen den Strom" und „Das Erbe im Blut" bekannt. Lewisohn, von deutsch-jüdischer Abstammung, während des Krieges in Amerika als deutsch-freundlich verdächtigt, hat sich durch seine Vorlesungen und zahlreichen Uebersetzungen um die Verbreitung deutscher Literatur in Amerika verdient gemacht. Ganz assimiliert erzogen, hat er sich nach dem Kriege auf Grund vieler Erlebnisse zum bewußten Judentum und Zionismus durchgerungen. Die Musik für das Drama soll der Komponist Kurt W e i 11 schreiben. Die Veranstaltung der amerikanischen Aufführung liegt in den Händen von Meyer Weisgal, der vor zwei Jahren bei der Weltausstellung in Chicago das Schaustück „Die Romanze eines Volkes" aufgeführt hat, gewissermaßen einen Vorläufer des jetzigen Plans. Nach einer Mitteilung von Mt. Weisgal in „New York Times" vom 17. Dezember werden beim „Weg der Verheißung" etwa 300 Schauspieler mitwirken, darunter 40 Hauptrollen. (Ob die jüngst in der Presse aufgetauchte Nachricht, daß Schal japin den Moses geben wird, richtig ist. ist uns nicht bekannt.) Reinhardt ist gegenwärtig bereits in Amerika, wo er den „Sonnnernachtstraum'' inszeniert. Der Zeitpunkt der Aufführung des „Weg der Verheißung" steht noch nicht fest. Reinhardt beabsichtigt Aufführungen auch in anderen Ländern, vor allem in England und Palästina (auf dem Scopus). Wie wir hören, ist die Formierung einer Gesellschaft geplant, die das Arrangement übernehmen soll. Bekannte jüdische Persönlichkeiten haben ihr Interesse für das Unternehmen bekundet, und auch die amerikanische Presse verfolgt es mit Interesse. Auf Grund des vor einiger Zeit von der Regierung des Kantons Basel herausgegebenen Erlasses gegen antisemitische Hetzpropaganda wurde die soeben erschienene Nummer der frontistischen Zeitung „Volksbund" wegen Fortsetzung ihrer antisemitischen Hetze beschlagnahmt. Gegen den verantwortlichen Herausgeber wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Dr. Weizmann Ehrenbürger von Tel-Awiw Der Stadtrat von Tel-Awiw hat Dr. Chaim Weizmann einstimmig — auch die revisionistischen Mitglieder des Stadtrats stimmten für den Antrag — zum Ehrenbürger von Tel-Awiw ernannt. Über 300 000 Juden in Palästina Die Zahl der Juden in Palästina Anfang 1935 wird mit 307 312 angegeben. Das sind 26 'Vo der Gesamtbevölkerung Palästinas. Ein Umblick zur jüdischen Lage Bis vor kurzer Zeit wollte ein großer Teil der deutschen Juden das Bestehen der Judenfrage für sich selbst nicht anerkennen. Das „bißchen Antisemitismus'' galt als Restbestand fridicrer Zeiten und konnte schon deshalb mit den gegen die Juden der Ostländcr gerichteten Bewegungen nicht verglichen werden, weil man glaubte, daß das deutsche Judentum seinen eigenen Weg gellt* und n u r einen „religiösen" Zusammenhang: mit der übrigen Jutlenheit besitze. Diese Verkcnniing der Tatsachen ist in der jüngsten Vergangenheit der umgekehrten Erscheinung gewichen. Viele deutsche Juden sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie glauben, die deutsche Judenfrage sei eine einzigartige Erscheinung, die in der jüdischen Welt unvergleichlich dastehe, und sie sei erst sei' zwei Jahren aktuell geworden. Diesen Irrtum gilt es zu zerstören, da er eine gefährliche Illusion ist. Auch außerhalb der Reiclisgrcn/cil besteht eine Jtidenfrage, und sie hat es lange vor dem Umschwung der Verhältnisse in [)cufsch!am! gegeben. In diesem Die WdirtJudastiaplit in Vxdadma Bericht Seite 2 Zusammenhange sei nur an die erschütternden Reden erinnert, die auf den ersten Zionistenkongrcsseii von Max N o r (I a u gehalten wurden, und in denen er die Lage der Juden in den einzelnen Ländern, ihre Sorgen und Nöte in unnachahmlicher Meisterschaft schilderte. Diese vor über drei Jahrzehnten gehaltenen Reden sind ein Dokument der Jtidenfrage in einer Zeit, die uns Heutigen fern scheint, da die äußere Lage der deutschen Juden damals relativ gesichert erschien. Die Judenfrage ist keine Einzelerscheinung eines Landes oder einer kurzen Z e i t p e r i o d e, sondern i*t an die Existenz der Juden in der Welt, an ihre Zerstreuung unter die Völker gebunden und wird von ihnen überall dorthin getragen, wohin sie in rhrem Wandet Schicksal gelangen. Heute, in einer Zeit, in der wieder Zehntausende deutscher Juden zum Wandersfab greifen. mußten und in den verschiedenen Ländern der Welt ihre Erfahrungen machten, begreifen wir diese einfache Wahrheit leicht. Wir wissen, daß aus dem Zusammenleben der Juden und der Völker, aus ihrer Mischung in der Diaspora Spannungen entstehen, die man verschiedenartig erklären mag, die aber als soziale und psychologische Erscheinung eindeutig festgelegt sind. Mit der Z a hl der J u d e n, die i n e i n e in l.an d e I e b e n, steigt der ürad dieser Spannung und wird die Judenfrage für die Oef(entlichkeit evident. Bei alledem gibt es natürlich Unterschiede in den Formen, in denen dieses Problem auftritt. In dem einen Lande mag die Regierung gegen die Juden vinge-teilt --ein und sie bekämpfen, anderswo laßt sie die Kreise g e w .1 h r e n, die von sich aus gegen Juden und Judentum agitieren, aber auch dort, wo die Regierung die Judenfcimlsehatt von sich aus bekämpft und ihre Freundschaft den Juden gegenüber erklärt, sind diese Manifeste ein Zeichen dafür, daß eine Judenfrage existiert. Der Faschismus und die Judenfrage Damit haben wir bereits einen Punkt berührt, der heutzutage im Vordergrund des Interesses steht. F.* ist das Problem des Verhältnisses zwischen der politischen Gestaltung der einzelnen Länder und der Stellung der Juden. Je stärker faschistische 11 n d a u t o r i t a r e Staatsformen sich durchsetzen, desto intensiver fragen wir Juden, welche Lebensmögliehkeiten uns derartige Staatsformeu gewähren. Eine eindeutige Antwort hierauf gibt es nicht. Es ist vielmehr so, daß politische Elemente sich mit wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten in den einzelnen I ändern durchkreuzen, und daß erst hieraus eine bestimmte Einstellung den Juden gegenüber entsteht. Besonderes Interesse erweckte im vergangenen Jahre O esterreic h, das den liebergang zu einer faschistisch-autoritären Staatsform gefunden hat, und das in der Judenfrage -- wie mau treffend gesagt hat — den „Antisemitismus auf Gummisohlen" von Staats wegen propagiert. Im Hin und Her der Verordnungen, wirtschaftlichen Maßnahmen, ganz oder teilweise erfolgreichen jüdischen Protesten, die in diesem Lande erfolgen, erkennt mau als Leitlinie den Gedanken einer allmählichen Ausschaltung des jüdischen Elementes aus den Positionen von öffentlicher Bedeutung in einem Staate, der auf christlich-deutscher Grundlage basiert. Dazu kommt, daß in Oesterreich die Zahl der Juden, wenigstens in Wien, sehr erheblich ist, so daß die soziale und ökonomische Spannung schon seit Jahrzehnten zu immer neuen Ausbrüchen gefuhrt hat. Auf der anderen Seite kann nicht geleugnet werden, daß die Juden als Minderheit im neuen österreichischen Staate ein gewisses Verständnis gefunden haben und in den entsprechenden Körperschaften auch vertreten sind; auch ist die Regierung gegen eine extreme antisemitische Propaganda wiederholt eingeschritten. In Italien ist als entscheidende Tatsache anzuführen, daß die Zahl der italienischen Juden sehr gering ist, so daß sie im Lande verhältnismäßig wenig auffallen; die „rassischen"

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