Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerisch! Staats- Bibliilhek Mönchm S-J- /i 1^1/Jahrgang 40 Preis RM -.25 JUDISCHE RUNDSCHAU «,Arlitlelrung,V«rUg a. AnieIg«ow«rw»ltiing i B.rlln WU.atolnokaaltT.lO ffTnrUl: S.mmel-Nr.Jl Bimnnrck 3181/82,7165/70,7240/42. - Beugapreiai« Monat RM 2.-. i* Vierteljahr RM 5,75. - Fontscheck.Konten der Vertrieb«-Abteilung: Berlin 71573 (für GroE - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige rUfcsX Aualandsin jeweiliger Landeswährung. - Ersdulnt Jadan DtwMtag and Fraitag. BERLIN mnn nno to DIENSTAG, 1. JANUAR 1935 AncalgannraliUata Nr. 2 gfllrJg. Die 12gesp, tnm-Zeue 20 Rpf, für Stellenges 10 Rp[, für Familionnaihru htm 15 Rpf. EinzeUnzeigrn nur gegen Vorauszahlung ra Schalter oder auf Posuchccl-Konlo Berlin 71618 Momag bis Donneretag 9-18 Uhr, Freitag 9-15 Uhr. AnnahmeochluS für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr. für die Freiiag-Auggabe Mittwoch 13 Uhr (Fimilienanreigen bis Donnerüag 10 Uhr) per Zionismus erstrebt für das judische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ,.Baseler Programm" Das Verbindende „ * . . daß wir fähig sind, unsere Differenzen im Interesse einer großen Sache zurückzustellen," Rundschau zu 1935 Am 30. März dieses Jahres wird in d»r ganzen Welt 'die Feier des 800. Geburtstages von Mos :s Maimonidcs begangen werden. Wir haben im jüdische i Leben genug Gedenkfeiern, denn wir sind ein Volk, das vor allem von der Vergangenheit lebt, aber dies Feier unterscheidet sieh doch von den meisten a« deren. Sic gilt einem Manne, der repräsentativ ist fü eine Epoche großer jüdischer Kultur, einen Höhepunkt der jüdischen Geistesgeschichte. Nach der großen klasischen Zeit des jüdischen Volkes in Erez Israel hat die in der Welt /erstreute jüdische Gemeinschaft neben Zeiten des Niederganges auch Blütezeiten durchlebt, wo in Berührung mit den umgebenden Kulturen und in gegenseitiger Befruchtung Großes geleistet wurde. So war es, um nur einige Beispiele zu nennen, im hellenistischen Aegypten, in Babylon, vor allem aber im arabischen Spanien; in einigem Abstand könnte man das europäische, insbesondere deutsche Judentum der jüngsten Zeit da zustellen. Alle diese Epochen gingen vorüber, die äußeren Schicksale der Juden wandelten sich, auch nach glänzendstem Aufstieg kamen Schicksalsschlafe, die niemand vorausgeahnt härte; dreihundert Jahre nach Maimonidcs wurden sämtliche Juden aus Spanien vertrieben. Spanien, obwohl infolge der Zwingsbekehrungen jüdisches Blut sich mit spanischem venuischt hüben mag, war durch Jahrhunderte das judet reimte Land Europas; und 450 Jahre nach der Vertreibung erläßt eine spanische Regierung ein Dekret, worin sie das Wirken von Moses Maimonides in Spanien als eine Ehre für ihr Land bezeichnet und offizielle Feiern anordnet. Die Werke des Maimonidcs waten bekanntlich in arabischer Sprache geschrieben. Im südwestlichen Winkel Europas trafen sich damals die drei großen Kulturen: die arabische, die europäisch-christliche und die jüdische. Dort wurde die Epoche vorbereitet, die wir als Humanismus und Renaissance bezeichnen ut,d die das moderne Europa schuf. Vergangenes kehrt nicht wieder. Aber eine verworrene Zeit sucht nach starken inneren Erschütterungen geistigen Halt. Können die Träger großen Erbes wieder produktiv zusammenwirken? Das arabische Volk, lange niedergedrückt, erwacht zu neuer Regsamkeit; Juden kehren in den Orient zurück und haben seit den Zeiten des Maimonides die erste große Begegnung mit dem Arabertum. Und das Abendland, das sich durch das spanische Volk und die spanische Regierung der Feier des Maimonides-Gedenktags anschließt, bedarf, wie viele meinen, einer Berührung reit dem Orient, sowie dieser sich der Welt des Westens nähert. Nehmen wir den Maimonidestag als Symbol der vereinigenden Kraft des Menschengeistes, der über alle notwendigen und schöpferischen Differenzen hinweg Synthese und Einheit sucht. * Jüdische Gedenktage sind für uns Juden eine Erziehung zu gesamtjüdischer Haltung. Gegenüber der Macht der Jahrhunderte und der Einheit unseres Schicksals schwinden die oft künstlich aufgebauschten Differenzen des Tages dahin. Wir sind, wie Buber ci.11,11 al sagte, eine „Erinncrungsgemeinschaft", aber wir find nicht nur dies. Alle, die sich in den Strom der jüdischen Geschichtserinnerung einstellen, sind bereits «•"griffen und verbunden. Wir Juden lebten im letzten Jahrhundert vielfach mit dem Rücken /u Unserem eigenen Selbst; was war den meisten von uns Maimonides mehr als Heeuba? Heute horchen wir aui; wir haben eine Wendung uni 180 Grad vollzogen und schauen unserem Selbst wieder ins Gesicht. Wir schließen uns dadurch nicht ab; wir sind lebendige Menschen und um Uns flutet das unendliche Leben. Wir nehmen Anteil - diran, aber wir können es nur, indem wir klar und deutlich als Juden dastehen, mit all den Erschwernissen, die es mit sich bringt, aber auch mit all.'-der. inneren Sicherheit, die aus dem Bewußtsein, nicljts verbergen zu müssen, strömt. Wir haben eine weitgehende Solidarität im Erleiden, weniger deutlich ist unser a|$v<:s*„ Gemeinschaftsgefühl. Da heute so viel von Juden gesprochen wird, fühlen wir die Blicke der LJmwclt auf uns gerichtet, und dadurch scheinen wir auch einander nähergerückt. Zugleich aber ist innerhalb unserer Gemeinschaft der selbstkritische Sinn stärker geworden. Wir fühlen uns selbst betroffen durch das Verhalten anderer Juden. Daß sich die Gesarntlage der deutschen Juden verändert hat und vor allein in Zukunft immer mehr verändern muß, weil die Jugend fast keine Eingliederungsmöglichkeit mehr findet, wird von denjenigen, die selbst noch in materiell geschützter Position sind, nicht immer empfunden. Der Unwille darüber spiegelt sich u. a. in Briefen, die die „Jüdische Rundschau" erhält. Wir sind keine Mucker und können verstehen, daß Menschen, die die ganze Zeit arbeiten, auch einmal die Düsterkeit der Lage vergessen wollen. Auch in Vor Redaktionsschluß: Wetterkatastrophe in Palästina Wie durch Rundfunk bekanntgegeben wurde, hat sich i& II ü, i 1 a. eine fut chkbai« Wetterkatastrophe ereignet. Nach den ersten Meldungen soll ein Teil der Stadt erheblich beschädigt worden sein. Nähere Nachrichten waren bis zum Schluß des Blattes (da die heutige Nummer wegen des Neujahrstages früher fertiggestellt werden muß) nicht zu erhalten. Die JTA. meldet aus Jerusalem vom 31. Dezember: In ganz Palästina ist eine Wetterkatastrophe mit starken Ueberschwemmungen eingetreten. In Tel-Awiw und in den Kolonien sind über 100 Häuser beschädigt, ebenso wurden Pardessim schwer beschädigt. Viele Kolonien sind isoliert, da die Straßen und Eisenbahndämme überflutet sind. Wasser- und Lichtleitungen sind vielfach zerstört worden. Verluste an Menschenleben sind nach den bisherigen Nachrichten nicht zu beklagen. schweren Zeiten und gerade in schweren gibt es das Bedürfnis nach gelegentlicher Entspannung. Daß dabei die Grenzen des Taktes und Gesichtspunkte des Gesamtinteresses nicht vergessen werden sollen, ist selbstverständlich. Wer diese Grenzen verletzt, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Daß allzu unbekümmertes Verhalfen von Juden bei Juden Widerspruch weckt, ist ein Symptom unserer Lage. Viele Juden empfinden stärker als früher die Gesamtverantwortung, die auf uns ruht. Und gerade diejenigen Kreise, die in ihrer materiellen Position nicht oder noch nicht gelitten haben, müßten stärker, als es zuweilen geschieht, ihrer Gesamtverantwortung gedenken. Denn das Jüdischsein ist nicht mehr, wie es in einer Uebergangsepoche des vorigen Jahrhunderts der Fall war, eine Angelegenheit der Armen und Hilflosen, auch nicht Privatsache, sondern jeder, wo immer er steht, wird als Jude angesprochen und hat dieser Tatsache Rechnung zu tragen. * Negatives hält uns zusammen, aber auch Positives. Das Wesentliche ist nicht, zu fragen, was zu dieser oder jener Sache die Umwelt sagen wird, sondern was wir selbst für das Judentum tun oder fehlen. Es ist ein aufwühlendes Erlebnis, auch für Fernstehende irnd Entfremdete, einmal ganz Jude sein zu können. Darum hat ein Besuch in Erez Israel so unbeschreibliche Gewalt. Juden aller Länder besuchen das Land, begegnen einander dort und bringen ihre Eindrücke und Erfahrungen in die Heimatländer zurück. Die steigende Palästina- Touristik mag vom Standpunkt des Landes als „Industrie" und Einnahmequelle betrachtet werden; vom jüdischen Gesichtspunkt ist Palästina kein gewöhnliches „Touristcnland", sondern eine verbindende Kraft. Während sich die einzelnen Splitter der Judenschaft, \p Sprache und Kultur ihrer Vaterländer lebend, .^us'einaadcr entwickeln, ist Palästina ein einigendes Band. Es sind jetzt zehn Jahre her, daß bei der sogenannten überparteiischen Konferenz in Amerika unter der Leitung von Louis Marshall die Zusammenarbeit von Zionisten und Nicht/ionisten zugunsten Palastinas beschlossen wurde. Als Marshall diese Konferenz schloß, sprach er die Worte: „Die Konferenz bat gezeigt, daß wir fähig sind, unsere Differenzen im Interesse einer großen Sache zurückzustellen." Das ist es, worauf es ankommt. Die Differenzen aufzuheben, ist wohl eine Utopie, genau so wie die Differenzen zwischen Völkern, Ländern und Parteien allenthalben; nicht auf die Beseitigung der Differenzen kommt es an, sondern auf ihre Zurückstellung im Interesse eines G r ö (Seren, dein alle, welcher Anschauung sie auch im einzelnen sein mögen, dienen. Es hat fünf Jahre gedauert, bis Marshall sein Werk vollenden konnte; unmittelbar darauf ist er gestorben. Die von ihm zusammen mit Weizmann geschaffene „Erweiterung" der Jewish Agency hat die erwarteten Resultate für Palästina nur teilweise gebracht. Die amerikanischen Nirhtz'onisten haben mch Marshalls Tod die Hoffnungen, die auf sie gesetzt waren, nicht ganz erfüllt. Gegenwärtig tagt in New York eine Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency mit dem Hauptzweck, die Gedanken der überparteiischen Marshall- Konferenz von 1925 zu realisieren und die „nichtzionistische Hälfte" zu aktivieren. Was die Realisierung erschwert hat, war aber nicht allein Apathie und mangelnde Organisationskraft, sondern man darf nicht übersehen, daß die Verhältnisse der jüdischen Welt sich sehr verschlechtert haben, so daß die Hilfsbedürftigkeit der Juden Osteuropas wieder stärkere Anforderungen stellte. Und auch in Amerika selbst begannen Sorgen, die man früher nicht kannte. Die Kreise, die den nichtzionistischen Teil der jewish Agency bildeten, glaubten wieder in höherem Maße als früher sich der „Hilfsarbeit'' widmi n zu müssen, auf Kosten ihrer Mitarbeit in der Jewish Agency. Seit zwei Jahren beschäftigen sich die Hilfsaktionen vorzüglich mit den deutschen Juden, wie denn auch die Siedlungstätigkcit in Palästina weitgehend auf deutsche luden zugeschnitten ist. Wie immer die Beratungen in New York in bezug auf Einzelheiten ausfallen mögen, die verbindende Kraft Palästinas ist ci;i unverlierbares Gut. * Die Juden, die in diesem Frühjahr ins Land kommen, werden Zeugen charakteristischer Ereignisse sein. Wir Wullen nur zwei hervorheben: Das zehnjährige G r ü n d u n g s fest der U n i v e r s i t ä t Jerusalem und die zweite M a k k a b i a h. Am 1. April 1925 wurde von Lord Balfour die Universität Jerusalem eingeweiht. Wissenschaftliche Institute aller Nationen hatten Delegierte geschickt, alle Regierungen nahmen Anteil, es war ein Tag von ungewöhnlichem Glanz. Inzwischen hat die Universität mühsam zu arbeiten und zu kämpfen gehabt. Sie ist in diesen zehn Jahren weitergekommen, und sie wird mit innerer Berechtigung Rückschau halten können. Die Makkabiah wird jüdische Sportler aus aller Welt vereinen. Ein Fest des Geistes und ein Fest der körperlich-sportlichen Betätigung! Wie verschieden die beiden auch sein mögen, das eine ist ihnen gemeinsam, daß hier jüdische Leistungen in ihrem eigenen Rahmen sich zeigen. Es sind bescheidene Anfänge. Wir reden uns nicht ein, daß wir etwas „besser machen" als andere Völker; wir wissen, daß wir in vieler Hinsicht noch weit zurückstehen. Aber es ist unser, was hier versucht w'ird, und schon dadurch bekommt es für uns einen ganz anderen Klang. Darum sind solche Ereignisse über ihren positiven Inhalt hinaus von gesamtjüdischer Bedeutung, Palästina ist ein Kolonialland, vieles ist noch sehr ungeordnet, es hat noch nicht sein klares kulturelles Profil, die Menschen leben in Hast und Mühe. Da ist noch keine jüdische Qualität, wir geben uns keiner Illusion darüber hin. Und dennoch ist die Tatsache, daß hier ein Vereinigendes über allen Differenzen vorhanden ist, mehr Gemeinschaftswert als so manche Qualitätsleistung,