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Jüdische Rundschau · 1933-12-22 · Heft 102 (22.12.1933) · p. Seite 999

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 102 (22.12.1933)
Date
1933-12-22
Page
Seite 999 (sequence 1)
Language
German
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Beilagen:Literatur t Hebr. Sprache /Sportf Pal&sL-WMsdt. Einzelnummer RM0,35 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ervchnixtt jedes Diettilig und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich a- RM, vierteljährlich 5,75 RM Bei Nichterscheinen infolge Streike oder höherer Gewalt beeteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebtührea. — Aualssdeaboanemests werden in der »de 0,30 RM. Stellengesuche 0,15 RM. Eifixel-Anzeigen nur »egen Voreuezehlung Redakiion, Verlag und Ameigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70, Anz.i(e. .A-nnebn.«: Monte* bj. Freite* v«־n 9-3Uhr. A״£el*"n1chlu3: Dienele* Nummer: Freite* nechmllt«*• 3Uhr Aus dem Inhalt: Diejuden in der deutschen Sprach- Einbürgerungen — Sind Mischehen anfechtbar? — Prozesse und Politik in Palästina — Juden um Stefan George — Das soziale Recht des Alten Testaments Nummer 102 [ Berlin, 22. XII. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mi uw och nachmittag. ד׳ טבת תרצ״ד f xxxviii. Jahrg. Der ZlonUntus erstrebt für das jüdische Volk dl« 1 Schaffung einer Sffenlllch rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.'• 1 ] I f 1 I SJ «n nn II Weihnachten und die deutschen Juden Nach einem ereignisreichen Jahr rüstet sich die christliche Welt zur Begehung ihres größten Festes. Die durch stärkste Erregungen hindurchgegangene Menschheit sehnt sich nach Tagen der Ruhe und der Einkehr, und die erhabene Botschaft dieses Festes: ״Friede auf Erden“, wird heute mehr als je Widerhall in den Herzen finden. Friede auf Erden? Rüsten die Völker zum Frieden? Unsere Zeit ist in Bewegung, und die ״Rüstungsfrage“ steht im Zentrum aller Weltpolitik. Oft genug in den 20 Jahrhunderten christlicher Ge• schichte mußte das weihnachtliche Friedenswort mehr als ein bange Frage — oder als eine messianische Zukunftshoffnung ־— denn als eine gegenwärtige Feststeilung empfunden werden. Wir sagen das ohne Anflug von Ironie; es ist ein tiefernstes Problem, in welchem die ganze menschliche Tragik eingeschlossen liegt: die Diskrepanz zwischen der irdischen Wirklichkeit und der absoluten Forderung. Wer wüßte das besser als wir Juden, deren Sündenbewußtsein stets so stark gewesen ist, daß wir alle Schicksalsschläge unserer Geschichte auf unsere eigenen Sünden, als Einzelne und als Volk, mrückführen. Auch wir erheben an unseren Festtagen ideale Forderungen an uns selbst, denen wir in unserem Alltagsleben nicht immer gerecht zu werden vermögen. Das Fielst t ist schwach. Doch sagt uns unsere Lehre, laß wir ungeachtet der Fehlschläge und trotz der Un- ,.ulänglichkeit des Erreichten ״stets von neuem zu be-;innen“ haben, um mit dem Einsatz aller Kraft das, aas Max Brod das ״unedle Unglück“ nennt, das heißt las selbstverschuldete, abwendbare Unglück der Menschen (deren metaphysische Not, das ״edle Uri- :liick“, nicht durch menschliche Tat, sondern nur durch lie Gnade zu beheben ist) aus der Welt zu schaffen. Diese jüdische Lehre gilt für alle Menschen. So stellt lie Weihnachtsbotschaft ״Friede auf Erden“ für alle lolker heute eine besonders ernste Mahnung dar, in :iner Zeit, wo so manche Gefahrenquelle lauert und leue Beziehungen des internationalen Lebens sich an- )ahnen. Das Weihnachtsfest wird in diesem Jahre wohl;ich in Deutschland von weniger Juden als sonst geeiert werden. Bis vor kurzem — wir sagten es schon inlängst anläßlich des Chanukkah-Festes — hatte gerade las deutsche Judentum es für ein Zeichen höherer Kulur gehalten, auch im jüdischen Hause den Weihnachts- ).!um anzustecken und Geschenke zu verteilen. Jemand 1at einmal den emanzipierten Juden mit einem Parvenü erglicheu, der, gerade weil er erst kurze Zeit im Beitze sozialer Geltung ist, sich in dem Bereiche seines icuen Kreises besonders als ״Gleicher“ hervortun will. Mit dieser Parvenu-Psychologie mag vieles erklärt, nanches für historisch!Denkende gar auch entschuldigt verden. Man muß vielleicht erst etwas über der Sache teilen, seine eigene Position kritisch betrachten önnen, um plötzlich zu der Erkenntnis zu gelangen, in ',eiche merkwürdige Rolle man da hineingetrieben vurde. Der nach-assimilatorische Jude, der diesen ganen Prozeß der Assimilation durchgemacht hat, aber lann zur Besinnung kam, vermag vielleicht noch!esser als der überhaupt nie assimiliert gewesene die *roblematik, die sich hier bietet, zu überblicken. Wenn ür die deutschen Juden im Jahre 1933 eine neue Epoche;eht nur des äußeren Schicksals, sondern auch es inneren Erwachens angefangen hat, so wird ich dies in ihrer veränderten Haltung zum 1?eihnachtsfest zeigen. Sie werden verstehen, daß ir kein Recht haben, uns an fremden Heiligtümern zu ergreifen, daß es würdelos und taktlos Ist, als Jude Weihnachten zu feiern. Erst wenn wir dies empfunden haben, werden wir u diesem Fest eine reinliche Beziehung finden können, lenn für uns, die wir in der christlichen Umgebung;ben, sind diese Tage schon als ein Einschnitt der Ruhe m Ende des bürgerlichen Jahres fühlbar. Aber mehr: der von uns hat christliche Freunde, oft auch Christche Angestellte, er wird diese nach ihrer Sitte be- •henken und sich neidlos mit ihnen freuen können. Gerade aus Respekt vor der christlichen Welt feiern wir dieses Fest nicht mit. Wir nehmen Innerlich Anteil an allem, was unsere Umwelt und unsere Mitbürger bewegt, aber wir identifizieren uns nicht am falschen Ort mit ihr. Erst wenn wir dieses Gebot entdeckt haben, erst wenn wir in diesem Sinne ״nationale Juden“ geworden sind, können war eine unbefangene und korrekte Einstellung auch zu diesem Feste haben, das früher so viel jüdische Hilflosigkeit enthüllte. Wir werden dieses ״Nichtdazugehören“ nicht als einen Verzicht empfinden, sondern als eine Bekundung der legitimen Ungleichheit. Und man darf wohl annehnien, daß unter den deutschen Juden von 1933 viele sein werden, die an diesem Abend nicht sich als ״Einsame“ oder ״Ausgeschlossene“ empfinden werden, sondern sich glücklieh fühlen werden Im Gefühl der inneren Kraft, die sie von einer Lüge befreit hat, und im Bewußtsein, nicht mehr arm zu sein, sondern den ungeheuren Reichtum der j ü d i s c h e n Welt entdeckt zu haben. Das Weihnachtsfest fällt diesmal in eine Zeit der starken religiösen Aufgewiihltheit unserer Umweit. Dieses Fest erinnert an einen Vorgang in Betlilehem, im Lande der Juden, und macht so die enge Verknüpfung bewußt, die sich von diesem jiidisehen Land und jüdischen Volk zur Welt des gesamten *Abendlandes und seinem kulturellen Bau erstreckt. Dieser Zusammenhang ist gerade jetzt im deutschen Christentum zum Problem geworden. Es ziemt sich nicht für uns, zu diesen ernsten Kämpfen, die gewiß viele Seelen bis zum Tiefsten aufwühlen, Stellung zu nehmen. Aber wenn im Verlaufe dieser Auseinander' Setzungen auch die Lehren unserer jüdischen Bi b e 1 in die Diskussion gezogen worden sind, dann ist dies das Zeichen einer weiter reichenden Kulturkrise, in die auch wir Juden einbezogen werden. Die am Alten Testament geübte Kritik mag, besonders in ihren populären Varianten, häufig auf Unkenntnis beruhen, und es ist bemerkenswert, daß führende Theologen und Priester beider christlichen Konfessionen der Gering- Schätzung des Alten Testamentes entgegengetreten sind. Als Großtat ist es zu werten, daß der liochangesehene Erzbischof von München, Kardinal Faulhabj^r, eine ganze Serie seiner PredigtenTicnfThema der Beziehung des Christentums zum Judentum und insbesondere der Bewertung des Alten Testaments widmete. Die Prcdigten Faulhabers haben ein weites Echo auch in der Presse gefunden. Besonders seine letzte Predigt über das soziale Recht des Alten Testamentes — uns Juden gewiß nichts Neues — sollte weitgehende Verbreitung finden, denn es werden hier Irrtümer aufgedeckt, die Unsere Zeitung erschein! in der Weihnachts• und in der Jieujahrswadie nur je einmal in erweitertem Umfang als Doppel-Nummer Nr.l03/l04amFrefiag,d.29.Dez.l933 Anzeigenschluß nm Mittwoch, 27. Dez., mittags 12 Uhr Nr. 1/2 am Freitag, den 5. Januar 1934 Anzeigenschiu& am Mittwoch, 3. Januar, mittags 12Uhr Verlag and Redakiion der Jüd. Rundschau drauf und dran waren, durch eine FIugblätter-Literatur und durch verschiedene gebräuchlich gewordene Rede- Wendungen in das deutsche Volksbewußtsein einzudringen. Die Feststellung Faulhabers, daß jede Rechts- und Gesellschaftsordnung nur dann Bestand haben kann, wenn sie auf den Grundgeboten vom Sinai fußt, ist von weittragender Bedeutung für die ganze in Umformung begriffene und von Krisen erschütterte abendländische Kultur. Nach den vorliegenden Berichten sagte der Kardinal, die sinaitische Gesetzgebung sei nicht Geist des Volkes Israel, sondern Geist Gottes, denn sonst müßte man Israel für das genialste Volk der Welt erklären. Auch nach jüdischer Auffassung und nach dem in der Bibel niedergclcgten jüdischen Bericht ist die sinaitisclic Gesetzgebung ״Geist Gottes“, der sich die Gefolgschaft Israels geradezu erzwingen mußte; nachdem alle anderen Völker die Annahme der Thora verweigert batten, so erzählt die jüdische Legende, stülpte Gott den Berg Sinai ״wie ein Faß“ auf das Volk Israel, so daß es nicht entrinnen konnte. Aber gerade wer an die Göttlichkeit der Offenbarung glaubt, kann nicht gleichgültig sein gegenüber der Tatsache, daß dieses Volk zur Entgegennahme der Offenbarung ausgewählt worden ist. Damit hat für dieses Volk eine eigentümliche historische Aufgabe begonnen, die sein wechselvolles Schicksal durch die Jahrhunderte bestimmt hat und auch heute noch nicht erfüllt ist. * Daß das jüdbehe Volk sich - für diese Aufgabe - immer wieder erhalten hat, kann kein bloßer Zufall oder Treppenwitz der Weltgeschichte sein. Ans allen üefahren, die das Volk bedrohten und große Teile von Ihm abrissen, hat sieh Iris heute ein Rest errettet. An vielen kritischen Epochen innerer Geschichte hat entweder äußere Vernichtung oder innere Vernichtung durch Assimilatiun uns bedroht. Itrmier fand sich ein Häuflein Juden, das die seelische Kraft hatte, trotz den Verloekungen der Umwelt die Kont1ntut.it der Geschichte, die von Abrahams Tagen und vom Sinai her beginnt, wieder aufztinchincn. So war es in den Zeiten von Esra und Nehemia, und es war eine (unbemerkt gebliebene) einzigartige Episode des Geschehens unserer Tage, als bei der Diskussion der Judenfrage iin Genfer Völkerbund der Vertreter Persiens sich rühmte, das Volk zu vertreten, dessen König Cyrus vor 23 Jahrhunderten den Juden unter Esra und Nehemia die Rückkehr aus dein Exil nach Erez Israel gewährte. Zur Zeit der Makkabäer, als im Prozeß der Auflösung der vorderasiatischen Welt ein kleines Häuflein fanatischer Juden sich gegen die Assimilation an die griechische Kultur sträubte, erstritt dieses Häuflein der jüdischen Existenz eine neue Basis und Gewähr der Dauer. Wir haben diesmal in Deutschland ein innerlich bewegtes C h a n u k k a h-Fe s t gefeiert. Viele, die es sonst nicht getan hatten, gedachten der Makkab.ierzeit. 111 vielen Häusern erstrahlte zum ersten Male die Menorah. Aber, wie das Satyr spiel der griechischen Tragödie folgte, so ist auch bei diesem deutschen Chanukkah das Nachspiel nicht ausgeblieben. Die deutschen Juden sind soweit, die Zusammenhänge zu begreifen, die über einen Zeitraum von nun genau 2100 Jahren vom Makkabäeraufstand die Brücke schlagen zu unseren Tagen. Aber manche ״Theoretiker“ des jüdisch-deutschen Seins, die auch nicht auf das Chanukkah-Fest verzichten wollen, vermeinen sich in eigenartiger Weise cntschuldigen zu müssen. Judas Makkabäus, so mußte man da hören, sei mehr als ein jüdischer Nationalheld, er sei ein ״Heros der ganzen Menschheit“, denn ohne Juda Makkabi hätte es auch kein Christentum, keinen Islam, keine Reformation gegeben. Diese Feststellung stimmt, aber was soll sie besagen? Soll damit etwa gesagt sein, daß man eine Stufe überspringen und direkt für die ״Menschheit“ wirken _ kann, so daß die fatale Erinnerung an eine jüdischnationale Erhebung sich

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