Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 101 (19.12.1933)
- Date
- 1933-12-19
- Page
- Seite 991 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bk. 101, 19. XU. 1933 K&wmzmmm Seite 981 Jugend-Rundschau H&chscharahgruppen in der JNShe Berlins Die Zeit der Vorbereitung Jüdische Jugend lernt für ein Arbeitsleben in Palästina Hachscharah und Kibbuz Ein Besuch bei Chaluzim auf dem Lande ist immer lohneml •— auch im Winter, wert«! man von ihrer eigentlichen landwirtschaftlichen Tätigkeit fast nichts sieht Ja, ein Besuch im Winter ist sogar noch eindrucksvoller als im Sommer, weil man in dieser Zeit erst den Willen dieser Menschen begreift, selbst unter den widrigsten Umständen zusammen- ־/ustehen und ihre ganze Sehnsucht auf ein Ziel zu konzentrieren: Erez Israel. Vorbereitung, Hachscharah ist der radikaie Versuch, einen neuen jüdischen Menschen durch eine neue Beziehung zur Arbeit zu schaffen. Hachscharah bedeutet nicht nur die Umwendting jüdischer Großstädter zu Bauern, sondern vor allem zu Pioniere« für die Zukunft kommender Geschlechter. Zugleich ist es Bindung an die jüdische Ge- Ineinschaft, Bindung auch inl engsten Sinne des Wortes: an die Chawerim, die Gefährten, mit denen man zusammen diese Zeit der Umstellung durchlebt. Nur die Gruppe, der Kibbuz, macht es dem Einzelnen möglich, die Schwierigkeiten des Ueberganges zu ertragen. Der Kibbuz, erst Arbeitsgemein- Schaft, dann Lebensgemeinschaft, wird so zur Zelle der größeren Gemeinschaft, auf die alle Vorbereitung hdnzielt. Orte und Menschen Es gibt in Brandenburg und Grenzmark 16 ländliche Hachscharah-Punkte, von denen wir drei ausgewählt haben: Belzig, Rüdnitz (bei Bernau) und Waidmannslust. Ueber ihr äußeres Leben, ihre Zusammensetzung und ihre Arbeit wird zunächst zu beridifen sein. Die Beiziger Gruppe ist im Oktober 1932 gegründet worden, und zwar als erste Gruppe mit einer Eigenwirtschaft. Die: Kellerräume einer Jugendherberge haben sich die Mitglieder selbst instand gesetzt und wohnlich gestaltet. Gemeinschaftsraum, Eßraiim, Küche, Badestube und dazu int oberen Stockwerk einige Schlafräume — das muß ausreichen für 15 Jungen und 6 Mädchen. Und es reicht aus. Wenn es kalt ist an den langen Winterabenden, diskutiert man sich die Köpfe heiß oder singt mit Begeisterung hebräische Lieder. Das Holz in dem eisernen Ofen prasselt laut und strömt ein« angenehme Wärme aus; aber bald ist sie wieder verflogen, und man merkt, daß der Ofen zu erkalten droht. Außer diesen Räumen im Hause besitzt die Gruppe auch noch 4 oder 5 Morgen Land, das von den Chawerim urbar gemacht worden ist. Natürlich haben sich damit noch keine 1.1 n,|wirfscliaftiieht-n Erfolge erzielen lassen, da die Zeit zu kurz ist und außerdem auch die Mittel fehlten, dem Boden die nötigen Nährstoffe zuzuführen. Andererseits hat die Gruppe eine nicht unbefriedigende Ernte an Kartoffeln und verseniedenen Gemüsearten erzielt. Diese Produkte sind für sie von außerordentlicher Bedeutung; denn sie stellen den Hauptteil der täglichen Nahrung dar. Darum ist das Geerntete sorgfällig zur Ucberwinterung auf gespeichert worden. — Auf ihre Viehwirtschaft ist die Beiziger Gruppe besonders stolz: zwei Ziegen, mehrere Schweine und Kaninchen nennt: sie ihr eigen. Aut diese Weise erhalten die Chaluzim wenigstens einen kleinen Einblick in die Viehwirtsclia ft. Lieber wäre es ihnen freilich, wenn sie eine Kuh besäßen, sowohl um der Milch willen als auch des Lernens halber. Wesentlich komfortabler wohnen die Riidnitzej Chaluzim. Sie haben ein ganzes Haus mit geräumigen, schön tapezierten Zimmern zur Verfügung, haben aber im Gegensatz zu Belzig kein elektrisches Licht, sondern müssen bei einigen Petroleumlampen ihre Abende verbringen. Einstweilen halten sich dort seit etwa einem Vierteljahr 15 Chawerim, darunter 4_ Mädchen, auf. Diese Zahl wird sich bald erhöhen, da noch viel Platz im Hause ist. Es ist vor etwa zwei Monaten der Gruppe gelungen, sich selbständig zu machen. Der verfügbare Boden ist zunächst noch sehr unfruchtbar, und auch hier wird es davon abhängen, wieviel Mittel für Nährsalze aufgebracht werden können, um eine gute Ernte zu erzielen. Störend ist das Fehlen einer Wasserleitung; mühsam muß das Wasser aus einem Brunnen lierbeigeschleppt werden. Da die Gruppe noch recht jung ist, fehlt ihr noch manches, insbesondere Vieh. Waidmannslust endlich unterscheidet sich wesentlieh von den beiden anderen Orten. Einmal untersteht es nicht wie diese dem ״Hechaluz“, sondern der Berliner Jüdisehen Gemeinde, die dieses Lager als eine Stätte der Berufs- Umschichtung •eingerichtet hat, ohne daß dabei speziell an eine Ausübung des neuen Berufes in Palästina gedacht ist; infolgedessen sind in diesem Lager nicht nur Chaluzim, sond«rn auch Mitglieder der Deutsch-Jüdischen Jugend und unorganisierte Menschen vorhanden; zirka 70 ׳/״> der Mitglieder sind bereits Chaluzim. Sodann aber ist dieses Lager auch zahlenmäßig von den anderen unterschieden: etwa 190 Mensehen leben hier zusammen. Zwischen Wittenau und Waidnaannslust steht die selbstgezimmerte große Baracke, in zwei Räume aufgeteilt: den Schlafraum und den Ciemeinschaftsraum; daneben ist die Küche, in der noch der Rauchfang fehlt. Primitiv zusammengezimmerfe Betten, je zwei übereinander, strömen zwar nicht die Atmosphäre warmer Häuslichkeit aus, aber man ahnt doch, wie nach den Anstrengungen des Tages junge Menschen sich auch in dieser Umgebung zu Hause fühlen. Was für Menschen wohnen an diesen Orten? Die Zus-ammensetzung ist überall die gleiche. Die meisten kommen aus Bürostellungen, von den Kontorsesseln, hinter den Verkaufsfiselien hervor. Akademiker sind verhältnismäßig in geringer Anzahl vertreten, ln Belzig sind 2 oder 3 Abiturienten und Studenten, unter den Mädchen sind 2 Medizinstudentinnen; in Rüdnitz ist ein Abiturient und ein Student, der bereits 9 Setnester studiert hat, der Red >1.1־n1111t aus Büros. Auch in Waidmannslust sind nur wenige Studenten. — Die Alters- Schichtung ist ebenfalls ziemlich einheitlich; das Durchschnittsalter dürfte schätzungsweise 23—25 Jahre betragen. Ifi Rüdnitz beispielsweise ist der Jüngste 17, der Aelteste Bl Jahre alt. Aber das Wesentliche äst, daß die Altersunterschiede hier kaum mehr beachtet werden; es findet vielmehr eine Angleichung det Jüngeren an die Aefteren und umgekehrt statt, ja man hat das Empfinden, daß auch im Typus eine Nivellierung der bisherigen Verschiedenheiten erfolgt and sich rilmäWkh ein eigener Typ des Chaluz Es ist noch nicht lange her, daß der Gedanke des Pioniertums in Erez-Isracl nur einen kleinen Kreis jüdischer Jugendlicher in Deutschland erfaßt hatte, Die Organisation des ״Ilechaluzdie die Zusammenfassung und Vorbereitung dieser Menschen zu ihrer Aufgabe gemacht hat, zählte nur wenige hundert Mitglieder, die in der Hauptsache aus einigen zionistischen Jugendbünden stammten. Obwohl der Z.ionismus seit Jahren seine mahnende Stimme erhoben hatte, um die Jugend aufzurufen, sich für ein Leben der produktiven Arbeit auf dem Boden Palästinas vorzubereiten, war dieser Ruf bei der Mehrheit der jüdischen Jugend Deutschlands nicht auf Widerhall gestoßen. Dies hat sich im Jahre 1933 gewandelt. Der ״Hechalaz“ ist zur größten Organisation der jüdischen Jugend Deutschlands geworden. 14 009 junge Mensehen, Jungen und Mädchen aller Allerssufen vom Schulentlassenen bis zum Dreißigjährigen sind in seinen Reihen vereint. Alle arbeiten und lernen oder warten darauf, in die Reihen der in Ausbildung Befindlichen eingegliedert zu werden. 2500 Menschen befinden sich bereits in der Berufsausbildung jür Palästina, zum großen Teil auf dem Laude, zum Teil auch in der Stadt. Landwirtschaft. Gärtnerei, Hauswirtschaft und Handwerk werden von ihnen erlernt, um als Basis produktiver Arbeit in Palästina zu dienen. Auch in der Umgegend Berlins sind zahlreiche Gruppen in der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Ausbildüng begriffen. An 16 Punkten in Brandenburg und der Grenzmark arbeiten ungefähr 350 Jugendliche. Ein Bild von ihrem Leben und ihrer Arbeit wird im der nachstehenden Schilderung entrollt. (Red ) herauskristallisiert. Gefördert wird diese Entwicklung durch das nahe Zusammenleben, das aufeinander Angewiesensein, die verhältnismäßig einheitliche Kleidung. Der Umgangston ist herzlich, frisch und un formell; selbstverständlich kennt man nur das Du, wodurch man sich sofort wie in eine große Familie versetzt fühlt. Die Arbeit Man findet zuweilen idyllische Schilderungen von Hachscliarah-Gruppen, bei denen der Autor feststellt, daß die jungen Menschen sehr gesund und gut genährt ausschen und ״romantische“ Abendfeiern abhalten, ln Wahrheit ist das Leben ganz anders. Es ist freilich richtig, daß die Chaluzim allesamt sehr gesund ausschauen und einige Male in der Woche eine Ahendunterhaltung veranstalten; aber der Tag beginnt ja schließlich nicht mit dem Abend, und als Erholungsstatte ist eine Hachscharahgemeinschaft auch nicht gedacht. Wenn wir das wirkliche Leben dort verstehen wollen, müssen 1wir uns den Tageslauf dieser Gemeinschaften vergegenvvärtigen, der überall ungefähr derselbe ist. Um ü7״ oder 11m 7 Uhr hat einer aus der Gruppe die Aufgabe, Feuer zu machen und die Schläfer zu wecken. Um 7 Uhr gibt es in Belzig, um 8 Uhr in Rüdnitz das Frühstück. Dann geht es an die Arbeit. Ein Teil der Gruppenmitglieder ist hei einem Gärtner oder einem Bauern des Dorfes beschäftigt, wo sie alle Arbeiten leisten müsse«, die ein Knecht zu leisten vermag■ Für die Städter von gestern ist es keineswegs leicht, den Anforderungen immer gerecht zu werden, und es gibt manche Schwierigkeit, die dem Jungen ins Bewußtsein ruft, daß er sich in eine völlig andere Weit hineingewagt hat. Auch die im Hause Tätigen haben cs. schwer. Die Hauptarbeit besteht zurzeit im Holzhacken, da sehr viel Feuerung gebraucht wird. Um 1/:,f Uhr wird zu Mittag gegessen, was keineswegs stumpfsinnig und mechanisch, sondern bei lebhaften Gesprächen und Absingen von Liedern am Anfang und am Schluß der Mahlzeit geschieht. Die Mittagspause ist mir kurz; sehr bald gehen alle wieder ihrer Beschäftigung nach. Bis zur Dunkelheit, also bis gegen 5 Uhr, steht jeder auf seinem Posten, als Knecht beim Bauern, als Gehilfe beim Gärtner, als Holzbesorger für die Gruppe; 9—10 Stunden (und iin Sommer wahrscheinlich mehr) vergeben so vom Morgen bis zum Nachmittag in dem Rhythmus der Arbeit. Eine besondere Erwähnung verdient die Arbeit der Mädchen, die in Belzig bis auf zwei Ausnahmen und in Riidnitz sämtlich die Küche und das Haus versehen. Schon allein ihre Bemühungen, mit den vorhandenen geringen Mitteln schmackhafte Speisen zu bereiten und dabei noch Abwechslungen zu finden, sind ein Musterbeispiel weiblicher Haustäiigkeit, Die Abwaschtätigkeit nimmt ebenfalls einen nicht geringen Teil der Zeit weg, ebenso das Wäschewaschen und Strümpfestopfen. Diese Arbeiten, die man in einer kleinen Familie kaum würdigt, weiden in diesen Gruppen sehr wohl verstanden als einer der wuchtigsten, wenn auch unscheinbarsten Dienste an der Ges-amtheit, Der Abend Die Betrachtung der Gestaltung des Abends führt uns bereits tief hinein in die Problematik der Hachscharah-üemcinschaften. Im allgemeinen gilt der Abend der geistigen Arbeit, oder wie die Chaluzim sagen: der geistigen Hachscharah. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die hebräische Sprache. Man hat in den Gruppen in dieser Beziehung blutige Anfänger und wenige Fortgeschrittene. Hie meisten stecken gerade in den Anfangsgründen. Es wird jedoch mit einer außerordentlichen Beharrlichkeit und Intensität gelernt, und wo es immer möglich ist, macht man kleine Sprechversuche, sei es bei Tisch, sei es bei der Arbeit, sei es in der Unterhaltung. Die Schwierigkeiten der Aneignung des Hebräischen wurden von allen Seiten liervorgehoben: aber andererseits sind sich alle darüber klar, daß man die Sprache in Palästina verstehen muß und daß es hierin kein Kompromiß gibt. Neben dem Hebräischen beschäftigt man sich besonders eifrig mit der j u d i s c h c n Geschichte sowie mit a k t u - eflen Fragen Palästinas. Man läßt Referate über solche Fragen halten und diskutiert eifrig über Gründe und Gegengründe. Man nennt einen solchen Abend eine Ssicha (d. h. Diskussion, Aussprache). Natürlich kommt über all diesen Dingen das jüdische Lied nicht zu kurz. Jugend ist ja überall sangesfreudig, und so hacken die Jungen draußen bei einem Lied ihr Holz, und so schälen die Mädchen bei einem Lied ihre Kartoffeln. In einer solchen Gruppe, die von Verantwortungsgefühl durchpulst ist, reguliert sich das alles von selbst: man will kein Uebermaß an geistiger Arbeit, aher man vermeidet mit der gleichen Selbstverständlichkeit Freude und Heiterkeit im Uebermaß. Den Höhepunkt der Woche bildet der Schabbath, insbesondere der Freitagabend. Auch hier halten sich Nachdenklichkeit und Heiterkeit die Waage; meist beginnt der Oneg Schabbath mit ernsten Liedern oder Vorträgen und steigert sich dann zu jugendlicher Ausgelassenheit. Gegen 1(1 Uhr ist im allgemeinen das Tagewerk als bcendet anzuselien; mir an den ausgezeichneten Tagen bleibt man länger auf. Die Gemeinschaft Die Hachscharah-Kibhuz.ini sind im echten Sinne Ge• nieinschaften. Dies ist durchaus nicht so einleuchtend, wie es aut den ersten Blick erscheinen mag. Die Menschen, die in diesen Gruppen Zusammentreffen, sind nicht nur ihrer Natur,_ sondern auch ihrer Bildung und Entwicklung nach verschieden und — was am schwerwiegendste!! ist — sie kommen aus dem gemeinschaftsfernsten Gebilde, das überhaupt denkbar ist: aus der Großstadt. Sie haben nie in ihrem Leben früher ein Gerneinschaftsclenkcn kennen gelernt. Erst wenn man all dies berücksichtigt, kann man die Leistung ermessen, die in der Verwirklichung des Gemeinschaftsgedankens liegt. Es waren ja nicht mir äußere Schwierigkeiten zu überwinden, sondern jeder Einzelne mußte in sich eine ganze ,Vergangenheit anslösclicn und sich auf eine völlig neue Gesellschaftsauf- Fassung umstellen. Diese Umstellung wurde natürlich erleichtert durch die Begeisterung für das gemeinsame Ziel; aber möglich wurde sie nur durch eine gewaltige Willcnsauflaffung. Nicht alle haben dieses Ziel vollständig erreicht. Bei manchen brechen immer noch die früheren Gewohnheiten, Anschauungen und Wünsche zuweilen durch. Aber im ganzen gesehen, ist bei den Chaluzim die Gemeinschaft verwirklicht. Während man sich früher mit einer Hachscharah von einigen Monaten begnügte, ist jetzt eine Vorbereitungszeit von einem Jahr festgesetzt worden, um eine gründlichere Ausbildung zu erhalten. Auch dieses Zeitmoment ist mitbestimmend für die Verwirklichung der Gemeinschaft; die Gruppenmitglieder wachsen stärker zusammen, und viele haben die Absicht, gemeinsam nach Palästina hirtüberzugehen. Dementsprechend ist auch die Frage der Führung geregelt. Die Gruppe führt sich selbst. Sie bestimmt durch gemeinsatnen Beschluß, was zu tun ist. Das schließt natürlich nicht aus, daß einzelne, durch besondere fachliche Qualitäten ausgezeichnete Mitglieder ein gewichtiges Wort mitzureden haben und daß die Gruppe sich"ihrer Ansicht anschließt. Aber prinzipiell entscheidet die Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit. In Riidnitz hat man einen Wa,־»d (d. h. Ausschuß) gewählt, bestehend aus drei Chawerim, denen die Verwaltung, die Arbeitseinteilung und die Betreuung der Gemeinschaftskassc obliegt. Die Arbeitseinteilung ist insofern wichtig, als nicht jeder ein für allemall dieselbe Arbeit verrichten soll, sondern es geht iininer reihum. Während die eine Gruppe in dieser Woche Holz zu schlagen hat, arbeitet die zweite beim Bauern, die drifte beim Gärtner, die vierte im Hause, fn der nächsten Woche muß dann wieder gewechselt werden. Jede echte Gemeinschaft ist dem Spezialistentum abhold. Ein Gruppenmitgiied soll sich in jeder Lebenslage bewähren. Für die Konsolidierung der Gemeinschaft ist es darum wesentlich, daß keinem Mitglied eine Arbeit fremd ist, die in den Lebensbereich der Gruppe gehört. Die kleinen Sorgen Gemeinschaft ist zwar eine Verminderung, nicht aber eine Aufhebung menschlicher Spannungen, in den großen Fragen und Zielen herrscht natürlich 1 inigkeit; man weiß, zu welchem Zweck mau sich zusamniengefundeji hat. Aber über die Wege zum Ziel sind die Meinungen oft verschieden. Jede Ausspräche dient einer Klärung dieser Differenzen. Aber mehr noch als diese großen Dinge bewegen eine Gemeinschaft von 15 oder 20 Menschen die kleinen Sorgen des Alltags. Da die Zuschüsse für die einzelnen Chawerim sehr knapp bernessen sind, so muß man mit jedem Pfennig rechnen und den Ausgabenetat an jeder nur möglichen Stelle verkürzen. Man wird verwundert den Kopf schütteln, wenn man hört, daß die Beiziger Gruppe einen Lebensstandard von 3S Pfennigen pro Tag liat. Dabei sind freilich nickt eingercchnet die Gemüse und Kartoffeln aus eigener Ernte sowie die zuweilen einlaufenden Geschenke von Eltern oder Gönnern. Die Rüdnilzer Gruppe, die keine eigenen Vorräte besitzt und auf den Einkauf im Dorfe angewiesen ist, hat einen Lebens- Standard von 68 Df. Man kann aber nicht sagen, daß die Chaluzim schlecht leben. Es fehlt »var an der Reichhaltigkeit einer Speisekarte, wie sie der Großstädter gewöhnt ist — es fehlt z, B. in Belzig fast völlig an Fleischnahrung, da diese den Etat zu sehr belasten würde — aber es wird! schmackhaft und nahrhaft gekocht, und man kann satt werden. Zu den kleinen Sorgen gehört die Frage, ob man Süßigkeiten und Zigaretten aus der Gemeinschaftskassc kaufen soll oder nicht. Rüdnitz hat sich jür Ja entschieden, Belzig beschränkt sich grundsätzlich nur auf die Geschenke Eine Sorge ist auch das Briefporto. Soll jeder 8 oder 6 Briefe im Monat schreiben dürfen? In Belzig hat es darüber lange Auseinander- Setzungen gegeben, bis man schließlich iibercingekommeti ist, den Höchstsatz fiir Porto auf 72 Pf. festzusetzen. In Rüdnitz hat man in dieser Hinsicht noch keine Beschränkungen eingeführt• man vertraut offenbar darauf, daß keiner die Kasse übermäßig in Anspruch nimmt. Grundsätzlich werden die kleinen Sorgen zut allgemeinen Aussprache gebracht, um auf diese Weise_behoben zu werden- In der großen Waidinannsluster Gruppe findet an jedem Montag eine allgemeine Aussprache über die Gruppen fragen, Unzufriedenheiten und Unstimmigkeiten statt. Der Lagerleiter berichtete, daß die Teilnahme am dieser Diskussion sehr rege sei.