Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 99 (12.12.1933)
- Date
- 1933-12-12
- Page
- Seite 948 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 946 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 99, 12. XII. 1933 Chanukkah ■Weisen Ohne Frage trägt die Chanukkah-Hymne, die die Juden für eine der jüdischsten Melodien halten — auch wenn sie den an und für sich nicht gerade sehr wertvollen Text (13. Jalirh.) auf möglichst barbarische Weise verdeutschen — das unzweifelhafte Gepräge eines deutschen Chorals: ein in fast durchweg gleichen Werten marschierender Viertakt; die Quartenschritte am Anfang und erst recht der weitere melodische Verlaut sind ziemlich banal. Auf dieses Produkt brauchen weder die Deutschen noch die Juden besonders stolz zu sein. Aber, wenn man schon dafür ist, diesen traditionellen Text beizubehalten, so hat man es ja gar nicht nötig, sich auf diese Methode zu beschränken. Arno Nadel hat schon vor Jahren im ״Berliner Gemeindeblatt“ eine italienische ״Moaus zur‘‘-Weise veröffentlicht. Sie ist um 1700 entstanden und ist weitaus schöner als die deutsche: Besonders der erste Teil (in G-Moli) flieht in sehr zarter, edler Linie an dem reichlich spröden Metrum des Textes entlang. Mittelteil und Schluff — die dieser Notierung entsprechend nach B-Dur hinmcxlulieren, Idingen allerdings weniger überzeugend, nach dem originellen Anfang geht es dann ziemlich üblich zu Ende. Man mochte fast annehmen, daß auch hier eine Konstruktion aus zwei heterogenen Elementen stattgefunden habe, oder daß Partien der ursprünglichen Melodie verlorengegangcn sind. Im Orient scheint das ״Moaus zur“־Lied weniger oder gar nicht bekannt zu sein. Bei den bucharischen Juden finden wir dagegen ein schönes: ״Misinor schir eliannuckath-habajith ledavid“.' Ein auftaktiger Quartschritt gellt in eine weiche, wiegende Bewegung über; das Rezitativ beginnt immer wieder mit dieser Quarte und sinkt irr! Verlauf jedes Verses in geschmeiviigeT Abwärtsschwingung zum Grundton herunter. Eine kontemplative Feierlichkeit drückt sich darin aus. Allerdings kann man diese alt-orientalische Psalmen-Rezitation kaum mit unserer späten Chanukkah-Hymne vergleichen. Aus Osteuropa kennen wir u. a. ein hübsches chassidisches Chanukkahlied. Der Text lautet in hebräischer Ueber- Setzung: ימי החנכה׳ חנכת מיןד^נו» גיי ךש?זהד ממלאים את יכנו; רירה ויום?כיבונגי יסב׳ ©?גניזת נ^כי בם ירם. נצהוו המכבים נספר. נזנירה- ,•י־־י השונאים אז ידם כי גברה; ירושרים שבה רתחיה, &ם ישראר .?נשה תו׳ציה. האירו הדליקו נרות חנפה רבים י _על הנסים ך_על הנפלאות אשר חוללו דמבבים• Auch bei diesem Lied interessiert der Anfang mit seiner jubelnden, sprunghaften, sprechenden Melodik am stärksten. Hier ist auch die Beziehung von Text und Melos besonders augenfällig, während das übrige nachher in einen ziemlich typischen Tanzrhythmus spät-chassidischen Gepräges übergeht. Die nachstehende — bereits praktisch ausprobierte — in sehr einfachem und singbarem Stil gehaltene Chorbearbeitung stammt von Max Vredenburg, Haag. Alice Jacob-Loewenson, z. Zt. Paris. MOAUS ZUR deutsch von Franz H< ig Meiner Bett an(( Fclsennest, Um dich hling׳ Benedeien! Steh' einst neu mein Bethaus fest, Daß dort wir Dankchor reihen! Dann nach Metzeleien Unter Feindsivnt schreien, Dann vollbring Ich and sing Des Altars neue Weihern. leides ward das Herz mir satt, Den Mut die Not mir schwächte. Harte Fron drückt müd und matt Des Stierdicnst-Reichcs Knechte. Seine starke Rechte Hob ans Licht das Echte. Pharaos Staat Und seine Saal Sank meertief in Nächte- Er trug mich in sein Heiligtum, Doch blich dort nicht ahn' Wank ich. Der Dränger kam und trieb mich um, Götzendienst zuschwank’ ich. Den Taamelhelch ihn trank ich, Um ein Haar versank ich — Babel fiel! Verheißnes Ziel! Dem Reiter zollte Dank ich. Abhaun den Stamm des edlen Baun s Wollt er aus Erbgrolls Samen. Er fiel ins Netz des eignen Traum Sein Hochschritl mußt’ erlahmen. Zum Rechten Ehren kamen! Gelöscht des Feindes Namen! Seine Brut, Sein höchstes Gut, Hing an luft gern Hamen. Der Grieche scharte sich zuhauf ln 11 asmonäertagen, Riß meiner Mauern Türme auf, In Schmutz die Oele lagen. Ein Krüglein noch im Schrägen, Wunder strömt's den Zagen. Geistes Macht Die Tage acht Eieß Lobpsalmen sagen. Am : .Vom Sbm in (Sonrnnoltmok « No -Vnlm Fronth Die meisten der im Umlauf befindlichen Ueberset zungen b/w ,,Nachdichtungen“ des Moans Zur, der alten jüdischen Chanukkah-Hymne, sind völlig unzulänglich. Oft wird der alte Text dabei gar nicht zugrunde gelegt, und auch kitschige und philiströse Reimereien sind nicht selten. Demgegenüber gibt die Uebertragung von Franz Rosen zweig, die sich fast vollständig an den hehräisehen Text hält und seinen Rhythmus vollkommen wiedergibt, ein wirkliches Nachbild des hebräischen Originals. Es wäre zu wünschen, daß an Stelle der jetzt üblichen Ueber- Setzungen sich die Rosenzweigsehe allgemein einbürgert, wofern man überhaupt auf Ueber- Setzungen und nicht auf den hebräischen Originaltext reflektiert. deutsches, ja sogar reformatorisches Lied dem jüdischen Gottesdienst ein verleibt worden. Diese Annahme gewännt noch an Wahrscheinlichkeit, wenn man eine andere, außerordentlich interessante Tatsache damit vergleicht: die Tatsache nämlich, daß der Schreiber und Kompilator der ersten deutschen mehrstimmigen Licderhandschrift, des berühmten Lochhamer Liederbuches der Jude Wolflein von Lochham war, der in einer säubern hebräischen Widmung die ersten 36 Lieder seinem ״Gemäken“ Barbara dediziert. (Vgl. Arnold: Zeitschrift für Musikwissenschaft, u. a.) Dieses Liederbuch aber stammt aus der Mitte des 15, Jahrhunderts. Der hebräische Text des ״moaus zur“ jedoch ist nahezu 200 Jahre älter — und so kann es uns nicht wundern, daß eine ältere sephardische Melodie dazu existiert, die viel eigenartiger und wertvoller ist als die uns geläufige. Von ihr gilt in keiner Beziehung jenes Urteil, das über unsere Weise gefällt werden muß: sie ist nicht Ghettoprodukt, nicht Kompilation, sondern unverkennbar eclitbürtig jüdisch. Vielleicht besteht Gelegenheit, einmal auch auf sie genauer tinzngehen. ״Kirjath Sepher". Soeben erschien Heft 3 des zehnten Jahrgangs von ״Kirjath Sepher“, der von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek herausgegebenen bibliographischen Vicrteljahrsschrift. Das vorliegende Heft enthält außer der regelmäßig erscheinenden Bibliographie der Palästinadrucke und Judaica aus allen Ländern eine Reihe von Rezensionen über besonders wichtige Publikationen von: A. Yaari, M. Narkis, S. Klein, I. Heilprin, M. Schwabe, I. I. Seidmann. B. Schochetmann, S. Assaf, F. Baer, E. L. Sukenik und E. Jellin. Ferner enthält das Heft eine Reihe von Auf- Sätzen, und zwar: I. Sonne: Die Nichtexistenz des Buches ,,Milchamot ha-Schem“ betreffs der Mikwe in Rovigo. B. Cohen: Neuhauers Schriften: Ergänzung der Bibliographie. A. Yaari: Bibliographische Glossen über verschiedene mibekannte Bücher und Publikationen. S. Assaf: Kommentar zur Mischnah von R. Nathan, ״Vater der Jeschiwali“. Aus bisher unbekannten Manuskripten der Handschriftenabtcilung der Bibliothek. Die Zeitschrift ist durch jede Buchhandlung sowie direkt durch die Jüdische National- und Universitätsbibliothek zum Preise von 15 RM. pro Jahr zu beziehen. Der Fund von Ras Schamra Ein neues Zeugnis für das Alle Testament Von Dr. Ernst Cohn-Wiener, dzt. London. Es ist nun schon drei Jahre her, daß ein Bauer beim Pflügen in Ras Schamra an der syrischen Küste eine verwitterte Tafel fand, die er der französischen Alfertunisbehörde in Damaskus übergab. Sie stellte eine Tontafel fest, die mit Inschrifa ten bedeckt war. Der Fund erinnerte sehr an die Tontafeln, die in Teil Ainarna und T’anach gefunden worden waren, die Ix־- kannten Briefe palästinensischer und syrischer Stadtfürsten an• einander und an ihren Herrn, den König von Aegypten. Diese Briefe hatten unerwartetes Licht auf die Zeit geworfen, die die ״ dunkelste in der Bibel ist, nämlich die der E i!1 w a n d er u n g £ Israels in Palästina. Das ist zugleich die Zeit der Staatsv gründung und der Ausbildung seiner religiösen Weltanschauung. ן( Alan forschte in Ras Schar ma also nach weiteren Tafeln. Es ׳/ fanden sich eine ganze Zahl, offenbar die Reste einer ganzen (ן Tempelbibliothek. Jetzt wird — im Londoner ״Daily Telegraph“ 7 — über den Inhalt berichtet, nachdem die Entzifferung von drei ״ Gelehrten, einem Deutschen, Hans Bauer in Halle,'und zwei (1 französischen vor genommen und die Lesung von Theodor z Gaster, London, vervollständigt worden ist. 1ן Das Ergebnis ist für das Verständnis unserer im Alten v Testament überlieferten Nationai-Literatur von grundlegender 11 Bedeutung. Diese Tafeln stellen den Umkreis fest, in dem die / Moses-Gedanken entstanden sind. Sie erweisen schlagend, was 11 schon lange und zuletzt sehr kategorisch von S. Spinner in sei• v nem Buch: Herkunft, Entstehung und antike Umwelt des he• t bräischen Volkes*) behauptet worden ist, daß die Quellen der I Bibel uralt sind und sehr zuverlässig, und daß es vor allem י schriftliche' Quellen waren, und zwar keilschriftliche. Pie neu- 1 entdeckten Tafeln müssen etwa 1100 v. dir. geschrieben worden;! sein, sind also nur wenig jünger, als die von Teil Amarna. Die l S p r a e 11 e ist ein semitischer Dialekt, der dem hebräischen nahe!׳ verwandt ist. 1 Dabei ist eine überraschende Feststellung zu machen. Der I Fund von Ras Schamra enthält Parallelen zu sehr viel verschiec denen Gattungen «ler biblischen Literatur und ist dadurch viel f wichtiger, als etwa das Gesetzwerk des Hamurabbi von Babylon, 1 das sich nur mit dem juristischen Teil der Bibel vergleichen ließ. ׳ Hier gibt es geschichtliche Mitteilungen von Wert, etwa über I einen Krieg, den Sebulon und Ascher gemeinsam mit F.dom ׳ gegen Srret, den König von Sidon führen, und Erinnerungen < daran, daß der Ursprung des Kultus in der Gegend von Ka- 1 desch lag. Es gibt hymnische Parallelen zu einer Psalmstelle l und einer im Jesajas.'Und es gibt vor allem geradezu frappie- I retidc kultische und religiöse Parallelen. Die Gottbegriffe ״El“ 1 und ״FJohim“ kommen vor, aber auch ein Name, der mit ״Jah“ ( zusammengesetzt ist. Ein unbestimmbarer Gegenstand rciigiö- 1 ser Verehrung heißt ״Ed“, und dieser Begriff kehrt hei 'der ' Bundes!,ule Israels wieder. Es gibt einen heiligen Vorhof des t Tabernakels: dessen innerster Teil ״Heilige Stätte der heiligsten . Stätten“ heißt und der Priester führt den Titel ״Koben“. Es i gibt, wie in der Bibel, 1 Vbertretungsopfer, Friedensonfer, Wasseropfer, Brandopfer und vollkommene Brandopfer, Brot- opfer und Erstlingsopfer, was sehr für das Alter gerade dieser biblischen Vorschriften spricht, das so oft angezweifelt wurde. Aber es ist wahrscheinlich, daß manche dieser kultischen 1 Formen im mosaischen Gesetz eine andere Deutung erfahren 1 haben, einen anderen religiösen •Sinn besaßen, als im Heidentum 1 und daß die israelitische Weltanschauung trotz dieser äußeren 1 Aehnliclikeiten doch eine andere war, g'iiau so, wie die Vor- ׳ Stellung von Moral und Recht eine andere, humanere in der Bibel ist, als im Hammurabliikodex. Es gibt einen merkwürdigen Beweis dafür, der zugleich Licht in eine ziemlich dunkle Frage bringt. Der Kult von Ras Schamra kannte eine Zeremonie, bei der das Zicklein in der Milch der Mutter gesotten wurde. Das mosaische Gesetz verbot gerade das ausdrücklich. Mag es bloßes Mitleid mit dem Geschöpf oder, was wahrscheinlicher ist, ein religiöser Grund gewesen sein, Israel fand diesen Brauch höchst anstößig. Spätere Zeiten haben den Sinn des Gesetzes nicht mehr verstanden, was ganz natürlich war, weil es ja nirgend mehr diesen kultischen Brauch gab.!סי sind aus ihm unsere Verbote herausgewachsen, Milchiges und Fleischiges miteinander und selbst kurz nacheinander zu genießen. Aus den Tontafeln von Ras Schamra lernen wir nun den Grund kennen, warum wir unseren Kaffee nach Tisch schwarz, trinken. Das biblische Gebot gehört also zweifellos zu den pole m i s c h e n, die sich direkt gegen heidnische Gebräuche richten, zu den Geboten, in denen Israel seine Sonderstellung betont. Es gibt sehr viele derartige in der Bibel, und die Entschiedenheit, mit der die *Migion des Moses sieh bekennt, wird gerade in ihnen deutlich. Es muß immer wieder betont werden, wie stark dieser Gegen«.!* ׳ lsr׳<׳is tu den Völkern ist. Die bekannten Verbote im Dekalcg, sich ein Bild zu machen und den Namen Gottes ,־itis/uspreclvii, riehten sieh geradezu gegen die Hauptformen des m igisclien Rtiites, wie er damals überall, vor allem aber in Aogvnten üblich war, nämlich gegen Bildmagie und Namcmmngie. Alk׳ Völker glaubten damals, einen Gott zu ihrem Wißen zwingen zu können wenn sic seinen eigentlichen, geheimgehaltenen Namen kannten und aussnracheu. Alle Völker glaubten, einen Mensehen durch sein Bild behexen zu können. Moses verbietet gerade das strengstens. Das merkwürdige Verbot, das Zicklein in der Milch der ,Mutter zu kochen, zeigt, bis in welche scheinbaren Nebendinge sich diese Wachsamkeit erstreckte. Die Zeit, in der sich die Wissenschaft damit zufrieden gab, mögY'list viel fremde Einflüsse im alter! Testament aufgefiinden zu haben, dürfte ntin wohl endgültig vorbei sein. Niehl, als ob diese Einflüsse nicht vorhanden wären. Jede kulturelle Leistung steht in irgendeinem Verhältnis zur Umwelt, hat Gedanken mit ihr gemeinsam und wurzelt oft in derselben Tradition. Der Wert der Tafeln aus Ras Schamra beruht darauf, daß sie etwas Licht in diesen Umkreis der Bibel werfen. Wenn aber gesagt wird, daß nacli diesem Funde Moses eher ein Reformator als ein SehöUcr gewesen zu sein scheine, so geht das entschieden zu weit. Es fehlt den Tafeln von Ras Schamra sehr viel, um an die Höhe der Bibel, vor allem an die ethische zu reichen. Der Fall, in dem sich die Bibel bewußt in Gegensatz zur Gedankenweit dieses Kultus stellte, ist so prägnant, daß auch bei der weiteren Verfolgung dieser Entdeckung, der wohl noch weitere folgen werden, nicht nur das auf/usuciien ist, was sie mit der Bibel verbindet, sondern gerade auch das, wodurch beide in Gegensatz zueinander stehen. *) Wien. 1933. Ein Wort über dieses neu erschienene Buch ist vielleicht am Platze. Der Grundgedanke über den absolut hohen Wert der Bibel als geschichtlicher Urkunde und die Frag- Würdigkeit mancher Bibelkritik ist in hohem Grade berechtigt. Dagegen ist Spinners eigene!Methode, den geschichtlichen Gang auf/u'h eilen, zwar sehr kühn, aber wohl nicht immer zweifelsfrei und manchmal phantastisch. Er unternimmt es, eine Einheit in den Ocschichtsqueilen des biblischen Altertums dadurch herzustellen, «daß er die Völkcruamen der Bibel mit solchen in der ägyptischen, kcilschriftlichen und selbst griechischen Literatur für identisch hält, wenn die Ucbersetzung einen gleichen Sinn ergibt. Das geht natürlich nicht ohne Gewaltsamkeit. Daß ein und dasselbe Volk verschieden genannt werden kann, ist richtig (vgl. Deutscher, Tedesco, German, Allcmatid oder Dutschman, Holländer, Niederländer) aber bloße Ueber Setzungen sind solche Namen nicht.