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Jüdische Rundschau · 1933-12-01 · Heft 96 (1.12.1933) · p. Seite 895

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 96 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 895 (sequence 15)
Language
German
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. 1933 el t*du Nr 96, 1 XII. 1933 jüdische Rundschau _ Seite 893 Liieraiur-Blaii el tschi el?זעו?*• ל*ףי י ס׳{!יךי??!׳מירי? bis na**?ל1ם? WS ןזישיךיק?ז׳ןןיריק ■bis ואי,'־•' ע!לוש ( ^לום> 1?ז^יויק ^יריק bis uu binnen.) js der 3 rdheim. •-־ <1 ngen. — chbach. — singen. — inchen. •— Berlin. ~;nburg. — — Hes, zer, Ruth, Hornung, mburg. — Isruhe. — t׳illi, Breshut, Ruth,!chönlanke. >aul Theo-!1, Köln. — Rubenfeld- Berlin. — — Otten- Berlin. — Rawraway, eich, Hans icheinbach, — Schle- — Silber, 1. — Spier, 1s, Lise. — — Szöny, 1111er, Her- - Wiikow, onenbaum, Nadiiwadie Ludwig Strauß, Nachtwache. Gedichte 1919—1933. Der Deutsche Buch-Club, Abteilung Verlag, Hamburg. ״Wächter, wie weit in der Nacht?“ fragt das alte Mitternachtslied. Und ״Es kommt der Tag-Tag, der nicht Nacht ist noch Tag1‘ lautet die Antwort. —- Ob Ludwig Strauß an dies Zwiegespräch in der Nacht dachte, als er den Namen seines schönen Buches wählte? — Ich weiß es nicht; aber Erinnerung daran kommt imgerufen. wenn man hört, daß diese vieltarbigcn Gedichte in den Jahren 1919 -1933 entstan* den — Jahren des Dunkels und der Verwirrung. Fast Uebcrraschung ist’s und zugleich tief innen Bestätigung einer dunkel erahnten Wahrheit, daß in dieser Zeit voll Zerrüttung und Ratlosigkeit solche überzeitlichen Gaben uns dargereicht werden konnten. — Gewiß, die Schöpfung war auch in diesen Jahren ״beständig“ und atmete frisch erquickt zu unsern Hißen. Sonne schien und Frühjahrsregen fiel; und es gab einen Menschen lind Dichter, der in die Wäldertiefe fauchte und wie als Kind in den Schoß blühender Schöpfung flüchtete. Ludwig Strauß scheint uns in dieser neuen Sammlung erdnaher und schollenverhaftetcr als in seinen früheren Büchern; es ist, als ob er durch manche Qual gegangen, nun mit vollem Bewußtsein danach strebte ״Sinken laß mich in Deine sühnende Liebe!“ Und als sei sein Gebet erhört, werden ihm die Augen aufgetan für die Schönheit der Umwelt. Dem Rhein gilt ein Lied, das flüssig perlt wie goldgelber Wein; und ans Meer führt uns eine Strophe, die vveißscliäurtiend über die Felsen springt wie Meereswogen. Inniger noch leben die Einzelbilder aus der stummen, beredten Welt; die Kastanie mit ihren Blütenkerzen ״wie singende Engel verteilt durch die Sphären“ und die Nachtigall, die den einsamen Dichter grüßt — Einsamkeit zu Einsamkeit. — In dieser lebendigen Welt nun sproßt auch das Schicksal des Einzclmenschen: ein Kind wird geboren mitten in der großen Stadt — und alles Grollen, Fauchen, Kreisehen, Stöhnen schweigt einen Augenblick. ״Dich hieß Gott ja völlig uns vertrauen und so weich und schutzlos zu uns kommen!“ Und nun richtet sich mit neuer Schärfe auch der Blick auf die Gestalten der Umgebung: die Männer, die am Fließband wie Doppelgänger ihrer selbst festgebannt sind, die Verschütteten im Bergwerk kennt jetzt sein Lied. Jetzt auch erscheint, was wir bis jetzt vergessen hatten (und vergaßen’s gern) — die Zeit mit ihrer Unrast und Qual. ״Ruf aus der Zeit“ klingt wie ein Stoßgebet: Ins umkränzte Tor gehen wir nicht ein- Kein Geschmückter reicht hierher Brot: und Wein. Wirren Ruf regiert kein geweinter Brauch, Leichenatem hüllt kein gewürzter Rauch. Denn die 'loten sind unlK'^rnben hier, Offne Kräe walzt Strauch und Mensch und Tier . fn diese Not hinein tönt tief und voll die Friedenssettdüng eines messianischen Höffens: Streckt die Hunde au. im Dunkeln! Jede offne Hand wild funkeln, Jede leuchten dein Genossen, der die Botschaft noch nicht weiß. Wenn sich alle!binde fänden, alle sich ins Line tmndcu, O so mußten flottes beide Hiinde schließen unsern Kreis. Seiner überschweren zwiefachen Aufgabe wird sich der Jude, der in deutscher Sprache dichtet, in diesen Jahren Immer bewußter. Dem Tabor sang er, den des Juden Hymne weiht; und auch dem Rheine, den des Deutschen Lied krönt: ״In meinem Blut und (leist und Wort — Wie schied ich je die Kraft von da und dort? Wo sich's bestreitet, ldirrt's mir mitten innc. In mir kniet Sieg bei Untergang und weint . , Wie des Dichters Kinderblick, der tiefer sieht als die Verständigen meinen, sich aus dieser Not und Qua! befreit, das... muß man selbst lesen. — Nur ein einziges Gedicht aus der Fülle dieses wunderschönen Kranzes sei noch hervorgehoben; weil es zeigt, wie tief dieser Mann der ״zwiefachen Heimat“ auch in die Botschaft unsrer altneuen Sprache eindrang. Das Gedicht ist auf den ersten Blick vielleicht nicht allgemein zugänglich; es heißt ״Einschaltung des W’Adar“ (S. 6-1) und handelt von dem Schaltmonat, der, wie bekannt, in unserm jüdischen Jahr keinen eignen Namen erhält, sondern ״mehr nicht weiß, als ein Und zum Kommenden!“ — Daraus aber ergibt sich dem Dichterauge eine großartige Vision: wie die Weisen der Vorzeit in zwölf Gefäßen Regen und Winde einfingen, Obst und Korn, Frieren und Fülle. Aber ״ein Tropfe Zeit blieb schwer, Mond für Mond in den Himmeln. ..“ bis ein GefäB aufgestellt ward für das Uebrige der Jahre ״Es komme in Frieden herab!“ — Dies letzte Gefäß erhielt keinen Namen — ward nur ein ״Und“ und weiter nichts. ״Ufer des Schweigens“ ist es für den Dichter. Aber zugleich schwingt darin für ihn wie für ans jene ganze unverglcicliliehe und geheimnisreiche Rolle, die das ״Und“ in der hebräisehen Sprache spielt; jenes merkwürdige Hauch-Wort, das aus der Vergangenheit die Zukunft, aus Zukunft Vergangenheit hervorzaubern kann. Als ich den träumenden Tiefsinn dieses Gedichtes las, fiel mir ein lang vergessenes, nachdenkliches Büchlein wieder ein — vor langer Zeit hatte mir’s eine freundliche Hand nahe gebracht. ״Das Wörtlein lind“ heißt es und entstammt dem Paraheklichtcr Krummaclier, Darin findet sieh wohl die schönste Betrachtung über das Und im Hebräischen, die ich außer dem obigen Gedichte kenne: ״Darum ist das Wörtlein UND das Wort des hebräischen Altertums und seiner heiligen Urkunden. Es bindet den Himmel an die Erde, den Menschen und die Natur an Gott... Darum ist diesem Wort auch in der ältesten und heiligen Sprache eine Macht und Gewalt gegeben wie in keiner andern. Sprachkundige wissen, daß es ... Gegenwart in Zukunft, und Zukunft'in Gegenwart, den Befehl in die Ausführung, Wollen in Tat verwandelt. — Es ist ein recht königliches Wort und in dieser Sprache göttlichen Geschlechts; cs deutet auf etwas Unvollendetes hin, das aber vollendet werden wird!“ Bertha ßadt-Strauß. Zu unserem Artikel über den Film ״M a t e r n e 11 e“ in Nr. 95 der ״Jüd. Rundschau“ macht uns der Chefredakteur des ״Kleinen Journals“, Berlin, darauf aufmerksam, daß diese Zeitung in ihrer Besprechung des Films am 3. November den Namen des Regisseurs Jean Benoit-Levy vollständig genannt hat, so daß auf sie der in der ״Jüd. Rundschau“ erhobene Vor- Wurf nicht zutrifft. Heinrich Heines ״Rüdekehr zum Judentum״ Von Max Wiener. Dieser Tage erschien im Idtila-V erlag, Berlin W 15, ein Buch von Max Wiener, ״Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation“. Der Verfasser, der unseren Lesern aus zahlreichen Beitrügen in der ״Jüdischen Rundschau“ wohl hchannt ist, gibt in dem Buche mehr, als der Titel verheißt. Es ist eine Geistesgeschichtc des deutschen Judentums des 19. Jahrhunderts und als solche von größter Wichtigkeit gerade für unsere Zeit, in der die jüdische Haltung des 19. Jahrhunderts sieh in ihrer Korrehturhcdürftigheit enthüllt. Wir werden dieses wichtige Buch noch eingehend uwdigen. Reute veröffentlichen wir mit Erlaubnis des Verfassers einen kurzen Abschnitt aus dem letzten Kapitel des Buches, der Heinrich Heines Stellung zum Judentum analesierl. Red. Als prägnantester Vertreter des iti reine Stimmung aufgelösten jüdischen Gehalts mag Heinrich Heine aufgeführt werden. Wieweit seine Stellung zum angestammten Kreise, sein Verhallen gegen das Judentum, aus dessen formaler Oemeinschaft er leicldher/ig ausschicd, Ausfluß einer Charakterliehen Schwäche ist, das bleibe hier unentschieden. Denn es ist nicht die Rede von dem größeren oder geringeren Ernst, mit dem er das ihm \״on Geburt auferlegte Schicksal trug, nicht von der Bedeutung, die das Judentum für ihn hatte, Aufbruch, Aufbruch! (Nach dem Siernfall im Oktober) Von Karl Wolfskehl O dürft’ ich Stimme sein, das Volk zu rütteln, Wimpel und Fahne, so der Bruder schwenkt, Der Arm, die Schläfrigsten noch wachzuschütteln, Wegnadel sein, die unser Steuer lenkt: War ich als Anruf, Vorbild, Opfer, gro& - Da& wir aufbrechen mühten wie die Schollen Im Lenzsfurm, nodi vereist und schon durchkeimf, Ein Drang uns eine wie die Liebestollen, Die nur im Herzen ihrer Wahl beheimi, Aufbrechen Todessiolz zu zeugen schafften, Draus dunkler Blutstrom rollt der Neugeburt, Aufbrechen ins Verhängte, Schand ist Haften, Wohl euch, und wenn ihr nur von dannen fuhrt! Was euch erwartet? Gleich ist’s. Weiter, weiter! Denkt nie: was ließen wir? Es geht zu Ihm Durch Furt, Schlucht, Wüstenei zur Gottesleiter, Zum Auf- und Abstieg seiner Cherubim! Saht ihr den Goldflug himmelüberstäubend? Sternregen über uns! Das Zeichen gilt, Wenn es euch strahlt und dröhnt, wenns überfäubend Posaunisch eure Nachtgesichte stillt. Sternregen, Himmelsaufbruch, wer bereit war, Ins Herz ihn nahm, dem geht als Gotteskeim Er leuchtend auf, der Herr, der einst Geleit war Den Vätern, seht, labt uns nicht fahrtallein. Fahren mit ihm! Hinaus! Allruf der Stimmen, Allschwingen unsrer Sehnsucht, unsres Arms Stahlgriff! Was Steuer? Die Woge trägt, wir schwimmen In Morgens Meer, getränkt von Fluten Harms - Meer, Meer, wir selber, wogend in Morgens Schob! sondern allein von der Form, die es in seinem Geist und in seiner Phantasie annahm. Vielleicht ist Heine nirgendwo rortiantischer als in seiner jüdischen Haltung. Wobei das Wort ,,Romantisch“ in jenem mehrdeutigen Sinn genommen wird, da es einmal das Abgleiten aus aktueller Wirklichkeit in poetisch geformte und sagenhaft um glänzte Vergangenheit bedeutet, womit zum andern die ironisierende Zersetzung jedweder Gegenwärtigkeit mit den von ihr gestellten praktischen Aufgaben und Forderungen zusnmmcnhängt, die Verantwortungslos^- Reit im Gegebenen. Was dann zur Heratisliebung einer eigenen Lehenswelt von besonderer ans Außerordentliche rührender Natur führt, zu rein artistischer Genügsamkeit an einer im Dichterischen gründenden Realität. So zieht ihn das Alte, Dunkle, Geheimnisvolle des jüdischen Mittelalters nicht weniger an als seine christlich-germanischen Romantikerkollegen die Vergangenheit ihres Volkstums. Aber es bleibt ein Unterschied. Die Tieck und Waekcnroder, Novalis und Hölderlin waren bei ihrer Versenkung in die herrliche Zeit der Ritter und der Heiligen nicht nur persönlich ungestört kraft ihrer Zugehörigkeit zu dem herrschenden Glauben und Volke, ihre poetischen Ideale schienen sich zugleich der allgemeinen Restauration in Politik, Religion, Kultur wohl einzusrhmiegen, während Heines jüdischer Romantizisinus — sollte seinem Träger freie Luft zürn Atmen gegeben sein -- in ihm notwendig den Riß zwischen solcher romantischreaktionären Zeitströmung und den unmittelbaren Lehensinteressen eines Juden zu herbster Empfindung bringen mußte. Was er im ersten seiner Damaskusbriefc schreibt, gilt recht cigcntlieh für ihn, nämlich während man sich in Europa an den Märchen des Mittelalters, an jenen schauerlich naiven Sagen, ergötzt, die einen so trefflichen poetischen Stoff abgeben, beginnt dieses Mittelalter im Orient wieder einmal recht leibhafte Gegenwart zu werden. Und der türkischen Barbarei in Syrien entsprach ja durchaus in europäischer Aufmachung die Rückwärtserei in den deutschen Staaten. Das jüdische Interesse am Siege einer liberalen von keiner Kulturreaktion verdunkelten Staats- und Gesellschaftsauffassung, ein Interesse, das sich ja in seinem eigenen Lebensgang oft genug kundgetan, dem er als politischer Schriftsteller immer gedient, stand in mcrkw'ürdigem Gegensatz zu einer poetischen Richtung, die ihm von Haus aus nahelag. So ist seine Liebe zum jüdischen Volk, dessen Vergangenheit er verklärte, eine Art liebkosenden Mitgefühls mit seiner Not und seinem düsteren Martyrium, weit entfernt von persönlieber Identifizierung mit einem nationalen Geist, dessen Charakter eine solche Geschichte von Leid und Kummer produziert hatte. Die poetische Wirklichkeit und die menschliche treten weit auseinander. Es gehört zu jener, wenn er anerkennende Worte für den Chacliam Bernavs findet, und abschätzige für die Kley und Konsorten vom Hamburger Tempel, deren aufpolierendes christelndes Judentum ihm widersteht, wenn er Eduard Gans, den ,,Fahnenträger“ des Kulturvereins, wegen seiner Taufe heftig tadelt, mu kurz darauf das Gleiche zu tun. Poetisch ist sein Seufzer über sein und der Seinigcn Unvermögen, mit langen Judenbärten den Hohn der Welt herauszufordern. Fr ist überall da mit einer gewissen Heftigkeit Jude, wo dieses judesein jenseits der eigenen Wirklichkeit in einer romantischeren Gegend starke, charakteristische, unverwaschene Formen trägt. Und er leugnet es auch gar nicht, daß dieses jüdische Bewußtsein in ilun sieh am fruchtbarsten in einer gewissen Distanz von jüdischer Wirklichkeit entfaltet. Denn — und damit spricht er die Wahrheit - seiner hellenischen Persönlichkeit ist alles; Na/arenertum, das jüdische wie das Christliehe, gründlich zuwider. I r bleibt Liberaler der bürgerlichen Emanzipationsschicht, begeisterter Freund der Ideen von 1789, soweit ihre Konsequenzen, wie er sie fühlt und fürchtet, nicht eines Tages zur kommunistischen Revolution fuhren, kurz, Jude von der Art, wie sie ftir die Gesinnung des späteren 19. Jahrhunderts bei den nicht gerade fanatischen Assimilantcn typisch geworden ist. Das gilt ähnlich auch für seine Haltung zum religiösen Glauben, dem allgemeinen und im besonderen dem jüdischen. Freilich die dogmatischen Deutungen, welche die aufgeklärte liberale und orthodoxe jüdische Theologie der altererbten Lehre gegeben hat, die Umbiegung des alten Mcssiasglaubcns in einen sozialen Optimismus, die Kanipfesstellung gegenüber dem Christentum und Aehnliches haben auf ihn auch nach seiner ״Bekehrung“ keinen sonderlichen Eindruck gemacht. Er bezieht seine Einsichten und Anregungen offenbar aus erster Quelle, aus der Bibel. An ihr findet er den Halt für die Umkehr von einer glaubcriscntfernten Philosophie zu einer religiösen, einer ״deistisclien“ Lehensempfindung. Das Leid seiner Krankheit, die Vergällung rein dionysischer Wcltbctrachtung durch die Rückschläge eigenen Schicksals hat gewiß zu der neuen Haitung beigetragen, die von zerknirschter Sündenangst und allen schwülen Requisiten christlicher Bekehrung sehr weit entfernt bleibt. Die evangelische Gläubigkeit, der er kraft seines Tauf- Scheins nach wie vor äußerlich erhalten bleibt, hat nach seiner Bekehrung: so wenig Einfluß auf ihn wie vorher. Was ist nun der Anteil der jüdischen Gläubigkeit an dieser Umwandlung? Cs ist nicht viel mehr, jedenfalls kaum durch bestimmte Aeußerungen zu belegen, als das Bekenntnis zum persönlichen Gott, das den verlorenen Sohn, nachdem er solange hei den Hegelianern die Schweine gehütet, zurückführt, — wohin? Doch vvnlil mehr ah von irgendwelchem philosophisehen Hochmut und metaphysischer Selbstverblendung zu einem Bedürfnis, einen seelischen Stützpunkt an einer religiös gefärbten Gmmlansicht zu finden, als daß die Bindungen fest umschriebener religiöser oder gar theologischer Gedanken ihn ergriffen. Die protestantische Konfession streift er nicht ab, weil sie ihn nie sonderlich geniert hat. Den jüdischen Glauben braucht er nicht atmmchmen, weil das an ihm, was ihn fesselt, nicht eigentlich von! Judentum als ein ausschließlicher Besitz reklamiert werden kann, sondern längst Gemeingut aller geworden ist, wenn es überhaupt mehr bedeut et als allgemein deistische Tendenz zu personalidisclier Weltauffassung. Die Unsterblichkeit, die aus diesem persönlichen Regiment eines sich sorgenden und helfenden Gottes folgen mag, wird als ״Rejouissance“, als erfreuliche Zugabe heim Kauf, dankbar angenommen. Das alles Stellt auf etwas schwebendem, schwankendem Grunde, aber doch wohl auf nicht unsichererem, als jemals weltanschauliche Wahrheit und Wahrhaftigkeit hei Heine gestanden haben. Die Bibel, natürlich Alten Testaments, ist ihm um so mehr wahr geworden, wie es einst in seiner hei- Ionischen Zeit der Homer gewesen ist. In dieser veränderten Stimmung empfängt sogar der Protestantismus eine neue Würdigung, allerdings nur im Uchte der jüdischen Bibel. Galt er einst als der Schrittmacher der Denkfreiheit, die Reformation als das Tor zur Philosophie, so werden ihm jetzt vor allem seine Verdienste um die Erhaltung und Verbreitung des jüdischen Schrifttums zugute gehalten. So zeigt sich wohl in der gesamten Haltung zum Judentum eine Verstärkung der positiven Ansätze. Gleichwohl möchte man in summa urteilen, daß Heines Heimkehr zum Judentum doch eben nur die Rückkehr zu einem Boden ist, in dem er nie sonderlich tief gewurzelt hat. Sein Schwerpunkt war nieinals in diesem gelagert. Das Schwankende, Unsichere bloßer Stimmungen läßt wohl nicht mehr wie einst und wie beim schlechthin romantischen Geist die Umrisse der festen Dinge je nach momentaner Gemfitserregung ins Vage verschwimmen. Aber die Einsamkeit seines Judentums, sein persönlicher Abstand von den konkreten Tagessorgen seiner Gemeinschaft läßt eine Haltung, eine deutliche bindende Stellungnahme zu den konkreten Gedanken der jüdischen Lehre nicht aufkommen. Er denkt viel mehr wohlwollend über das Judentum, als daß er für sich selbst eine starke Position in ihm suchte. Im 67. Lebensjahr verstarb in Tel-Awiw der Schriftsteller und Pädagoge Samuel Leib G o r d o n, der sich auch als Ucbersctzer von Werken der Weltliteratur ins Hebräische einen Namen gemacht hat. Soeben ist in Tel-Awiw die erste Nummer der von Ittamar Ben-Avi herausgegebenen hebräischen Zeitung ״Deror“, die in lateinischen Lettern gedruckt wird, erschienen. Ben-Avi setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, die lateinische Schrift für die hebräische Sprache einzuführen.

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