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Jüdische Rundschau · 1933-12-01 · Heft 96 (1.12.1933) · p. Seite 881

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 96 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 881 (sequence 1)
Language
German
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Mit Beilagen! ״Kinder-Rundschan" I Literaturblatt / Jüdischer Sport Einzelnummer RM 0,2S JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2. — R M., vi erteljährlich 5.75 R M. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung odet Rückerstattung der Bezugsgelmhren. — Auslandsahonnements werden in der Währung des einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis: Acht fespahene Millimeterzeile 030 RM. Stellengesuche 0,15 RM. Einzel-Anzeigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H.,Berlin Wl5,Meinekestr.lO. Telefon: 1 1 Bismarck 716570־. Anzeigen Annahme: Montag bis Freitag von 9 — 3 U h r. Anzeigenschluß: Dienstag - Nuninner: Freitag nachmittags 3 Uhr P os tsc hec k ~ K.0111 en : Abonnements-Abt. (auß.cr Groß-Berlin): Berlin 173 92, Abonnements-Abt. für Berlin Berlin 715 73. 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Die Frage, die nicht wir aufgeworfen haben, sondern die dieser geschichtliche Moment, den wir durchleben, gewissermaßen von selbst zu stellen scheint, die Frage, ob das deutsche Judentum diese Prüfung besteht, ob es seiner Aufgabe gewachsen ist, bringt uns heute schon in einige Verlegenheit. Die Geschichte hat es gefügt, daß das deutsche Judentum in einem Moment der die ganze Welt umspannenden großen Krise eine führende Rolle in der jüdischen Erncuerung hätte spielen können. Ja, man kann sagen: In zwei Ländern ist jüdische Geschichte heute so lebendig und so greifbar wie nirgends sonst: in Deutschland und in Palästina. In Palästina vollzieht sich, gewiß unter großen Schwierigkeiten, aber auch in einer für das jüdische Volk neuen Freiheit der Lcbensgestaltung, der Aufbau der Heimstätte, die die Existenz des Volkes ver-!bürgen, seine schöpferischen Kräfte bewahren und das Neuerstehen seines Geistes vorbereiten soll. ln!Deutschland vollzieht sich die aufwühlende seelische Erschütterung, die nach einem Jahrhundert der jüdischen!Gedankenlosigkeit und der platten Aufklärungs-Idcologie die Juden wieder an die Tiefe ihrer Bindungen mahnt und an die Abgründe ihres Schicksals führt und dem Judentum konkrete L e b e n s re a 1 i t ät gibt. Gerade weil das deutsche Judentum in seinem Bewußtsein so entjudet war, ist die Umwälzung so groß, daß aus der gewaltigen Spannung gewaltige Energien entstehen müßten, Das Schicksal der Juden in Deutschland ist für alle Juden in der Welt ein Ansporn, jüdische Dinge umzudenken. Weite Kreise drücken sich noch immer vor dieser Notwendigkeit. Es ist ein eigentümliches geistiges Drückebergertum. Wir beobachten es z. B. an einer Reihe jüdischer Emigranten, die jetzt im Ausland als Journalisten und Literaten ebenso unbekümmert wie vorher in Deutschland ihre Tätigkeit betreiben, ahnungslos bezüglich ihrer cige- Inen jüdischen Verstrickung, in dern naiven Glauben, die!einzigen maßgebenden deutschen Werturteile zu besitzen.!Aber wir beobachten es — und das ist viel wichtiger — Ibei einer ganzen Reihe von Juden in Deutschland, [und besonders in Kreisen jüdischer Funktionäre, die bis- [her ihre Geltung im jüdischen Leben auf bestimmte pro- [grammatische Einstellungen stützten und hieran festhaipen möchten, nachdem das ganze Gebäude zusammen- [gestürzt ist. Wir beobachten, daß die alten assimilatori- [sehen Vorstellungen in einem neuen Gewände aufgetischt [werden, wobei man natürlich im heutigen Deutschland [nicht mehr mit denselben Ansprüchen in der Oeffentlich- [keit auftreten kann wie früher, aber das liegt nicht an liier eigenen Einsicht, sondern an den äußeren Bedingun- Igen. Heute begnügt man sich mit einem Ghetto-Dasein,!wodurch die Gefahr einer Ghetto-Mentalität sehr nahe jriiekt. Wenn solche Tendenzen im deutschen Judentum jtlie Oberhand gewinnen, dann würden wir Juden wieder Izuin kläglichen Objekt des Geschehens werden, wir wiir- Iden aus der Krise nicht zur Umkehr gelangen, sondern fcur Entartung. I Wir hören manchmal, man könne nicht unter einer ■bestimmten ״Konjunktur“ eine andere Gesinnung annchjmen. Dieser Einwand zeigt eine völlige Verkennung ■des Problems. Es handelt sich nicht um eine ״Konjunk- |ur“; wir halten nicht viel von den Konjunktur-Rittern, |üc jetzt an manchen Orten zum Zionismus strömen. Es!handelt sich vielmehr um etwas viel Wesentlicheres, näm- ■ich um Erkenntnis der J u d e n f r a g e. Es ist bellaucriich, aber keine Schande, daß so viele deutsche luden, in bestimmten sozialen und geistigen Verhält- Bussen lebend, die Judenfrage nicht gesehen haben; »chümmer ist es, daß viele sie nicht sehen wollten. ■Aber heute ist sie da, und jeder muß sie sehen. Dar- Pm handelt es sich, und um nichts anderes. Heute gibt ps keine Entschuldigung mehr. Wer heute die ■Menfrage nicht in ihrem wahren Wesen sehen will, der pegeht einen Frevel am Judentum, am jüdischen Geist Ind an der jüdischen Würde. Darum ist dieser Moment fler deutschen Entwicklung von so prinzipieller Wichtigleit für das gesamte Judenproblem nickt nur in!Deutschland, sondern in aller Welt. Dabei sind die ein- /.einen konkreten Formen, in denen sich die Judenfrage in Deutschland gezeigt hat, nur von sekundärer Beden• tung. Wichtig ist allein, da 11 sie sich gezeigt hat, und zwar in unverkennbarer, unülersehbarer und unüberhör• barer Deutlichkeit. Wir Zionisten bedauern gewiß, was in Deutschland in bezug auf die Juden geschieht, aber wir bedauern ebenso, daß es erst dieser krassen Deutlichkeit bedurfte, um den Juden die Problematik ihrer Existenz im Galuth zum Bewußtsein zu bringen. Denn Galuth bedeutet, daß die latente Judenfrage immer da und dort inirgendcinerForm zum Vorschein kommen kann. Unsere Generation hatte das Erlebnis, Auge in Auge mit ihr konfrontiert zu sein. Für diese Frage ist es ganz unwesentlich, ob das deutsche Regime in Zukunft diese oder jene Haltung gegenüber den Juden in Einzelfragen einnchmen wird. Wir hoffen, dal? der Augenblick der Versöhnlichkeit, der Augenblick einer auch für uns tragbaren Einordnung kommen wird; wir wünschen keine Bitterkeit im Herzen zu bewahren, aber diese Bitterkeit können wir nur dann überwinden, wenn wir den jiidischenSinnzusamm e n h a n g des ganzen Geschehens begreifen. Darum dürfen wir auch niemals vergessen, was geschehen ist. Viele Juden würden nur allzu gern diesen ״Ansch auungs- Unterricht in J u d e n f r a g e“ veigessen, damit sie wieder ruhig auf dem Ruhekissen ihrer assimilatorischen Fiktionen schlafen können. Würde dieser Anschauungs-Unterricht vergeblich bleiben, dann hätte sich erwiesen, dal? in der Tat leine Lebens- Schwungkraft (Elan vital) im deutschen Judentum mehr vorhanden war. Wir glauben — und viele Erfahrungen bestätigen es uns daß der einzelne Jude heute diesen Sachverhalt mehr oder minder deutlich empfindet. Aber ein bloßes Trotz- und Ab wehr Judentum, wie wir es mancherorts begegnen, ist zu wenig; es bedarf einer wirklichen Erkenntnis, einer innerlichen Bejahung des Judentums, einer Wicdercinstcllung in die jüdische Kontinuität, und das heißt: eines Glaubens an die jüdische Zukunft, die nur durch das nationale Jassy, 28. November. (J. T. A.) Im jüdischen Viertel von Jassy ist es zu schweren Ausschreitungen der Eisernen Garde gekommen, die erst durch Eingreifen von Militär unterdrückt werden konnten. Die der Eisernen Garde angehörenden Studenten, die in den letzten Tagen wiederholt Kundgebungen veranstaltet hatten, bei denen es zu Znsammenstößen mit der Polizei kam, hatten sich in ihrem Vcrbandsheini verbarrikadiert und warfen aus den Feilstem Sprengkörper auf die von der Polizei abgesperrte Strafte. Nachdem ihre Forderung nach freiem Abzug von der Polizei abgelehnt worden war, versuchten etwa 2000 Studenten den Polizeikordon zu durclibrecln-11 und ihre im Heini eingcschlosseneii Kameraden zu befreien. Dieser Versuch mißlang. Daraufhin zogen die I sc edenten in d a s j ü - dische Viertel, drangen in jüdische Geschäft s- 1 ri d e 11 11 n d I d ä 11 s e r 1 i 11 u 11 d mißhandelten j ü - <1 i sehe P;1 s s a 111 e 11. 2(;0 j ii di sehe Häuser wurden b c i di e s e m U e b e 1 f;1 11 g c p 1 ii 11 d e r t. Da die Unruhen einen immer bedrohlicheren Umfang annahmen, mußte die Polizei und Gendarmerie durch Mi!Lärabtcilun״en verstärkt werden. Es entwickelte sich itn jüdischen Viertel eine rcgelrechte S t r a (1 e 11 s c 111 a c h t. Der Polizeibericht stellt lest, dal? Militär und Polizei von der Schußwaffe erst Gebrauch machten, als sie aus der Mitte der Demonstranten mit Steinen und Ziegeln beworfen und beschossen worden waren. Es wurde ermittelt, daß kommunistische Elemente sicli der Eisernen Garde angeschlossen hatten. Insgesamt wurden 115 Mitglieder der Eiser- 11en Garde verhaftet. Die Ruhe in Jassy ist wieder vo-llkommen bergest eilt. lieber die Ausschreitungen wird ferner berichtet: Daß cs im Zentrum der Stadt niclit zu einem wilden Gemetzel gekommen ist, kann dem rechtzeitigen Eingreifen der jütiischen Selbstwehr zugeschrieben werden, die das Vordringen der Eisernen Garde aufhielt, bis Militär eingesetzt wurde und den Unruhen ein Ende machte. Die Nachricht, daß ein uidischer Einwohner getötet wurde, bevor es zu den Kämpfen zwischen den Eisengardisten uad dem Militär kam, hat sich Zentrum in Palästina gesichert wird. Wir könnten es mit Genugtuung begrüßen, dal? andere jüdische Gruppen in Deutschland - ein halbes Jahr später — unsere Eormulierungen übernehmen, wenn wir nicht die Dürftigkeit empfänden, die den Worten dort unterlegt wird. Oft dienen Worte ■dazu, das Gegenteil dessen auszudrücken, was ihr Sinn besagt Wir hören ״Selbstbesinmaig“, wenn gemeint ist Selbstaufgabe, wir hören ״Erneuerung“, wenn gemeint ist Festhalten am Ewig- Gestrigen. Ernster schon scheint es uns, wenn wir in dem Organ des ״Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten“ lesen, die hinter diesem Organ stehenden Kreise hätten ״nie die Tatsache geleugnet“, d;tl? die Juden ,,andersartig“ sind und hätten sich nur gegen den Vorwurf der Minderwertigkeit verwahrt. Nun ist heute gewiß keine Zeit, jüngste Geistesgeschichte zu analysieren; man könnte leicht nachweisen, daß eine ganze zionistisclie Literatur verschrieben werden mußte, um diese — nach unserer Meinung freilich evidente —- Feststellung gegen die assimilatorische Welt, die um jeden Preis ihre ״Andersartigkeit“ leugnen wollte, zu vertreten. Indemselben Artikel wird gesagt, wir müßten es als Glück empfinden, daß die Zeiten, wo man sein Judentum schämhaft verbergen wollte, vorüber sind, und wir müßten stolz das Haupt erheben bei dem Ruf ״Ich bin ein Jude“, Man ,meint stellenweise, ein zionistisches Dokument zu lesen. Wir könnten uns über diese Ausführungen, sofern wir sie als Zeichen eines Gesinnungswandels nehmen, aufrichtig freuen, wenn wir nicht zugleich wüßten, daß der ״Reichsbund׳ Jüdischer Frontsoldaten“ nicht im Sinne dieses Artikels handelt, nicht Konsequenzen aus dieser Bejahung des Judentums zieht, sondern sich zum Exponenten der a s s i in i I a to r isehen P r o p aga nd a und P o1 i t ik in De u t s e h - land zu machen b e s t r c b t i st. Die T atsachcn zwingen uns zu dem Verdacht, daß hier die Zuflucht zu dem so stolz klingenden jüdischen Bekenntnis nur darum genommen wird, weil nichts anderes übrig bleibt, und daß man auf den Moment hofft, wo die Fesseln des erz.wungenen Judeseins wieder fallen. Anders wäre es nicht zu erklären, daß man die Legitimation zur Führung der Juden gerade auf Gebieten sucht, die nicht das geringstc mit Judentum zu tun haben. Eines stellt fest: Diese nicht bewahrheitet. Wohl aber hat 11er Zusammenstoß zwischen Selbstwehr und Eiserne Garde eine große Zahl von Verletzten auf beiden Seiten gefordert. Wallrend so die jüdische Bevölkerung des Stadtinn cm vor dem Schlimmsten behütet blieb, war cs in anderen Stadtteilen nicht gelungen, rechtzeitig Gegenmaßnahmen gegen die Unruhestift er zu treffen. Diese Stadtteile bilden ein Bild grauenhafter Verwüstung. Unter den verhafteten Eisengardisten befindet sich auch der Führer dieser Organisation, der bisherige Abgeordnete Cornelia Celea Codrcanu, Die Jüdische Gemeinde hat veranlaßt, daß von •den jüdischen Stadtteilen, in denen die Eisengardisten ihre Zerstörungen angerichtet haben, photographische Aufnahmen gemacht werden, die einer Denk- Schrift heigclegt werden sollen, die der Regierung und dein Völkerbund unterbreitet werden soll. In Jassy herrscht jetzt Ruhe. Starke Truppen- Abteilungen bewachen die Straßen. Jüdische Häuser sind vielfach noch verbarrikadiert. Jüdische Kinder gehen vorläufig nicht zur Schule. ן Auch in Bukarest versuchten Studenten vor der Universität eine Kundgebung zu veranstalten, sie wurden von der Polizei zerstreut, die 20 Verhaftungen vornahm. ln der Hafenstadt Konstanza kam es zu einem Straßenkampf zwischen Polizei und antisemitischen Demonstranten. Ein Student der Eisernen Garde wurde getötet, zwei Studenten wurden verwundet. Aus zahlreichen Städten werden Massen- Verhaftungen von Eisengardisten gemeldet. Der Min ist er rat hat eine Sitzung abgehalten, nach der ein Corntnunique ausge״ehen wurde, in dem die Regierung erklärt, sic sei entschlossen, ihre Politik des Friedens und de!■ Zusammenarbeit unbeirrt ilurch/ufiihrcn; jede zu Haß und Aufreizung zwischen einzelnen Rcvötkeriingsteilen führende Agitation und alle Versuche, die Rulie zu stören und die Stellung der Regierung zu untergraben, würden von den Behörden rücksichtslos unterdrückt werden. Schwere Ausschreitungen in Jassy Energisches Vorgehen der Regierung

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