Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 94 (24.11.1933)
- Date
- 1933-11-24
- Page
- Seite 853 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 94, 24. XI1933 jüdische Rundschau Seite 851 Die Gründangsversammlung der Separatisten Wenn, sicli vier achtbare, in ihren Berufen bewahrte, in ihrem Lehen unantastbare, aber In jüdischen Dingen unwissende Männer zusammensetzen und auf den bösen Zionismus, scliimp-. fen — wie nennt man das am zweckmäßigsten? Sdbstverstündlich — nur keine falsche Bescheidenheit! — ״Erneuerungsbewegting der jüdischen Deutschen“. Unter dem macht man es nicht. Und ״erneuert“ wird das Judentum nicht etwa von denen, die es erfaßt und erlebt haben, sondern von denen, die es jahrzehntelang zu denaturieren bestrebt waren. Je weniger Judentum, um so willkommener dem Erneuerer. Am Montag, dem 20. November, fand die erste Versainmlung dieser Bewegung statt. ״Bandesführer“ ist Herr Bruno W oy d a. Er führte in seiner Hede aus, daß es kein jüdisches Volk gebe, da es vor Jahrtausenden gestorben sei, und daß die Verbundenheit der Juden eine rein religiöse sei. Die Zer- Streuung Israels habe sich sogar als ein Segen erwiesen! Es beginne jetzt der Kampf um eine neue Emanzipation, getragen von einer neuartigen Verwurzelung im Deutschtum und einer neuen Berufsgliederung. Nur zwei Bewegungen hätten im deutsehen Judentum eine Existenzberechtigung: die zionistische und die deutsch-jüdische; sie sollten in Anstand miteinander arbeiten. Er verwahrte sich schließlich gegen den Vorwurf, daß die Dcutschjuden keine Juden mehr sein wollten; im Gegenteil, sic forderten ein ״ungebrochenes Judentum“. Als zweiter Redner führte Herr Wilhelm Grätz diese Ansichten fort. Die Leistung des Judentums beruhe einzig und allein auf religiösem Gebiet. Palästina sei eine Lösung־ für ,.Einzelschicksale“ und als solche erkennt er sie an. Aber die Gesamtheit des deutschen Judentums sei an Deutschland ge• bunden. — Die Reichs Vertretung sei trotz hervorragender Arbeit auf den! Gebiet der Hilfe und des Aufbaus keine wirkliche Repräsentanz der deutschen Juden, weil — selbstverständlich die Mehrheit auf seiten der Erneuerungsbewegung stände (!). Interessant war seine Distanzierung von der Naumannsdien Richtung: man wolle keine ״Denunziation von Juden“. Die Erneuerungsbewegung wolle das jüdische Schicksal in Deutschland gestalten. Der dritte Redner, Herr Wilhelm Marcus, fand heraus, worin der große Erfolg des Zionismus beruhe. Das Judentum, sagte er, ist dein Zionismus ״anheimgefallen“, weil es ihm zu gut ging und weil es wurzellos geworden war. In dieser Ratlosigkeit hat es sich den zionistischen Verführern an den Hals geworfen. Aber eine Lösung bedeute Palästina nicht. Der vierte Redner, Herr Alfred Pcyser, meinte, das Judentum sei in seiner Geschichte niemals einheitlich gewesen und zog daraus den kühnen Schluß, daß folglich heute die Erneuerungsbewegung auch das Recht habe, gegen die verdcrblichen Anschauungen der Zionisten aufzutreten. Von allen vier Rednern wurde die Verbundenheit des deutselten Juden mit deutscher Kultur betont (die der Zionismus nicht bestreitet), aber weitergehend ein restloses Aufgelten in deutschem Volkstum überhaupt verlangt. Man nennt das heute aber nicht mehr Assimilation, sondern ״Volksverbundenheit“. Diese wurde immer wieder behauptet, aber ein Beweis war nicht zu erbringen; denn man sollte doch gelernt haben, daß dies nicht eine Frage der Deklaration subjektiver Gefühle ist. Das niedcrdnkkcmlste an allen Aeußerungen war die kurzsichtige Betrachtungsweise. Keiner der Redner beachtete /. B., wie eng das Schicksal der Juden in einem Land mit dem Schicksal der Juden eines anderen Landes zusammenhiingt. Die tiefen Wurzeln der Judenfrage will niemand von den Herren sehen. Es ist auch nicht uninteressant, daß die brauchbaren Forderungen dieses Kreises (Berufsumschichtung; positives Judentum usw.) zionistischem Gedankengut entstammen. Von Jugend war zwar viel die Rede, aber wenig im Saale. Und das ist wohl letzten Endes das Entscheidende. Die Jugend weifl, zu wem sie gehört. ~n. ln aller Kürze Das jüdische Wirtschaftskomitee in Warschau übergab der Direktion des staatlichen Arbeitsfonds, dem Minister für sozialen Schutz, und dein Ministerratspräsidium ein Menioramlum, in dem die Not unter der jüdischen Bevölkerung geschildert und um staatliche Hilfe ersucht wird. Etwa 200 030 jüdische Familien Polens leben in äußerster Not, mehr als 100 000 jüdische Familien verfügen nicht über das kleinste Existenzminimuin, immer größere Schichten der jüdischen Intelligenzberufc werden erwerbslos. In der letzten Sitzung des tschechoslowakischen Parlaments wurde das Budget behandelt. Das Budget des Schulministeriums sieht eine Dotierung von Ke. 702 SOO für den jüdischen Kultus (im Vorjahre 1 808 €00) jnsgcsamt vor. Der Rat der Dauziger Hafenverwaltung hat Dr. Kurt Nawratzky zum Vertreter der Dan/iger Hafenverwaltung in Palästina mit dem Sitz in Haifa ernannt. Dr. Nawratzky hat gleichzeitig die Vertretung des polnischen Hafens Gdynia für Palästina tibernommen. Auf den! Jüdischen Friedhof auf dem Oelberg zu Jcru- Salem fand die Beisetzung des vor einiger Zeit in New York verstorbenen bekannten jüdischen Philanthropen Israel Rokeach und seiner Gattin Hannah ßrcindel Rokeach statt. Nächsten Dienstag: JÜDISCHE MUSIK Nächsten Freitag: «INDER-RUNDSCHAU Palästinensisches Theater und deutsche Alifah Von Manfred Gels. Tel-Awiw, fm November 1933. Der Verein der Freunde des palästinensischen Arbeiter- Theaters ״Ohe!“ lud zu einem Abend ein, der den Einwanderern aus Deutschland gewidmet war. Hiermit eröffnete man eitle Reihe von Veranstaltungen, deren Zweckes sein soll, über die Aufgaben des jüdischen Theaters in Palästina — des ״Obel“ insbesondere — zu sprechen, um sich somit einerseits einer anregenden, befruchtenden Kritik auszusetzen, andererscifs den Kontakt zwischen Publikum und Theater zu festigen. Walter Preufi referiert« über die Entwicklung des ״Ohcl“ in Palästina während der neun Jahre seines Bestehens, Er gab wesentliches statistisches Material bekannt: ״Ohel“ hat während dieser neun Jahre 15 Stücke herausgebracht (unter anderem: ״Jakob und Rachel“, ״Nachtasyl“, ״Jeremias“ und neuerdings ״Drei-Groschen-Oper“). Etwa eine halbe Million Menschen besuchten die Aufführungen in dieser Zeit. Die Kosten für Saalmiete — da ein eigenes Hans fehlt —■ verschlangen 30 aller Einnahmen, die Schauspieler spielten auf Basis des ״Kollektivs“. Diese Angaben genügen, tun stell an ׳fünf Fingern auszureclincn, wie schwierig die materielle Fundamentierung war und heute noch ist; unter welch schweren, für einen europäischen Schauspieler fast unvorstellbaren Bedingungen diese Menschen mit Aufwand des großtcu Idealismus ihrer jüdischen Kunst gedient haben. Gleichzeitig aber kommen dem Zuhörer schwere Bedenken, ob dieser Zustand, der heute nach neun Jahren immer noch nach allen Seiten hemmend wirkt (und der sich übrigens bei der ״Habimalt“ gleichfalls zeigt), nicht den Bankrott der dramatischen Schauspielerkoliektive Palästinas darstellt. Es steigen dem Bctrachtcr starke Zweifel auf, ob nicht ein gutgeführtes Unterneluner-Theater der Form des Kollektivs ■vorzuziehen sei, oh nicht das erstrebte und erstrebenswerte Ideal ״Das Theater dem Schauspieler“ gerade durch das Kollektiv — so paradox es klingen mag — ans dem Möglichkeitsbereiche der Verwirklichtmg geschoben wird. Theater benötigt eine starke Hand, die es wirtschaftlich und künstlerisch führt. Theater benötigt ihm ganz hingegebene Menschen, Menschen, die einfach nicht auf die Datier von ernstesten wirtschaftlichen Sorgen bedrängt werden dürfen, wenn sie schaffellsfähig bleiben sollen, Menschen, die nicht tagsüber schwer körperlich in anderen Berufen arbeiten können, wenn das Publikum am Abend ihre Seele verlangt. Wir gehen vollkommen mit der Forderung der Veranstal- 1ung einig: Schafft dem palästinensischen Theater, den naläsfitiensisehen Schauspielern bessere Lehensmöglichkeifeit, aber — auf dem' Wege der Vereins-Sammlung wird dieses Ziel nicht erreicht werden. Das Uebei sitzt an der Wurzel. Der Baum muß in einem Fundament ruhen, das ihn tragen kann. Nach dem großen Erfolg der ״Drei-Groschen-Oper“ — Inszenierung von Alfred Wolf — wagt sich ״Oliel“ nun an Büchners ״Dantons Tod“ heran. Es wäre verfrüht, heute, wo das Stück in erster Vorbereitung sich befindet, vorgreifen zu wollen durch Stellen von Prognosen. Als Regisseur wurde Friedrich Lobe verpflichtet, ehemaliger Leiter der Hamburger Kammeispiele bis zu ihrem Zusammenbruch, Lobe war der zweite Redner des Abends. Leider ließ er — ziemlich unmotiviert — sein ttrsprünglich angekiindigtes Thema ,,Volksbühne im Ausland und in Palästina“ fallen, wozu sogar sehr Vieles und Aufschlußreiches hätte gesagt werden können, und sprach dafür über den ״Schauspieler, seine Arbeit und sein Publikum“, ohne einem theaternahen Kreis wesentliche Dinge zu übermitteln. Das interessanteste Referat des Abends hielt Hermann B a d t. Bad! ging davon ans, daß das Hauptproblem der deutschen Alijah, die wirkliche Eingliederung, nur zu einer Lösung gelangen könnte durch das Gemeinschaftscrlebnis. Die Wirkung des Gemeinsrliattserlehnisscs in den Kwuzoth sei ein Faktum, das nicht zur Diskussion steht. Schwieriger liege die Sache für den Städter, der nicht fähig ist, sich dem Leben der Kwtizah einziifiigcn und in der Stadt bleibt. Es ist symptomatisch für die Entwicklung beispielsweise Tel-Awiws, daß diese Stadt, deren Einwohnerzahl die 100OfX) noch nicht erreicht hat, die Ambitionen einer Großstadt hat und zum Teil auch ihr wirkliches Gepräge tragt. Hier das jüdische Gemeinschaffserlebnis zu empfangen, wäre eine schwierige Sache, hätten wir nicht die Hunderte von Svnagogen, die nach alter jüdischer Sitte in erster Reihe die Erfiilhing dieses Zieles zur Aufgabe haben, hätten wir nicht Veranstaltungen im Stile des Bialikschen One ff Schabath, der in jeder Woche auch für den regelmäßigen Besucher einen Eindruck von unerhörter Stärke darstellf, und hätten wir nicht —• das palästinensische Theater. Badt befaßte sich naturgemäß hauptsächlich mit den Leistungen des ״Ohcl“. Er kam dem eigentlichen Zweck des Abends insofern am nächsten, als er, im Gegensatz 7,1t den anderen Rednern, es nicht verschmähte, an den Aufführungen des ,,Ohel“ jene Kritik zu üben, die ein Theater vorwärtsbringt, weil sie aus dem wirklichen Verständnis für das Theater und aus der Liehe zum Theater kommt. Der Redner schloß damit, daß das ■palästinensische Theater es nicht versäumen dürfe, sich die Kräfte der neuen Alijah nutzbar zu machen, die vom kultiviertesten europäischen Theater direkt herkommen, und nicht auf die Kritik und passive Mitarbeit eines Publikums verzichten solle, das jahrzehntelange Theatcrerzielumg von der europäischen Bühne her besitze und also eine Resonanz darstclle, die wohl den sichersten .Mallstab für jede künstlerische Leis lung bedeutet. Den Referaten schlossen sich Rezitationen an, von denen die begabtesten vom Ohel-Sehattspieler Margaüt interpretiert wurden. Deutsche Musiker in Paris. Aus Paris wird uns berichtet: Deutsche emigrierte Musiker haben sich zu einem ״Deutschen Klub“ ztisammengetan, sich mit Hilfe der Ko-!nitecs alles erforderliche Handwerkszeug — Flügel, Notenpulte, Stühle usw. — beschafft, Noten und Programme selber geschrieben und einen Katnnicrmusikabend zustandegebracht, der die erste Veranstaltung einer Reihe weiterer Kammermusikabende war, die unter Leitung einer Reihe von Ringenteti stattfinden sollen, die in Deutschland ihre Positionen verlassen mußten. Es versteht sich von selbst, daß die Geineinsehaft, die hier zusainmenkommt, rein künstlerische Absichten verfolgt, ihre Berufe mit aller Kraft auch unter schwierigen Bedingungen aufreehterhalteii will. Der erste Teil des ersten Konzertes (unter Leitung von Walter Jacobe) hatte gutes Niveau. Er war Bach, Händel 1:11d Mo/art »ewidmet. Eine besondere Glanznummer repräsentierte Bachs Klavierkonzert in D-moll, vo!1 Sara Wittenberg, einer uns nicht mehr unbekannten talentierten jungen Pianistin und Mdsterschiilerii! Arthur Schnabels, flüssig, klangvoll und ohne virtuose Prätentionen interpretiert. Der zweite Teil des Konzertes war der Unterhaltungsmusik gewidmet und diente dem rein praktischen Zwecke, für ein Tan/orchester im Wiener Stil Propaganda zu machen. Wir wären glücklicher gewesen, wenn uns die Wiener Walzer an einem Extra-Abend beschert worden wären, So wurde der Nachhall des Konzertbeginns mit einem Schlage abgeschnitten. Auch der Eindruck des zweiten Teils litt unter dieser ungünstigen Zusamtnenstellung. Eine große fiemeinde hauptsächlich deutscher Hörer dankte mit reichem Beifall. A. J.*L. es JÜDISCHES VOKABULAR Jetvislt Agency: die zu 50 00 aus Zionisten und zu 50 aus Nicht Zionisten bestehende Organisation, die gemäß Art. 4 des Völkerhttnd-Mandats berufen ist, mit der Palästina-Regierung in allen die jüdische Bevölkerung betreffenden Angelegenheiten zusarnmenzuarbeiten. Die |e\vish Agency hat ihren Sitz irt London und ihre ״Pa« i ä s t i n a - E x e k 111 i v e“ in Jerusalem. Der letzteren untersteht auch die Leitung des zionistischen Kolonisationswerkes. Waad Leumi: Nationalrat der palästinensischen Juden, leiten« des Komitee der Knesseth Jisrael: Gesamt-Gcmeindcorganisation der palästinensischeit Juden, von der Regierung anerkannt. Assefath Niwcliarim: Delegierten-Versammlung der palästincnsischcn Juden, eine Art Parlament der Knesseth jisrael, das auch den Waad Leumi wählt. Keren Hajessori: Palästina-Grundfonds, das Hauptfinanzinstrument der Jewish Agency für Kolonisation usw. Keren Kajemeth Leiisrael (Jüdischer National-Fonds): Fonds zum Erwerb palästinensischen Bodens als unveraußerliches jüdisches Volkseigentum. Jischuw: die Gesamtheit der in Palästina lebenden Juden. Chaluz: Arbeiter-Pionier, der sich außerhalb Palästinas für physische Arbeit vorbereitet und später in Palästina als Arbeiter lebt. Demgemäß heißt die Organisation, die diese Anwärter umfaßt, ״Hcchaluz". Hachscharah: technische Vorbereitung für Palästina. Alijah: Einwanderung nach Palästina (wörtlich ״Aufstieg“). Oleh: der Ein wandernde, Mehrzahl Olim. Tarbuth: Kultur, besonders hebräische Kultur. Moschavv: Baiiernsiedlimg aus Einzelwirtschaften mit kooperntiven Einrichtungen. Moschawah: Privatwirtschal'tlielie Siedlung (meist Pflanzungs- Wirtschaft). Kwuzah: Genossenschaftliche Siedlung mit kollektivistischer Lebensform. Ssichah: Gespräch, Debattenabend. Poel: Arbeiter. Ikar: Bauer, Plantagenkolonist. k ־ ..־ . . . .זי.וי-וו יייווויייי■ ו-..«hi ■י um ■וווו■■. -.I.™״ו™- —11-..... ־. - Jüdischen Rundschau" erreichen alle Ihre Bekannten / I״ der ״; Familienanzeigen /״Jüdische Rundschau״ Jüdische Familienanzeigen gehören in die - -------— —.—---—..— - -...—--—.-.— ״-.— Von der Reis• zurück! Dr.med. F. NELKI (i Zahnarzt und Arzt 1 BERLIN W 50, Augsburger StraBe 25 •י Tel,! B 4 Bavar>a 1724 lener 30 Jahre ' die Praxis für modernen Zahnersatz in künstlerischer Ausführung zu , kleinsten Preisenl Zahnpraxis Karl Bernstein Berlin W 62, Lutherstrafie 40 BW Amerik- Jaquetkronen Mk. 35,• per Stück i* U r V t k r. med. Hermann Mayer xtarzt, st••!!, konz. für Blutuntersuchungen, zugelassen bei » Kraakankaa*#a und Privatveraichsrungen. Sprechsslundsa: * LuisenstraSe 19! 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