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Jüdische Rundschau · 1933-11-17 · Heft 92 (17.11.1933) · p. Seite 819

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 92 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
Seite 819 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 92, 17. XI. 1933 MODISCHE RUNDSCHAU Seite 817 Motzkins Berliner Zeit Ein Kapitel jüdischer Geschichte vor Herzl Der ״Russisch-Jüdische Verein" Von Heinrich Loewe, Oar zu oft wird der Schöpfer über seinem Werk vergessen. Aber zuweilen ist es auch umgekehrt. Dann wird das Andenken des Mannes gefeiert, dein ein großes Werk seine Entj stehtmg verdankt. Dabei aber wird des Erstlingswerkes nicht! gedacht, das er geleistet hat. 1 Das ist aber der Fall, wenn man unseres Jugendfreundes | Leo Motzkin gedenkt, ohne am meisten und zu allererst sein 1 Jugendwerk zu nennen, das er in den Achtziger-Jahren des ׳ vorigen Jahrhunderts gegründet hat. Das ist der Rus- 1 sisch-jüdisch -wissenschaftliche Verein“ in Berlin, der kurz, aber falsch, der ״Russische Verein“ genannt wurde. In späteren Jahren 11ie!5 er ״Kaditnah“ nach der gleichnamigen Studentenverbindung in Wien, mit der ihn viele Fäden verknüpften. Aber unter dem Namen ״Russisch-jüdischwissenschaftlicher Verein“ hat er für den Zionismus und seine ihm zugrunde liegende nationale jüdische Gedankenwelt Grundfegendes geschaffen. Und der eigentliche Träger des Vereins war eben unser Freund Leo Motzkin. Der Verein hatte sogar in Berlin Vorgänger. Fünf Jahre früher hatte eine Gesellschaft von fünf aus Rußland stammenden jungen Juden den ersten Kolonisationsverein ״E s r a“ gegründet, der sich aber sehr hütete, irgendwie das Gedankliche und Weltanschauliche der neuen Bewegung z.u berühren. Er wollte nur kleine Gaben für die irt Palästina ansässig gewordenen russischen und rumänischen Juden in den ״Kolonien׳‘ genannten Dörferchen sammeln. Immerhin hat er doch einen kleinen verschämten Kreis um sich gesammelt, und Turoff und sein aus der Berliner Refornigemeiude hervorgegangener Schüler und Freund Willy Bambus gaben unter dem Namen ״Scrubabel“ eine nicht sehr regelmäßig erscheinende Halbmonatsschrift 11eraus, die freilich das Grundsätzliche in der Fragestellung meist noch sorgfältig vermied. Auch als Turoff unter dem Pseudonym Paul Diniidoff zwei gute Broschüren zugunsten des neuen Werkes herausgab, glaubte er aus Rücksicht auf die seelische Vorfassung des deutschen Judentums den nationalen Gedanken nicht aussprechen zu dürfen. Hierywurde der ,,Russisch-jiidisch-wissenschaftliche Verein“ grundlegend und bahnbrechend. In ihm und um ihn sammelten sieh die jungen Kräfte, die das jüdisch-nationale Prinzip in innigster Verbindung mit modernen sozialen Anschauungen im scharfen Gegensatz, zu antinationalen Verschwommenheiten aufstellten, und verfochten. Vor allem waren es die Gründer des Vereins Leo Motzkin, Nachum S y r k i n, Leib W i 1 e n s k y, | und nachher Josef Lurje und Schmarja Levin, die um die i gedanklichen Grundlagen mit unseren Gegnern, den russischen 1 Sozialrevolutionären, rangen. Es waren harte Geisteskämpfe, die; oft von Abend zu Abend sich als Diskussionen wiederholten, ■ die immer erst tief in der Nacht ein Ende fanden, um auf den I Heimwegen bis in die Morgen hinein fortgesetzt zu werden. Aus diesen Dfsfcussionsabenden ‘Und gedanklichen Gefechten sollen hier nur zwei Höhepunkte hervorgehoben werden. Der eine war die Auseinandersetzung mit Gregory Itelson, der, ein feiner philosophischer Kopf, einen jüdischen Humanismus aufstellte, der romantisch und poetisch, und doch realpolitisch aussah. Letzten Endes war es eine mit dem jüdischen Wissen eines russischen Juden ausgestattete, nicht geradlinige Assimilation, die von uns unter der Führung Motzkins, der nicht bloß der Vorsitzende, sondern überhaupt unser schweres Geschütz war, in einer ganzen Reihe von Abenden abgewiesen wurde. Die zweite Geistcsschiacht, die auf dem Gebiete jüdischer Weltanschauung geschlagen wurde, war die große Auseinander- Setzung mit dem entstehenden Bundismus. Die große Masse der damals in Deutschland studierenden russischen Juden waren nicht freiwillig auf die deutschen Universitäten gezogen. Als Juden waren sie in Rußland durch die Prozentnorni vom Studium ausgeschlossen, und so weit russische Studenten freiheitliehen Gedanken nachhingen, konnten auch sie erst recht nicht in Rußland bleiben. Sie gingen nach Mittel- und Westeuropa, besonders auch nach Deutschland und der Schweiz. Dadurch war die große Menge der russischen Studenten in Deutschland dam geführt worden, sich den russischen Sozialrevolutionäreu anzuschließen, die den weitaus stärksten Kern der russischcn Studenten im Auslände bildeten. Für die Juden bedeutete dies die Abkehr vom angestammten Judentum. Gegen diese russische Assimilation kämpfte Motzkins russisch-jüdisclier Verein. In Berlin wurden die Geisteskämpfe zum großen Teile ausgekämpft, die auch die jüdische Intelligenz in Rußland selbst dem Nationaljudcntumc gewannen. Berlin wurde auf diese Weise ein wichtiger Vorort für die Gewinnung der jüdischen gebildeten Kreise in Rußland für den Zionismus. ln diesen Kämpfen standen sich jüdische Studenten einander gegenüber, von denen die einen wie die anderen moderne soziale Ideen vertraten, aber darin auseinandergingen, daß die Nationaljuden diese Gedanken in die Geschichtsentwicklung des Judentums einbetteten, während die anderen unter dem Schlag- Worte des ״Internationalismus“ für das Judentum Antinationalismus, dem Russentume gegenüber Assimilation vertraten. Iin allgemeinen hielten sich die russischen (nichtjüdischen) Studenten von der aktiven Teilnahme an diesen Kämpfen zurück. Aber als besonders Motzkin die jüdischen Sozialdemokraten rednerisch und gedanklich immer mehr in die Enge trieb, da holtea sie sich auch aus dem nichtjüdisch-russischen Kreise solche Kräfte heran, wie Schmuilow und später Tugan-Baranowsky. Aber am Schlüsse dieser Debatten hat Tugan-Baranowsky unumwunden eingestauden, wenn er Jude wäre, würde er auch die Gedankengänge vertreten, wie wir, upd würde sich den jüdischen Erncuerungsbestrebungen uneingeschränkt anschließen. Als erstes äußeres Zeichen des national-jüdischen Sieges hierbei erschien cs uns, daß zwei jüdische Studenten aus Simferopol, die aus schon russisch assimiliertem Kreise hervorgegangen waren, Viktor Jacobsohn und Michael Rosenstein, die gegnerische Phalanx verließen und sich als neue Kämpfer in unsere Reihen stellten. Es war uns klar, dali hier in Berlin die russische Studentenschaft dem national-jüdischen Werke zugeführt wurde. Und das um so mehr, als bald nach der Gründüng der erste Artikel Achad-ha-Ams erschien, ״Lo su haddercch“, dessen Inhalt uns tun so wichtiger erschien, als er sich mit unseren eigenen Gcdankengängcn vielfach deckte. Als Motzkin ein Jahr später in Odessa mit Achad-ha-Am zusammentraf, wurde diese Verbindung nur noch enger, und er bestätigte das in einem Schreiben an das einzige deutsche (jüdisehe) .Mitglied, das der Verein damals hatte. Die Bemühungen nämlich, in das deutsche Judentum einzudringen, erwiesen sich damals für so schwer, daß Motzkin im Gegensätze zu diesem;,deutschen“ Mitglicde des Russischen Vereins den Standpunkt vertrat, den er später als völlig abwegig erkannte, daß es für alle Zeit uninöglich wäre, unter den deutschen Juden ebenfalls eine national-jüdische Bewegung ins Leben zu rufen. Um so anerkennenswerter war es, dali er keinen Augenblick zögerte, wenn es galt, in deutsch-jüdischen Kreisen unsere eigenen Vorstöße mit seiner weit überragenden Intelligenz! und seiner trotz, eines starken Temperamentes immer überlegenen Ruhe zu unterstützen. Nachdem ein erster Versuch, einem jüdisch-nationalen Studentenverein in Berlin ins Leben zu rufen, an der Schwäche der Mitteiluehnier gescheitelt war. gelang es im Jahre 1S*)1 den ״Jüdisch-nationalen Verein Jung-israel“ zu gründen, der dann im folgenden Frühjahr offen in die Erscheinung trat. Obgleich Motzkin selbst aus gewissen Bedenken heraus nicht Mitglied geworden war, war er doch einer der besten Stützen dieses ersten nicht-russischen Zionistenvereins in Berlin. ״Jung-Israel“ wurde nun der Träger der jüdisch-nationalen Idee und des Zionismus. Denn es ist eine Verkennung der Tatsachen, wenn man glaubt, daß der Zionismus erst in Basel geboren sei Vielmehr war der Kongreß-Zionismus die geradlinige Fortsetzung tler Chibbath-Zion, und das Wort ״Zionisten“ war geschaffen warden, um das hebräische Chowewe-Zion, das bis dahin mit ״Zionsfreunde“ untaktisch übersetzt war, mit einem neuen Worte wiederzugeben, das der Arbeit für die Idee nicht liinder• lieh wäre. Die klare Erkenntnis der Lage von Juden und Judentum sowie die nationale Grundstimmung der Erneuerung kam besonders in Motzkins Wochenübersichten zur Geltung, die er zuerst im russischen Verein eingefiihrt hatte, und die wir mm auch in ״Jung-israel“ übernahmen. Einen Begriff von ihnen kann man sich machen, wenn man die ״Berliner Briefe“ liest, die Motzkin in der Wiener zionistischen Zeitschrift unpünktlichen Erscheinens, der ״Selbst-Emanzipation“, veröffentlicht hat. Erst der Kampf um die OeffentJichkcit des ersten Kongresses und die sich infolge der Dentinnationen gegen ihn entspiiinendeg Diskussionen hat es so ausschcn lassen, als ob die alten Citowewe-Zion etwas anderes gewollt hätten, als nachher der von ihnen getragene Kongreß-Zionismus. Der politische Zionismus, der dann in Herzl seinen Höhepunkt und seine größte Kraft fand, war gerade von Motzkin seit Jahren vorher immer mit der größten Konsequenz vertreten worden. Auch außerhalb Berlins hatte Motzkin mit den vorherzlscheu Versuchen, unsere Idee in andere deutsche Stillte zu tragen, Fühlung. Schon im Jahre 1890 hatte er mich nach Magdeburg begleitet, um mit mir dort einen ersten Vorstoß unter der Jugend zu unternehmen. Ebenso waren wir beide es, die den Ableger unseres Russisch-jüdischen Vereins in Dresden, der dort nur ״Jüdisch-wissenschaftlicher Verein“ hieß, mit Vorträgen und Anregungen unterstützten. Als an der Technischen Hochschule zu Charlotfenburg die ersten auf!'jüdisch eri Ver- Sammlungen stattfanden, die sich angeblich nur gegen die jüdischen Ausländer wandten, war es vor allem Motzkin, der mit uns dort den Standpunkt jüdischer Ehre vom nationalen Standpunkte aus verfocht. Daß er im Verein ״Hilfe״' und für das Unterstützungswerk bedürftiger Studenten wirkte, war selbstverständlich. Durch die Freundschaft mit ״Jung-Israel“ wirkte Motzkin auch an der Gründung der ״Jüdischen Humanitäts-Gesellschaft“ mit. Er beteiligte sich namens des ״Russisch-jüdisch-wissenschaftlichen Vereins“ an jenen akademischen Wahlen, die für uns die Gründung der ersten ״Vereinigung jüdischer Studierender“ im Gefolge hatten, aus der sich das K. J. V. entwickelt hat. Auch als der ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ gegründet wurde, war der Russisch-jüdisch-wissenschaftüche Verein an den Vorarbeiten beteiligt. Die zentrale Figur im Verein war Leo Motzki 11. Ohne ihn war jede großzügige Arbeit undenkbar. Wenn auch Sch marja Levin und Josef Lurje, Viktor Jacobsohn und (später) Chaim Wcizmann, L. Estermann, L. Wilenskv, L. Soskin und viele andere mitwirkten, die später in der zionistischen Weltbewegung zu führenden Rollen berufen waren, so blieb doch Leo Motz, ki 11 der geistige und persönliche Mittelpunkt dieses Kreises, der auch für die Ent- Stellung des deutschen Zionismus in Berlin von der größten Bedeutung geworden ist. Die Motzkinsche Schöpfung des ״Russisch-jüdisch-wissenschaftlichen Vereins“ wird erst dann richtig gewürdigt werden können, wenn die in hohem Maße interessanten Protokolle des Vereins aus dem Dunkel des Archivs der jüdischen Oeffentiiclikeit zugänglich gemacht werden. Er bedeutet ein Stück neuzeitlich jüdischer, ein wichtiges Stück zionistischer Geschichte. Persönliche Erinnerungen Von Fabius Schach. Vom werdenden, nicht vom gewordenen Motzkin will ich hier sprechen. Diese Zeit war zugleich die Zeit des Werdens des Nationaljuden in neuer Gestalt, die Morgenröte jüdischer Erkenntnis. Ich traf zufällig mit Motzkin zusammen, Ich glaube bei der Hilfeleistung für die russischen Emigranten, die Opfer des Pogroms, Das Sehnen des neuen jüdischen Menschen führte uns näher aneinander und wir wurden bald Freunde. Wir waren junge Studenten, noch mit der feurigen Begeisterung und der goldenen Rücksichtslosigkeit der Jugend. Motzkin kam als Mathematiker, als genialer Mathematiker von Kindheitszeit her zu uns;. Er verlor sich bald aus der Mathematik, um sich im Jüdischen zu finden. Das ist kein Paradoxon. Das Jüdische füllte so sehr seine Seele aus, daß für etwas anderes kein Platz, mehr war. Ich kam aus der Jeschiwa, vollgepfropft mit talmudiscliein Wissen, mit dem Ringen, den modernen Menschen mit dem Juden zu verschmelzen. Das aufkeimende jüdische Leben war die Brücke zwischen uns. Aber — was bedarf es der Brücken? Die Jugend springt wie der kühne Skiläufer über alle Klüfte hinweg. Im ״Russisch-Jüdischen Verein“, der Stätte jugendlicher Entfaltung, wirkte ich mit Motzkin zusammen. Es war der erste Verein in Deutschland, der weltanschaulich auf jüdischnationalem Boden stand. Das Wort Zionismus war noch nicht geschaffen, — wir nannten uns, wie wir waren, ohne Politik, ohne Konzessionen, ohne Dualismen. Es war die Zeit des Verklingens der Chibat-Zion-Bcwegung. Uns Stürmern war diese Bewegung zu haskala-maßig, zu patriarchalisch, wir sehnten uns nach neuem, kräftigen Leben. Die Broschüre P i n s k e r s in ihrer strengen Logik zog uns au. Die Aufsätze Achad Haams stärkten uns geistig, aber wir wollten über alles hinaus den modernen jüdischen Menschen finden. Es waren in diesem Verein viele begabte, temperamentvolle Studeuten, — Nationaljuden waren wir alle. Was sollten wir auch anders sein? Wir kamen ans einem Lande, dessen Kultur nicht unsere Kultur, dessen Sprache nicht unsere Sprache war. Wir kamen fast alle aus den jüdischen Provinzen Ru Munds, unsere Erziehung war jüdisch, unsere Muttersprache jüdisch, unser Gemüt jüdisch, — alles das ohne Bindestrich. So schufen wir uns im zwiefachen deutschen Gallith, wenigstens für einige Stunden in der Woche, ein schlichtes Heim, wo wir uns mit dem ganzen urwüchsigen jüdischen Temperament ausleben konnten. Jede Woche war Vortrag mit anschließender Diskussion. Es kamen auch häufig Gegner zu uns, darunter der hervorragendste, der vor einigen Jahren in Berlin verstorbene Philosoph Ittelsohn. Und fehlte es an Gegnern, so kämpften wir Mitglieder mit- und gegeneinander, mehr aus Rede- und Kampfeslust, als aus grundsätzliche 11 Differenzen. Motzkin war der Vorsitzende und anerkannte!•'!ihrer des Vereins. Die Vereiiisaheiule waren immer interessant und die Diskussionen waren lebhaft, feurig. Motzkin mit seiner gcislvollen Ironie, Schmarja Lenin mit seinem derben Volkswitz, Ittelsohn mit seiner philosophischen Schärfe und noch viele andere packende Redner, - - das gab einen Jubel fnr die Hörer und eine ghial für den Protokollführer. Und daun kam die Fidelitas, in der inan sich geuonseiiig ainiliar, alles parodierte und die schwersten Probleme mit lächerlichem lernst lüde. Voll Bierlaiuic kann man hier kaum sprechen, wir trauken wenig und rau rillen viel, w a י mm hei Wirt und Kellnern sehr unbeliebt machte. Au < uIduberflu!'! und an l Üppigkeit litten wir nicht, aber der echt-jüdische Witz würzte alles und das jugendliche Temperament bedrahhe alles niit einem cige- 1u׳n Glanz. Motzkin zog midi riueti außerhalb der Sit/auigen gern zu sich heran, t rot/.de!11 oder vielleicht gerade weil wir selten einer .Meinung waren. .Motzkin be.-uli luinlidi — eine bei der Jugend seltene Tugend -- nicht mir die Kunst des Redens, sondern auch des Zuhüreiis. Ich kam fast täglich in seinc Wohnung in Moabit, die g ew Bsemiaßcu eine Filiale des Vereins bildete, und wo nun sich noch freier, witziger und kühner über alle jüdischen Fragen ilmerhalten konnte. Dort saßen wir halbe Lage und halbe־ Nächte, tranken '1 ee, lösten .Marken von alten B!seien ab, um ein paar .Mark für den Verein heraus/uschktgen, und plauderten über Vergangenheit und Zukunft. Wir dachten so enutlidi an die Zuktinit des judischeu Volkes 11 ml unsere Zukunft in Palästina, daß wir in (1er engeren Gruppe uns Vornahmen, solche Fächer zu studieren, die in Palästina niit/lieh sein könnten. Träume? Ja, aber wir Juden machten ja oft Traum zur Wirklichkeit und Wirklichkeit zum Traum. Wir wollten keine Volks.begliicker sein, wir suchten unser eigenes Glück in und mit dem jüdischen Volke. Einer der tapfersten und der durch Bildung abgerundeuten unter uns war Motzkin, der stets mit mathematischer Gründlichkeit — das hat er von seiner Mathematik noch behalten — jeden Gedanken analysierte. Und er w ar auch, einer der ehrlichsten, ehrlich bis. zum Fanatismus, wahrhaftig bis zur Pedanterie. Durch unsere Vereinsfeste kamen wir mit tieft deutschen Geschäfts- und Kulturjuden in Berührung, und es war ein merkwürdiges Verhältnis gegenseitigen Unverstehe ns zwischen uns. Wh־ sahen in ihnen wirtschaftlich lind kulturell tüchtige Menschen, in (lenen aber der Jude gänzlich verkrüppelt war. Sie sahen in uns begabte, begeisterte AVer!- sehen, aber wilde Idealisten ohne Virklidikeitssinn. Wir spotteten über sie mit billieein Witz, sie sahen auf uns herab und glaubten berufen zu sein, uns moderne Kultur zu bringen. Wir waren zu jung — nicht nur an Jahren — um sie zu verstehen, um zu begreifen, dali 11:1s komisch Scheinende auch tragisch sein kam!. Sie waren zu alt — nicht an Jahren — um zu begreifen, daß die judi-ebe Kultur lebt 1u1d!eben will und ihren eigenen Wog gebt, und daß es den Osljtulen vielleicht an Zivilisation, aher nicht an Kultur fehlte. Wenn wir hebräische Reden hielten und echt judi sehe Witze machten, so standen sie halb bewundernd, halb bemitleidend vor uns, sic lächelten und — fürchteten uns. Wir sahen in ihnen vorkalkte, verblaßte Juden, einen verdorrten Zweig am jüdischen Lebensbaum. Motzkin und ich, die wir innig vre Beziehungen zu den deutschen Juden hatten, waren die Vermittler. Wie überhaupt die Ostjitden mit westlicher Bildung die besten Träger des modernen jüdischen Geistedebnis waren. Unsere Wege trennten sieh. Mot/klu blieb in Berlin, ich ging nach Köln, v. o ich im Jahre!8% zusammen mit VX'olffsohn, Bodenheimer und Rubinsohri den ״Verband der Nationaljuden Deutschlands•‘ gründete. Auf dem ersten Zionisten-Kongreß 111 Basel l:af ich Motzkin wieder. Irr war ernster, reifer, kluger geworden, aber die Grundlinie seines Charakters war geb icben. Nach der <! eschich dich tmvergkäeh״ lieh herzlichen gegenseitigen Begrüßung der jüdischen Brüder aus aller Welt — es wa* häufig eine Umarmung unter Freudeiitränen — teilte sich bei der Festlegung des Programms, das übrigens nur eine mildere Fassung unserer Kölner ״Theseil“ war, die Versammlung in zwei Teile: rechts die diplomalisch abgeschliftenen Alten, links die jugendlichen Stür- Hier. Herzl wollte ursprünglich nur die Fassung ״gesetzlich «sicherte Heimstätte“, wahrend wir auf der linken Seife die 'assung ״völkerrechtlich gesicherter Judeustaat“ haben vollten. Den Vermittler spielte der unvergeßlich liebe, warmherzige Professor Manddstaniin, der wahre Vater der Jugend. Wir Linken erkannten in Motzkin den Führer, und während ich mit meinem Temperament durchging, sprach Motzkin warm, aber klug־ und abgewogen. Auch auf dem zweiten Kongreß irr Base! trat ich mit Motzkin zusammen. Aber da gab es bereits Parteien, Riebt ungert und Politik und Diplomatie. Der Zauber der ersten Liebe war bereits gewichen, und manche unter uns, darunter auch Motzkin, waren ein wenig enttäuscht. Das Leben führte uns dann auf andere Wege und ich sah später .Motzkin nur noch am Journalisteii-Tisch in Vcrsammhingen. Aber nie vergesse ich die glühende Jugendzeit des Zionismus mit ihren unvergleichlichen Reizen, mit ihren färbenreichen Träumen und Hoffnungen, und stets steht mir Leo Motzkin, als lieber Kamerad, als Begeisterter und Begeisteren, als der Typus der besten modernen Juden, als schlichter, echter Sohn des jüdischen Volkes vor Augen. Der ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Konstantinopel, Joseph Nicgo, eine der repräsentativsten Ersclieinimgen des öffentlichen jüdischen Lebens in der Türkei, beging dieser Tage seinen 7t). Geburtstag. Joseph Nicgo hat seine öffentliche Laufbahn als Leiter der landwirtschaftlichen Schule in Mikrech Israel begonnen. Er war ein Freund liei'zls, der ihn wiederholt in seinen Tagebüchern erwähnt.

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