Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- Seite 745 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HU Beilage: ״Kinder-Rundschau" Einzelnummer (24 Seiten) RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Er«ch*int jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich X- RM, vierteljährlich 5.75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streik• oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. ־־־־ Auslandsabotinements werden in. der Währung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: Acht Gespaltene Millimeter- *eile 0,25 RM. Stellengesuche 0,15,X<M. Einzel-Anreigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15»Meinekestr.lO. Telefon: Jl Bismarck 7165-70. Anzeige« - Annahme: Montag bis Freitag von 9—3־ Uhr, Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr P ostsche dc*Konten; Abonnements-Abt. 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November Die ״Reichsvertretung der deutschen Juden" übermittelt uns zur Veröffentlichung nachstehende Kundgebung: Mil dem ganzen deutschen Volk sind auch wir Juden als Staatsbürger auf gerufen, zu der auswärtigen Politik der Reichsregierung tu• sere Stimme abzugeben. Sie wird gefordert für die Gleichberechtigung Deutschlands imter den Völkern, die Versöhnung der Nationen und die Befriedung der Welt. Trotz allem, was wir erfahren mußten: Die Stimme der deutschen Juden kann nur ein Ja sein. turns im Deutschen Reich zu verstehen ist. Daß Zweifel hieran bei den Juden entstehen konnten, beweist die Labilität der jüdischen Lage. Darum ist es zu begrüßen, daß die Reichsvertretung, wie man in einem anderen Zusammenhang soeben erfährt, damit beschäftigt ist, eine Denkschrift auszuarbeiten, die der Rcichsregierung demnächst unterbreitet werden soll. Man darf wohl vermuten, daß in diesem Dokument, worin, wie es heißt, die Auswirkung der gesetzlichen Maßnahmen der letzten Zeit auf die Lage der jüdischen Bevölkerung dargelegt werden wird, auch das Problem der Eingliederung der J u d e n s c h a f t in das S t a a t s g e f ii g e von seiner prinzipiellen Seite 11er angeschnitten werden wird. Die ״Jüdische Rundschau‘‘ hat unmittelbar nach den Ereignissen des 14. Oktober zum Ausdruck gebracht, daß in Fragen der Außenpolitik auch die Juden jedes Landes schicksalhaft mit ihrem Lande verbunden sind. Wen« wir uns bisher zu der Abstimmung des 12. November nicht geäußert haben, so geschah dies, weil wir der Stellungnahme der zuständigen jüdischen Instanz nicht vorgreifen wollten. Der Wunsch jedes deutschen Juden muß es sein, eine Klärung der jüdischen Stellung im Staate herbei/ul'tihren, damit in solchen Momenten der Spannung und Entscheidung keine Zweifel an der Legiti* mation der jüdischen Bürger dieses Landes, sich an der Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte zu beteiligen, entstehen können. ....mm......in.... ..1...... iiiiiüiiimiitiiiiiiiimtiin Die Unruhen in Palästina Die Reichs Vertretung der deutschen Juden. * Die Reichsvertretung der deutschen Juden, die die überwältigende Mehrheit aller deutschen Juden repräsentiert, hat nunmehr eine Erklärung zu der Volksabstimmutig am 12. November erlassen. Wie zahlreiche Anfragen aus unserem Leserkreis beweisen, bestand in den Kreisen der deutschen Juden eine gewisse Unsicherheit bezüglich ihres Verhaltens. Diese Unsicherheit bezog sich nicht auf die Stellungnahme zur Außenpolitik selbst; denn es gibt im jüdischen Lager keine Meinungsvcrschic• denheiten darüber, daß in außenpolitischen Konflikten die deutschen Juden hinter jeder Regierung, die Deutschland repräsentiert, zu stehen haben; die Juden jedes Landes haben stets in Fragen der Außenpolitik eine ebenso unbedingt staatstreue Haltung eingenommen wie die N'ichtjuden. Die von den deutschen Juden geäußerte י'!!- gewißheit bezog sich lediglich darauf, ob den Juden die Ausübung des politischen Rechtes der Volksabstimmu!1g zusteht. So wenig die deutschen Juden Deutschlands Stellung nach außen zu schwächen wünschen, so wenig{ können sie sich auch erlauben, den Anschein zu erwecken, als ob sie sich in Deutschland Rechte aninaßen wollten, die ihnen nicht zugebilligt werden. Wir sind der Meinung, daß die deutschen Juden ihre Staatsbürgerliehe Stellung in Deutschland wahren und von ihren staatsbürgerlichen Rechten Gebrauch machen sollen. Wenn aber in revolutionären Zeiten, wie wir sie gegenwärtig durchleben, von maßgebender Seite nicht gewünscht wird, daß deutsche Juden in Fragen der deutschen Politik mitbestimmen, dann entsteht für die deutschen Juden eine Verlegenheit leicht verständlicher Art, die besonders bei solchen Anlässen w׳ie der Abstimmung vom 12. November peinlich fühlbar wird. Die Formulierung der an den ״deutschen Mann“ und die ״deutsche Frau“ gerichteten Frage wirft das Problem auf, ob mit dieser Anrede auch der jüdische Bürger zu einer Antwort aufgefordert ist. Wir wir•’.n dies ohne weiteres bejahen, da in Angelegenbeiten von allgemein politischer Bedeutung für den ganzen Staat die Bezeichnung ״deutsch“ nur im Sinne der Staatszugehörigkeit gemeint sein kann. Mit Rucksicht auf den vielfach üblichen Gebrauch des Wortes ״deutsch“ in exklusiv - v ö 1 k i s c h e m Sinne wäre aber auch die Möglichkeit gegeben, daß man eine Antwort der deutschen Juden als eine Anmaßung empfinden könnte — was sicherlich ein allen unerwünschtes Miß* Verständnis wäre. Die Kundgebung der Reichsvertretung der deutschen Juden schafft in dieser komplizierten Lage Klarheit. Denn man muß annehmen, daß die Reichsvertretung׳ authentische Informationen eingeholt hat, ehe sic ihre Parole an die deutschen Juden ergehen ließ. Es ist ein wichtiges Faktum, wenn es in der Kundgebung heißt, daß ״auch wir Juden als Staatsbürger“ aufgerufen sind, unsere Stimme zu der auswärtigen Politik der Rckkcrejrienirtg abzugeben. Daraus geht hervor, daß die Bezeichnung ״deutsch“ in der Formel der Volksbefragung im Sinne des allgemeinen Staatsbürger- Berlin, 2. November 1933. Während diese Zeilen in Druck gehen, ist der 2. November, stets ein kritischer Tag in Palästina, noch nicht vorüber. Nach den vorliegenden Nachrichten aber kann man mit Sicherheit erwarten, daß alle Verkehrungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe getroffen sind und es ist zu hoffen, daß nach dein 2. November die normalen Verhältnisse in Palästina allmählich wieder hergestellt werden. Der arabische Generalstreik, der rum bereits fast eine Woche wahrt, wird zweifellos am 3. November zu Ende sein. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die politische Aktion der Araber abgebrechen werden wird. Die englische Verwaltung hat bisher gegenüber den arabischen Forderungen eine feste und entschlossene Haltung eingenommen und sowohl der High Commissiorier als auch — gelegentlich der Eröffnung des Haifaer Hafens — der Kolonialminister haben mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß Eng- I a n d seine im Man d a t übe r n 0 in m ene!1 i n ־ ternationnlcn Verpflichtungen durc h f ii 11 - ren wird. Die Bedeutung der Verpflichtung, den ״Aufbau des Jüdischen Nationalheims zu erleichtern“, ist durch die heutige Weltlage besonders ins Licht gerückt worden. Denn die Wanderbewegung der Juden muß ein legitimes Ziel erhalten, und dieses Ziel kann nur Palästina sein. Bei der jetzt in London abgehaltenen jüdischen Hilfskonferenz, bei der die Möglichkeiten der jüdischen Aus- Wanderung besprochen wurden, konnte der Sprecher der Palästina-Idee, Dr, Wei/tnaim, mit Recht darauf liinweisen, daß, wo immer Juden einwandern mögen, nur Palästina das Land ist, in das sie nicht als Geditldete, sondern kraft eigenen Rechtes kommen; wie es im englischen Weißbuch vom Juni 1922 formuliert ist: ״as of right and not on sufferanec“. Juden, die nach Palästina kommen, sind keine Rcfugies, sondern sie sind Einwanderer, die in das Land kommen, dessen historische Verbundenheit mit ihnen längst geschichtlich und seit elf Jahren auch völkerrechtlich anerkannt ist. Di« Einwanderung der Jude״ nach Palästina ist ein unvermeidlicher und unaufhaltsame!' Prozeß, erzwungen nicht nur durch die Macht eingewurzelter Ideal«, sondern durch die motorische Triebkraft der Not. Diese Einwanderung aber soll nach dem Wunsche der Juden und nach den Absichten der das .Mandat verantwortenden Mächte ein Friedenswerk sein, verbunden mit einer großen Kulturtat, indem die Zivilisation des Westens mit ihren Vorzügen der Lebenshaltung und Platzansnutzung verbunden wird mit der großen geistigen Tradition des für die Weltgeschichte so einzigartig bedeutsamen vorderasiatischen Raumes. Die grolle Aufgäbe, auch die jetzt in diesem Raum lebende Bevölkerung, die aus historischen und kulturgeschichtlichen Gründen an der europäischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte keinen Anteil hatte und daher in diesem Sinne ״rückständig“ ist, in diesen Prozeß einzubcziehcn, ist bi ־her freilich nicht gelöst worden, ja wir müssen offen sagen, daß sie von vielen gar nicht begriffen wurde. Die Kritik, die innerhalb der zionistischen Bewegung, so z. B. von der ״Jüdischen Rundschau“, an der Vernachlässigung dieses Problems geübt wurde, hat keine große Resonanz gefunden, da die Mehrheit der Zionisten meinte, alle Kraft in die wirtschaftliche Fundierung des Aufbauwerks versenken zu sollen und hiervon auch eine politische Festigung erhoffte. So kommt es, daß bei den Konflikten in Palästina nicht nur der Kampf um den Lebensraum — der durch die neuen technischen Methoden ohnedies erweitert wird — lind nicht nur das politische Moment der nationalen Rivalität eine Rolle spielt, sondern auch die Fremdheit der beiden hier zusammentreffenden Volkskörper, die zwar im täglichen Leben sich vielfach durchdrungen, aber eine geistige Annäherung noch nicht gefunden haben. Alles hängt jedoch davon ab, ob in der nächsten Periode, wo in beiden Völkern eine nationalistische Jugend in die verantwortlichen Positionen hincinwächsf, ein geistiger Ausgleich und eine Annäherung der Ideale erfolgen wird. Die jüdische Einwanderung soll!1 i c 111 d i e recht- 1 i c '11 e 11 ת d f a k t i s e h e P o s i t i o!1 d e r A r aber Palästinas beeinträchtigen. In dem klassischen Dokument des modernen Zionismus, der Baltmir-Dcklaration vom 2. November 1917, ist ausdrücklich gesagt, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemei!!schalt in Palästina beeinträchtigen könnte. Auch in diesen Tagen wurde den Arabern vom High Commissioiier versichert, ihre Befürchtung einer jüdischen Vorherrschaft sei unbegründet. Nach dein Wortlaut der maßgebenden britischen und internationalen Dokumente soll das Jüdische N'atio 11a!hei!11 in Palästina Völkerrechtlieh gesichert werden, zugleich aber soll das Selbstverwallungsrecht der nichtjüdischen Bevölkerung in gleicher Weise verfassungsmäßig verankert werden. Diese Konzeption hat dazu geführt, daß wir schon vor Jahren von dem künftigen Palästina als einem ״binationalen Staat“ sprachen, in welchem die Lebensrechte beider Völker garantiert sind, ohne daß das eine Volk über das andere herrschen soll. Die Frage der palästinensischen Volksvertretung, die zuerst 1922 und dann durch das englische Weißbuch im Oktober 1930 auf die Tagesordnung gesetzt wurde, hat zwar in den letzten zwei Jahren geruht, es ist aber klar, daß sie in direktem Zusammenhang mit den Grundfragen der Verfassung des Landes steht. Vielleicht wird im Anschluß an die Verhandlungen, die die Engländer mit den einzelnen Bcvölkerungsteilen jetzt einziileiten scheinen, diese politische Grundfrage wieder aktuell werden. Daß die jüdische Gemeinschaft Palästinas einer Lösung der schwebenden Fragen zustreben muß, erhellt schon aus der Tatsache, daß Palästina keineswegs isoliert, sondern v o n a r a bische n L ä n d e r 11 11 m g e b c n ist. Die Vorgänge in Palästina haben Rückwirkungen in den Nachbarländern, die als politisches und wirtschaftliches Hinterland mit Palästina Zusammenhängen. Die Juden wünschen nicht, diese arabischen Gebiete zu Feinden zu haben, Ein befriedetes Palästina, in welchem Juden und Araber Zusammenwirken, ist auf eine Ausdehnung an die umliegenden arabischen Gebiete geradezu angewiesen. Die neuentstehende jüdische Industrie Palästinas hat dort ihre natürlichen Absatzgebiete. Durch den Ausbau der Verkehrswege wird der Konnex ein immer engerer. i