Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 87 (31.10.1933)
- Date
- 1933-10-31
- Page
- Seite 729 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3111L-3S n 'V m: ״ Jüdischer Sport* Einzelnummer^ RM 0,2S JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Diana■*( and Freit«(, Bem(tprele bei dar Expedition monatlich ל.- RH. vierteljährlich 5,75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streik* oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch *ul Nachlieierung oder Rückerstattun( der B«ug*(ebühren. — Auslendssboonements weiden in der Währung der einreinen Linder berechnet. Anieiienprele: 8 Jeepeltene Nonpareillereil* 0.50 RM. Stellengesuche O.J5 RM. Einiet-Anreden nur gegen Voreusrehlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. An ,eigen-Annahme: Monteg bil Freitag von 9 — 3Uhr. Anzeigenschluß: Dienstag ־ Nummer: Freitag nachmittag• 3 Uhr Fieitag - Nummer Dienstag nachmittag» 3 tJhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag- P0111cl1*cV-K01jttn: Abonnementa-Abt. 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In einer Zeit, in der Palästina als das Land einer steigenden Prosperität alle Augen auf sich gelenkt hat, in der es für diedeutsehen Juden ein wichtiges Ziel der Emigration und Umschichtung geworden ist, empfindet jeder Jude, wie sehr er mit dem Geschehen in diesem Lande verbunden ist, wie stark seine praktischen und auch seine gefühlsmäßigen Beziehungen zu Erez- Israel bereits geworden sind. Zur Stunde, in der diese Zeilen geschrieben werden, läßt es sich noch nicht endgültig übersehen, welche politischeBedeutungdie Tatsache der arabischen Demonstrationen in Palästina besitzt. Wir können nur hoffen, daß die Unruhen an sich nunmehr ihren Abschluß gefunden haben, und daß damit die Störung, die das normale Leben in Palästina erlitten hat, beseitigt wird. Die letzten Wochen standen bereits unter einem zunehmenden Druck der politischen Atmosphäre im Lande. Am 9. Oktober beschloß die palästinensisch-arabische Exekutive, einen eintägigen arabischen Generalstreik gegen die Einwanderung von Juden nach Palästina und den Verkauf von Boden an Juden durchzuführen. Mit dem Streik sollten Demonstrationen in Jerusalem und an anderen Orten verbunden sein. Die britischen Behörden trafen zu dem kritischen Tag umfangreich« Sicherheitsmaßnahmen; als die Demonstranten die große Moschee in Jerusalem verließen, wurden sie von der Polizei umringt und zerstreut. Es gab einige Verletzte, und die Ruhe trat wieder sehr bald ein. Auch Mitglieder •der arabischen Exekutive nahmen an der Demonstration teil. Für Freitag, den 27. Oktober, kündigte die arabische Exekutive erneut Demonstrationen in Jaffa an, die von der Regierung sogleich verboten wurden. Die Regierung traf auch alle erforderlichen polizeilichen Maßnahmen, um die Demonstrationen zu verhindern. Trotzdem entschloß sich die arabische Exekutive, auf der Durchführung der Demo!!־ stration zu bestehen, und dies führte dann zu den im einzelnen weiter unten berichteten Vorfällen. Betrachtet man zunächst die in den letzten Tagen abgelaufenen Ereignisse für sich isoliert, so darf man feststellen, daß es sich um eine Reihe örtlich und zeitlich beschränkter Aktionen von arabischer Seite handelt, die sich gegen die Staatsgewalt richteten, zwar in einem ursächlichen Zusammenhang miteinander standen, aber keine fortlaufende Aufruhraktion darstellten. Insofern ist ein wesentlicher Unterschied etwa zu den Ereignissen gegeben, die im August des Jahres 1929 das ganze Land erschütterten. Ein weiterer Unterschied besteht den damaligen Ereignissen gegenüber auch darin, daß die Aktion sich gegen die Regierung richtete und nicht direkt gegen die jüdische Bevölkerung Palästinas. Während damals zahlreiche jüdische Menschen- Verluste und schwere Schädigungen wirtschaftlicher Art am jüdischen Aufbauwerk eintraten, ist jetzt glücklicherweise zu konstatieren, daß Leben und Eigentum von Juden in keiner Weise gefährdet worden sind. Die Arbeit in Tel-Awiw und in den jüdischen Siedlungen geht unverändert weiter. Man muß auch feststellen, daß die Mandatsregierung den Ereignissen gerüstet gegenübertrat 11׳! sich nicht von ihnen überraschen ließ, wie es vor vier Jahren der Fall war. Die energische Bekämpfung der Unruheversuche dürfte auch dazu geführt haben, daß cs zu keiner zusammenhängenden Aktion kam. Es fragt sich natürlich, welches die weiteren politischen Folgen dieser Ereignisse sein werden. Eine arabisch« Delegation ist von der Palästina-Regierung empfangen worden, and ihr wurde der an sich selbstverständliche Bescheid erteilt, daß die Befürchtungen der arabischen Bevölkerung, es könne zu einer j ii d i - Sehen Vorherrschaft in Palästina kommen, Unbegründet seien. Diese Erklärung bewegt sich durchaus im Rahmen des Mandatstextes, der es ja der englischen Verwaltung zur Pflicht macht, dafür zu sorgen, daß die Interessen der eingeborenen Bevölkerung nicht durch den Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte beeinträchtigt werden. Die zionistische Arbeit in Palästina hat es ja als eine Nebenwirkung ihrer Arbeit in einem vorerst noch gar nicht zahlenmäßig zu erfassendem Umfange zuwege gebracht, daß auch die arabische Bevölkerung an dem Aufschwung des Landes, der durch die jüdische Initiative eingetreten ist, partizipiert. Wenn die arabische Exekutive in ihren Fordeningen an die Regierung sich insbesondere gegen jüdische Immigration und jüdischen Bodenkauf wendet, dann hat sie zwar ein agitatorisch brauchbares und die unwissenden Massen viel-!eicht erregendes Argument herausgegriffen, sie befindet sich aber keineswegs in U e b e r e i n s t i in m u n g mit den wirtschaftlichen Interessen derjenigen breiten Be völk erungs m ass e n* d eren Interessen sie zu vertreten behauptet. In einer äußerst eindrucksvollen Weise hat die Verknitpfung aller Menschen, die auf dem Boden Palästinas leben, die Gemeinsamkeit ihres wirtschaftlichen Schicksals lind die Verbundenheit ihrer Zukunftsaufgraben Dr. Weizmann bei einer Ansprache zum Ausdruck gebracht, die er am Sonntag auf der jüdischen H i 1 f s - konferenz in London hielt, und bei der er sich mit den Ereignissen in Palästina beschäftigte. Dr. W e i z - mann führte 11. a. folgendes aus: ״Wir müssen unsere tiefe Trauer darüber aussprechen, daß die Entwicklung des Landes durch die gegenwärtigen Demonstrationen unterbrochen wird, die keine Rechtfertigung in der Wirklichkeit des palästinensischen Lebens haben. Die Regierung hat die Immigration Oberaus vorsichtig behandelt Palästina wird nicht von unerwünschten Einwanderern ״überschwemmt“, sondern es hat sich unter dem Einfluß der Immigration entwickelt und ln unvergleichlicher Welse einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen, der Juden und Arabern in gleicher Weise zugute kommt. Wir haben einen Beweis hierfür darin, daß die Zahl Die Londoner Hilfskonferenz London, 30. Oktober. (Telephonisch.) Die große jüdische Hilfskonferenz in London, die sich mit der Frage der konstruktiven Hilfeleistung für die deutschen Juden beschäftigen soll, wurde am Sonntag eröffnet. Ncville Laski hielt die Eröffnungsrede. Im Namen der Alliance IsraSlit^ sprach Silvain Levi, für das American Jewish Committee Mr. Strauß, sowie die Vertreter einer Reihe weiterer Organisationen. Hierauf "hielt Dr. Weizmann eine Ansprache, über deren Inhalt wir an anderer Stelle berichten. Als Obmann des englischen Hilfskomitees sprach D’Avigdor Golds m i d. Aus der Eröffnungsrede des Vorsitzenden ist besonders hervorztiheben, daß er erklärte, die Konferenz soll« ausschließlich der Frage der konstrukfiven Hilfe dienen, nicht aber irgendwelchen politischen oder sonstigen Aktionen. Es sei eine weitere wichtige Aufgabe der nächsten Zukunft, zu dem neugeschaffenen Hochkommissar für Flüchtlingshilfe die erforderlichen Beziehungen lierzustcllen. Ncville Laski teilte ferner mit, daß bisher insgesamt 523 000 engtische Pfund als Hilfsfonds für deutsche Juden gesammelt worden sind; hiervon wurden aufgebracht in England 195 000 Pfund, in den Vereinigten Staaten 150000 Pfund, in Südafrika 40 000 Plund, in der Tschechoslowakei 28 000 Pfund, in Holland 25 000 Pfund, in Aegypten 18 000 Pfund, in den übrigen Ländern 69 000 Pfund. Der Vorsitzende entwickelte ein Arlieitsprogramm für die Zukunft und betonte, daß insbesondere die völlig mittellosen Auswanderer untergebracht werden müssen, daß die Auswanderung in geregelte Bahnen zu lenken sei und daß die jüdischen Gemeinden in Deutschland der Hilfe bedürften. Es wurden eine Reihe von Komitees eingesetzt, darunter auch ein Palästina-Komitee. Als Ziel der gesamten Aktion wird die Aufbringung einer Summe von 2 Mil- Honen Pfund betrachtet. In gut informierten Kreisen rechnet man damit, daß etwa die Hälfte der vorhandenen Mittel für die Ueberführung deutscher Juden nach Palästina und ihre An Siedlung im Lande verwandt werden wird. Es herrscht Uebei mstimmung darüber, daß Palästina den wesentlichen Teil der konstruktiven Hilfe für die deutschen! Juden übernehmen muß. der arabischen Bewohner gerade in den Bezirken gestiegen Ist, In denen die jüdischen Kolonien sich entwickelt haben. Wir müssen hoffen, daß Araber und Juden zu einer Verständigung gelangen, um ein gemeinsames Land (common coimtry) durch gemeinsame Arbeit (Cooperation) aufzubauen.“ Wir können diesen Ausführungen nur in vollem Umfange zusammen. Der Wille des jüdischen Volkes, Palästina aufzubaucn, ist unerschütterlich. Die Judennot in allen Ländern zwingt uns dazu, ein jüdisches Leben auf neuen Grundlagen zu beginnen. Die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina gibt uns das Recht dazu, unsere Zukunft in Palästina zu sehen. Einwanderung: und Aufbau werden vveitergehen. Die wirtschaftliche Kapazität, die Palästina durch den Einsatz jüdischer Menschen und jüdischer Mittel erlangt hat, muß voll ausgenutzt werden. Die Regierung wird auch in Zukunft die Einwanderung kontrollieren. Wir glauben, daß selbst eine scharte Beaufsichtigung der Ein- Wanderung nur zu dem Ergebnis kommen kann, das von uns als berechtigt angesehen wird: daß Palästina heute imstande ist, eine wachsende Zahl arbeitswilliger jüdischer Menschen aufzunehmen. Trotzdem dürfen wir nicht außer acht lassen, welch schwerwiegende Bedeutung für das ganze mit Palästina verbundene jüdische Volk die Ereignisse der letzten Tage haben. Vor vier Jahren wurde Palästina von schweren Unruhen heimgesucht. Auch heute noch ist es, wie wir gesehen haben, möglich, Volksmassen in Palästina gegen difebestehenden Zustände aufzuwiegeln und Blutvergießen henbeizuführen. Wir Juden haben uns in diesen Jahren mit den ökonomischen Fragen Palästinas in der Hauptsache beschäftigt; die Sorge um die Unterbringung der jüdischen Massen, deren Auswanderungsdrang immer mehr wuchs, hat dazu geführt, daß wir die ernsten politischen Fragen, die in Palästina zu lösen sind, nicht beachteten. Der XVII. Zionistenkongreß im Jahre 1931 hat sich mit den Problemen des Zusammenlebens חסו Juden und Arabern in Palästina befaßt, aber er hat mit einem Mißerfolg geendet und keine befriedigende Lösung des Problems gezeigt. Der letzte Kongreß in diesem Jahre hat seine Interessen ganz anderen Fragenkreisen zugewandt und sich überhaupt kaum mit diesen Dingen auseinandergesetzt. Wir haben in der ״jüd. Rundschau“ seit Jahren immer wieder darauf hingewiesen, daß die Lösung der Frage des Zusammenlebens der beiden Völker nicht verschleppt werden darf, und daß die befriedigende Gestaltung der politischen Bedingungen eine der wichtigsten Voraus- Setzungen für den erfolgreichen Aufbau Palästlnas ist. Unter dem Einfluß einer maßlosen Agitation ist die politische Spannung in Palästina wiederum so stark gewachsen, daß es zu blutigen Ereignissen kam. Wir wissen, daß auch das Blut, das auf arabischer Seite geflössen ist, für das Land keinen Segen darstellt, da alle Teile der Bevölkerung daran interessiert sind, friedlich zu arbeiten. Auf jüdischer Seite muß jedenfalls dieses Signal, das die Unruhen in den Städten Palästinas bilden, Anlaß dazu sein, die Frage der Bezieherngen zum arabischen Volk Palästinas erneut zu erörtern und einen Weg zu suchen, der das Gemeinsame betont und damit dem .Wohle des ganzen Landes dient, *’ Ueber die Ereignisse in Palästina geben wir nachfolgend die bei uns eingetroffenen Berichte wieder: Der Unruhe ״Freitag in Jaffa Jaffa, 27. Oktober. (J.T.A.) Die Hetze der arabfsehen Führer» die trotz allen Warnungen der Regierung am 27. Okt. in Jaffa eine verbotene Kundgebung gegen jü- (fische Einwanderung und jüdischen Landkauf zu ■veranstallen versuchten, hat zu Blutvergießen geführt, bei dem zwei englische und zwei arabische Polizisten, sowie drei Demonstranten getötet und über hundert arabische Demon- *tränten» 20 arabische Polizisten und 10 englische Polizisten verwundet wurden. Die Teilnehmer an der Kundgebung, ungefähr 10 000 an der Zahl, stießen mit der Polizei zusammen, als sie versuchten, sich zu einem Zuge zu foriwleren. Das Feuer wurde von Demonstranten eröffnet. Erst als zwei arabische Polizisten niedergeschossen waren, gab die Politei eine Salve ab,