Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 86 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- Seite 721 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Schule», ea Honorar ODISCHE RUNDS CH Alf Von jüdischer Jug־en Jüdische Jagend bei der Arbeit Besuch auf einem jüdischen Lehrgut Präludium Ein trüber Oktobertag ist zwar kein besonders günstig gewühlter Zeitpunkt, um einen Besuch auf dem Lande abzu- 5'ultcn, aber auch jetzt kann man vieles sehen, was man als Großstädter soust. nicht vor die Augen bekommt, und man lernt besonders, dann viel über und von der jüdischen jungen Generation, wenn man sie bei der Arbeit beobachtet, die als Vorbereitung; für ein Leben in Erez-tsrael getan wird. — Das Auto führt uns, eine Stunde von Berlin entfernt, in die Stille der Mark hinein, wo abseits von der Bahnlinie und so recht für sich das Gut Winkel liegt, heute ein wichtiger Ausbildungsort für angehende Chaluzim und Chahueth. Während der raschen Fahrt durch die herbstlichen Wähler lernen wir Herrn G., den Verwalter des Gutes und zugleich den Lehrmeister der jungen Menschen kennen. Er ist ein alter ״Ahlemer“, seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft tätig, von Sonne und Wind gebräunt, ein rechter Lehrmeister für unsere Jungen und Mädchen, der sie in die Arbeit einzuführen weiß und sie auch als Mensch zu lenken verstellt. ,,Wissen Sie“, meint er, ״für mich war die Notwendigkeit der Berufsumschichtung von jeher feststehend. Wir Juden müssen eine andere berufliche Struktur erlangen. Mir persönlich ist es gleich, ob die jungen Leute spiiter hier, im Ausland oder in Palästina arbeiten; die Hauptsache ist, daß sie etwas tüchtiges gelernt haben.״ Die Arbeitsstätte Stattlich präsentieren sich uns die Gebäude des Hofes: ein villenartig gebautes Herrenhaus, das lang- ״streckte Gebäude, in dem di« Jugendlichen, hier ״Praktianten“ genannt, wohnen, die Ställe und Scheunen, eine eigene Konservenfabrik. Rings um den Hof beginnen die Gemüse- und Ofcstfelder, an die sich Viehweide, Ackerland Lea — eine angehende jüdische Bäuerin und Wald atischließen. 300 Bforgen umfaßt die gemischte Wirtschaft, davon 80 Morgen Gärtnerei, besonders viel Obst — Erdbeeren, Himbeeren — und daneben Gemüse aller Art. Die Ackerwirtschaft produziert Getreide, Rüben, Kartoffeln, die Wiesen dienen als Viehweide. Die Viehzucht ist sehr umfangreich, und zwar sowohl das Großvieh wie auch die Geflügelzucht, insbesondere die Hühner. Di« ganze Wirt- Schaft ist auf Intensität abgestellt; ein Teil des Landes wird mit Regenanlogen künstlich bewässert. Gemüse und Obst werden in einer eigenen Konservenfabrik zu Frucblsäflen, Konserven und Marmelade verarbeitet. Es gibt also für unsere Jungen und Mädchen hier allerlei zu lernen. Der Aasblldaagsgang Wir fragen unsern. Führer, nach welchem Plan er die Ausbildung der Praktikanten durchführt. Grundsatz ist, daß jeder an jede einzelne in Frage kommende Arbeit herankommt. Die Betriebsführung selbst wird dadurch natürlich erschwert, die Ausbildung aber vertieft. Ein Teil der Jungen Leute schließt einen zweijährigen Lehrvertrag ab, während ein anderer Teil nur für ein halbes Jahr auf das Gut kommt. Einige von diesen, die sich besonders gut bewähren, können dann noch ein halbes oder gar ein ganzes Jahr weiterlernen. Die Ausbildung der Jungen erfolgt in allen Zweigen von Ackerbau, Gärtnerei, Viehhaltung uni Viehzucht. Die Mädeben erlernen den landwirtschaftlichen Haushalt, d. 11. Mauspflege, Küche und Wüsche, Geflügelhaltung, Milchwirtschaft, Viehpflege, Gärtnerei und Konservenfabrikation, Zu dieser praktischen Ausbildung kommt eine theoretische Unterve isung hinzu, die im Sommer darin besteht, dnß an;jedem Tag eine Stunde der Besprechung der geleisteten Arbeit gewidmet wird. Im Winter wird bei verkürzter Arbeitszeit zwei Stunden Unterricht erteilt, der dann mehr systematisch aufgebaut ist. Den Unterricht gibt der Guts- Verwalter, der hierbei von einem Inspektor unterstützt wird. Auch die Mädchen werden unterrichtet, und zwar in der Hauptsache in Hnushaltsbctriebslchre, Nahrungsmittellelire und Milchwirtschaft. Im Winter soll jeder dazu allgehalten werden, sich eine Stunde täglich allein mit theoretischer Arbeit zu beschäftigen. Die Menschen Es werden hier nur junge Leute ausgebildet, und zwar im Alter von IC bis 22 Jahren. Die verschiedenen , '0nistischen Jugendorganisationen und der llecliaiuz wählen die Herr G., der GuCsverwaiter und Leiter der Ausladung Menschen aus; ist ihre Bewerbung akzeptiert worden, so kommen sie zunächst auf Probe zur Arbeit, um, wenn sie die Arbeit aushalten, dann die eigentliche Lehrzeit zu beginnen. Im Sommer sind etwa 30 Praktikanten auf dem Gut, davon ungefähr ein Drittel Mädchen, iin Winter sind cs etwas weniger. Der größte Teil von ihnen kommt direkt von der Schule, einige waren schon vorher in einem kaufmännischen Beruf. Das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Jungen und Mädchen wird dadurch besonders gefördert, daß sie fast alle aus Jugendbündcn stammen und daher einen gewissen Geist der Gemeinsamkeit mitbringen. Die Arbeit halten fast alle vorzüglich aus. Anfangs fällt es ihnen zwar schwer, und es gibt so manche Krnnkheitstage, besonders durch Erkältungen und durch kleine Unfälle, aber das wird bald überwunden, und nach einigen Monaten ist aus den blassen, schmächtigen Großstadtjungen und -rrsädchen eine Schar kräftiger, robuster Arbeiter geworden, deren Anblick eine!Freude ist! Selten kann man anderswo eine Gruppe so lebenslustiger und körperlich vitaler jüdischer Menschen sehen, wie es hier der Fall ist. L«bensbedlngt1ngen Allerdings muß man and! festslellen, daß die I/cbensbedingungen an diesem Ort der Derufsumschichtung ganz besonders günstige sind. Zwar wird den Praktikanten bei der Arbeit nichts geschenkt, und sic werden kräftig herangenommen. Sie müssen mit den alten Gutsari■,eitern zusammen arbcilcn, um von ihnen die llandgri f te und das Arbeitstempo zu erlernen (wobei, ganz nebenbei bemerkt, zwischen unsern Jungen und Mädchen und den allen Arbeitern ein vorzügliebes Verhältnis besteht). Die Verpflegung aber, die von der Frau des Gutsverwalters zusammen mit den in deT Ausbildüng befindlichen Mädchen geboten wird, ist ebenso gut wie schmackhaft und das als Schlaf- und Wohnhaus zur Verfügung stehende Gebäude ist zwar einfach, aber sehr praktisch und gemütlich eingerichtet. Vielleicht kann man sogar sagen, daß ina Hinblick auf das zukünftige Leben in Palästina hier etwas zu viel des Guten geschieht. Natürlich erleichtern diese guten äußeren Bedingungen den jungen Mensehen sehr die Gewöhnung an die Arbeit und bieten auch angenehmen Rahmen für ein gutes kameradschaft* 1 ich e s Verhältnis, das sich insbesondere darin äußert, daß sehr fleißig Hebräisch gelernt und auch die geistige Vorbereitung tür Palästina nicht vernachlässigt wird. Jeden Sonntag kommt zur Unterstatzung der Gruppe ein hebrüischer Lehrer aus Berlin heraus. Verbindung mit der Stadt Ueberhaupt ist hier die Verbindung mit der Stadt verhaltnismüßig eng, weil ja Berlin so nahe ist. Dies wirkt sich besonders darin aus, daß sehr oft jüdische Jugendgruppen am Sonntag zu Besuch kommen, um ihre dort draußcn arbeitenden Freunde wiederzusehon und auch selbst in der Wirtschaft mit Hand anzulegen und zu sehen, ob man die Arbeit verträgt, In den Sommerferien war eine große Gruppe aus den Jugendbünden auf dem Gut; sie lebte in dem dazugehörigen Park in Zelten und half bei der Ernte mit. E* ist klar, daß doo, Nutzen hiervon beide Teile haben, Mh ' Ein jüdischer Bursch!, der zu arbeiten versteht wohl die Jungen und Mädchen, die eine solche Versuchsarbeit probieren, wie auch die Praktikanten, die dadurch den Kott• takt mit den Zurückgebliebenen aufrecht erhalten. Problematisches Es ist natürlich trotz allem nicht einfach, aus ehemaligen Schülern und Kaufleuten Landwirte zu machen. Dabei gibt es für den Leiter des Betriebes und Iehrer mancherlei Sorgen. Ein Grundübel ist, daß vielen jungen Leuten die nötig» Ausdauer fehlt, die nun. einmal gerade für die landwirtschaftliehe Arbeit notwendig ist. Man glaubt sehr bald, eine bestimmte Arbeit zu können, und will dann etwas anderes tun, obwohl man noch lange nicht die Routine hat, die nun einmal erforderlich ist. Es besteht aucli ein gewisser Hang zum Theoretisieren, der von Grund auf bekämpft werden muß, da zunächst einmal die Praxis entscheidet. So mancher Junge fühlt sich nach ein paar Monaten schon beinahe dazu fähig, ,,Inspektor“ zu sein und er merkt gar nicht, daß er in Wirklichkeit noch ein ganz junger larulwirtschaftlicher Lehrling ist. Es ist daher für den Lehrenden eine der wichtigsten Erziehungsaufgahen, immer wieder klarzumachen, daß der einzelne Praktikant noch ganz am Anfang der Ausbildung steht und die notwendige Geduld aufbringen muß, wenn er etwas erreichen will. Aus diesem Grunde wird zwar, wie bereits gesagt, theoretischer Unterriebt gegeben, aber nur in beschränktem Umfange, damit das Schwergewicht der Ausbildung in der praktischen Arbeit liegt. Auch diese ist nicht immer leicht, weil unseren Mensehen, die durch Generationen jeder prakt ischen Tätigkeit, besonders aber der I.nrularhcil entwöhnt sind, die Be- Ziehung zum Material fehlt. Sie haben noch keinen Begriff davon, welchen Wert jedes Material, das im Beiriehe gebraucht; wird, darstcllt, wie wichtig es ist, mit größter Schonung mit allem umzugeben.• sie verstehen noch nicht zu ״sehen1', d. 11. ihre eigenen Felder zu erkennen. Der Lehrende muß daher mit großer Geduld auf all dies cingehen, immer wieder auf Einzelheiten aufmerksam machen und so allmiililieh dazu kommen, daß der Blick für das Wesentliche, in dem Praktikanten geweckt wird; natürlich ist ein derartiger Detrieb verlustreich. Wir konnten uns an so manchen Beispielen, besonders in der Gärtnerei davon überzeugen, daß die Arbeit mit den Jugendlichen besondere Aufwendungen erforder(, die in einem normalen Betriebe nickt notwendig sind. Der Weg in die Zukunft Trotzdem, das, was an dieser Stolle — natürlich ebenso an vielen anderen Punkten — geleistet wird, trägt sein« Früchte. Es ist bereits gesagt worden, wie der Typ clor Menschen unter dem Einfluß der Arbeit so erfreulich gewandelt worden ist. Alle diese Jungen und Mädchen werden nach Palästina gehen, um dort auf dem Lande in den Siedlungen der Arbeiter zu wirken. Sie sind entschlossen und klar in ihrem Wollen und zeigen dies besonders durch den großen Ernst und den Fleiß, den sie Tag um Tag beweisen. Die Arbeit macht ihnen Freude und ist auch für den, der ihr einmal zusehen darf, eine Ursache dazu, der Zukunft dieser Menschen mit Vertrauen entgegen- Zusehen. Sie haben sich in den Strom eines lebendigen jüdiseben Lebens eingeordnet, haben den Sprung von der Theorie zur Praxis getan und werden gewiß mit «lern festen Glauben, den sic für ihre eigene Zukunft besitzen, diese in Palästina für sich und das Land fruchtbringend zu gc ';’.,,cn w issen. u. oe, Zeichnungen von Leo ■ n