Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 86 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- Seite 705 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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[üdisdic Jugend bei der Landarbeit / Einzelnummer (24 Seifert) RH 03$ JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Beaugspreis bei der Expedition monatlich Z — RM, v\c 11 e 1 i a h r I i c h 5.75RM. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. — Auslamisahonnements werden in der Währung der einzelnen I,Inder berechnet» Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpareillezeile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM. Einzel-Anzeige« nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Auzeigen-Annahme: Montag big Freitag von 9—3־Uhr. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittag« 3Uhr P oatscheck-Konten: Abonnements-Abt. (außer OroS-Berlin) : Berlin 17392, Abonnememtfi-Abt. für Berlin: Berlin 715 73. Buchverlag: Berlin 71576, Inseraten- Abteilung: Berlin 716 18, Basel V9355. 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Der Reichskanzler hat bd dieser Gelegenheit die Ungerechtigkeit und Untauglichkeit des Friedensvertrages von Versailles, die in Deutschland jedem Menschen klar ist und von der auch ln anderen Ländern sehr viele Einsichtige (und gerade Juden!) überzeugt sind, in überaus wirksamer Weise ins hellste Licht gerückt. Im Anschluß daran erörterte der Kanzler die großen europäischen Probleme und setzte sich mit den einzelnen Großmächten auseinander. In diesem Zusammenhang kam er, als er sich mit der Haltung Englands beschäftigte, auch auf die J u d e n f r a g e zu sprechen. Er sagte hierzu (nach dem ״Volk. Beobachter“): ״ln England erklärt man. man habe offene Anne für alle Bedrängten, insonderheit für die aus Deutschland herausgehenden Juden. England kann da« auch! England 11! groß. England hat ungeheuere Gebiete. England ist reich. Wir sind klein, sind übervölkert, sind arm, haben keine Lebensmöglichkeit. Aber es würde noch schöner sein, wenn dann England seine große Geste nie 11t abhängig machen würde von 1000 Pfund, sondern wenn es sagen würde: Es kann jeder herein! —- so, wie wir das leider 30 und 40 Jahre getan hatten. Wenn auch wir erklärt hätten, nach Deutschland könne man nur herein unter der Voraussetrung, daß man 1000 Pfund mitbringt oder mehr bezahlt, dann gäbe es bei uns überhaupt keine Judenfrage. (Lebhafte Zustimmung und Heiterkeit.) Da sind wir Wilden wieder einmal bessere Menschen gewesen! (Erneute starke Zustimmung), weniger vielleicht den äußeren Erklärungen, wohl aber unseren Taten nach. Wir sind jetzt noch so großzügig und geben dem jüdischen Volke einen viel höheren Froren tsati als Anteil an Lehensm ö gl i c h k e i t, als er uns selbst sur Verfügung steht. Allerdings vertreten wir neben dem Recht des auserwählt «n Volkes auch noch die Rechte des unterdrückten Volkes, nämlich des deutschen V 01 - k e s, denn dafür sind wir letzten Endes da! Das aber ist durchaus kein Greue L“ Es wird niemanden verwundern, daß es für uns deutsche Juden schmerzlich ist, wenn der deutsche Reichskanzler von uns mit unverhohlener Ironie spricht, so daß der Versainmlttngsbericht der Zeitungen dazu ״lebhafte Heiterkeit“ der Hörerschaft verzeichnet. Aber in den Ausführungen des Kanzlers ist in der Tat ein gut Teil der Tragik des Judenproblems angerührt. Die Juden sehen sich i!1 kritischen Zeiten immer wieder gezwungen, aus einem Land in andere Länderzu wand e r 11, und auch dort, wo man für die Tragik dieser Bewegung menschliches Verständnis hat, ist man nicht ohne weiteres bereit, neue Ankömmlinge aufzunehmen. Diese Abneigung bezieht sich, wie eine Schweizer Zeitung jüngst mit Recht hervorhob, keineswegs nur atd die J u d e n; auch andere arbeitssuchende Einwanderer, unabhängig von ihrer Rassenzugehörigkeit, wiirden in einer Zeit, wo jedes Land mit seinen eigenen Wirtschaftliehen Krisen zu tun hat, in großer Zahl nicht aufgenommen, wie ja tatsächlich Länder wie die Schweiz, England u. a. auch arischen Einwanderern seit Jahren die Arbeitsbeviiügung zu verweigern pflegen. Selbstverständlich müssen wir vom jüdisehen Standpunkt diese Situation außerordentlich beklagen. Denn wenn einer großen Zahl von Juden in einem Lande die bisher gewährte und als sicher betrachtete Arbeits- und Existenzmöglichkeit entzogen wird, weil sie Juden sind, und wenn ihnen in anderen Ländern keine Arbeitsmöglichkeit gegeben wird, weil sie aus einem anderen Lande kommende Zuzüglinge sind, dann erhebt sich für die von diesem Schicksal betroffenen Juden und ihre Familien die Frage, wie und wo sie weiter existieren sollen. Wir Zionisten wünschen, daß ein möglichst großer Teil der Juden in Palästina ein neues und gesichertes Heim finde. Auf Palästina bezieht sich offenbar auch die Bemerkung des Kanzlers über die 1000״ Pfund“, die England fordert. Nach Palästina (als einzigem Land!) können aber auch ungelernte Arbeiter ohne Geldmittel einwandern (auf ,,Zertifikate“). Der Mandatskommission ohne deutschen Vertreter Genf, 24. Oktober. (J. T. A.) Am 23. Oktober wurde in Genf die 24. Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes eröffnet. Auf der Tagesordnung steht u. a. «Ine Ausspräche Uber die vom Verband der orthodoxen Juden Palästlnas Agudath Israel der Mandatskommission schon au! ihrer letzten Tagung vorgeiegte Petition, In der eine Ab- Änderung der Verordnung über die Konstitution der jüdischen Gemeinschaft Palästinas in dem Sinne gefordert wird, daß die orthodoxen Gemeinden als gesonderte Körperschaften öffentlichen Rechts anerkannt werden, sowie über das Memorandum, das der Waad LeumI, der jüdische Nationalrat Palästinas, und das Oberrabbinat zu derselben Frage der Mandatskommission unterbreitet haben. Ferner soll die Kommission sich mit einer Petition befassen, die der arabische Rechtsanwalt und Führer der Unabhängig- Zionismus verlangt eine öffentliche, geordnete, internationale Regelung der Judenfrage. Ehe Zionisten wissen, daß die Juden selbst dafür Opfer bringen müssen. Die im Zeitalter des Liberalismus errungene soziale Position der Juden war ohnedies im Wanken. Wir haben bereits vor Jahrzehnten erkannt, daß die jüdische Berufsschichtung in verschiedenen Lindern bei eintretenden politischen oder wirtschaftlichen Erschiitterur.־ gen zu starken Krisen für die Juden führen kann. Die Judenfrage zeigt sich auch auf diesem Gebiet in ihrer spezifischen Färbung, die von vielen Juden nicht erkannt wurde. Es ist hohe Zeit, daß diejuden selbst sich dieser eigenartigen Problematik bewußt werden und ihre Kräfte zu einer Lösung ztisammenfassen. Daß diese Problematik besteht, daran erinnerte uns die Rede des Reichskanzlers, auch wenn sie die Judcnfrage nur auf einem Nebengeieise streifte. * Da der Reichskanzler im Anschluß an seinen Hinweis auf die Juden auch über Emigranten gesprochen hat, so muß betont werden, daß nicht alle Emigranten in einen Topf geworfen werden können. Es sei bei dieser Gelegenheit eine terminologische Frage erörtert, die auch aus anderen Gründen — mit Rücksicht auf das von mehreren Stellen organisierte Hilf swerk — der Klärung bedarf. Nach unserer Meinung wird nämlich durch den fortgesetzten Gebrauch des Wortes ״Flüchtlinge“, dessen gefühlsmäßiger Unterton sich auswirkt, ein falscher Eindruck erzeugt. Alle Veröffent- Hebungen und Berichte — auch die in unseren eigenen Spalten — sprechen von ״Flüchtlingen“, wo au *wandernde Juden gemeint sind. Nun hat in der Tat in den Tagen vor und nach dem 1. April eine Anzahl von Juden Deutschland überstürzt verlassen, und deren panikartige Abreise kann vielleicht als ״Flucht“ bezeichnet werden. Dazu kommen als ״Flüchtlinge“ diejenigen Personen, die aus politischen Gründen nach dem Umsturz Deutschland verließen. Darunter sind neben sehr vielen Nichtjuden auch viele Juden, aber diese Gruppe bildet kein spezifisch jüdisches Problem. Daß schließlich diejenigen ״Flüchtlinge“, Juden und Nichtjuden, die, wie der Reichskanzler sagte, vor dem S taatsanwalt geflohen sind, kein Objekt für eine internationale Hilfsaktion bieten, liegt auf der Hand. Wenn jedoch für jüdische Auswanderer Hilfe organisiert wird, dann muß man sich darüber im klaren sein, daß es sich hier nicht um ״Flüchtlinge“ handelt, und man sollte daher das Wort Flüchtling in diesem Zusammenhang, da es irreführend ist, nicht mehr verwenden. Es handelt sich bei dem Wort Flüchtling hier um eine nicht ganz exakte Ucbersetzung des französischen Wortes ״refugie“. Angesichts der am nächsten Sonntag in London zusammentretenden jüdischen Hilfskonferenz scheint es uns überaus wichtig, auf diesen Gesiclifspunkt hinzuweisen und an alle Beteiligten zu appellieren, daß sie auch in ihrer Terminologie tiett tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragen. Flüchtlinge sind Menschen, die vor einer unmittelbar drohenden Gefahr entfliehen• Die meisten Juden aber, die aus Deutschland auswandern, tun das nicht, weil sie irgendeiner körperlichen Gefahr ausgesefzt wären, sondern weil sie gezwungen sind, sich eine neue Existenz aufzubauen und in Deutschland die Möglichkeit hierfür nicht sehen. Diese Art jüdischer Emigranten wird zweifellos auch in den nächsten Jahren noch aus Deutschland hinausstreben. Wenn nun in der vom Völkerbund veranlaßten Aktion stets von ״Flüchtlings-Komitee“, ״Flüchtlings-Kommissar“ usw. die Rede ist, wenn auch die jüdischen Aktionen von ״Flüchtlingen“ reden, so kann das leicht mißverstanden werden und trifft nicht die Sache. Wir glauben, gerade vom Standpunkt der deutschen Juden darauf himveisen zu müssen, daß dcutsehe Juden, die auswandern, keine ״Flüchtlinge“ sind und man durch dieses Wort die sachliche Behandlung der Angelegenheit erschwert. keits(IstikIaI-)Partei Aunl Abdul H a d i eingesandf hat, und schließlich mit den Erläuterungen des High Commissioner Palästinas zum Bericht über die 22. Tagung der Mandaskommisslon. Der Berichterstatter für die Petitionen, der Deutsche Ruppe 1, hat an der Eröffnungssitzung nicht teilgenommen. Ob Ruppei überhaupt noch im Verlauf der Tagung in Genf elntreffen wird, ist infolge des Ausscheidens Deutschlands aus dem Völkerbund zweifelhaft geworden, obwohl Herr Ruppe] wie die übrigen Mitglieder der Mandatskommission in diese nicht als Vertreter seines Landes, sondem als Fachmann gewählt wurde und ihm die Berichterstattung über Palästina-Fragen mit Rücksicht auf seine großen Erfahrungen in Kolonialproblemen übertragen worden fat. Es ist damit zu rechnen, daß die Beratung über die Palästina betreffenden Petitionen vertagt werden wird, falls der Berichterstatter Ruppei zur Tagung der Mandatskommission nicht erscheint. Die Judenlrage von neide Von Dr, Joachim Prinz. Urtier dem Tilcl ״Wir Juden (Besinnung, Rückblick, Zu• kunfl} läßt Dr. Joachim Prinz, der bekannte Berliner Rahbiner und Kanzelredner, in den nächsten Tagen (im Verlag Erich Reiss, Berlin) ein Buch erscheinen, das die Situation der Juden angesichts der Krise des Emanzlpationsgedankeng zu klären unternimmt. Der Verfasser stellt uns die Aushänge bogen zur Verfügung, denen wir einen Abschnitt des dritten Teiles (etwas gekürzt) entnehmen. Red, Antisemitismus ist nicht die Form der Völker, in der sie auf das Verhalten, die Gesinnung, den Patriotisnuis Einzelner reagieren, sondern wie sie die Existenz der J u d e n s c h n f t ü b c r 11 a u p t aufnehmen. Die Wurzel des Antisemitismus liegt deshalb — man mag sie noch so sehr verzweigen, und sie mag diese und jene Nebenbcdeulung haben — in der besonderen Lage des Judenvolkes. Diese besondere Situation bestellt seit dem Eintritt der Juden in die europäische Zivilisation. In diesem Augenblick nämlich wird das Judenvolk und die Welt zugleich betrogen. Die Juden müssen glauben, daß sie schon längst emanzipiert seien. Sie dürfen diesen Glauben haben. Die offizielle Gesetzgebung bectätigt ihn — und die Welt betrügt sich, indem sie zwar den Juden emanzipiert, aber zugleich seine Iierufsschichtung nur um einige Stadtberufe vermehrt, im Uebrigen aber einen wirklichen Zugang zum Volk nicht zuläßt. So muß der Jude bleiben, was er war. Das Mittelalter schloß ihn in ein Ghetto. Aber in diesem Akt lebte — wenn wir ihn ohne Affekt betrachten — der Ausdruck des wirklichen Verhältnisses der Völker zu den Juden. Der Liberalismus aber schuf ein anonymes Ghetto, eine Bevölkerungsschiebt ohne Bauernschaft, ohne Beamtentum, ohne Kleinbürger. Er erzog, indem er der Anonymität des Juden nicht nti! den Vorzug gab, sondern sie geradezu forderte, zur Unehrlichkeit auf beiden Seiten. In der Ueberschätzung der B i 1 d u n gs \ve r t e fanden sich beide, Juden und Völker, zusammen. Sie hielten deshalb das Reifezeugnis der höheren Schule bereits für das Reifezeugnis des Volkes. So emanzipierte man die Juden als gebildete Europäer. Als Juden hat man sic nie emanzipiert. Deshalb war die Oberschicht der Juden —■ die Schicht der Aerzte, der Anwälte und der Kommerzienräte — die eigentlich emanzipierte. Es ist interessant, die Beteiligung an den Dingen des Judentums, der Religion, des Kultes und der sonstigen jüdisch-kulturellen Ereignisse einmal unter soziologischen Gesichtspunkten zu betrachten. Man wird feststellen können, daß die Anteilnahme an diesem ״jüdisclien Leben“ mehr und mehr eine Angelegenheit der unteren, weniger gebildeten und sozial schlechter gestellten Schichten wurde! Das Judentum war nicht mehr gesellschaftsfällig. Der Weg des armen Jungen aus der kleinen Stadt, den! die Stipendien der Gemeinde das Stucliu! . ermöglichten, und der dann in der Großstadt eine gutgehende Praxis betrieb, war zugleich ein Weg aus dem Judentum. Der Antisemitismus der Neuzeit hat seine Wurzel in diesem großen Mißverständnis der Emanzipation, Die Emanzipation zwang den Juden zur Aitonymität und zur Leugnung seines Judentums. Diese Anonymität aber schuf in den Menschen, die den Juden trotz alledem erkannten, die Spannung des Fremdseins und des Mißtrauens. Denn Anonymität zwingt zur IJnehrlkTikeit und zur Ertötung jeden Stolzes. Anonymität — das ist die Maske, der Schlupfwinkel und die dunkle Seitenstraße. Anonymität — das war aber auch eine ausgezeichnete Waffe gegen die Anonymen. Denn da sie nirgendwo ihr Judentum offen zeigten, zwang man es ihnen dort auf, wo sie es gern geleugnet hätten und leugnete es dort, wo sie es gern hätten glänzen lassen. So machte man die Leistung des Juden gern zu einer anonymen, das Verbrechen aber zu einer ״jüdischen“ Tat. Beiden, Juden und Völkern, nutzte die angebliche Waffe des Liberalismus wenig. Wie ein Bumerang schnellte sie in die Hand dessen zurück, der sie geworfen hatte. Und beide hatten sie gebraucht. Die Umgehung der Wahrheit, die Leugnung der natürlichen Unterschiede, die Tarnung der Besonderheit mußte notwendig den Eindruck erwecken, als sei das Verborgene zu schlecht und minderwertig, u rn gezeigt zu werden. Sie machte ein Wesen und ein Geheimnis um etwas, was zu verheimlichen das natürliche Gefühl nie erlaubt hätte. Die von Tausenden und aber Tausenden von Juden geglaubte Fiktion, es wäre in der Tat kein Unterschied zwischen Juden llllllllllllllllllllMIIIIIIIIIII'llllllllllllllllllllllll[|llllllllllltltllllllllllllllllllllltll!IllllllllllllltllltlllllllllllllllllIlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllllltllllllllllllltlllltlllllllltillllllllltllill!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll1m1llllillll