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Jüdische Rundschau · 1933-10-24 · Heft 85 (24.10.1933) · p. Seite 693

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 85 (24.10.1933)
Date
1933-10-24
Page
Seite 693 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer RM 0,23 Hit ״Palästina ~Bilderbeilage" JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich Z- UM, v iar t«1 j ä h rl i c h 5*75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streikt oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. — Aualandsabonnements werden in der Wahrung der einzelnen Linder berechne!. Ameigenpreis: 8 gespaltene Nonpareille•■ zeile 0,50 RM. Stellengesuchenö,25 RM. F.inrtl •Anzeigen nur gegen Vorauizshlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. na. b. H., Berlin W15, Meinekestr. IO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Arueigenachluß: Dienstag. Nummer: Freilag nachmittags 3 Uhr Freitag-Nummer: Dienstag nachmittags 3 Uhr. P 0 atscheck Kouten; A.bonneroent1-Abt. (au&er Grofi Berlin): Berlin. 17392, Abonnements-Abi für Berlin: Berlin 71573* Buch־verlag: Berlin 71576, Innersten- Abteilung: Berlin 716 18, Base! V9355. Belgrad 68i) 32, Briiasei 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 594 IO, Riga 4155, Strafiburg 164 30, Warschau 190708, Wien 356 030. Bank.Konten: Dresdner Bank, Depositen-Kasse 54, Kurfürstendarnm 181; Rumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Anglo Paleatine Co, m Haifa, lerusalem, Tel-Aviv: Eeati Pank, Tallin (Estland) ) a Nummer 85 | Berlin, 24. X. 1933 Geschäftszeit: Montag bia Freitag v oa 9 — 3 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ד׳ מהתשון תרצ״ר | xxxviii. Jabrg. Our Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte Iw Palästina. ״Baseler Programm.«« Der Irrweg jüdischer Repräsentation Zur Geschichte der Assimilation Fest im Kinderdorf Ausflug nach Ben Schemen Von Immanuel. Einer der neuen Einwanderer aus Deutschland schildert hier seine Eindrücke bei einem Fest des Kinderdorjes Ben- Schemen. Ueber den Aufbau dieses Kinderdorjes und das Leben in ihm haben wir in Nr. 72 der ״Jüd. Rundschau“ eingehend berichtet. Red. Tel-Awiw, Mitte Oktober. Zu einem Fest nach Ben-Schemen zu gelangen, ist gar nicht so einfach. Du liast zwar eine Einladung bekommen, du hast dir zur Zeit deine Autokarte besorgt, du bist auch zur Zeit an der Abfahrtstelle, aber zuerst gibt es nichts als ein großes Durcheinander. Ein riesiger Andrang und wenig Pläiz«. Es dauert lange, bis alles einigermaßen in Ordnung ist und drei riesige Autobusse sich durch die Ausläufer von Tel-Awiw und die Straßen von Jaffa auf die große Chaussee hindurclnvinden. Es ist erstaunlich, wieviel Geduld hier die meisten Leute beweisen, die bereits einige Zeit hier sind. Es kommt ja seiten vor, daß irgendetwas auf die Minute klappt und der Europäer, besonders der Großstädter, der gewohnt ist, mit Minuten zu rechnen, verliert leicht die Nerven beim Warten, bei verfehlten Verabredungen, beim vergeblichen Suchen. Bei den ״Palästinensern“ gibt es das nicht, Temperamentvoll sind sie genug und immer beschäftigt, aber sie behalten bei allen Störungen und Aufenthalten, auch wenn man zu spät kommt und noch so unbequem sitzt und schwitzt, ihren guten Humor. Besonders auffallend ist das bei Chauffeuren, die nichts von Unterwürfigkeit haben, aber schließlich immer mit dem Publikum zurecht kommen, auch wenn das heute sicher besonders schwierig ist, eben weil es genaueste Pünktlichkeit haben will und leicht nervös wird. Auch in diesen Autobussen nach Ben- Schemen sieht man das übliche Bild. Zuerst ein hoff nun gsloses Durcheinander, das von allen ״Wissenden“ mit einem gutmutigen Lächeln aufgenommen wird und schließlich geht es doch los und — man kommt sehlicßlich immer noch zur Zeit. Heute, am Schlußfest des Unterrichtsjahres, ist das Landerziehungsheim «der, wie man hier sagt, das ״Kinderdorf“ Ben- Schemen wie ein summender Bienenstock. Zu den Hunderten von Kindern, zu den zahlreichen Mitarbeitern und Lehrern, zu den Arbeitern, die jetzt dort beschäftigt werden, kommen massenhaft Gäste aus Tel-Awiw, aus Jerusalem, aus den nahen Siedlungen. Dazu, trifft man Dutzende von Arabern. Die um- 'liegenden Dörfer und vor allein die umwohnenden Scheichs haben Einladungskarten bekommen und sie nützen sie griindlieh aus. In den Ecken sieht man Fellachinncn hocken in den blauen, langen Leimvandkleidern, an Brust und Roeksauin gestickt, wie sie sie hier überall tragen. Halbwüchsige jungen hangen mit großen verwunderten Augen und etwas ängstlich an den Röcken ihrer Väter, die im Dorfe herumspazieren oder in Gruppen beisammenhocken. Wer gehofft hat, daß er mit dieser Fahrt nach Beri-Scliemen für ein paar Stunden der Bauluft von Tel-Awiw entrinnt, hat sich geirrt. Das Dorf ist ein einziger Bauplatz. An allen Ecken stehen halbfertige Gebäude, Baracken, die jetzt errichtet werden. Ben-Schemen ist im letzten Jahre sprunghaft angewachsen. Es hat — der dringenden Not entsprechend — massenhaft deutsche Kinder aufnelimen müssen und es bleibt kein Plätzchen rum Schlafen. Auch das verstärkte Personal braucht Unterkunft. Ueberali stellt zurzeit Bett an Belt und wenn die jetzt entstehenden Holzhäuser fertig sind, so kommen gleich neue Baupläne zur Ausführung. So ist das Dorf noch voll mit Arbeitern und alles drängt sich eng zusammen. Unter den Gästen hört man sehr viel deutsch sprechen. Es sind die Eltern der neu eingeschulten Kinder, die zum Fest gekommen sind. Aber unter den Kleinen und Halbwüchsigen, die schon ein paar Monate da sind, sieht man schon den Beginn der Sprachmischung, die für alle einwandernden Kinder charakteristisch ist. Die hebräische Umgebung der eingesessenen Kinder, der intensive Unterricht tun ihr Werk, Das Deutsch mischt sich mit hebräischen Ausdrücken und manches Kind redet schon nur hebräisch auf seine Mutter ein, die nur die Hälfte oder vielfach gar nichts versteht. Ein Gong ertönt und alles sammelt sich auf dein Rasen und auf den Holzbänken vor der Bühne. Einen solche« Festrahmen findet man selten. Vor einer Hausfassade mit Stufen hinunter ist eine Holzbühne errichtet; davor breitet sich ein Rasenplatz, auf dem die Kinder hocken, große Bäume fassen den Platz ein, zu beiden Seiten flankieren zwei riesige Palnien den Eingang, und um die bunte Verkleidung der Fassade schmiegen sich zwei riesige Agaven, die ihre eckigen Arme bis auf das Dach hinauf strecken. Mit Musik beginnt es — und mit sehr guter Musik. Das Streichorchester des Dorfes ist durch'Erwachsene, Dilettanten aus Tel-Awiw verstärkt worden und sie spielen, daß alle lautlos zuhören und eine schöne Stimmung der Ruhe und Erwartung entsteht. Es folgt die Ansprache des Leiters der Anstalt: eine Zusammenfassung der Erziehungsziele des Dorfes, und dann kommen die Kinder zu ihrem Recht. Es gibt Volkstanze der verschiedensten Art, in verschiedenen Trachten und aus verschiedenen Gegenden, von den Schülern ausgeführt. Zwei Nummern liefern die arabischen Gäste. Eine Gruppe von Eellachen kommt auf die Bühne, ein Teil mit langen Kopftüchern, ein Teil mit kleinen spitzen Mützen. Ihre Musik haben sie mit. Ein kleiner Junge stellt sich in die Mitte und spielt seine Hirtenflöte. Um ihn herum beginnt der Tanz, ein Wiegen und Neigen, dann ein Springen und Stampfen, hin und her, in erstaunlich leichten und selbstverständlichen Bewegungen. Den Gästen wird starker Beifall zuteil und die umsitzen־ den Araber freuen sich. Nach dem Sonnenuntergang, der die Palmen und den Goldschmuck der Bühne in tiefe Lichter taucht, kommt eine Pause und man zerstreut sich iui Dorf. Die Araber und die geladenen Gäste sammeln sich in einem der behaglichen Etlsäle zur Mahlzeit, die Kinder sitzen überall auf dem Rasen mit ihren Broten herum, denn heute konzentriert sich alle Arbeit auf das Fest und man wandelt das Essen in eine Art Picknick um. Unter den Baumen leuchten Lampions auf, der Himmel bedeckt sich mit Sternen, in der Ferne sieht man die Lichter des nahegelegenen Ludd. Jetzt kommt das Haiiptstiick des Festes, Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, sein Verkauf nach Aegypten, sein Aufstieg zur Macht und seine Wiedervereimgung mit seiner Familie wird in einer Tanzpantomime dargestellt. Vor jedem Akt verliest einer der Schüler den entsprechenden Abschnitt aus der Bibel; ein Lehrer übersetzt ihn für die Gäste ins Arabische. Dan« kommt die pantomimische Darstellung, begleitet von einer ausgezeichneten Musik, und Kinder und Erwachsene freuen sich gleichzeitig. Die Darstellung dieser biblischen Dinge wirkt hier natürlich uni selbstverständlieh, unter diesem Himmel, unter den Palmen, und der Esel, der von Zeit zu Zeit im Hofe schreit, gehört auch richtig dazu. So anspruchslos alles ist, so richtig wirkt es auch. Und nun kommt endlich die Jugend zu ihrem Recht. Au? dem Rasen, überall auf den Wegen beginnt man zu tanzen. Man singt, inan spielt Mundharmonika dabei, man stampft und springt und schreit, daß inan es durch das ganze Dorf hört. Es ist meistens der Rundtanz, Horrt genannt, der hier allgemein getanzt wird, mit einer geradezu verblüffenden Ausdauer. Daß es schön aussieht, kann inan meistens niciit sagen. Lustig sieht es ans, aber das Geschrei und das maßlose Stampfen und Springen, das ist auf die Dauer schwer erträglich. Wenn man jemand fragt, ob zuin Lustigsein unbedingt ein solches Schreien gehört, wird man in der Regel verständnislos angeschaut. Ein großer Teil der Gäste ist schon fort. Nocli einmal sammelt man sich vor der Bühne, auf der dieses Mal das Orchester aufgesteüt ist. Lautlos still wird es, auch der Wind schweigt. Und unter den Palmen und Agaven, unter Sternen und Stille erklingt Mozarts ״Kleine Nachtmusik“. Die Krone und der würdige Abschluß des Festes. Durcii die Nacht führt uns der Autobus zurück nach Tel- Awiw, durch den gelb aufgehenden Mond und die Olivengärten, die Ludd umgeben. Aber man hat nicht viel von der Nachtstill«, denn im Auto sitzt eine Gruppe von Burschen und Mädchen, die durchaus singen müssen. Sie singen aber nicht, sondern schreien und gröhlen und es kommen immer wieder dieselben drei Lieder. Aber man ist wehrlos. Schließlich kommt man doch an. Aber Tel-Awiw ist noch lauter als das Auto. Es ist zwar schon Mitternacht, aber heute ist Simchat Thora, das Fest der Gesetzesfreude, und auf allen Straßen tanzt man und singt. Man tanzt — natürlich — Horra und singt dabei die drei Lieder aus dem Auto, und alles freut sich und hat gute Laune. Aber schließlich gewöhnt man sich auch an den Lärm und freut sich noch einmal an den Palmen und Agaven, an den tanzenden Kindern, den tanzenden Arabern und der Kleinen Nachtmusik. Ja, und das Paar bucharischer Juden, das zum Fest gekommen war und den Hochzeitstanz tanzte, die Braut in ihrem ganz golden ei! Gewand, das sicher seit Generationen für die Hochzeiten aufgehoben wird! Es ist eine sonderbare Verschlingung vieler Welten. Juden aus aller Herren Länder, Araber, deutsche Musik, hebräische Reden, und alles wächst ganz wundersam in Eins zusammen. Eine sehr bunte gestaltcnreiche Welt. 2442 |ild!scbe Palästina •Einwanderer im Angast Jerusalem, 19. Oktober. (J.T.A.) Im Monat August sind 2513 Einwanderer, davon 2442 Juden, nach Palästina gekommen. 213 waren Personen mit einem eigenen Kapital von mindestens 1000 Pfund. 122 Personen wurde die Einreise verweigert — Im vorangegangenen Monat waren 2807 Einwanderer, davon 2703 Juden nach Palästina gekommen. 437 gehörten der ״Kapitalistenklasse“ an. Bei unregelmäßiger Zustellung der ״Jüdischen Rundschau“ bitten wir, gemäß Wunsch des Postzeltungsamtes, sich nicht an unsere Expedition, sondern zunächst beschwerdefühlend an den Briefträger oder an die Zeitungsstclle des zuständigen Postamtes zu wenden. Erst wenn das erfolglos geblieben ist, bitten wir, unter Angäbe der bisher unternommenen Schritte an den Verlag zu schreiben Administration der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin W IS, Meinekestr. 10. Wer als aufmerksamer Beobachter die Geschichte der letzten Jahre und Jahrzehnte betrachtet hat, muß unabhängig von allen geschichtspliilosophischen Anschauungen, die er im übrigen vertreten mag, die Feststellung treffen, daß in der Geschichte aller Völker das Gesetz der Repräsentation Geltung besitzt. Wir meinen damit das Phänomen, daß die wesentlichen Entwicklungen, die in den Völkern und zwischen ihnen vor sich gehen, stets mit einer sietragenden Schicht von Menschen verbunden, an diese Schicht gleichsam fixiert sind. Die großen Uebergäuge im GeschiclUsablauf der Völker sind zugleich Szenenwechsel auf dem Gebiete der persönlichen Repräsentation der betreffenden Gruppen. Wenn wir die jüdische Geschichte der letzten 150 Jahre im Westen Europas und insbesondere in Deutschland unter diesem Gesichtspunkt!)etrachten, so können wir mit aller Deutlichkeit beobachten, daß die Juden sich von einer bestimmten Menscheupruppe repräsentieren ließen, und zwar in einem doppelten Sinne: die führende Schicht wurde sowohl nach außen gegenüber der nichtjiidischen Umwelt repräsentativ herausgestellt wie auch im inneren Bewußtsein der Juden als für das Schicksal der Gesamtheit bestimmend «npfuriden. hn Laufe dieser Zeit ist allerdings eine eigenartige Form der Auswahl derjenigen Kreise eingetreten, die heute, wenn man auf die Vergangenheit zurüekbückt, diese Zeit in einer besonderen Weise aus dem Gesamtablauf der jüdischen Geschichte heraushebt: Wir können sic als eine Periode bezeichnen, die unter dem Gesetz der ״falschen ■Repräsentation“ gestanden hat. Gewiß ist cs so, daß für jedes Volk durchaus die Möglichkeit besteht, daß in verschiedenen Abschnitten seiner Geschichte stark voneinander differenzierte Menschengruppen repräsentativ wirken. Trotzdem ist der Gesamtablauf der Geschichte unter ein bestimmtes Sinngesetz gestellt, und wir werden diejenigen Nebenwege, die aus diesem Sinnzusaninicnhang herauszuführen scheineu, als verfehlte Schritte auf dem Wege der Geschichte zu bezeichnen haben. So gilt für die letzte Vergangenheit der deutsch-jüdischen Geschichte das Gesetz der falschen Repräsentation. Solange die Juden auch in Deutschland eine innerlich gefestigte Gemeinschaft mit einem reichen gesellschaftlichen und kulturellen!.eben bildeten, gab es so etwas wie eine legitime Führung und Vertretung der Juden. Es waren die geistig Fundiertesten und Stärksten, die am tiefsten im Judentum Wurzelnden, die von den Kehillotli als Führer und Repräsentanten empfunden und als solche der Außenwelt präsentiert wurden. Damit aber war die Legitimität der jüdischen F ü h - rung erwiesen; denn diejenigen, welche die meiste Geltung besaßen und damit das Vorbild für die jüdische Gesamtheit darstellen, waren lebendige Träger der jüdisehen Tradition und eines inhaltlich erfüllten Judeseins. Daß sie teilweise zugleich auch einer wirtschaftlichen Oberschicht innerhalb der Gemeinde angehörten, hatte in diesem Zusammenhänge wenig zu bedeuten; die Wohlhabenheit mancher Familien war eben vielfach ein Anlaß dazu, um sich einen Schatz jüdi sehen Wissens zu erwer* ben und so Menschen heranzubilden, die in jeder Weise als Führer im jüdischen Leben prädestiniert waren. Dieser Zustand wandelte sich im ausgehenden jüdisehen Mittelalter, als insbesondere auf geistig-kulturellem Gebiet ein Verfall des jüdischen Lebens sich anbahnte. Es waren gerade die wohlhabenden Kreise, die zu allererst die Grenzen des jüdischen Lebens, wie sie gesellschaftlich und geistig von der Kehillah gezogen wurden, verließen und sich außerhalb des jüdischen Bereiches Lebensinhalte suchten. So entstand eine zwar wohlhabende, aber dafür auch ungelehrte und nicht mehr mit dem Zentrum ihres Lebens im Judentum verwurzelte Gruppe. Zu dieser von innen her erfolgenden Zersetzung der ehemals führenden Schicht kam nun sehr bald die Tatsache hinzu, daß in der europäischen Umwelt ein neues Ideal auflrat, das für weite Kreise der jung־cn Generationen maßgebend und für das gesellschaftliche Leben bestimmend wurde. Die Herrschaft des Geldes, des mobilen, anonymen Kapitals brachte zugleich eine Ueberbewertung der Reichen mit sich, und so entstand der Zustand, daß in der Welt eine neue Art der Plutokratie aufkam, wie sie einst im Altertum bestanden hatte. Die Führung der Gesellschaft durch die Reichen setzte sich durch. Im deutschen Judentum wirkten sich all diese Strömutigen im Zeitalter der Emanzipation mit größter Kraft aus. Repräsentanten des Judentums waren nicht mehr die Gelehrtesten, Frömmsten, und im Judentum Auf•

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