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Jüdische Rundschau · 1933-10-20 · Heft 84 (20.10.1933) · p. Seite 669

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 84 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
Seite 669 (sequence 1)
Language
German
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HU Beilage ״Die jüdische Schale" Einzelnummer RM 0,23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienet»* und Frei«•*. Bezugspreis bei der Expedition monatlich X — RM-, vierteljährlich 5«75 RM Bei Nichterscheinen infolge Streik• oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch •u! Nachlieferung oder Rückerstattung der Berugsgebühren. — AuaUndsabonnement« werden in der Wahrung der einzelner* Linder berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpareillejeitf 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM. Einzel -Anzeigen nur geften Vorauszahlung Nummer 84 I Berlin, 20. X. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag ־Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr Freitag ־ Nummer: Dienstag nachmittag« 3 Uhr. Redaktionsschlvß Sonntag und Mittwoch nachmittag• Postscheck -Konten: Abonnements-Abt. 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Man blickt nach den Kabinetten, wo die äußeren Schicksale der Völker entschieden werden, und es ist begreiflich, wenn bei dem Oedanken, was alles von diesen Entscheidungen abhingen kann, die Gemüter der Menschen tiefinnerlich bewegt sind. Die Staatsmänner halten Zwiesprache, die Worte sind sorgfältig abgemessen, man fühlt den Wunsch, Unvorsichtigkeiten zu vermeiden. Die maßgebenden Organe der öffentlichen Meinung rufen zur Resonnenheit auf und warnen vor Uebertreibungen. Mit froßer Deutlichkeit verurteilt die englische Presse die Redereien über Kriegsgefahren. Von deutscher Seite sind eine ganze Reihe unmißverständlicher Friedensbekenntnisse zu verzeichnen. Wer nicht in denGefildender hohen Politik zu Hause ist, kann nichts tun als wünschen, daß die Weisheit der Staatsmänner einen für alle annehmbaren Ausweg finden möge und daß jene ruhige Atmo- Sphäre einkehre, die eine konstruktive Lösung der Pro- Meine, von denen alle Völker heimgesucht sind, ermöglicht An diesem Sabbat wird in den Synagogen die Er- Zahlung von der Sintflut und vom babylonischen Turmbau gelesen. Ewiges Gedächtnis der Menschheit! Die jüdische Ueberlieferung berichtet, wie der Liebcrmiit der Mensehen wuchs und sie, von der Macht der Technik berauscht, mit ihren Geschossen den Himmel erreichen wollten. Da wurden ihre Sprachen verwirrt; sie verstanden einander nicht mehr, und der Kampf aller gegen alle begann. In unserer Zeit erleben wir, wie das Uebcrmaß der Technik ihre Meister bedroht und wie die Verschiedenheit der Sprachen zu Gegensätzen führt. Laß die Menschen die eine Sprache wiederfinden! Diese Sehnsucht wird jeden beseelen, der wünscht, daß die Völker, treu ihrer eigenen Art und Aufgabe, sich in gegenseitiger Achtung als Gleichberechtigte zusammenfinden. Im übrigen, kann jeder nur seiner täglichen Arbeit nachgehen. Das Leben gellt weiter seinen Gang. Alle haben weiter ihre kleinen und größeren Alltagssorgen. Auch wir Juden, obwohl wir die Schwere des Augenblicks gewiß mindestens ebenso stark empfinden wie unsere Mitbürger, haben unsere Alltagssorgen. Der Winter nabt heran, für viele von uns ist es auch im persimlichen Sin,n ein entscheidender Winter, ein tiefer Einschnitt in das Leben. Gemeinschaftsschicksal wird in unserem Zeitalter wieder persönliches Schicksal. Viele sind aus ihrem bisherigen Beruf geworfen, ihre Kenntnisse müssen brach liegen, sie suchen neue Wege; nicht nur Lebensunterhalt, sondern auch Arbeit, die Befriedigung gibt. Nicht allen Juden geht es so gut wie den Wochenendlern, die der ״Illustrierte Beobachter“ in seiner dieswöchentlichen Ausgabe im Bild vorführt. Auch unter den Juden gibt es sehr sehr viele, die nicht in Cafehäusern sitzen und die man daher dort nicht photographieren kann, und neben dicken Jüdinnen gibt es auch viele magere und abgehärmte, ebenso wie es auch bei andern Völkern Wohllebende und Notleidende gibt. Auch von nationalsozialistischer Seite wird ja (sogar gclegcntlieh mit Bedauern) anerkannt, daß die deutsche Revolulion Härten in individuellen Fällen zur Folge hatte. Es liegt ja nahe, daß viele Juden, die keinen anderen als ihren bisherigen Beruf gelernt haben und diesen nun verloren haben, ratlos sind. Manche, die hier keine Arbeit finden können, richten ihren Blick nach anderen Ländern. Es ist ein Sprung ins Ungewisse, zu dem große Selbstzucht und Charakterstärke gehören. Um so notwendiger ist es, daß die deutschen Juden, jeder über sein persönliches Schicksal hinaus, den Blick für das Ganze nicht verlieren und Wesen und Sinn des geschichtlichen Vorgangs, dessen Objekt sie sind, begreifen. Viele haben ihre geistige Orientierung noch nicht gefunden. Häufig trifft man noch Juden an, die die Dinge von der oberflächlichsten Seite nehmen und sich damit begnügen, zu klagen oder andere anzuklagen; sie haben aus der bürgerlichen liberalen Aera die Anschauung ererbt, daß sie einen Anspruch auf ein geordnetes und sozusagen bequemes Leben haben, und es fällt ihnen nicht ein, die tieferen Zusammenhänge zwischen ihrem Judesein und ihrem Schicksal zur Kenntnis zu nehmen. Solche Juden sind aber, so darf man wohl sagen, heute eine Minderheit. Die große Mehrheit der Juden beginnt den Ernst des Judenproblems?u verstehen und vor allem auch einzusehen, daß die Judenfrage zunächst und vor allem eine Sache der Juden ist; daß daher jeder einzelne Jude und die jiidische Gesamtheit sich die Frage naclt ihrer eigenen Mit? schuld und ihrer eigenen Verantwortung ernsthaft vorzulcgcn haben. Das gilt nicht etwa nur für die deutschen Juden in Deutschland, sondern auch für die, welche auswandern. Aus manchen Erfahrungen — ohne verallgemeinem zu dürfen — gewinnt man den Eindruck, daß gewisse jüdische Auswanderer, besonders solche der begfiterten Kategorie, bei IJeberschreiten der deutschen Grenze offenbar glauben, nicht nur ihrer wirklichen oder vermeintlichen Schwierigkeiten in Deutschland ledig geworden zu sein, sondern auch der Judenfrage entkommen zu sein. Sie haben aus detn Erlebten nicht die Folgerung gezogen, daß auch sie selbst eine erhöhte jüdische Verantwortung zu tragen haben. Nichts aber ist beschämender für uns, als wenn Verantwortung sich nur dort zeigt, wo äußerer Zwang sie von sich aus erzeugt, sofort aller verflüchtigt, wenn man wieder unter anderen Bedingungen lebt. Wenn das Verhalten mancher ausgewanderter deutscher Juden in europäischen Groß- Städten Zweifel erregt, ob sie sich der Tragik der Ereignisse, die ihren Wohnungswechsel begleitet haben, bcwußt sind, so erkennt man auch hieraus, daß das deutsche Judentum eine jüdisch-geistige Orientierung nicht gehabt hat und zum großen Teil auch heute noch nicht errangen hat. Aber es ist zu merken, daß diese Orientierung gesucht wird. Eine Gemeinschaft von einer halben :Million Menschen bestellt aus den verschiedensten Eiementen und man kann für jede Behauptung Beispiele und Gegenbeispiele anfiihren. Wir können nicht sagen: alle deutschen Juden, aber sehr viele deutsche Juden, vor allem die Besten der Jugend, sind nachdenklich geworden und sind wie Suchende. Viele wissen es schon klar, viele ahnen es, daß ohne Klarstellung ihres Verliältnisses zum Judentum und ohne Wiederfinden der jüdischen Lebensbasis ein menschliches Manko an ihnen haftet, das auch ihr Verhältnis zur nichiji'idischen Umweit stören muß. Geistige Orientierung tut not. Wenn wir das sagen, dann betrachten wir uns selbst nicht als diejenigen, die fertige Rezepte zu präsentieren haben. Die neue Situation der deutschen Juden ist, obwohl einige wenige Klarblickende den Ernst der Lage empfanden, so plötzlich entstanden, daß niemand imstände ist, Mittel und Wege anzugeben, um sofort die ökonomisch-soziale Neuorientierung und Neueinglicdcriing durchzuführen und zugleich das in seinem jiidisehen Empfinden so geschwächte deutsche Judentum als einen lebendigen, seiner Würde bewußten Organismus hinzustellen. Am meisten täuschen sich diejenigen, die vom Zionismus, den sie ein Leben lang bekämpft Weizmann beim König von Belgien Brüssel, 17. Oktober. (J. T. A.) König Albert von Belgien hat Dr. Chaisn Weizmann in längerer Audienz empfangen. L)r. Weizmann legte dem König ausführlich die Bedeutung des jiidisehen Palästina-Aulbaus im Zusammenhang mit den Versuchen zur Lösung jüdischer Wanderprobleme dar und wies auf die großen Möglichkeiten hin, die ftir den weiteren Ausbau dieses Siediungswerkos bei entsprechender Förderung durch die maßgebenden politischen Faktoren und die an der Regelung der Judenfrage interessierten Kreise bestehen. König Albert nahm den Bericht Dr. Wcizmanns über die Fortschritte der Kolonisationsarbeiten mit Befriedigung zur Kenntnis und gab seiner Sympathie für die jüdischen Erneuerungsbcstrcbungcn in Palästina Ausdruck. Sokolow in Wien Am 16. Oktober fand im überfüllten großen Saal des Wi r Konzerthauses eine von Tausenden besuchte zionistische Kundgebung statt, bei der der Präsident der Jewisli Agency S o 1< olow ein mit stürmischem Beifall aufgcnommeties Referat über die gegenwärtige l äge der Judenheit in den Ländern der Zerstreuung, die Ergebnisse des Zionistcnkongrcsses, die allgemeine politische Lage und den gegenwärtigen Stand des Aufbauwerks in Palästina hielt. Bei dem am 15. Oktober veranstalteten Vorbeimarsch der Zionisten Wiens vor dem Grabe Theodor H e r z 1 s marschierten Sokolow tmd der Präsident der Wiener Israelitischen Kulttisgcmeinde Dr. Desider Friedmann an der Spitze, Von Wien begibt sich Sokolow nach P 01 e», wo er den ״Mifal Arlosoroff“, die Kampagne zur Schaffung einer Siedlurtg auf den Namen des ermordeten zionistischen Führers, eröffnen wird. haben, jetzt das Darbieten eines bequemen Auswegs erwarten. Der Zionismus ist keine Versorgungsanstalt und auch keine fertige Denkformel, sondern er ist eine Erkenntnis und eine Bewegung; er ist der Versuch, das jüdische Denken und Fühlen zunächst einmal überhaupt erst wieder aus ihrer Erstarrung und Unfruchtbarkeit zu lösen, die Juden wieder denkend und fühlend zu machen. Man mißverstehe nicht: natürlich haben einzelne Juden auch früher gedacht, sie haben in großer Gedankenarbeit sogar vieles geschaffen und geleistet, sie haben auch einen hohen Grad der Bildung erstrebt, mehr vielleicht als andere Sterbliche. Aber ihr Judentum war leer geworden, eine tote Maske;vom Judentum her mußte das Denken einen neuen Anstoß erhalten. Die Leere des Herzens mußte einem tiefinnerlichen Gefühl weichen, daher nannten auch die ersten Zionisten ihre Idee ״Zionsüebe“, weil es Liebe war, die mit ihrer Wärme Erstarrtes auftaut. Keine fertigen Doktrinen, sondern Liebe und lebendiges Denken — das ist die Grundposition des Zionismus. Verbunden mit dem Glauben an das Ewige im Judentum, um dessentwillen es sich als Jude zu leben lohnt, verbunden mit dem Willen, sich als Jude ein neues schöpferisches Dasein zu erarbeiten, ist das Bedürfnis, in allen Dingen des wirklichen Lebens auch die Wirklichkeit zu sehen, die Realität zum Ausgangspunkt der Tat zu machen und nicht Ausflüchte zu suchen in ein Reich des sinnberaubten Wortes und abstrakter Symbole, die zu nichts verpflichten. Weil wir keine Doktrinäre sind, darum können wir auch keine schematische Antwort geben. Es wäre z. B. falsch, einfach zu sagen, wer in Deutschland seine Arbeit verloren hat, möge nach Palästina gehen. Viele deutsche Juden haben, eben weil sie nicht Zionisten waren und weil das neue jüdische Denken sie noch nicht berührt hatte, gemeint, sie könnten sich einfach nach Palästina begeben und seien damit der lästigen Judenfrage ledig. Aber wer nach Palästina geht, darf am allerwenigsten die Judenfrage bagatellisieren, ln Palästina ist sie ausschlaggebend, freilich in anderem Sinne als liier. In Palästina soll ein neues jüdisches Volk geschaffen werden, und da kann nur!niltun, wer die jiidisehe Verantwortung begreift. Die Zionisten haben stets für Palästina geworben und Juden aufgefordert, ihre Kräfte dort einzusetzen. Aber so paradox es klingt: heute müßten wir vielen Juden ab raten, nach Palästina zu gclien. Nicht etwa weil die Chancen Palästinas für bestimmte Gruppen von Juden reserviert bleiben sollen, wie manche, die die Realitäten nicht kennen, argwöhnen, sondern weil Enttäuschungen daraus entstellen müssen, für die Auswanderer selbst und für den Jiscliuw. Miß- Verständnisse dieser Art haben noch niemals genützt. Es ist die Meinung verbreitet, daß Palästina auch für Leute, die kein jüdisches Interesse mitbringen, im rein materiellen Sinne ein Glückshafen ist. ln Wahrheit verlangt Palästina von jüdischen Einwanderern rückhaltlose Umstellung, Pioniergeist, Bescheidenheit und Verantwortungsgefühl. Das Jüdische Nationalheim soll zwar eine Zufluchtsstätte bieten für Juden, die anderswo nicht mehr leben können, und fragt dabei nicht nach der Gesinnung; es liegt aber im Wesen der Sache, daß diese Leistung nicht einseitig sein kann. Palästina gibt nur denen, die ihm auch geben. Es wäre ein Irrtum zu meinen, daß es heute unsere Aufgabe ist, für Palästina-Wanderung Propaganda zu machen. Wofür Propaganda gemacht werden muß, ist ein neuer Geist im J u d e n t u in, der seine Früchte tragen wird, ob der Einzelne nun nach Palästina geht oder anderswo jüdisch lebt. Der Prozeß des Umdenkens gellt nicht so schnell vonstatten. Eine lange Erziehung ist notwendig, Er- Ziehung durch das Leben und durch Belehrung. In stiirmischen Zeiten lernen die Menschen schneller als sonst. Aber dann ist noch der Schritt zur Realisierung zu vollziehen. Die Zionisten können hier den deutschen Juden viel helfen, weil die Fragen, um die es geht, ihnen nicht erst seit gestern vertraut sind. Es ist daher absurd, wenn manche deutsch-jüdische Gruppen die ihnen lästigen Zionisten auf die Organisierung der Palästina-Wanderung verweisen möchten und sich selbst den Anspruch auf Führung der deutschen Juden Vorbehalten. Wohin denn, so fragen wir, wollen diese Führer führen, die schon so oft in die Irre geführt? Das Leben drängt ja zwangsläufig die deutschen Juden auf die Bahn, die der Zionismus gewiesen hat. Manche Unbelehrbare wollen noch jetzt Mimikry treiben; andere versuchen, Positives ztt geben, 214037

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