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Jüdische Rundschau · 1933-10-11 · Heft 81-82 (11.10.1933) · p. Seite 649

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 81-82 (11.10.1933)
Date
1933-10-11
Page
Seite 649 (sequence 17)
Language
German
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933 Nr. 81/82 11 X. 1933 7 ODl SCH E RUNDSCHAU Seite 647 : 1 Jüdische Wissensc Hk" nmer >11 2 1 c h t. TMAMN 10 1s MER EUng, « t e n.| k.r clstr.*4i Diner (*tätig«, H, Neu- ST Str, 12 [immer Haushclt. Jung e n. [51 links inner -Nfitie ichenhen., hrafje 23 ttin 09 32 eise hoo!!•Knrsfi Ue&itch) trzlßymo) Die Zukunft der jüdischen Wissenschaft Von Dr. B. G a f n!. I. Die letzten Monate sind für einen Teil der deutschen Juden nicht nur materiell und beruflich zum Wendepunkt geworden. Auf geistigem Gebiete hat sich eine Rückkehr zur jüdischen Geschichte und jüdischem Volkstum angebahnt. Das Interesse für alles Jüdische wächst. Die atoinisicrten Teile der jüdischen Gemeinschaft suchen jetzt wieder Stärkung durch den Zusammenschluß im einer eigenen Gemeinschaft. Unberührt von dieser Selbstbesinnung bleibt ein wichtiges Gebiet — die jüdische Wissenschaft. Die sogenannte Wissenschaft des Judentums ist im Kampfe um die bürgerliche Emanzipation entstanden. Das Verbot der Führung christlicher Namen für die Juden (1823 und 1836) und das der deutschen Predigt veranlaßten Z u n z zu seiner Schrift über die ״Namen der Juden“ (1837) und zu seinen .,Gottesdienstlichen Vorträgen“ (1832), die die Unhaltbarkeit dieser Verordnungen wissenschaftlich begründen wollten. Zacharias Frankel verfaßte seine Schrift über den Judeneid, um die Abschaffung des Eides more judaico zu erwirken. Im Kampf mit den Theorien des christlichen Staates und der auf dem Boden der Romantik entstehenden Wissenschaff, die den Juden abgeneigt war, mußte diesen Faktoren eine systematische wissenschaftliche Gegentätigkeit entgegengestellt werden. Es mußte der Nachweis erbracht werden, .,daß das Judentum sowohl seinem Wesen als seiner inneren Geschichte nach mit den allgemeinen Staatszweekeu durchaus verträglich sei.“ (B. Jakob, Die Wissenschaft des Judentums, ihr Einfluß auf die Emanzipation der Juden. 1907, S. 6.) Zunz selbst hat übrigens gehofft, daß die bürgerliche Gleichstellung der Juden ״aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums hervorgehen“ würde. Diese Wissenschaft hat daher immer ihr Augenmerk nach außen gewandt. Für einen großen Teil der jüdischen Wissenschaftler war der Wert des erforschten Gebietes nach innen, für die jüdische Gemeinschaft, viel weniger von Betleutung als sein Wert nach außen — die apologetische Tendenz. Es ging dem Wissenschaftler ja weniger um die Feststellung der ״Wahrheit“ als vielmehr um das Aufzeigen der Gerechtigkeit der Juden, des hohen Werts ihrer ethischen Lehren, ihrer Leistungen trotz Armut und Bedrängnis, des Unrechts, das an ihnen begangen wurde oder wird u. n. Sich freimachen von dieser apologetischen Tendenz!konnte nur der Teil der Wissenschaftler, welcher sich abseitsstehende Gebiete aussuchte, die in gar keiner Bejrülirung init dem lebendigen Judentum standen. Man hat sich!bemüht, sich mehr und mehr in die Erforschung weit entüegener Probleme zu vertiefen, um die Augen von der Disikrepanz zwischen dem Idealbild — dem gleichberechtigten!freien jüdischen Menschen — und den Tatsachen schließen zu können. II. I Diese Tendenz des Sichabschließens vor | d e r Außenwelt brachte noch ein weiteres mit sich,!)er jüdische Wissenschaftler hat allmählich den Zusammen- I hang־ mit dem Weltgeschehen und dem jüdischen Geschehen im ganzen verloren und ist abseits bei seinem Teilgebiet geblieben. Es fehlen in den jüdischen Arbeiten, mehr als in anderen Wissenschaften, die großen Linien, die Brücken, die vorn Einzelgebiet' zum Ganzen führen, und die Zusammen- Ihänge zwischen den Ereignissen bei den Juden und der Umweit. Die Geschichtsschreibung z. B. ist zum großen Teil zu einer Art Familiengeschichte geworden, die nichts als mehr oder weniger ausführliche Namenverzeichnisse, Des- [/endem-tafeln, Geburts- und Todesdaten von verschiedenen Rabbinern, Schächtern usw. enthält. Wäre ein statistischer Vergleich in bezug auf Tendenz hmd Ge hi et zwischen den jüdisch-wissenschaftlichen Werken [und Arbeiten und den wissenschaftlichen Arbeiten eines anderen Volkes möglich, so würde man erst sehen, wie!anders sich die jüdische Wissenschaft im Vergleich zu den \Visscnschafte11 anderer Völker darstellt. Eine solche Statistik [wurde ergeben, daß die Gebiete, welche man allgemein als Altertümer zu bezeichnen pflegt und die bei einem im Verhältnis kleinen Raum cinnchtncn, größten Teil der wissenschaftlichen Ar- Eine bekannte jüdisch-wissenschaftliche bliriftenreihe, die eine stattliche Anzahl von Erscheinungen aufzuweisen hat, enthält etwa zu drei Vierteln Werke, die man entweder als Altertümer oder als Apologetik ansprechen bann, womit noch nicht gesagt ist, daß in den Werken' des [übrigen Viertels nicht auch z. T. die apologetische Tendenz ]vorherrscht. Uebrigens braucht man nur in den erscheinenden jüdisch-wissenschaftlichen Zeitschriften zu blättern, um zu |1nerken, wieviel dort in das Bereich der Archäologie, der amiliengeschichte und Apologetik gehört. Mit jüdischem ]Volkstum und echt jüdischer Gedankenwelt hat all dies aber [nur wenig zu tun. Es ist hier nicht unser« Absicht, irgendwelche Wert-!־urteile zu fällen, ein Forschungsgebiet herabzusetzen oder!■eine Bedeutung zu verkleinern. Selbstverständlich hat etwa rie Frage eines Kommas in einer altorientalischen Inschrift ג" sich wissenschaftlichen Wert, ebenso die Beziehung zwi- /chen einer talmudischen Legende und dem klassischen acbrifüum oder zwischen irgendeiner christlichen Glaubensfor- |mcl und dem Judentum, oder sagen wir der Einfluß des Judentums auf eine mohammedanische Sekte. Aber wenn diese Gagen auch an sich wertvoll sind, so bilden sie doch, la|' den Interessen eines Volkes gemessen, schließlich einen uxus, den sich nur ein an Wissenschaft reiches Volk leisten 11111״. Aehnliche Probleme und Fragen werden ja auch in 1״deren Wissenschaften behandelt und haben dort ihren ‘Genvollen Platz. Aber während diese Probleme dort nur 1;neu kleinen Teil der allgemeinen Wissenschaft (gemeint ist!‘ristesWissenschaft) einnchtnen, bilden sie in der jüdischen issensdiaft einen Hauptbestandteil. Allerdings sieht es z. T. anders bei der jüdischen Wissenschaft aus, die in hebräischer oder jiddischer brache veröffentlicht wird. Bei ihrer Entstellung׳ hat schon je negative Bewertung der westeuropäischen Wissenschaft 11׳s Judentums mitgesprochen, die ihren Ausdruck u. a. bei r1 ch ad H a a in gefunden hat. Man war und ist daher bc- Hiebt, in Thema und Form sich mehr an die Bedürfnisse ks lebendigen jüdischen Volksorganismus zu halten. Von der ״deren Seite können diese Arbeiten, da sie in einer haupt- 1chlich nur den Juden zugänglichen Sprache veröffentlicht herden, kaum eine nach außen gerichtete apologetische Tenknz haben. Da aber die Zentren der jüdischen Wissen- K'haft in Westeuropa lagen, wurde auch •die übrige jüdische K'issenschaft immer mehr methodisch und thematisch von E'r abhängig. III. [anderen Volk einen ■ bei den Juden den!eiten ausmachen. Man könnte vielleicht eitnvenden, daß man in der jetzigen Nt an aktuellere Dinge zu denken hat als an die Wissenschalt, die schließlich ganz entlegen von dem immer härter werdenden Kampf uni die Existenz im wirtschaftlichen und geistigen Lehen ist. Aber diese Denkweise richtet sich im Grunde genommen nicht gegen die Wissenschaft überhaupt, sondern, gegen eine Wissenschaft, die dem Leben Und den Bedürfnissen des Volkes entfremdet ist. Denn wäre die jiidische Wissenschaft nicht in der Hauptsache nach außen gerichtet, und hätte sie sich thematisch und inhaltlich wie die Wissenschaften anderer Völker an den lebendigen Volksorganismus gehalten, so könnte sie gerade in einer Uebergangszeit, in der man das Leben der jüdischen Gemeinschaft auf neuer Grundlage aufbauen will, von großer Bedeutung werden. Hier nur einige Beispiele: Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts tauchen bei den Juden sowohl in Westwie in Osteuropa Umscliicht un g s p r o j e k t e auf. Man hat auch tatsächlich Verschiedenes aut diesem Gebiete mit mehr oder weniger Erfolg versucht. In Palästina wieder wurden in den letzten 50 Jahren ernste Produktivierungsversuche gemacht. Auf der anderen Seite ging seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts bei den Juden ein spontaner Umschichtungsprozeß vor sich, der ihren Berufsaufbau z. T. geändert hat. Wären alle diese Prozesse und Bestrebungen gehörig erforscht, dann hätte man über die Simchath Thora Feier Theatervorführung / Rezitationen Hebr. Lieder / Chor der Habonim Lichtbildervortrag: ״Feste in Erez Israel1‘ Sonnabend, den 1a. out, 8 Uhr abentis im Deutschen Hof, Luckauer Sfr. 15 Berliner Zionistische Vereinigung BezirHsgmppfl Süd. Ursachen des Gelingens oder Mißlingens der verschiedenen Projekte und über ihren Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftslage Bescheid gewußt, die psychologischen Vorginge hei den sich umschichtenden Personen gekannt und bei der jetzt notwendig gewordenen Umschichtung diese Erfahrungen verwerten können. Aehnlich ist es in der S c h u l f r a g e. ln der Nachkriegszeit ist in Osteuropa wie in Amerika ein Netz von jüdischen Schulen verschiedener Typen entstanden, ln derselben Zeit wurde das jüdische Schulwesen in Palästina stark ausgebaut, und in Westeuropa entstanden vereinzelt jüdische Schulen. Aber über alle diese Schulen, über ihre Erfolge und Miederlagen, über die mit ihnen verbundenen erzieherischen, pädagogisch-psychologischen, geistigen und materiellen Probleme sind wir last gar nicht unterrichtet. (Eine Artikelreihe über das jüdische Schulwesen in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1031 hatte nur informative Zwecke.) Letztens haben wir recht skeptische Stimmen über einige Schultypen in Osteuropa (zuerst Bialik, später Steinmann und jetzt Z. Weinberg) gehört, ohne zu wissen, wodurch die dort bezeiehneten negativen Seiten bedingt sind. Und so muß man jetzt, wenn man ein jüdisches Schulwesen in Deutschland aufbauen will, wieder aufs neue beginnen, ohne die bisherigen Erfahrungen verwerten und dadurch Fehler vermeiden zu können. Nicht anders verhält es sich auf anderen Gebieten des jüdischen Lebens, wo die Wissenschaft, wenn sie die früheren Eriekrtmgen verwertet und bearbeitet hätte, Material für den jetzigen Umbau liefern könnte. fV. Die frühere Emanzipationsepoche ist jetzt, ob wir wollen oder nicht, zu Ende. Für die Juden, die in Deutschland bleiben, muß man sich bemühen, eine neue Rechtsstellung zu erlangen. Dies kann aber nicht durch eine Selbstverleugnun״ wie bei der alten Emanzipation, die die Gleichbercchtigung des jüdischen Individuums anstrebte, geschehen, sondem nur durch die Eingliederung der Juden als Gruppe. Es müssen daher die vom alten Emanzipationskampf herstammenden Tendenzen der jüdischen Wissenschaft verschwinden. Will man in diesem Sinne den erwähnten Satz von Zunz paraphrasicren, wird er etwa so lauten: Die Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums (in bezug aut Thema und Inhalt) wird aus der Nicht-Gleichsteilung der Juden hervorgellen. Selbstverständlich kann man sich keinen Illusionen auf einen plötzlichen Umschwung hingeben. Die älteren jüdischen Wissenschaftler werden schwer von den ihnen lieb gewordenen Gebieten, Tendenzen und Themen lassen. Der Nachwuchs wieder — falls es in dieser materiell schlechten Zeit überhaupt einen solchen geben soll — wird im großen und ganzen kaum eine Anleitung in dieser neuen Richtung finden. Trotzdem finden sich vereinzelt jüdische Wissenschaftler, die früher oder jetzt das Bedürfnis einer solchen Umkehr vorsnürt haben oder verspüren. Es ist zwar jetzt keine Zeit zur Gründling von neuen Vereinen, jedoch wäre es vielleicht notwendig, daß diese Wissenschaftler mag ihre Zahl noch so klein sein —י zu einer vielleicht nur losen Vereinigung zur Erneuerung der jüdischen Wissenschaft sich zusammenschließen würden mit dem Ziel, die Wissenschaft von der Apologetik nach außen freizumachen und sie in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen. Wenn auch bei der älteren Generation eine solche Vereinigung kaum aut Anerkennung hoffen kann, würde sie doch den jüngeren wissenschaftlichen Kräften Anregung bieten. Jüdische Gräberfunde aus dem 3. Jahrhundert. Am 27. September wurde im Park des Primarbischofcs in Gran (Ungarn) eine archäologisch außerordentlich interessante Alisgrabung gemacht. Man fand dort bei Grabungen einen Grabstein mit einer hebräischen Inschrift, die aus dem dritten Jahrhundert stammt. Bei weiteren Grabungen wurde fcstgcstcllt, daß sich an dieser Stelle ein jüdischer Friedhof befunden hat, der in den Jahren 150— 220 benutzt wurde. Hierdurch kann der Nachweis erbracht werden, daß sich bereits zu dieser Frühzeit Juden als römische Bürger in Pannonien befunden haben, also 600 Jahre, bevor die ersten Magyaren sich dort angesiedelt haben. Zurzeit ist die Jüdische Gemeinde in Budapest bemüht, die Gedenksteine für das Jüdische Museum in Budapest zu erhalten, Eine Bibel ״Kritik Von Dr. Ernst Colin-Wien er (z. Zt. London). In England beherrschen religiöse Interessen noch heute viel^ stärker die OeficrUlklikeit als irgendwo anders in der Weit, — eine Tatsache, die man immer in Betracht ziehen muß, wenn man die Stellungnahme der englischen Welt zum jüdischen Schicksal der Gegenwart verstehen will. Ich kann mir jedenfalls kein anderes Land denken, in dem eine der gelcseusteu Zeitungen mehrere Wochen hindurch in Fort- Setzungen, als wäre es ein Roman, eine zusammenhängende bibclkritisclie Darstellung bringt. 111 London aber hat der ״Daily Telegraph“ dieses Wagnis mit einer Aufsatzreihe von Dr. S. Y 1! h u d a unternommen, und eine Unzahl von Briefen an die Zeitung und manche anderen Aeußeruugen zeigten, wie lebhaft das Interesse war, ja, mit welcher Spannung das englische Publikum den wissenschaftlichen, teilweise rein philologischen Auseinandersetzungen folgte. Was Yahuda behauptet, ist allerdings auch für ein jiidisches Publikum interessant genug. (Die 1 hecrien Yehudas wurden vor einiger Zeit in d“r ״Jiid. Rundschau“ schon bei anderer Gelegenheit dargesfellt. - A. <1. Red.) W.ährend die Wissenschaft die Quellen für die biblischen Berichte bisher gewöhnlich in der babylonischen Oeirtvswvlt suchte, findet er sie in Aegypten. Er weist /;!!!!reiche Parniiilen in vielen Einzelheiten nach. Um nur die wichtigsten zu nennen: Die Parallelen zur biblischen Sintflut-Erzählung hat man bisher ausschließlich in Babylon gefunden. Yaiuula zeigt, daß die Konstruktion der Arche ebenso dem ägvpfischen Schiffsbau entspricht, wir die Zeitpunkte und die Dauer der Flut, ihres Steigens und Fallens mit der Nü-Uebersclnveinmung harmonieren. Und wenn der babylonische Turm auch eine Ziknrat ist, so gleicht er doch in der Schilderung (lern kananitischcii FestungsUimi, dem sogenannten Migdol. Daß gerade die Vorstellungen der Wasserliiitfe ihren Ausgangspunkt vom Nil nehmen, glaubt Yahuda auch tur das Paradies annehtnen zu dürfen. Der eine Fluh, der durch das Paradies strömt, geht fiir ihn vom Nil aus. I )ie vier anderen Flüsse in seiner Nähe, von denen der eine geradezu als nordafrikanisch zu bestimmen ist, sind außer Euphrat und Tigris zwei Teile des NillaiU'cs. Damit ist nach Yahudas Meinung zugleich die uralte Frage beantwortet, an welcher Stelle der Erde die Bibel das Paradies lokalisiert haben will. Schließlich findet er auch Analogien zur Sehlange des Paradieses und zum Kaum des Lebens. Es gibt tatsächlich in Aegypten einen heiligen Bau!!!, an dem solche Gedanken hängen. Es stand eine berühmte Sykornore im Heiligtum zu Heliopoüs, auf deren unzählige Blätter nach ägyptischer Vorstellung eine Göttin die Lebensjahre des Pharao schreibt, eine der häufigsten Darstellungen in den Heiligtümern des neuen Reiches kurz nach der Mitte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Es ist nicht das erste Mal, daß Israels Beziehung zu Aegypten behauptet wird. Adolf Urin an hat schon seinerzeit darauf hingewiesen, daß zwischen den Weisheits- Sprüchen des Amcnope und denen Salomos weitgehende uebercinstimmiingen bestehen. Es ist überhaupt seihsiverstündlich, daß Aegypten, das Palästina so nahe liegt, und ein Kulturland von außerordentlicher Höhe war, auf es ausgestraiilt hat. Auch die Funde erzählen von einem sehr lebhaften Import nach Palästina. Aber es ist doch charaktcristiscli: Eingeführt wurde nicht die große, geniale ägvptische Kunst, sondern Mengen kleiner Fayence-Amulette, 'die als Schmuck dienen sollen. Und genau dieselbe Tatsache gilt auch für die Feststellungen oder vielmehr eigentlich die Bemerkungen Yahudas. sie betreffen nur Ein/elheiteir, verhältnismällig nebensächliche Dinge uiui nicht den Kern der biblischen Vorstellungen. Aeg>pten kannte den ״Baum des Lebens“. Aber sie ist eine ganz äußerliche Vorstellung von ihm, verglichen mit den! großen Gedanken der Genesis. Er ist vor allem ein vereinzeltes Objekt, während der biblische Lebcnsbatiin inmitten einer ungeheuren mythologischen Vision stellt, die zugleich außei ordentlich dichterisch ist. Man versteht, warum immer versucht wurde, die biblischen Vor- Stellungen mit Babylon in Verbindung zu bringen. Fs ist dieselbe Art der Gestaltung, des Empfindens, der mythologischen Vorstellungsfähigkeit. Babylon sicht die׳ Fin/ek-lemente immer als Teile ungeheurer Visionen, wie sie auch die jüdische Menschheit sah. Beide meinen immer eine Ganzheit, in der die Teilbikler als lebendige Glieder aufgehen. Der Aegvptcr sieht nur diese ()heiler, Fs ist sogar charakteristisch für ihn in allen Zeiten seiner Kultur, daß seine geistige Welt aus vielen Einzelheiten besteht, die nebeneinander hergeben, ohne sich zu einem Gesamtbild zu verbinde״. Es würde zu weit führen, die Gründe aiif/ufiihrcn. Sie sind ans der geschichtlichcn Entwickln!!{; Aegyptens in Verbindung mit der eigentümlich primitiven Denkart seiner Menschen zu ver•• stehen. Der Babylonier hat die Neigung groß zu erleben, Weltbilder zu sehen. Und wenn auch die Nähe •Aegyptens manchen Gedanken nach Israel hiniiberschwemmte, so stand doch die geistige Dynamik Israels Mesopotamien näher. Kurz, gesagt, die Eigenschaften der jüdischen Denker biblischer Zeit sind denjenigen Völkern nahe, die ihnen in ihrer Substanz verwandt sind. Es ist bisher üblich gewesen, und zwar nicht nur in der Bibc-Ikritik, sondern ebenso in fast allen Zweigen der Kunst- Wissenschaft und in vieien der Literatur, die Feststellung des Einflusses als eine wesentliche Aufgabe an/nseheii. ln Wirklichkeit beginnt die Aufgabe erst jenseits dieser Fest- Stellungen, flenn kein Mensch und kein Volk erleidet einen Einfluß als nur passiver Rezipient. Sic gestalten das empfangene Gut vielmehr mehr oder weniger um, oft; bis cs so sehr zum Eigen.gut wird, daß das Empfangene unter der neuen Gestalt fast nicht mehr bemerkt werden kann. Die gestaltcndc Kraft eines Menschen oder einer Nation ist entscheidend. Je stärker sie ist, desto weniger bleibt von dem Empfangenen übrig, desto mehr war cs mir eine Anregung zur eigenen Gestaltung. Was fest/ustellen wäre, ist das Maß und die Art der I Irnbildung. Die Beispiele liegen auf der Hand und sind zahllos. Die italienische sogenannte Renaissance übernimmt römische Vorbilder, betont stolz ihre Abstammung v11<־ ihr und scliafft doch eine durch und durch eigene Kunst. Der Norden, Deutschland vor allem, lernt diese Formen kennen. Und die sogenannte deutsche Renaissance, wie etwa das Heidelberger Schloß, ist doch ihrer Gesinnung nach völlig gotisch und hat sich mir einige wenig wichtige italienische Schmuck formen cingcgliedert. Was Dürer in I talien gelernt hat, ist völlig unwesentlich gegenüber der großen Schöpfung, die er daraus entwickelt. Formen und Anregungen gleiten von Land zu Land, von Meister zu Meister — aber nur der Schwache unterliegt ihnen, der Starke meistert sie. Die Folgerung ist klar. Die Bibel ist das große Werk unserer nationalen Literatur. Bei weitem nicht das einzige, und selbst schon eine ganze Bibliothek, die die Ueberbleibsel vieler Jahrhunderte umfaßt. Der Gedankenaustausch mit der Umwelt hat i!1 diesen Jahrhunderten

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