Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- Seite 609 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die heutige Kummer ist Z4 Seifen stark (Inhalt siehe Miüehpalfe) Doppclnummcr RM 0,401 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2.— RM, vierteljährlich 5.75 KM. Be» Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch »ul Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgchührm. — Auslandsabotmetnetus werden m der Währung der einzelnen Lander berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpareillezeile 0,5יי RM. Stellengesuche 0,2*► KM. FJnzel -Anzeigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J l Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag mchmittags 3Uhr Postscheck-Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32. Brüssel 394 33, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410. Riga 4155. Straßburg; 164 30, Warschau 190 708, Wen 156 030. 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Für uns Juden ist es von hohem Intersesse, was die politischen Repräsentanten der einzelnen Staaten zum Judenproblem zu sagen haben, obwohl wir uns nicht verhehlen, daß die grundsätzliche Stellungnahme häufig durch Momente der Opportunität beeinfußt wird. Während dieses Blatt in Druck geht, liegen abschließende Nachrichten über die Art und Weise, wie der Völkerbund die Judensache behandeln will, noch nicht vor. Wir müssen uns darauf beschränken, die uns bisher zugekommenen Berichte wiederzugeben. Das wirischaftsiechnische Problem der Emigration Von unserem Genfer Berichterstatter Genf, 1. Oktober ln der Völkerbundsversammlung am 29. September wurde die Judenfrage, bzw. das Problem der aus Deutschland aus- ■ gewanderten Flüchtlinge von dem schwedischen I Außenminister R. J. Sandler und von dem holländischen I Außenminister de Graeff zur Sprache gebracht. Der schwedische Außenminister erklärte, charakterisiisch für tfie gegenwärtige Situation seien der Mangel an Stabilität, der Konflikt der politischen Interessen und die ökonomischen Wirren, von weittragender Bedeutung scharfe soziale Gegensätze, die eine interne und externe Spannung erzeugen. Die Völkerbundvemmtniung habe nicht nur unter der drohenden Gefahr eines Krieges zwischen den Völkern, sondern auch unter dein Einfluß innerer Wirren und der Gefahr von Bürgerkriegen zu arbeiten. Insofern es sich um die Frage des Friedens handelt, könne keine absolute Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Angelegenheiten der Völker gemacht werden. Selbstverständlich bleibe jedes Land der Herr seines eigeneu Geschickes. Der Völkerbund könne niemals als Richter in den Konfikten' zwischen Ideen, Systemen oder Parteien anftreteil. Dennoch gäbe es gewisse menschliche Werte, deren Erhaltung der Völkerbund nicht hintansetzen kann im Interesse des Friedens und der Menschlichkeit. Als ein Beispiel hierfür weist der schwedische Außenminister darauf hin, daß schon lange vor der Gründling des Völkerbundes die Behandlung: der Kriegsopfer international geregelt wurde. Ebenso wie für die Kriegsop'er müsse aber die Stimme der Humanität für die Opfer von Bürgerkriegen und inneren Konflikten erhoben werden, ln diesein Sinne habe auch das Internationale Rote Kreuz bereits iin Jahre 1921 einen Beschluß gefaßt. Ein ähnliches Problem, fuhr der Außenminister fort, weidies häufig diskutiert wurde und zu allen Zeiten akut ist, ist das Problem der Minoritäten, unter dessen Aspekt auch die Lage der jüdischen Minorität befrachtet werden muß. Es ist wünschenswert, die Möglich- Feit einer gründlichen Diskussion dieses Problems in den hierfür zuständigen Komitees in Betracht zu ziehen. Dabei wird dann Gelegenheit sein, ausführlichere Bemerkungen?11 unterbreiten. Ich will mich darauf beschränken zu sagen, daß meine Regierung es begrüßen würde, wenn inan die Mögiichkeit und die Methoden einer allgemeineren Anwendung der Prinzipien der Sonderverträge diskutieren würde als ein Mittel, auch in dieser Beziehung den Begriff der Gleichheit einziifiilircn. Ich werfe diese Frage hier auf — sagte Herr Sandler weiter —, weil die Begriffe von der Gleicht! eit der Mensehen und Nationen die Basis der Institution des Völ- Verbundes bilden. Der Völkerbund muß festhalten an seinem Anspruch auf Universalität, und jede Bemühung, die Menschheit in besondere Abarten zu zerlegen, Iläuft daher den Ideen, aus denen der Völkerbund entstand, zuwider. Vor zwei Jahrhunderten, so schloß der schwedische Außenminister, hat eine unsterbliche .Stimme proklamiert, daß niemand das Recht hat, einen Menschen zum Werkzeug eines anderen Menschen zu machen. Dieser kategorische Imperativ ist für Völker ebenso wie für Einzelne anzuwenden. Imma- ׳nie! Kant, der geistige Gründer des Völkerbundes, hat die Wahrheit, die dem Völkerbund zugrunde Hegt, ausgesprochen, wem! er sagte: ״Wir alle sind Glieder derselben Menschheit־‘. Im weiteren Verlauf der Diskussion sprach der niederländische Außenminister A. C. de Graeff. Er erwähnte u. a. verschiedene Tätigkeitsgebiete, auf denen der Völkerbund bisher segensreich wirksam sein konnte und fuhr dann fort: Auch auf dem Gebiete der Hilfe für Flüchtlinge hat der Völkerbund seinen Wert erwiesen, und in dieser Beziehung werden ihm nach unserer Meinung neue Pflichten erwachsen. Eine große Zahl deutscher Staatsbürger hat in den letzten Monaten Zuflucht in die benachbarten Länder genommen. Private Initiative, welche sich bisher bemüht hat, die notwendige Hilfe zu bieten, kann diese Aufgabe nicht mehr lange fortführen, und die Anwesenheit einer so großen Zahl von Emigranten muß in Anbetracht der herrschenden Arbeitslosigkeit bald ernste Schwierigkeiten in mehreren Ländern her■ vorrufen. In diesen Verhältnissen wird cs nötig sein, inter- 11 ationaleZusammenarbeitzu organisieren, um geeignete Mittel zu ergreifen, z. B. diese Flüchtlinge in verschiedenen Ländern unterzubringen, ohne die ökonomische Struktur dieser Länder ungünstig zu beeinträchtigen. Nichts liegtuns fern er, sagte der Außenminister weiter, als uns in die inneren Angelegenhelfen, die unter die Souveränität Deutschlands fallen, einzumisclien. Wir wollen daher auch nicht die Gründe, warum diese Leute ihr Heimatland verlassen haben, untersuchen; aber wir stehen der unleugbaren Tat- Sache gegenüber, daß Tausende deutscher Bürger die Grenzen der Nachbarländer überschritten haben und aus Gründen, über die wir nicht zu urteilen haben, nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Dies ist also für um ein Problem rein technischen Charakters und eine Regelung muß durch ein allgemeines Uebereinkommen gefunden werden. Das ist ein Problem, welches innerhalb der Kompetenz des Völkerbundes liegt, der sich schon mehrmals in der Vergangenheit mit Fragen dieser Art beschäftigt hat. Dementsprechend stellte der holländische Außenminister nachstehenden Antrag: ״In den letzten Monaten hat eine große Anzahl deutscher Staatsangehöriger in verschiedenen Ländern Zuflucht gesucht. Der Aufenthalt in diesen Ländern Ist in dem Maße, als die Unterstützungsmittel aus privaten Quellen erschöpft sind, ein wirtschaftliches, finanzielles und soziales Problem, das nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden kann. Die Völkcrbundsversammlung ersucht daher den Rat, sobald wie möglich die Methoden 7.u prüfen, durch die eine praktische Regelung zu diesem Zweck herbeigeführt werden kann und die notwendigen Maßnahmen für die Ausfiihrimg aller Pläne zu ergreifen, die aus diesen Erwägungen hervorgehen können. Gemäß ihrer finanziellen Be- Stimmung beschließt die Völkerbundsversammlung, einen besonderen Posten in das Budget für 1934 einzusetzen.“ Im Anschluß an diese Ausführungen des holländischen Außenministers beschloß der Geschäftsordnungs-Ausschuß des Völkerbundes, den Antrag der holländischen Regierung dem Zweiten Ausschuß der Völkerbundsversammlung (Aus. schuß für Wirtschaftsfragen) zu überweisen. Durch diese Zuteilung ist ausgesprochen, daß es sich bei der Erörterang dieses Problems nicht um politische, bzw. Weltanschamingsfragen handelt, sondern im Sinne des holländischen Antrages um eine technisch wirtschaftliche Regelung. Vom jüdischen Standpunkt ist zu hoffen, daß, soweit jüdische Emigranten in Betracht kommen (die ja nur einen Teil der Emigranten ausmachen), die Regelung der Berufsum« Schichtung und der Einordnung der dafür geeigneten Auswanderer in das Jüdische Nationalheim in Palästina entsprechende Aufmerksamkeit findet. Weiter wäre 111n1n11t111n1un1111t111M1!1111111u11111u1111111111n1m1111m1111111111111i1n1n11n111n11nn1mn11n11111n11111111n11111111n111111u11nnn Aus dem Inhalt: Zum Hüttenfest. Von Robb. Hoffmann. Auf der steigenden Welle. (Brief aus Palästina.) Gestaltwandel des Judentums. Von Hans Kohn. Die Mission des Zionismus. Von Theodor Herzl, Dreißig Worte Jerusalem. Von H. Ben-Gawriel. Juden und deutsche Justiz. Brief aus Oesterreich. Kulturbund-Premiere: Nathan der Weise. Kinder-Beilage. Palästina-Wirtschaft. zu berücksichtigen, daß auch in Zukunft ein Altswand erungsbedürfnis insbesondere unter der jüdischen Jugend in Deutschland aus rein wirtschaftlichen Gründen bestehen wird. Diese Jugend muß in neue Berufe gebracht und alsdann einein Arbeitsleben in Palästina, evtl, auch in anderen aufnahmewilligen Ländern, eingegliedert werden. Inwieweit die Ankündigung des schwedischen Außenministers, auch die politischen Gesichtspunkte der Frage in der Politischen (Sechsten) Kommission der Völkerbundsver- Sammlung zur Sprache zu bringen, Widerhall finden wird, ist bisher nicht bekanntgeworden. * Der von uns bereits mitgeteilte Antrag, den der Dek« gierte von Haiti, Franguiies, der Völkerbundsversammlung _ vorgelegt hat, ist jetzt eingebracht worden. Die Re- Solution des Delegierten Franguiies, der Präsident der Pariser internationalen diplomatischen Akademie ist, wurde von dieser Akademie, der 3 Diplomaten von 73 Staaten angehören, im November 1928 angenommen und im Oktober 1929 vom Institut für internationales Recht auf einer in New York abgehaitenen Sitzung bestätigt. In Begründung seines Antrages erklärte der Delegierte Franguiies, diese Resolution enthalte die Quintessenz des R e c h t s - und Sittlichkeitshewußtseins der heutigen Welt. Er verlangte, daß die Resolution der politischen Kommission der Völkerhundsversarnmlung zu eingehendem Studium zugewiesen werde. Die Palästina-Debatte Ueber den Verlauf der am 2. Oktober durchgeführten Palästina-Debatte in der sechsten (Politischen) Kornmission der Völkerbundsversammlung berichtet WTB aus Genf; Im politischen Ausschuß der Völkerbiindsversammlting wurde heute bei der Erörterung der M a n d a t s f r a ge auch das Problem der jüdischen Einwanderung nach Palästina gestreift. Aus den Reden ergab sich, daß eine Anzahl Länder im Augenblick stark daran intercssiert sind, für ihren jüdischen Bevölkcrungsübersehuß eine Ansicdlungsmöglielikeit in Palästina zu schaffen. Ins!»- sondere kam es dem polnischen Vertreter darauf aa, gegenüber der Einwanderung aus Deutschland die Intcressen der polnischen .luden nicht in den Hintergrund treten zu lassen. Der englische Vertreter, Ormsby-Gore, wies darauf hin, daß die Mandatsgebiete in Vorderasien nur über beschränkten Raum verfügen und daß überstürzte Lösungen und Masscncinwandcrungcn die allgemcinen Verhältnisse und die gute Verwaltung beeinträchtigen könnten. Diesem Punkt schloß sieh der französische Delcgierte Senator BSrcngcr im Hinblick auf das französisehe Mandatsgebiet in Syrien an. Auch seien nicht alle Israeliten Zionisten. Eine längere Hede hielt der australische Rabbiner Freedman (der als Vertreter Australiens zur Genfer Völkerbundsla|:u11g delegiert wurde. — A. d. Red. ״,I.U.‘% der lebhaft an England appellierte, Palästina wirklich za der blühenden jüdischen Heimstätte aufzubauen, die den Sinn und die Verpflichtung des englischen Mandates hebe. Oer deutsche Delegierte, Gesandter von Keller, kam zunächst auf die Mandalsfrage im allgemeinen zu sprechet, wobei er im Hinblick auf die englischen Ostafrika-Pläne die Aufrcchterhaliung der Grundlage des Mandatssystem» forderte. Zur Frage der jüdischen Auswanderung unterschied der deutsche Vertreter die allgemeine Seite und die spezielle Seite hinsichtlich der P al ä - stina-I nieressen. Was die erste anlangt, so werde sich, soweit überhaupt eine Zuständigkeit des Völkerbundes zagelassen werden könne, damit die zweite Kommission befassen. Die Auswanderung nach Palästina interessiere dagegen die Mandatskommission. Aus den Erklärungen, die hier bereits abgegeben worden seien, ginge deutlich hervor, daß sich die Einwanderung in Palästina in steigendem Maße aus einer Reihe von Staaten zusammensetze. Was seine Regierung angche, so könne er mlttcilen, daß günstige Verhandlungen mit den zuständigen Behörden eingeleitet worden seien. Zusammenfasscnii ist festzustellen, daß die Debatte über dieses Thema einem normalen Verlauf genommen hat, daß in keiner Weise in irgendwie aggressiver Art auf Deutschiand Bezog genommen wurde, und daß allgemein die