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Jüdische Rundschau · 1933-09-29 · Heft 78 (29.9.1933) · p. Seite 589

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 78 (29.9.1933)
Date
1933-09-29
Page
Seite 589 (sequence 1)
Language
German
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-2.1C.1333 Eine Kundgebung der neuen Reichsverireiung Einzelnummer (20 Seiten) REt 0,40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2.— HM., vierteljährlich 5,75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung ode» Rückerstattung der Bezugsgebtihren. — Auslandsaboimements werden »n der Wahrung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpareille׳• /eile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM. Einzel-Anzeigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: TüdischeRundschau G.m.b.H., Berlin WlS.Meinekestr, 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittag» 3Uhr Freitag - Nummer Dienstag nachmittag» 3 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck.Konten: Berlin 173 92. Basel V 9355. Belgrad 680 32, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410. Rigi 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030 Bank - K enien: Dresdner Bank,!Depositen-Kasse Berlin, Kurfurstendamm 52; Rumänische Kreditbank. Cernauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa, Torusalem. Tel-Aviv: Fest! Pank, Tallin (Estland) Nummer 78 | Berlin, 29. IX. 1933 ט׳ תשרי תרצ ד | xxxvm. jahrg. Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Helmst&tte In Palfistlna. ״Baseler Programm." Eeieriagsgedanken Je mehr in der letzten Zeit von Juden und Judentum gesprochen wird, um so weniger —־ so scheint es uns wenigstens — wird für die Oeffentlichkeit zur K1 ä r u n g dieses akut gewordenen Problems beigebracht. Die Schweigsamkeit und Schamhaftigkeit, die früher dem Judenpunkt gegenüber als guter Ton galt, wird in den letzten Monaten nicht nur in Deutschland, sondern in [der ganzen Welt reichlich ausgeglichen. Die Judenfrage ist zu einem schier unerschöpflichen öffentlichen und privaten Diskussionsstoff geworden. Leider sind diese Diskussionen nicht immer von dem Wunsch nach reiner Erkenntnis der Wirklichkeit geleitet, sondern bestimmt von Affekten, Vorurteilen und politischen Tendenzen. Wir Juden wären aber an einer Untersuchung der Judenfrage interessiert, die nichts anderes zum Ziel hat, als die!wirkliche Lage zu ergründen, wobei natürlich die geschichtlichen Ursprünge der jetzigen Situation, die soziologischen Verschlingungen, die sozialen, ökonomi- [scher und psychologischen Momente gewürdigt werden müßten. Eine solche Diskussion rechtzeitig hcrvorzurufen, damit die Komplikationen sich nicht noch steigern t!nd die Affekte nicht kondensiert werden, war das Ziel des Zionismus. Der Zionismus jedoch wurde von Juden und Nichtjuden gerade um seiner Problem- Stellung willen, die ein Heraustreten aus der schäm- I haften Verhüllung der Judenfrage erfordert hätte, bekämpft, und hat daher seine Anschauung nicht durchgesetzt, er hat nur einen Teilerfolg erringen können; den Erfolg, daß in der Zeit einer akuten Krise, wie sie jetzt ausgebrochen ist, wenigstens nicht die Oesamtheit der Juden dem Judcnproblem völlig hilflos und verständnislos gegenübersteht, und darüber hinaus auch ein Teil dec nichtjüdischen Wett die Voraussetzungen für die notwendige praktische Hilfe begreift. Wir sind gewiß die letzten, die diesen Teilerfolg des Zionismus unterschätzen — man braucht ja nur an Palästina zu denken, das dank der hingebungsvollen Aufbauarbeit!zionistischer Pioniere heute wenigstens einen Bruchteil der jüdischen Auswanderer aufnehmen kann —; aber wir müssen auch freimütig zugeben, daß infolge der erwähnten Gegnerschaft das Hauptziel des Zionismus, die Klärung und Reinigung der Atmosphäre durch Ueberleitung der Diskussion über die Judenfrage in die [Bezirke nüchterner Realpolitik, nicht erreicht wurde. Es hat erst handgreiflicher Vorgänge bedurft, um diese Diskussion in Fluß zu bringen. Herr Reichsminister Goebbels hat in einem Interview dem französischen ]Publizisten Sauerwein kürzlich gesagt, es sei nicht Deutschlands Schuld, sondern die Schuld der Juden, daß die Judenfrage jetzt in der ganzen Welt erörtert wird. Wenn die Juden geschwiegen hätten, hätte sich das Problem nicht so zugespitzi und wäre in Deutschland selbst nicht mehr an der Tagesordnung. ]Wir glauben, daß Herr Minister Goebbels hier etwas [zu optimistisch sieht und die Verworrenheit der Juden- [frage unterschätzt. Wir glauben nicht, daß die Entjfachung dieser Wcftdiskussion ein jüdisches Vcr- [dienst ist; wir Zionisten bedauern die Art und Weise, in [der heute die Judenfrage in der ganzen Welt Diskus- [sionsstoff geworden ist, wir hätten uns diese Diskussion [ganz anders gewünscht. Es ist für uns besonders schmerzlich, wenn die Judendiskussion mit ״antideutscher Propaganda“ verbunden wird. Nicht wegen der Judenpolitik in Deutschland, sondern wegen der objek- [tiven Lage der Juden wäre eine unerschrockene [Diskussion der Judenfrage schon längst nötig gewesen,!sie ist heute — gleichfalls nicht nur wegen der Lage in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern — [besonders notwendig, und wir Juden dürfen nicht in [den alten Fehler zurück verfallen, eine solche Diskus• [sion zu scheuen. Es ist unsere feste Ueberzeugung, daß [eine Beruhigung in dieser Frage erst dann eintreten [kann, wenn niemand mehr versuchen wird, die luden [zur Assimilation zu zwingen, oder mit Mäntelchen und [Feigenblättern zu umkleiden, sondern der Jade das Recht [und die Freiheit haben wird, offen und eindeutig, in [aller Unbefangenheit als Jude aufzutreten, den Namen [Jude zu tragen; bis man den jüdischen Menschen um [seiner persönlichen Tugenden und Laster so oder so [beurteilen, nicht aber ihn von vornherein als Juden diffa- Jmicren wird. Die Bekämpfung des Antisemitismus durch [•Jeder und Broschüren hat sich als völlig erfolglos er- »wiesen; wir haben nun — und damit beginnt ein neuer [Abschnitt jüdischer Geschichte — zu versuchen, durch [Bewährung unserer jüdischen Art, durch Ja-sagen zum Judentum, durch verantwortlichen Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens vor den Augen der ganzen Welt, die neue Stellung des Juden in der menschlichen Gesellschaft zu begründen. Dann, das hoffen wir, wird die Gestalt des Juden für die Umwelt jene., Unheimliche und Gespenstische verlieren, das ihr heute noch anliaftet und das die einzige Erklärung für die sonst unbegreiflichen Phantasien ist, die viele Nichtjuden mit der Vorstellung eines Juden verbinden. Denn je mehr über die Judenfrage geredet wird, um so deutlicher wird es, daß auf die Grundfrage: Was sind die Juden, niemand eine Antwort gibt oder auch nur sucht. Der Vulgär-Antisemitismus macht es sich leicht, indem er Schauerdinge über Juden aussagt. Andere umgehen den Kern der Frage. Man wird jedenfalls in der zeitgenössischen Literatur und Publizistik nicht viel finden, was zur wirklichen Klärung beiträgt. Viel wichtiger ist es aber, daß dieselbe Frage auch vor uns Juden auftaucht. Auch für viele Juden hat das Judentum etwas Unbekanntes, Unheimliches. Die dem ludentum entfremdeten, durch die intellektuelle Schule der Unsere nächste Ausgabe erscheint am Mittwoch, den 4. Oktober, als Doppelnummer. Anzeigen hierfür können nicht mehr angenommen werden. — In der darauffolgenden Woche erscheint wiederum eine Doppelnummer am Mittwoch, den 11. Oktober. Anzeigen- Schluß für diese Ninjjmer am 4. Oktober. westlichen Aufklärung durchgegangenen jüdischen Mensehen, die jetzt durch äußere Mächte wieder ins Judentum zurückgeworfen werden, wissen nicht viel vom Sinn und Wesen des Judentums. Immer quälender steht vor ihnen, steht vor uns allen die Frage, wie aus verstreuten Juden wieder eine wirkliche lebendige, um den Sinn des Judentums und ihres eigenen Lebens wissende jüdische Gemeinschaft geformt werden kann. Ir diesen Feiertagen wird so mancher sich diese Frage vorgelegt l aben. Haben doch viele, die es früher nicht kannten, den Weg zum jüdischen Gotteshaus gefunden. Am Jom Kippur stehen überall in der Welt dichtgedrängt die Juden in den Synagogen, und vielleicht werden sie diesmal mehr als sonst die ergreifenden Worte verstehen und durchleben, in denen sich das große Ringen des Juden um Reinigung vollzieht, Worte, die dem westlichen Juden häufig unverstandener Schall geworden sind. Die ״Jüdische Rundschau“ ist ein weitlichcs, kein religiöses Organ, aber wir glauben, daß es vielen Lesern willkommen sein wird, wenn wir heute eine religiöse Betrachtung über den Versöhnungstag veröffentlichen, die wir dem Werk jenes Denkers entnehmen, der der edelste Repräsentant der vergangenen Epoche des deutschen Judentums war. Wir jungen Juden, die wir einer anderen Zeit und Gedankenwelt entstammen, legen damit Zeugnis ab für die Kontinuität des jüdischer. Werdens, wo eine Generation von der anderen das Kostbare, was sie geschaffen hat, aufnimmt, auch wenn sie andere Wege gehen muß; ein Prinzip, gegen das sich unsere Väter leider versündigt haben. Heute, wo es gilt, sich auf die Grundpositionen unseres Seins, des Judentums, zu besinnen, können wir nicht gedankenlos an der Deutung dieses gewaltigen Tages vorübergehen. Auch wer — wie viele moderne Juden — von der religiösen Tradition nichts wissen will, möge sich einmal in die Jom-Kippur-Liturgie versenken, von der David Baumgardt in einem bedeutenden Aufsatz sagt: Sie zeigt, woher wir kommen und wohin unser wahres Ziel gehl, und wie weit es abliegt von ,,Kulturdüiigcr“- 111n1nn1inn1111111i111111M111i1m1111»11n1111111111111111111111u111[111i11n111t111111u11111111i111111111111nt111!1111n1t11)1111nm11111t1ti»7iii Zentralstelle für Ansiedlung deutscher Joden Die Zionistische Exekutive ln London teilt mit: Unter Vorsitz von Dr. Wcizmann fand am 19. Septemtier in Meran eitle Sitzung statt, die sicli mit der Durchführung des vom 18. Zionistenkongreß gefällten Beschlusses beseht:!- tigte, eine Zentralstelle für die Ansledlung deutscher Juden in Palästina unler Leitung von Dr. Weizmann zu errichten. Dr. R 11 p p i n legte einen Arbeitsplan vor, der eingehend besprochen wurde. Geplant ist die Einsetzung eines zentralen Büros unler der Leitung von Dr. Weizmann in London und eines Büros unter der Leitung von Dr. Ruppin in Jerusalem. Sowohl für London wie für Palästina ist die Mitarbeit mehrerer für dieses Arbeitsgebiet besonders quaiifizierter Personen gesichert. Es wurde beschlossen, die Büros in London und Jerusalem unverzüglich zu errichten. oder ,,Esprit“-Judenlum oder allem ähnlichen. (״Ueber den inneren Aufbau der Jom Kippur-Liturgie“ in ,.Der Jude“, IV./6, Sept. 1919.) J . Das Wort Versöhnung hat einen schwachen Klang in einer Welt, die von bitteren Gegensätzen erfüllt ist. Wenn wir Juden an detn Gedanken der Vcrsöhnung festhalten, so meinen wir damit — und davor schütz! uns unser Verso Imungstag — nicht etwas Leichtes, nicht ein Sich-Abfindcn oder Sich-Duckcn, sondern wir meinen ein stetiges inneres Ringen, das über Leiden und Widersprüche hinweg schließlich zur Harmonie iühren muß, sofern man der menschlichen Kleinheit und Unzulänglichkeit eingedenk bleibt. Das Neue Jahr kann nur mit Versöhnung beginnen. Auch schwere Krisen können nur durch einen neuen Anfang, mit Ucber- Windung des vielleicht aufgestapcltcn Grolles, also: mit Versöhnung besiegt werden. Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Grundlagen einer tausendjährigen Weltanschauung und Ordnung zu wanken beginnen. Wir bedauern tief, daß dieses Ringen u!n einen neuen Geist sich in Deutschland im Zeichen eines Kampfes gegen das Judentum und gegen das Jüdische vollzieht. Wir glauben, daß hier schwere Mißverständnisse vorliegen, weil vieles, w; in der Tagespolemik jüdisch genannt wird, nichts mit Judentum zu tun hat. ln Deutschland wurde die Lehre von der Unterschiedlichkeit der Rassen zur Grundlage des gesamten Lebens gemacht. Wir Juden, derer. Blutgemeinschaft: sich durch Jahrhunderte unter schwierigen Verhültribsen erhalten hat, begreifen und bejahen die Bedeutung des Rassentunis; aber ebenso wie wir andere Rassen nicht herabsetzen, sind wir auch überzeugt, daß, über allen biologischen Differenzierungen, der Mensch i!1 seiner Not vor Gott und der Welt steht. Zu eng ist im Judentum Volk und Religion verknüpft, als daß wir nicht stets uns bewußt sein sollten, daß Volkstum durch den Geist geadelt sein muß, und daß der Geist, dessen irdische Träger diesem oder jenem Volk angehören, über allen Völkern erhaben ist. Mögen nicht nur einzelne Menschen, sondern auch ganze Menschengruppen sich voneinander unterscheiden, mögen auch in der Geschichte große Persönlichkeiten und starke Völker mehr gewirkt und sich mehr durchgesetzt haben als andere. Aber als Juden haben wir gelernt, daß der Mensch als solcher im Eben bilde Gottes gcschaffen wurde und daß in ihm der göttliche Funke verborgen ist und auf seine Erlösung wartet. Und daher ist für uns auch der niederste Mensch noch immer Mensch, und in jüdischen Legenden wird gerade dieser niederste erhöht, in dem grandiosen Buch Jesaia 53. wird verkündet, daß der ״Knecht Gottes“ unscheinbar und verachtet, häßlich und mißgestaltet sein wird, aber auf ihm wird das Leid der Welt ruhen. Der Gedanke, daß es höhere Menschenrassen gebe, die von den niederen weiter entfernt sind als etwa die niederen Menschen von höheren Tieren, ist uns fremd. Wohl gibt es niedere und verworfene Menschen, Sünder und Verbrecher, aber als Mensch ist jeder fähig und berufen, Träger des Göttlichen zu sein. Und kein Volk empfindet die Last diese׳ Berufung und den tiefen Abfall von ,ihr schwerer als das jüdische. Wir selber wissen es und sagen es an diese׳ Festtagen mit tausend Zungen, daß wir abgefallen sind und gesündigt haben, daß wir der menschlichen Schwäche erlegen sind; wir schonen wahrhaftig unsere Eitelkeit nicht. Ein Volk, das sich so sehr seiner Si'tndhaftigkeit bewußt ist, kann nicht in nationale Ueberhcbliebkeit abirren. Aber so wenig cs für sich und seine Angehörigen einen Platz beanspruchen darf, der ihm nicht zukommt, so wenig kann es seinen Gedanken aufgeben, der der Grundgedanke aller Religion ist: daß der Mensch, jeder Mensch, um seiner Sünden willen gerichtet wird, und nicht sein eingeborenes Blut oder Rassentum ihn gut macht oder schlecht, ihn schützt oder verdammt. Der Bund, den nach jüdischer Vor- Stellung Gott mit Israel geschlossen hat, schützte die Menschen jüdischen Blutes nicht davor, verworfen zu werden, und unser Verworfensein in der Galuth hält uns nicht ab zu hoffen und zu glauben, daß der Tag der WiedcrauFrichtung kommen wird. Ir der Weihe unserer Feiertage können wir uns mit Glauben und Zuversicht erfüllen. Wir brauchen diese innere Bestätigung unseres Seins. Aber auch in den Mühsalen und Sorgnissen des Alltags werden wir die jüdische Kraft nicht verlieren, wenn wir erst einmal verstehen, daß für uns nur vom Judentum her eine Wende sich vollziehen kann.

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