Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 565 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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r 933 Nr. 75/76, 20. IX. 1933 jüdische Rundschau Seite 563 Nüm« eil ge- Arbeit rzienrat le insg e im schön zurzeit inschaft unter 1 ermüden der Jugend- Adas •riagoge :inerzeit gerufen in und tzt der etneinde Subvengen geisse zur jeh der :uschuß, immer iptstütze Sie ist nis der in ihre jinde erallt so aus; die Welten, ühungen anderen nd mehr e natür er alten ist. Dii ung ge׳ icrall da mit dem Kranke ugegrün- ו Mitteln ation zu ich nach steuern hha, der ichtigun? (reise in rieht. Im;elbstver •irtschaft Monaten r hinan n Jugend ung hat!alten, in ,pril de um d hiesige ׳Ben und ms allen ■m Maß reinigun die be t werde ng ein ו Erfoi privaten men und ide 0 bis 425 ss chi! 1 Beruf Arbeiten ie junge! auf d' Mißerdem rachkur wÖchcnt■ drei fü: ivatkurse. Hamborn Personen ächentlicl! Der Au astik un In Ober Volks se Schu ,erden, t in de der M 1au־Abon sgrupp1 eröffne Aktie!chon d!e aktiv er Aktion steht ein1 eitet un; Jugend in Palästina Palästinensische Schulferien Von Dr. Kurt Wittk owski. I. Die Neueingewanderten klagen über die Hitze, leiden unter Fliegen und Mücken» entbehren manche ihnen bisher selbstverständliche Bequemlichkeit, möchten schon fließend hebräisch sprechen können. Die länger ansässigen Freunde (ist man ein Schiff vorher gelandet, zählt man sieh stolz zum ״älteren" Jischmv) trösten: An die Hitze wirst du dich gewöhnen, gegen Fliegen und Mücken gibt es manchen Schutz, frühere Bequemlichkeiten wirst du bald vergessen, hebräisch wirst du mit der Zeit lernen. Aber das Eine, sagen sie, ist in Palästina nicht zu ertragen: die langen Sommerferien der Kinder. Während der Schulzeit sind die Kinder wenigstens den halben Tag über beschäftigt, viele Schulen, und unter ihnen gerade die fortgeschrittenen, halten die Kinder bis 5 Uhr zu gemeinsamer Mahlzeit und zu Spiel und Gartenarbeit zusammen, aber in den Ferien ist diese freiheitsgewohnte Generation überhaupt nicht beschäftigt, d. h. überhaupt nicht zu bändigen. Man sieht sie morgens in Tel-Awiw zum Strand ziehen, meist in kleinen Gruppen, dort strolchen sie herum und kommen nur heim, wenn der Hunger gar zu groß ist. Noch schlimmer fast, wenn sie keine Lust haben, an den Strand zu gehen: dann lungern sie herum, sind überall, im Wege, wissen nicht, wohin mit sich. Gerade Tel-Awiw bietet ihnen außer dem Strand wenig, denn in der Stadt ist es heiß, schattige Spielplätze gibt es kaum, niemand hat Zeit für sie, und der Sommertag ist so unendlieh lang. Wie es In Palästina keine ernsthafte Schwierigkeit gibt, die nicht zur Bekämpfung reizt und deren Beseitigung nicht sofort in Angriff genommen wird, so auch diese pädagogische Frage. Dabei wirken wechselseitig die drei Kräfte, die hier wie in Europa Träger des heutigen pädagogischen Wirkens sind: Elternhaus, Schule, Jugendbewegung. Nur daß dem anderen Klima und den anderen Lebensbedingungen entsprechend die Form eine andere ist. In Deutschland verreist das Kind mit den Eltern an die See oder ins Gebirge, oder es geht mit dem ״Bund“ auf ״Fahrt“, oder das Schullandheim, hier und da auch ein Kinderheim, nimmt das Kind für ein paar Wochen auf. Hier verreisen kaum Eltern und Kinder zusammen. Die Eltern verreisen überhaupt kaum, und wenn, dann allein, um einmal völlig auszuspannen oder auch nach Jahren einmal ein anderes Land zu sehen (Syrien, Aegypten, Cypem, sind beliebte Reiseziele). Wohin also mit den Kindern? Das Nächstliegende ist, das Kind in eine Kwuzah oder in ein Kinderdorf zu geben. Gerade die vor 5, 8, 10 und mehr Jahren Eingewanderten haben meist Beziehungen zu irgendeiner Kwuzah, einer Kolonie oder einem Kinderdorf, zu Irgendeinem der vielen so schön in den Bergen gelegenen Plätze, wo sie selbst mal gearbeitet haben oder wo Fremde arbeiten. Dort finden die Kinder, was sie in den Städten nicht haben: bessere Luft, Feld und Tiere, Spielgeführten. Für die Kinder, die diese Gelegenheit nicht haben und die doch einmal aus dem gewohnten Milieu 11 erauswollen oder — sollen, haben Schule und Jugendbund eine Einrichtung geschaffen, die den Namen ״Kajtana“ trägt und die man etwa als Ferienkolonie, bezeichnen könnte. Namentlich auf dem Karmel trifft man viele solche Gruppen, große und kleine. Dort haben sie ihre festen Zelte aufgeschlagen und führen ein echt jugendliches Leben, das sie sich selbst gestalten. Solche Ferienkolonien werden von Schulen und Schulklassen oder von den Jugendbünden veranstaltet, hier und da auch von einzelnen Lehrern. Oberhalb von Haifa, auf einem dem Kamel gegenüberliegenden Berge, trat ich eine solche Kaitana. Es war eine kleine Gruppe von etwa 20 Kindern im Alter von 6—12 Jah- Ten. Betten hatten sie sich von zu Hause mitgebracht und sie in ein paar gemieteten Zimmern aufgcsteilt. Hund, Katze, Flöte und Mundharmonika wurden nicht vergessen. Zur Hälfte waren es ״Zabres“ (so nennt man die hier geborenen Kinder schmeichelhaft nach der Kakteenfrucht), zur Hälfte frisch Eingewanderte, die bei dieser Gelegenheit Hebräisch lernen sollten. Es traf sich gut, daß ich einen Tijul (Ausilug) mit ihnen mitmachen konnte. Die Tageswanderung führte rum Karmel hinauf. Zur Schadenfreude der im Schatten sitzenden Araber kletterten wir, einige mit schweren Rucksacken beladen, in der Vormittagsbitze den Berg hinauf. Die ״Zabres“ immer vorne weg, die ״Deutschen“ keuchten mühsam hinterher. Die ״Zabres“ erzählten von Pferden, Kühen, Eseln, Schakalen. Dafür durften dann oben im Schatten des Karmel-Waides die ״Deutschen“ ihre große Kunst zeigen: aus Laub und Steinen bauten sie im Wettbewerb Wohnungen mit Diele, Salon, Musikzimmer, Telephon und Radio, worüber die ״Zabres“ den Kopf schüttelten. IL Für die in den letzten Monaten eingewanderten deutschen Juden war die ״Kajtana“ vielfach eine Möglichkeit, ihre Kinder unterzubringen. Die Eltern mußten ja alle erst einmal in Hotels oder Pensionen wohnen, vielerlei besorgen, Reisen durchs Land machen, und jeden Tag trat von neuem an sie die Frage heran, wer heute die Kinder beaufsichtigt. Oft vergingen so ein paar Monate der Heimlosigkeit, auch die vorsorglichsten Eltern warteten lange aut die Milch, plackten sich dann mit der Einrichtung hemm, die sie sich viel eintacher und reibungsloser vorgestellt hatten. Die weiterdenken־ den Eltern hatten schon frühzeitig mit Kinderheimen Fühlung genommen, besorgt auch, daß die Kinder nicht nur untergebracht sind, sondern auch wirklich in ein hebräisches, kindgemäßes Milieu kommen. Nicht immer ist dieses Problem zur Zufriedenheit lösbar gewesen. Abgesehen von den seelischen Schmerzen und Bangigkeit und Furcht, die ja unabhängig von der besonderen palästinensischen Situation in allen Kinderheimen der Welt bestehen, ist gerade das Einleben in die Sprache viel schwieriger, als man es sich meist vorstellt. Schnell und glatt geht es eigentlich nur dann, wenn ein einzelnes Kind in ein rein hebräisches Mileu kommt. Ist cs einigermaßen im Hebräischen vorbereitet, d. h. kennt es die Bezeichnung der nächstliegenden Dinge im Haus, Hof und Feld, und ist es schon etwas an den Klang des Hebräischen gewöhnt, so wird es die Sprache in einer solchen Umgebung schnell erlernen. So trat ich einen Jungen, der nach 3 Monaten bereits, als man mit ihm deutsch sprach, vom Hebräischen ins Deutsche übersetzte: ״Wieviel Stunde Ifen daf Ut es?“ Dagegen war in einem Kinderdort, wo man nur hebräisch spricht, ein Mädchen, das ohne Vorbereitung hergekommen war und das nach 2 Monaten ergebnislos wieder iortfuhr. Sie klagte: ״Ich möchte ja so gerne lernen, aber ich verstehe die Kinder nicht. In Deutschland habe ich nur Gebete in aschkenasisclier Aussprache gelernt. Jetzt kenne ich wohl einige Worte, aber verstehen und sprechen kann ich nicht.“ Die Heime wiederum, die jetzt viele Kinder aus Deutsch-!and aufnehmen, haben gewisse Schwierigkeiten, diese neuen Kinder zu absorbieren. Es ist ein ganz natürlicher Vorgang, daß diese Kinder immer wieder zusammenhocken. Und vielleicht ist dies für die seelisch-geistige Gesamtentwfcklung des Kindes noch nicht der schlechteste Weg des Ueberganges. Der Erwachsene, der sich selbst in ein hebräisches Milieu begibt und der sich des weiter gesteckten Zieles stets bewußt bleibt, flüchtet, ohne sich vielfach dessen bewußt zu werden, zu Selbstgesprächen, zu Briefen an die Verwandten und Freunde. Das Kind ist hilfloser. Je jünger es ist, desto leichter findet es sich hinein: das Vierjährige spricht zunächst frech sein gewohntes Idiom weiter, mischt dann die beiden Sprachen durcheinander, bis es zur Bewunderung der Großen mit erstaunlieher Fixigkeit hinüber und herüber jongliert. Für die Schulkinder gibt es nur ein durchgreifendes Mittel: gute Vorbereitung in Deutschland. Ist dem Kinde die gesprochene Sprache im Umkreis seiner Vorstellungswelt schon etwas vertraut, so wird es sich schnell liineinfinden. Es handelt sich gar nicht etwa nur darum, daß das Kind schnell Hebräisch lernt, denn letzten Endes kommt es ja aut die Zahl der Wochen und Monate des Erlernens nicht an. Wichtig aber ist das Hinüberfinden in die neue Welt, zu der nun einmal die Sprache die wichtigste Brücke ist. Je schneller das neueingewanderte Kind mit der palästinensischen Jugend Fühlung bekommt, desto schneller, desto kräftiger und eindrucksvoller erschließt sich ihm die neue Heimat. Ueber die Grenzen des Landes ... Ein Abiturienten ־׳ Ausflug nach Transjordanien and Syrien Es ist in Palästina üblich, daß die Schüler von früher Jugend an auf kleineren und größeren Ausflügen und Wanderungen das Land kennen lernen. Auch die Abiturienten der höheren Schulen pflegen nach dem Examen ein paar Tage auf ״Tijul" zu gehen und kommen gelegentlich auch über die Grenzen des Landes hinaus. Die nachstehend wiedergegebene Schilderung eines derartigen Ausfluges nach Transjordanien and Sprien stammt von einem der Abiturienten des 1933 entlassenen Jahrganges vom Herzl-Ggmnasium in Tel- Awiio. (Redaktion.} Nach endlosen Paß-Schwierigkeiten geht es endlich in der Nacbt zu Sonntag lost Ausgerechnet um eins, damit wir früh um fünf Uhr an der AHenby-Brücke am Jordan sind. Nach dem endlosen Warten wollten wirs zuerst gar nicht glauben, daß wir fuhren; aber die herrliche Nachtfahrt quer durch Palästina brachte es uns bald zu Bewußtsein, daß wir fuhren. Um drei Uhr früh tankten unsere Autobusse in J erusalem, und dann gings an den Jordan. Sechs Uhr früh. Vor uns, im Osten, geht die Sonne auf, und die Autos halten vor einer kleinen eisernen Brücke, die hochtrabend den Namen ״Allenby-Brücke“ trägt. Noch ist sie geschlossen, aber wir klopfen die Wache heraus und verlangen energisch, durchgelassen zu werden. Unsere Namen werden einzeln registriert, und zwar — es lebe die Bürokratie! — in allen drei Landessprachen: Englisch, He• bräisch, Arabisch. Da der Beamte weder lesen noch schreiben kann, müssen wir die Listen selbst anfertigen. Dasselbe geschieht km anderen Ende der Brücke, diesmal aber nur auf Englisch und Arabisch. Nun gehts nach Geresch, dem gewaltigen Ruinenfeld einer Römersladt. Die Einfahrt erfolgt durch ein altes Stadt• tor direkt in die Hauptstraße. Bald erblicken wir ein riesiges! Amphitheater aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, das ebenso gut wie das neue Jerusalemer Theater erhalten ist. Die Bühne ist mit Säulenfragmenten vollgestopft, die man dort mangels einer besseren Unterbringung hingelegt hat. Hinter den Torbögen zu beiden Seiten der Bühne befinden sich Erliolungsgänge, die einst reich mit Gästen bevölkert gewesen sein mögen und heute den Beduinen als Ställe dienen. Ueber die mit riesigen Blöcken gepflasterte Hauptstraße und das Forum kommen wir in die eigentliche Stadt. Rechts und links stehen Säulen, 15—20 m hoch, mit herrlichen Kapitälen, Tempel von phantastischen Ausmaßen mit riesigen Freitreppen, Säulengängen und Höfen. Alle Fußböden sind mit Steinplatten ausgelegt, die ornamental angeordnet sind. Die Wohnzimmerböden sind mit Mosaiken geschmückt, die größtenteils noch an Ort und Stelle sind, nur ganz wenig ist verloren gegangen. Stundenlang sind wir durch diese Geisterstadt gewandert, einst eine Festung gegen die Wüste und ihre Bewohner, durch die der Handel der Wüste ging. Jedes Haus ist ein kleines Museum, reich an historischen Erinnerungen. — Unsere nächste Station und gleichzeitig unser Nachtquartier war Dagania. Der erste Gedanke, der uns kam, war natürlich ein Mondscheinbad im Kinerethsee. ln fünf Minuten waren die Autos abgeladen und wir im See. Aber wit waren an das Meer gewöhnt, an Sandboden, auf dem man sich fummeln kann, und an schwere Wellen, mit denen man kämpfen muß, und nicht an Schlamm und Kieselboden und an das sanfte Geplätscher eines Süßwassersees. So waren wir denn einigermaßen enttäuscht Am zweiten Tag fuhren wir dauernd ini Auto hinauf nach Migdal-Schemesch. Es gab nur eine Unterbrechung da־ eintönigen Fahrt durch das Bergland in etwa 1000 m Höhe. Dort kurz vor Migdal-Schemesch, liegt in einem erlöschenen Vulkan-Krater ein Berg see, der nirgend woher Wasser- Zufuhr hat und dennoch im Winter anschwillt und im Sommer seinen Spiegel senkt. Man glaubt, daß er mit der Jordanquelle Banias in Verbindung steht, aber da diese Quelle viel tiefer liegt als der See, würde diese Annahme nur erklären, wohin das Wasser abfließt, aber nicht, wo es herkommt. Migdal-Schemesch (d, h. Turm oder Tempel der Sonne), liegt 1200 m hoch an der Südostflanke des Hermon. Es ist eines der größten Drusendörfer Palästinas. Die Bewohner boten uns sofort Nachtcfuartier im Hause des Scheichs an. Unser Begleiter Bar-Adon verhandelte mit ihnen in sehr höflicher und freundschaftlicher Form. Dieser Bar-Adon ist eine seltsame Figur. In seiner Jugend hieß er Panitsch und besuchte die Jeschiwah in Slobotka. Als er nach Palästina kam, änderte er seinen Namen, studierte an der Jerusaiemer Universität und lebte später vier Jahre hindurch als Ziegenhirt unter den Beduinen. Später streifte er als Beduine! durch das ganze Land, kennt jeden Fieck in Palästina lind weiß seine Geschichte zu erzählen. Jetzt ist er als Schomer (Wächter) in einer Kolonie gelandet. Er sieht wie ein Beduine aus, lang, hager und ungewaschen, ist dabei aber sehr gebildet. Während wir im Hause des Scheichs das Abendessen kochten, erschien von Zeit zu Zeit ein verschleierter Kopf, der nur die Nasenspitze und zwei Augen zur Hälfte zeigte. uns erstaunt ansah und wieder verschwand. Als ich unvermutet in das Zimmer unserer Mitschülerinnen trat, verschwanden rasch einigc dunkle Gestalten im Hintergrund, und ich wurde gebeten, mein Erscheinen in Zukunft vorher anzumelden, damit die Damen des Hauses verschwinden könnten. Am nächsten Morgen um 4 Uhr begann der Aufstieg auf den Hermon. Zuerst ging es durch Weingärten an den Abhängen des Berges, aber als um 6 Uhr die Sonne herauskam, waren wir schon im Fclsgebiet. Nach 1y״ Stunden Marsch waren wir am ersten Quell; wir waren müde von der Kletterei und wuschen uns im Quell, da in Migdal- Scliemesch für einen Zuwachs von 60 Leuten nicht genügend Wasser vorhanden gewesen war. Dann frühstückten" wir. Bis zur nächsten Quelle war es ein Weg von weiteren vier Stunden, d. h. ein Weg war überhaupt nicht da, sondern wir gingen einfach hinter dem Führer her. Es war verstandlieh, daß bei unserer geringen Uebung im Bergsteigen es nach vier Stunden hieß: noch mindestens zwei Stunden! Die Mädchen machten alle zwei Minuten eine Pause, und endlich wurden auch wir mürbe. Schließlich setzte ich es bei unserem Lehrer durch, eine Hilfsexpedition auszurüsten, um Wasser von der Quelle zu holen, die im strammen Marschtempo in einer halben Stunde zu erreichen war. Wir rasten1 mit Wasserflaschen behängen los und schickten dann einen Eseltreiber mit den vollen Wasserflaschen zurück. Die Eselkarawane, die unser Essen trug, marschierte ja crheblicli voraus. Schließlich kam unsere ganze Klasse müde an der Quelle an, und wir machten Mittagspause, denn dies war das letzte Wasser bis morgen Vormittag. Dann gings weiter, und 11111 7 Uhr abends etwa bauten wir die Zelte für diejenigen auf, die besonders erschöpft waren. Eine große Höhle wurde für die allzu Müden reserviert. Ich suchte mir ein Loch aus, da-- mit 1,50 m im Durchmesser vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden in den Fels geschlagen worden war. Ich mußte mich dann ganz zusammenrollen und deckte mich mit einer Decke bis über den Kopf zu. Um 9 Uhr bekam ich noch einen Gast als Einquartierung. Nun wurde es recht kalt, und ich zog daher meine ״Polarausrüstung“ qn. Wir aßen zürn Abendbrot eine Pflaume und ein Stück Brot, da unser Koch schon schlief und sein Stellvertreter nicht wußte, was zu essen da war. So gingen wir dann mit nichts im Magen als Gebrumm schlafen. Unser größtes Erlebnis hier oben war der Schnee. Viele sahen ihn zum erstenmal in ihrem Leben, und diejenigen, die ihn nach vielen Jahren wiedersahen, empfanden ihn gewiß auch als einen großen Eindruck. Der Schnee diente uns als Essen und Trinken, wir wuschen uns mit ihm und stellten mit Hilfe von Bonbons Eislimonade her. Als wir am nächsten Morgen erwachten, wehte ein eisiger Wind; mitten im Sommer, keine sechs Stunden von dem 39 Grad heißen Tal entfernt ein eisig kalter Wind, wie es ihn in Tel-Awiw nicht einmal im Winter gibt. Als die Sonne aufging, wurde es erträglicher, und jetzt sah man die Umgebung wie auf einer Karte vor uns ausgebreitet: Im Nordosten das Bergland des Antilibanon, im Nordwesten und Norden die bis an den Horizont reichende Kette des Libanon, im Südosten tmd im Süden die Hochebene von Baschan und Golan mit den Drusenbergen am östlichen Horizont, im Westen hinter den südlichen Ausläufern des Libanon das Meer und die Bucht von Beiruth, im Südwesten das Bergland von Palästina, von MetuIIa im Norden bis zum Emek. Während wir dem Farbenspiel des Sonnenaufgangs folgten, zeichnete sich im Westen der Schatten des Hermon auf einer Nebenwand ab. Hier wurde das Bibelwort wahr: ״Wir sahen die Schatten der Berge als Berge an“. Dann begann der Abstieg. Er war allerdings leichter als der Aufstieg, weil er kürzer war und alle paar Schritte eine Quelle sprudelte. Um besser marschieren zu können, entwischte ich mit einigen: Kameraden dem Gros, und zu sieben marschierten wir wie die Teufel drauf los, die Geröllabhänge einfach hinuntcrnitschend, zwischen den Felsen springend wie Berggeister, in drei Stunden erreichten wir das Dorf, in dem unsere Autos warten sollten, aber es war keine Spur von ihnen zu sehen oder zu hören. Das ganze Dort, das von Drusen bewohnt wurde, bestaunte uns wie Fabeltiere. Da es viele Syrer gibt, die in Amerika waren und daher Englisch können, fand sich bald jemand, der uns ansprach. Die Ankunft unserer drei großen Autobusse war eine neue Sensation. Da wir uns seit drei Tagen nicht richtig gewaschen hatten, holten wir unsere Toilettensaehen rasch aus den Autos und nahmen im nahegeiegenen Dorfflüßchen ein Seifenbad. Unser nächstes Ziel war Sueida, die Hauptstadt von Djebel-Drus, Wir kamen spät nachts an, schon einigermaßen verschlafen, und unser erster Eindruck war ein Cafehaus, über dessen Existenz wir an dieser Stelle verwundert waren. Wir wurden irgendwo einquartiert und waren ziemlich verlegen, wie wir uns in unserem Zimmer einrichten sollten; ringsherum lief nämlich eine über einen Meter breite gemauerte Wand, auf die man Teppiche für uns gelegt hatte, und darauf sollten wir schlafen. Da wir aber alle über 1,50 m groß waren, mußten wir mit den Beinen in der Luft liärigend schlaten. Sobald ich mir einen Platz gesichert hatte, verschwand ich, um mich in der Stadt nach Essen umzusehen, da unser eigenes Essen erst am nächsten Morgen1 fertig sein sollte. Mit noch einem Freunde gingen wir in ein ״französisches“ Restaurant, in dem es nur arabische Cierichte gab. An diese waren wir aber schon gewöhnt und konnten uns daher satt essen. Am nächsten Morgen erfuhren wir, daß unser Nachtquartier das noch nicht fertig gebaute neue Haus des Al- Atrasch war, des Führers der Drusenerliebung von 1926. Dieser sitzt jetzt in Transjordanien und kann nicht heimkehren. Sueida selbst war bis vor einigen Jahrzehnten ein Räubernest, wurde vor ein paar Jahren völlig zerstört und wächst jetzt großzügig aus dem Boden als ״Hauptstadt der Drusen“. Die Stadt hat 5000 Einwohner und daneben eine Besatzung von 3000 französischen Soldaten. Es gibt elektrisches Licht. Asphaltstraßen, zahlreiche Cafehäuser, ein Kino, einen großen Marktplatz, der aber nur von den Obdachlosen als Asvl und als Bummel benutzt wird, und einige Autos, die reif zum Verschrotten sind. Ocstlich von Sueida am Rande der Wüste gibt es noch eine Ruinenstadt, die jedoch kleiner als Geresch ist. Ich verzichtete auf ihren Besuch und ging mit ein paar anderen essen. Es gab sogar Himbeersaft und auf einem atten Grammophon die neuesten Schlager, die in Tel-Awiw gerade modern waren. Orientromantik gibt es in Syrien nicht mehr! Wegweiser modernster Art, keine ״gebleichten Kamelknochen“, zeigen ins nächste Dorf. Aber trotz aller Zivilisation konnten wir doch keine 5-Tonncn-Autoachse bekommen, als unsere brach. So mußten wir schließlieh einen Autobus von Sueida bis an die Grenze Palästinas nachschleppen. Q111 n i e 1 M a r g u 1 i e s.