Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 561 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 75/76. 20. IX. 1933 jüdische rundscha« Seite 559 Die Gemeinde in der Notzeit Die letzten Monate haben auf allen Gebieten des jüdischen Lebens gezeigt, daß der Zusammenschluß der Juden za organisierten Gemeinschaften die wichtigste Voraus- Setzung dafür ist, daß überhaupt die Existenz des deutschen Judentums, wenn auch unter den grüßten Einschränkungen, erhallen werden kann. Eine ganz besondere Bedcutung hat hierbei naturgemäß die jüdische Gemeinde, die von jeher dazu bestimmt war, die Aufgaben der jüdischen Gesamtheit zu läsen. Wir wissen aus eigener Erfahrt!rr! daß unter dem Einfluß der auflösenden Tendenzen des letzten Jahrhunderts die jüdische Gemeinde allmählich in vielen Fällen zu einer reinen Verwallungskörpcrschaft wurde und nicht mehr im Sinne des allen ״K ah als“ sämtliche Aufgaben des jüdischen Lebens an ihrem Orte betreute. Es kann nicht verkannt werden, daß unter dem Einfluß der umwälzenden Ereignisse der letzten Zeit die Gemeinden sich vielfach bemüht haben, den auf sie einstürmenden Aufgaben gerecht zu werden. Die Vorarbeit, die von der zionistischen Bewegung in den Gemeinden seil Jahren geleistet worden ist, beginnt jetzt Früchte zu tragen. Wir haben eine Reihe von Personlichkeilcn, die mit der Arbeit der jüdischen Gemeinden Deutschlands verbunden sind, auf gefordert, über das Leben ihrer Gemeinden zu berichten; das Bild, das diese Berichte entrollen, zeigt die Bedeutung der Gemeindearbeit und zugleich auch ihre Schmierigkeiten. Wer auf der anderen Seite bedenkt, welche Fülle von Arbeilsmöglichkeilen wirklich volksverbundene Gemeinden haben könnten, wird aus diesen Berichten ersehen, daß auch in Zukunft die Arbeit auf dem Gebiete der Vcrlebendigung der jüdischen Gemeinde notwendig ist. ln diesem Sinne soll unser heutiger Bericht auf dem Wege der Neugestaltung des jüdischen Gemeindelebens als Mahnruf dienen, um diese besonders dringende Aufgabe, vor der das deutsche Judentum steht, zu fördern. (Red.) Beylin Die Jüdische Gemeinde in dieser Zeit Von Dr. Walter Breslauer, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Wir haben Herrn Dr. Breslauer, den Verwaltungsdirektar der Jüdischen Gemeinde Berlin, darum gebeten, im Rahmen unserer heute erscheinenden Gemeindcbeilage sich über Probleme der Berliner Jüdischen Gemeinde zu äußern. Dabei leitete uns der Gedanke, daß im Rahmen einer umfassenden Darstellung der Arbeit der Berliner Jüdischen Gemeinde wie auch einer Reihe größerer und mittlerer Gemcinden im Reiche es zweckmäßig ist, nicht nur Stimmen aus den Reihen der zionistischen Gcmeindearheiter zu Gehör zu bringen, sondern auch einer Persönlichkeit das Wort zu geben, die zwar in einem anderen Lager steht, jedoch durch ihre amtliche Stellung dazu berufen ist, ein Urteil über die Probleme der Gemeindearbeit abzugehen. Daß u’t'r mit den von Herrn Dr. Breslauer vertretenen Ansichten nidU in allen Punkten übereinstimmen, liegt auf der Hand, zumal er fa gegen eine Bemerkung der ״Jüd. Rundschau" poieniisiert. Er übersieht dabei auch, daß der innerjüdische Streit, den wir, wie er richtig sagt, monatelang hintangcstellt haben, nicht von uns begonnen wurde. Wir können auch nicht Dr. Breslauers Vorstellungen von ״Arbeitsteilung“ altzeßlicren. Die Frage der Führung des deutschen Judentums ist übrigens inzwischen, wie unsere Leser an anderer Stelle der heutigen Ausgabe ersehen, geregelt worden. (Red.) Die Lage des deutschen Judentums ist wahrlich nicht dazu angetan, Zeit und Kratt auf die Austragung innerer Differenzen zu verwenden. Gerade in den letzten Tagen scheint es, als sei diese Binsenwahrheit doch noch nicht Gemeingut geworden. Die ״Jüdische Rundschau‘• hat die innerjüdische Politik, der Zeitverhältnisse eingedenk, Monate hindurch offensichtlich hintangestellt. Ein unbedeutender Zwischenfall, der sich bei einem Gemeindeabend ereignet hat, hat sie neuestens veranlaßt, hiervon “ abzuweichen und die Erörterungen über diesen Fall mit sehr heftigen allgemeinen Angriffen gegen die liberale Mehrheit der Berliner Gerncindeverwaltung zu verknüpfen. Ich kann der freundlichen Aufforderung, zu Beginn des neuen Jahres der l.eserschaft etwas über das Wirken der Gemeinde mitzufeiien, nicht entsprechen, ohne dieses Vorfalles Erwähnung zu tun. Dabei wird es gut sein,, zunächst kurz auf den Anlau der Beschwerde einzugehen. Nach alter jüdischer Tradition ist die Synagoge, die ״Schul“, nicht nur Ort gottesdienstlicher Andacht, sondern der Belehrung und Unter- Weisung überhaupt. Diesem Brauch kommt die Abhaltung von ״Gemeindeabenden“ in den Synagogen entgegen. Die Formen hierfür sind noch nicht fest geprägt. Bei einem Gemeindeabend in der Synagoge Fasanenstraße sprachen I kürzlich alle Redner ohne jeden Widerspruch mit uubedecktem Haupte, ln der ״Neuen Synagoge“, einer Svnagoge des gleichen Ritus, hat das gleiche Verhalten eines 1 Mitgliedes des Gcmeindevorstandes Widerspruch gefunden. Man kann meinen, daß jenem Widerspruch schneller, als geschehen, hätte Rechnung getragen werden sollen und braucht die Angelegenheit doch noch nicht für einen ernsten Konfliktsfall zu halten. Aber der Artikel in der Nummer vom 8. September geht I weiter. Es wird von ״Machthabern“ der Jüdischen üc- I meindc gesprochen. Es heißt, daß die deutschen Juden ״von I >hren früheren Führern getäuscht und preisgegeben worden I sind“. Hat hier nicht das Verlangen, sich in großen Worten I auszusprechen, zu weit geführt? I Wie liegen die Dinge wirklich? ן Die Berliner Jüdische Gemeinde ist in den letzten [Monaten von einem sogenanten Direktorium geleitet | worden. Dieses Direktorium ist so zusammengesetzt worden, [ daß nie beiden zionistischen Gruppen der Gemeindever- | waltung daran beteiligt sind. Da die offizielle zionistische [ Richtung im Gemeindevorstand nicht vertreten ist, ist ein ■ Vertreter der Repräsentanten Versammlung zum beratenden I Mitglied des Direktoriums gewählt worden, und zwar Herr I Rechtsanwalt Dr. Moses. Einschließlich des beratender! Mit- I gliedes besteht das Direktorium nunmehr aus 3 Liberalen I und 2 Zionisten. Es soll nicht behauptet werden, daß in I diesem Gremium alle Beschlüsse einstimmig gefaßt werden. I Aber es kann behauptet werden, daß Monate hindurch und Ibis in die letzten Tage in keinem einzigen Fall die Sach- I Jage sich so gestaltet hat, daß die 3 Liberalen den beiden 1 Zionisten gegenüberstanden, daß also in der praktischen I Arbeit der Notwendigkeit einer Zusammenfassung aller Kräfte 1 innerhalb der Gemeinde Rechnung getragen worden ist. 1 Rein äußerlich gesehen, hat es die Gemeinde in ge- ן wissen! Sinne leichter gehabt als noch im letzten Jahr. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist außerordentüch gestiegen. Die Austrittsgefahr Ist gebannt, so mancher, der früher fahnenflüchtig geworden, ist zurückgekehrt. Ist die Steucrkralt der Gemeinde ungeheuer gesunken, so ist doch die Steuerwilligkeit stark gestiegen und bereiter Opferwihe tritt in allen Kreisen hervor. Aber auf der anderen Seite sind auch die Anforderu1igen, die gestellt werden, ungemein gewachsen, und dies nicht nur in finanzieller Hinsicht. Viele Wünsche sind leider gänzlich unerfüllbar. Nur mit Wehmut und Rührung kann man oft lesen, welche übertriebenen, geradezu unsinnigen Vorstellungen so mancher darüber hat, wie die Gemeinde seine höchstpersönlichen Nöte bannen könne. Der Gedanke, eine Anstellung bei der Gemeinde zu finden, beherrscht breite Schichten derer, die die Not der Zeit arbeitslos gemacht hat, und kaum einer von ihnen vermag sich vorzustellen, daß kein« Kör!>erschaft finanziell in der Lage ist, mehr als einen verhältnismäßig recht kleinen Prozentsatz ihrer Angehörigen zu besolden. Daß die Gctneinde umgekehrt sich veranlaßt gesehen hat, ihren Apparat zu verkleinern — zum Glück fast durchgehends durch Abbau solcher Kräfte, die mit Hilfe einer gewährten Abfindung sich eine neue Existenz aufzubnien willens sind — ist ebensowenig hinreichend bekanntgeworden, wie daß die Gehaltsbezüge, über die Ausschöpfung aller gesetzlichen Maglichkeitcn hinaus, durch freiwilligen Verzicht ganz erheblich gc:7!1kt worden sind. Freilich, dessen ist sich die Gemeindeverwaltung bcwußt, daß die Not der Zeit sie zu ganz besonderen Anstrengungen verpflichtet. In dieser Erkenntnis ruft gerade n! diesen Feiertagen die Gemeinde ihre Mitglieder zu einen neuen Jugendwerk aut. Brot — Arbeit — Wissen für die Jugend zu schäften, scheint ihr das dringendste Gebot der Stunde. Besondere Kiielieneinrichtungen für die Schulkinder sollten neu entstehen. Ist in der jüdischen Familie, wenn Schmalhans Küchenmeister, immer noch zuerst für die Kinder gesorgt worden, so will auch die Gemeinde zu allererst dafür bemüht sein, daß keines ihrer Kinder Hunger leide. Sind im übrigen die Leistungen unserer Wohlfahrtspflege — wir wissen es leider am besten — durch finanzielle Möglichktiten recht beschränkt, so soll wenigstens durch zweckmäßig« Neuorganisation dafür gesorgt werden, daß das, was die Gemeinde geben kann, dem Bedürftigen so schnell wie möglich, ohne große Erörterungen in Kommissionen und langwierige Instanzenzüge, zugetührt wird. ״Bis dat, qui cito dat“, ״doppelt gibt, wer schnell gibt“, soll die Parole sein. Arbeit, das allgemeine Verlangen, die Grundlage der Existenz, so schwer zu erfüllen in einer Zeit, die so vielen in unserer Gemeinde die bisherige Verdienstmöglichkeit aus Gründen der Staatsraison versagen muß. Was für Jugend und Alter, in Berufsberatung und ßerufsumschichtung, auf diesem Gebiete unternommen ist, ist Gegenstand einer besonderen Arbeit in diesem Blatte. Wenn auf sie hier nur verwiesen wird, so wird man nicht meinen, daß diese größte und wichtigste Aufgabe verkannt sei. Auch für die J u g e n d b i I d u n f hat die Gemeinde im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Leistungen aufzu weisen sowohl durch Eröffnung neuer Klassen an ihren eignen Schulen wie auch durch ein größeres Darlehen, das für das neue Heim der Schule des (zionistischen) Jüdischen Schulvereins bewilligt ist. ln einer der letzten Nummern hat Hugo Ros ent 11a! dargelegt, weicht verschiedenen Ziel- Setzungen für jüdische Schulen sich auf weisen lassen. Seine Einteilung und seine Folgerungen waren vielleicht im einzehien anfechtbar, aber der Hinweis als solcher war gewiß wertvoll. Eine eigenartige Verschiebung der Fronten zeigt sich bei den Erörterungen über die jüdische Schule. Früher wurde der Wunsch liberaler Kreise, die Jugend nicht durch Entfernung aus der allgemeinen Schule aus dem Volksganzer! zu lösen, häufig mit dem Argument bekämpft, daß die Gemeinde den Kreisen, die die jüdische Schule für ihre Kinder erstreben, ihren Wunsch nicht verweigern könne. Heute findet inan nicht selten in iiatt-onaljüdischeu Kreisen die Forderung nach einem einheitlichen jüdischen Schultypus, der allen Kindern in gleicher Weise jüdisches Wissen einprägen soll — am besten in Formen, die am ehesten geeignet sind, den Uebergang in das Land der Urväter zu vormittein. Demgegenüber muß für die Jagend wie für die Erwachsencn daran festgehalten werden, daß allen Ströimm• gen im jüdischen Leben ihr Recht werden muß. Jede Schule muß den staatlichen Lehrplänen und Anforderungen entsprechen, jede soll die Lehren unseres Glaubens und unserer Geschichte ihren Schülern lebendig machen, jede wird die Werte der deutschen Kultur aus freier Wahl, nicht nur aus staatlichem Zwang, übermitteln — aber darüber hinaus wird die eine auf den Zusammenhang mit dem Leben in Altneuland, di« zweite auf die allgemeinen gedanklichen Grundlagen europäischer Kultur, die dritte auf die Mit- Wirkung am Aufbau des neuen Deutschland, soweit sie den Juden vergönnt sein wird, ganz besonderer! Wert legen. — Unabhängig von aller gesinnungstnißigen Einstellung und ideeller Zukunftshoffnung sind sich alle Richtungen des deutsehen Judentums darüber einig, daß mehrere hunderttausend deutscher Juden weiter auf deutschem Boden ihre Existenz werden suchen müssen. Daß dies nicht nur eine Wirtschaftlieh und geistig haltlose Menge von Menschen jenseits der Höhe des Lebens sein möge, ist sclion aller Anstrengung wert. Und deshalb interessiert sich die Berliner Gemeindeverwaltung auch für die Frage der zweckmäßigsten und wirksamsten Gestaltung der Vertretung der deutschen Judenheit. Sollte nicht auch auf diesem Gebiet die Verständigung leicht sein, wenn man sich nur auf eine sachemäße Arbeitsteilung einigt? Gewaltiges hat der deutsche ionismus im Laufe der Jahre für den Aufbau Palästinas geleistet. Für all« Aufgaben die ihm dienen, zum Beispiel für alle Fragen, die mit der Auswanderung eines Teiles unserer Gemeinschaft nach diesem Lande vieler Hoffnungen und, wir wollen cs wünschen, mancher Erfüllung zusammenhängen, sind ihre Vertreter die berufenen Wortführer. Sollten nicht ebenso für andere Fragen, die die Möglichkeiten der Verankerung der verbleibenden Massen im neuen Staate betreffent wieder anderen Kreisen die Stimmführung «invernehmlich zugestanden werden können? Gelänge solche Arbeitsteilung auf politischem Gebiete — wahrlich, sie würde keine Spaltung der deutschen luden, zur Folge zu haben brauchen: es bliebe־ übergenug teum für die Erfüllung, gemeinsamer Aufgaben auf dem Gebiete der Wirtschaftshilfe und Wohlfahrt, 1m religiösen Leben und in der Durchdringung unserer Gemeindemitgtieder und vor allem unserer Jugend mit jüdischer Lehr« und Wissenschaft. Wandlungen der sozialen Gemeindearbeil Von S. Adler -Rudel, Innerhalb der jüdischen Gesellschaft vollziehen sich unter dem Druck der Umwälzungen der nichtjüdisehen Umwelt tiefgreifende Wandlungen. Die Grenzen zwischen den Parteien und Richtungen verschieben siel! immer mehr, neue Meinungen werden laut, neue üruppcnbildungen bahnen sich an. Noch sind die Konturen der Neuorientierung innerhalb des deutsehen Judentums zu undeutlich, eins ist jedoch gewiß, nxi deutschen Judentum vollzieht sieh eine klar erkennbare Rückkehr zu einem bewußt jüdischen Leben. Besonders deutlich ist der Wandel, der sich in den Anschaumigen des deutschen Judentums vollzieht, an den Aufgaben zu erkennen, denen die jüdische Gemeinde heute ihr größtes Intcicsse zuwendet. Der Streit um den Inhalt und das Wesen der Gemeinde ist durch die Not des Tages plötzlich entschieden worden. Es gibt kaum eine Gruppe im deutschen Judentum, die nicht davon überzeugt wäre, daß der Gemeinde in dieser Zeit besondere Aufgaben Zufällen. Der Kampf derer, die mehr als ein Jahrzehnt laug leidenschaftlich darum gekämpft haben, die Gemeinde zum Träger des jüdischen Lebens in Deutschland zu machen, ist damit entschieden, die Gemeinde stellt, ob ihre Führung dies mm zugibt oder nicht, im Mittelpunkt des Interesses der Gemeindemitglieder. Sic ist damit gezwungen, sich den Fordcrungen der Zeit und den Bedürfnissen ihrer Mitglieder anzupassen. Sicherlich bestehen noch Meinungsverschiedenheiten über die Art, in der die Gemeinde ihre Aufgaben zu erfüllen hätte, über den Inhalt der jüdischen Schule, über die Form der sozialen Arbeit, über die □ e s t a 11 u n g des Etats. Einhelligkeit besteht jedoch darüber, daß die Gemeindte in allen diesen Fragen führend sein muß, und daß sie keinen! aus den Zeitverhältnisse!! geborenen Notstand übersc'hen darf. Unter diesen Gesichtspunkten sind auch die Maßnahmen zu werten, die der Vorstand der Jüdischen Gemeind« zu Berlin zur Umgestaltung des Wohl f a 1! rt s w es e!1 s in den letzten Wochen beschlossen hat. Sie lassen deutlich erkennen, wie sehr die größte Gemeinde Deutschlands sich der Aufgaben 'bewüBt wird, die in dieser Zeit zur Erfüllung drängen. Die seit Jahren umkämpfte Entwicklung, von der Armenkommission zum Wohlfahrtsamt, von diesem zur produktiven sozialen Arbeit, findet ihr vorläufiges linde in dem Beschluß, das Wohlfahrtswcsen der Gemeinde in zwei große Gebiete aufzutcilcn: Wirtschaftshilfe und Wohlfahrtsa m t. Die Aufteilung in Wirtschaftshilfe und Wohlfahrtsamt hat mehr als nur organisatorische Bedeutung. Sie ist bewußte Abkehr von althergebrachten Formen der Wohltätigkeit und der Versuch, sozial-politische Maßnahmen g r ö ß e - r e n Umfanges 111 das Aufgabengebiet d er Ge• meindc einznbezichen. Ansätze nach dieser Richtung hin waren bereits seit längerer Zeit vorhanden. So wurden im J ahre 1929 Berufsberatung und A r b e i t s v e r - mittlung, die früher als freie Einrichtungen bestanden, von der Gemeinde übernommen und dem Wohlfahrtsamt ein• geordnet. Die Berliner Abteilungen der im April d. J. vom Preußi■ sehen Landesverband ad hoc geschaffenen Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe wurden nun von der Reichsarbeit losgelöst und mit den Abteilungen Arbeitsnach■ weis und Berufsberatung zu einer organischen Einheit zu■ sammcngcschlosseu. Das Aufgabengebiet dieses neu gcscliaffe■ tien Dezernates f ii r Wirtschaftshilfe ist außerordentlich umfangreich, es umfaßt alle Sparten produktiver Sozialarbeit. ln diesem Zusammenhang muß mit wenigen Worten auf die Leistungen der Wirtschaftshilfe in der Zeit vom April bis August d. J. eingegangen werden, ihre Bedeutung liegt darin, daß sie in den ersten Wochen ihres Bestehens den Versuch darstellte, die Masse der plötzlich in Not Ge• ratenen aufzufangen, den chaotischen Zustand zu ordnen und den Weg für eme sinnvolle und planmäßige durchgeführte Hilfsaktion vorzuberciten. in dieser Zeit, in der die Stellung der Juden in Deutschland ungeklärt war und es an jedem Anhaltspunkt für ein« planmäßige Aufbauarbeit fehlte, kam es darauf an, Existenzen vor dem Zusammenbruch zu bewahren, die rechtliche Lage der verschiedenen Gruppen, wie Aerzte, Rechtsanwälte usvv, zu klären. Man mußte sich damit bescheiden, die Not des Tages zu lindern, um an Hand der gewonnenen Uebersiclvt und der gesammelten Erfahrungen den Wiederaufbau unter veränderten Bedingungen zu versuchen, Hier setzte eine neue Epoche der jüdischen Sozialarbeit ein, indem die Gemeinde sich entschloß, das ganze große Gebiet wirtschaftlicher Hilfsmaßnahmen zun! Ausgangspunkt ihrer Sozialarbeit zu machen. Das Dezernat für Wirtschaftshilfe umfaßt folgende Ab• teilungen: Berufsberatung mit der Aufgabe, die schulentlassenen Jugendlichen bei ihrer Berufswahl zu beraten und sie auf dem Wege der Lehr Stellenvermittlung oder schulischen Ausbildung dem Berufsleben zuzuführen. Hier muß in Zukunft noch stärker als bisher von den wirtschaftlichen Gegebenheiten der Gegenwart ausgehend darauf geachtet werden, dal die Jugend jenen Berufen zugeführt wird, die von Juden noch nicht überbesetzt und ihrer ganzen Art nach, sowohl für Deutschland als auch für das Ausland, als produktive Berufe anzusehen sind. Nur hier, von der Jugend ausgehend, kann der Versuch einer grundlegenden Äenderung der beruflichen Struktur der Juden in Deutschland mit Aussicht auf Erfolg durchgeiührt werden. Mehr als bisher soll jenen Jugendlichen, deren Eltern nicht in der L*ge sind, die Kosten der beruflichen Ausbildung ihr« Kinder zu bestreiten, durch