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Jüdische Rundschau · 1933-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1933) · p. Seite 545

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
Seite 545 (sequence 1)
Language
German
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Die heutige "Nummer ist 32 Seifen stark (Inhalt siche MUiehpalle) Doppelnummer RM 0,40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Em-heint jeden Uifnatij und Freitag. Bezugnprei» bei der Expedition monnltich Z- RM., v i e r! e 1 i S h r 1 i c h 5.75 R M. Bei Nichterscheinen irdolne Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. Auslandsabonnemenls werden in der Wahrung der einreinen Länder berechhei. Anreieenpreis: 8 gespaltene Nonpareille• reile 0,50 RM. StellenBemiche O.ZfTnM. Finzel-Anreigen nur gegen Vorauwahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon : J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag; - Nummer : Freitag nachmittags 3 Uhr Poatachec k - Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32, Brussel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bink.KonUn: Dresdner Bank, Depositen-Kasse Berlin, Kurlürstendcmtn 52; Rumänische Kreditbank. Cernauti (Rumänien); Anclo Palestine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel Aviv: Eeati Pank, Tallin (Estland) Nummer 75/76 | Berlin, 20. IX. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ערב ראש השנה תרצ״ד | xxxviii. jahrg. Der Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Pallstlna. ״Baseler Programm.‘• ״Heil dem Volk das den Posaunenschall versteht.,..“ Noch niemals hat unsere Generation die Feiertage, die das jüdische Jahr einleiten, mit solcher inneren Bewegtheit erlebt, wie in diesem Jahre. Man darf annehmen, daB die Synagogen dicht gefüllt sein werden. Es ist ein denkwürdiges Jahr, das heute zu Ende geht, und wer kann wissen, was das Neue bringen wird? Wese Festtage haben dem Sturm des Jahrhunderts standgehalten und wurden auch von Juden gefeiert, die nur noch einen sehr schwachen Zusammenhang mit dem Judentum hatten. Eine eigentümliche Stimmung ist es stets, mit der man den Einzug dieses Festes in der Dämmerung des Jahres empfängt. Etwas von rätselhafter Feierlichkeit zieht in die Herzen ein, und selbst der seiner Gemeinschaft entfremdeieste Jude empfindet etwas davon. Es ist ein Einschnitt in dem jüdischen Jahr, eine Gelegenheit zum Rückblicken und Vorwärtsblicken. Halb aus Gewöhnheit, halb aus Pietät, machen viele diese Sitte mit; die Worte der Liturgie wurden meist als veraltete Tradition rezitiert, das Geschlecht der ״Aufgeklärten“ verband damit keine Realität In diesem Jahr wird es anders sein. Die Selbstsichcrheit, mit der man früher die alten Worte und Bräuche von oben herab betrachtete, ist geschwunden. Es ist wieder das Bedürfnis da, ein Wort zu hören; der Rabbiner, der zur Gemeinde spricht, findet offene Herzen, und die Möglichkeit, jüdische Mensehen im Innersten zu packen, sie zu ihren jüdischen und menschlichen Pflichten aufzu. lfen, war niemals größer als jetzt. Denn das *große Erlebnis der deutschen Juden in diesem Halbjahr besteht nicht darin, daß der eine oder der andere unvermutet seine materielle Existenzbasis verlor, auch nicht darin, daß künftig weniger jüdische Kinder studieren werden; was vielmehr die deutschen Juden zutiefst erschüttert, ist dies: daß sie mitten in ihrem gesichert gewähnten Leben sich plötzlich als Ausgestoßene empfinden. Sie erleben, was Verbannung, Galuth, bedeutet; und sie empfinden die biblischen Worte, die in ähnlicher Situation vor 3000 Jahren gesprochen sind, als an sich selbst gerichtet. Darum haben die Reden der Propheten, die ihr Volk in der Verbannung trösten, eine so ergreifende, ganz aktuelle Wirkung. Man versteht wieder die ganze Schwere dieses Wortes ״Trost“, denn mail ist trostbedürftig. Und so tief auch das ״Sich erinnern“ des Rosch Haschanah den Einzelnen und die Gesamtheit in ihr sündiges Menschentum niedertaucht, sie mit der Zerknirschung des Schuldbewußten erfüllt, so strahlt doch aus diesen Tagen zugleich das Licht des ewigen Trostes. Die Schofartöne, die das Gericht verkünden, künden auch für die, die zu hören verstehen, die Wiederaufrichtung zu neuem, besserem Leben. Dieses Volk, das um seiner Sünden willen verbannt wurde, wird zugleich verklärt: ״Heil dem Volk, das den Posaunenschall versteht, Herr, im Lichte Deines Antlitzes w׳erden sie wandeln.“ ln aller Verstörtheit, inneren Gedrücktheit, zweifelnden Ungewißheit unseres Lebens hören wir dieses ״Heil dem Volke“. Alljährlich beginnen wir unser Jahr mit diesem Fest ,des Stirb und Werde. Alljährlich haben wir als Einzelne und als Volk Rechenschaft abzulegen, um dann mit neuer innerer Kraft wieder in den Alltag hinauszutreten, um unser Schicksal zu meistern. * I Die drei großen jüdischen ״Wallfahrts״-Feste, [Peßach, Schawuoth, Sukkoth, knüpfen an Ereignisse der Inationalcn Geschichte an und erhalten von hier aus ihren [religiösen Sinn. Rosch Haschanah ist von der Geschichte!unabhängig. Es ist ein Fest des stets wiederkehrenden [Kreislaufs der Monate und Jahre. Mit der Natur steht, ■der Mensch in diesem Kreislauf. Die Eröffnung des sa- Ikralen Jahres gibt alljährlich Anlaß zur Selbstbesinnung, Izu einer Rechenschaftablegung der Seele. An diesen!,schrecklichen“ Tagen steht der Einzelne in seiner Not Ivor dem Göttlichen; er soll sein Leben vorüberziehen lassen, und in den Stunden der Einkehr sich vorbereiten ■für die Anforderungen des kommenden Jahres. Aber von llicscm Akt der individuellen Religiosität führt ein natür- Bicher Weg zum Bewußtwerden der Gemeinschaft. Und so lvird der Tag der Einkehr zugleich ein Tag der kollekti- Ben Besinnung, des nationalen Erlebnisses., Gehen die drei Wallfahrts-Feste vom Nationalen aus und kommen zum Religiösen, so gehen die Bußfeste des Jahresbeginns vom Religiösen aus und gelangen zum Nationalen. Religiöses und Volkhaftes ist untrennbar verbunden. Und doch wissen wir zugleich um die Abgrenzung zwischen Volkstum und Religion. Denn so sehr unsere Zukunft auf Unversehrtheit, Regeneration und innerer Stärke unseres Volkes beruht, so sind doch gerade wir Juden uns dessen bewußt, daß die Aeußerungen und Taten des Volkes kontrolliert werden müssen an dem Imperativ höherer, absoluter Gesetze. Die großen Lehrer des Judentums, die Propheten, standen oft genug im Kampf gegen ihr Volk, sie haben ihm den Spiegel vorgehalfen, seine Eitelkeit nicht geschont. Sie haben uns gelehrt, daß wahres Nationaigefübl verbunden ist mit Selbstkritik und mit dem Gefühl der Verpflichtung zu Höherem. * Die deutschen Juden empfinden m diesem Jahr besonders stark die Verkettung des persönlichen Schicksals des Einzelnen mit dem der Gemeinschaft. Es hat heute einen besonderen Klang, wenn wir in den Gebeten, die das künftige Jahr betreffen, nicht sagen: Schreibe mich ein in das Buch des Lebens usw., sondern: Schreibe uns ein. Als Juden ist heute unser Schicksal durch unsere Zugehörigkeitzurjüdi »che «Gemeinschaft bestimmt Und zwar nicht nur unser äußeres Schicksal, nicht nur weil wir alle samt und sonders unter diesen oder jenen Arier-Paragraphen fallen, sondern auch das innere Erleben ist geknüpft an unser Judentum. Wir haben uns neu Rechenschaft zu geben über unsere Stellung in der Welt, über unsere Beziehungen zu den Mensehen, wir lauschen der Stimme unseres Blutes und haben uns immer wieder zu fragen, warum eine Welt sich gegen uns wendet, wieso es möglich ist, daß Menschen, die noch gestern gute und liebe Nachbarn waren, uns schmähen und uns für böse halten. Wir sehen vor uns ein Chaos von Empfindungen, dessen Entwirrung dennoch unsere Aufgabe ist. Und wer unter dem eigenen Judesein zu leiden hat, der wird immer neu die Frage nach dem Sinn des Judentums stellen müssen. Wir deutschen Juden w׳erdcn uns an diesem Neujahrsfest der Gleichheit unseres Schicksals bewußt werden. Es ist ein Tag des Friedens lind der Einigkeit. Sollte es nicht möglich sein, auch im jiidisehen Leben ein neues Jahr zu beginnen? Das deutsche Judentum war durch Parteigegensätze zerrissen, aber viele dieser Gegensätze haben heute ihren Inhalt verloren. Wir haben alle dieselben Sorgen. Wir sind alle überrascht und getroffen durch die Plötzlichkeit und Hef- 111111111111mu11n!111n11111111111111111n11111u11111nunti1111111111n111111T1i111111i1n111111i1111n111t1[n1n11i111n1111111n111uiii1tn111111111i Aus dem Inhalt: Leo Baeck: Rosch haschanah Meriir» Buber: Gericht und Erneuerung Max Wiener: Das Tempo unserer neueren Geschichte Ismar Elbogen: Der Erziehungsausschub Theodor Herzl: Die Jagd in Böhmen (1897) Moritz Goldstein: Europäischer Zusammenhang Ernst Simon: Die Juden und der deutsche Nationalismus 1770-1930 Jugend in Palästina - Die neue Reidisvertreiung - Der Minderheitenkongref) u. a. m. Ferner 1m Literaturblatt: 1000 ׳ Worte Jiddisch - Der jüdische Witz - Aristoteles hebräisch — Eine neue Mommsen-Ausgabe - Das unerwartete Erbhindernis (Feuilleton) Zeichnungen (Prophetenköpfe) des 12 jähr. Malers Moses Barascft ״Pie Gemeinde in der Notzeit* mit Berichten aus Berlin und anderen Gemeinden Palästina-Wirtschaftsblatt tigkeit unserer Ausgliederung aus dem deutschen Leben, und wir alle haben auch eine Siärkung unserer Zugehörigkeit zum Judentum erlebt. Geschichtliche Prozesse vollziehen sich über Programme hinweg. Wir Zionisten haben auch früher die Assimilation bekämpft, aber wir waren uns im klaren, daß die Assimilation als ein natürlicher Prozeß des Lebens wirkt und das Bekenntnis zu einem zionistischen Programm noch keäneswegs eine tatsächliche Acndcrung dieses Lebens beinhaltet. Was w׳ir bekämpften, war die assimilatorische Tendenz, das vordringliche Auftreten von Juden als Repräsentanten des ״wahren Deutschtums“; und die bcwußte oder umwillkürliche Loslösung vom Judentum, die eine ganze Generation zur Haltlosigkeit verdammen mußte. Wir protestieren dagegen, daß Juden die J uden frage nicht sehen wollen und sich über die Prob 1 c m a t i k ihres Daseins leichtfertig oder ahnungslos hinwegsetzten. Nicht aber konnten wir die Tatsache leugnen oder verurteilen, daß wir durch unser Leben im deutschen Volk, durch Sprache und Bildungsgang assimiliert w׳orden sind, soweit diese Faktoren wirken. Wir können es daher nicht zulassen, daß von einer gewissen jiidisehen Richtung die Unterscheidung aufgestellt wird zwisehen den im Lande verankerten deutschen Juden und den anderen, die nach Palästina oder anderswohin auswandern wollen, und daß man diese Einteilung auf die überlieferten Parteigegensätze zwischen Zionisten und Nichtzionisten übertragen will. Die Erlebnisse der letzten Monate hätten jeden belehren müssen, daß diese starre Einteilung nicht zuirifft. Viele Juden, die sich im Lande ״verankert“ glaubten, sind heute zur Auswanderung gezwungen. In Palästina findet man schon dcutsehe Juden aller Schattierungen, sogar (ehemalige?) ״nationaldeutsche“ Juden, und — um auch etwas Hurnoristischcs zu erwähnen ~ es ist kein Zufall, daß jüdische Zeitungen, die sich mit einer etwas kindischen (als Spitze gegen Andere gemeinten) Betonung als ״deutschjüdisch“ bezeichnen, Anzeigen veröffentlichen, die sieh auf Palästina-Transporte beziehen. Auf der anderen Seite geben wir unser Recht nicht auf, als deutsche Juden zu sprechen, und wir haben weniger als jemals Veranlassung, auf dieses Recht zu verzichten. Denn wir sehen, daß sich weit über den zionistischen Rahmen hinaus im deutschen Judentum Entwicklungen vollziehen, die praktisch auf das hinauslaufen, was wir jahrelang gefordert haben: Auf Verstärkung und Bereicherung des jüdischen Lebens, Festigung des jüdischen Zusammenhangs, eigene Arbeit an der jüdischen Gemeinschaft. Sogar dort, wo man den jüdischen Zusammenhang zu leugnen oder auf ein Mindestmaß zu beschränken gewöhnt war, ist man gezwungen, über Ausgestaltung des jüdischen Lebens nachzudenken. Denn im Prozeß der ״Dissimilation“, durch die das deutsche Volk die andersrassige Minderheit der Juden, deren Assimilation bereits weit vorgeschritten war, aus sich ausstößt, werden die Juden auf ihr Judentum hingewiesen. Die Dissimilation bleibt zunächst ein Formaiakt; man kann die Emanzipation der Juden rückgängig machen, man kann auf diesem oder jenem Gebiet ihre Gleichberechtigung aufheben, aber man kann den Wesensbestand der deutschen Juden nicht ändern, die eine Mischung sind, aus der das deutsche Element nicht wegzudenken ist. Dies gilt für alle deutsehen Juden ohne Unterschied. Die Menschen unserer Generation können die Entwicklung eines Jahrhunderts nicht ungeschehen machen. Aber sie können Irrtümer, Illusionen, die sie früher über sich selbst hatten, berichtigen. Und darum müssen sie sich auf ihr Judentum nicht nur gezwungen-ungläubig hindrängen lassen, sondern dieses Judentum selbst wiederfinden und zur Wirklichkeit des Lebens machen. Und sie werden es finden, wenn sie es suchen, mit ganzer Seele suchen. Das Judentum ist die unentbehrlichste Lebensnotwendigkeit geworden, wenn wir und unsere Kinder nicht verzweifeln sollen. * Vor einem Jahr haben wir zum Neuen Jahr an dieser Stelle geschrieben: ״Wir bemerken allenthalben, wie unter dem erhöhten Druck das Judentum in zwei divergierenden Richtungen reagiert: Ein Teil wird müde und schwach, versucht trotz allen Schwierigkeiten sich anzupassen oder aufzugeben; ein Teil, und nur auf diesen kommt es an, erlebt aufs neue in

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