Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- Seite 495 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Jugend in Palästina Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2.— RM״ vierteljährlich 5,75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streik* oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. — Auslandsabonnements werden in der Währune *1er einzelnen!.ander berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpareille- *eile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM. Einzel •Anzeigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.IO. Telefon: 1 1 Bismarck 716570־. AnzeigenschluS: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr Pe• tichack•■Konten: Berlin 192 73־, Betel V 0355. "Belgrad 680 32, Brussel 394 33, Budapest 596 93. Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Oigs 4155, Stra&burg 164 30, W*tschau 190 708, Wien 156030 o * _ T l n!5e n«i t^re*dner Bank, Depositen- Kaspe Berlin, Kurfürsiendamm 52; Rumänische Kreditbank. Cernauti (Rumänien); Anelo Palest ine Ca. in Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv: Eesti Pank, Tallm (Estland) Nummer 72 | Berlin, 8. IX. 1933 Freilag ־ Nummer Dienstag nachmittags 3 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mi ttwoch nachmittag. י״ז אלול תרצ״ג | xxxvhi. Jahrg. Per Zionismus erstrebt fQr da» JQdlscHe Volk die Schaltung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palfistlna. ״Baseler Programm.» Nürnberg und die Juden Auf dem großen Parieikongreß des Nationalsozialismus in Nürnberg ist die Juden frage in mehreren wichtigen Reden erörtert worden. Zwar stand keineswegs die Judenfrage im Mittelpunkt des Interesses der Tagung; vielmehr war diese als Siegesfeier zu wertende Veranstaltung eine imponierende Manifestation des deutschen Lebenswillens. Dasdeutsehe Volk hat sich eine neue Lebensform geschaffen, und die erste große Zusammenkunft der den Staat tragenden Partei zeigte den ungeheuren inneren Aufschwung, die Macht und Stimmung dieser Neugestaltung. Aber da das nationalsozialistische Lebensgefühl entscheidend bestimmt ist von der vitalen Kraft des Rassegedankens, war es unvermeidlich, daß die Rassenfrage auf dem Parteikongreß eine große Rolle spielte. Und wie die Dinge liegen, ergibt es sich, daß die Rassen-Ideologie häufig durch negative Abgrenzung gegen das Judentum ihren klarsten Ausdruck bekommt. Wir haben in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ diejenigen Teile der wichtigsten Reden des Parteikongresses, die sich mit der Rassenfrage beschäftigen, zum Abdruck gebracht. Da es sich hier um die Gedankenwelt handelt, auf der der neue deutsche Staat aufgebaut wird, und da wir Juden durch die Rassenlehre besonders getroffen sind und in dieser Erörterung — auch nach nationalsozialistischer Ansicht — die Position einer ״beteiligten Partei“ haben, so wird sich wohl für uns noch öfter. Gelegenheit geben, uns mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Wir vertreten dabei den Standpunkt, daß wir den rassischen Enthusiasmus der neuen deutschen Bewegung anzuerkennen haben und uns nicht dem Irrtum hingeben, in einer so gefühlsbetonten Sache durch rationalistische Einwände Einfluß nehmen zu können; zugleich aber haben wir das Recht, uns gegen eine Lehre von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse zur Wehr zu setzen. Was wir anstreben, ist ein Verhältnis gegenseitigen Respekts, unter Anerkennung des Wertes jeder rassischen Eigenart, Wir können mit Genugtuung feststellen, daß in manchen Reden des Niirnberger Parteitags ein ähnlicher Gedanke anklang. Nur auf dieser Grundlage kann — da nun einmal die Rassenlehre im neuen Deutschland akzeptiert wurde י-, glauben wir, das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden zufriedenstellend geregelt werden. Wir erwarten von der deutschen Welt, daß sie auch uns Juden möglich macht, als aufrechte Menschen zu leben. Dazu tut not, daß wir selbst Charakter beweisen —1 aber das gehört schon auf ein anderes Blatt. Der Berichterstatter der ״Frankfurter Zeitung“, Rudolf K i r c h e r, schreibt in seinem Artikel ״Das Erlebnis von Nürnberg“, worin er die gewaltige Manifestation dieses Parteikongresses positiv wertet, unter anderem auch folgendes: ״Nehmen wir den Nationalsozialismus als das, was er ist, und als was ihn auch die Umwelt früher oder später wird nehmen müssen: als vollendete Tatsache, so gibt es keine andere Frage mehr als die, was dabei herauskommen wird, Blicken wir nach Nürnberg, so erhalten wir selbstverständlich keine schlüssige Antwort, denn Nürnberg war nichts anders als eine gewaltige Demonstration und eine neue innere Zu* sammenfassttng der Partei, Der Geist, in dem dies geschah, konnte kein anderer sein als ein typisch nationalsozialistischer. Sehr viel weniger als bei irgendeinem Parteitag der vergangenen Epoche kam es in Nürnberg auf eine Programmatik an, denn Nationalsozialismus ist kein Programm, sondern ein politischer Lebensstil. Dieser Lebensstil verläuft im Rhythmus der Hitlerschen Ideologie. Das Studium seiner Person, seiner Denkart und nicht zuletzt seiner Entwicklung wird zum Zentralpunkt jeder öffentlichen Arbeit in Deutschlar.d. Wenn wir die Rassenfrage in den Nürnberger Reden Hitlers, ebenso wie in den meisten übrigen Reden — so auch bei Dr. Goebbels und Herrn Rosenberg — ganz beherrsehend im Vordergrund stehen sahen, so liegt das nicht (oder nicht nur) daran, daß Deutschland durch die Aufrollung des Judenproblems, vor allem durch die Art seiner Aufrollung, die Umwelt in Erregung versetzt hat, sondern es liegt daran, daß die Rassenfrage der Ausgangspunkt des gesamten Denkens und Handelns des nationalsozialistischen Führers ist. Seit Herr Hitler Reichskanzler ist, hat er nichts Prinzipielles öffentlich darüber gesagt. In Nürnberg, wo er mm darüber frach, ist aus seinem Mund kein einziges schmähendes ort gefallen, wenngleich die Verweisung der Juden in eine minderwertige Kategorie nicht als Schmeichelei empfunden werden kann. Daß Herr Hitler Schmähungen unterließ, wundert uns gewiß nicht, denn er ist nun Kanzler des Reiches und nicht mehr bloß ein zur Macht strebender Kämpfer, aber daß Herr Hitler diese Frage in Nürnberg aufrollte und daß er sie gerade hier mit vornehmer Beherrschung behandelte, scheint uns schon deshalb der Bemerkung besonders wert, weil Nürnberg eine Stadt ist, in der der Haß gegen alles Jüdische aut eine oft sehr peinvolle und für die Juden immer bewußt erniedrigende Weise zum Ausdruck kommt. Das erste, was mir hier zu Gesicht kam, war eine Nummer des ״Stürmer“, dessen Herausgeber der Frankenführer der NSDAP Julius Streicher ist. Herr Streicher hat nicht nur eine große Stellung im nationalsozialistischen Aufbau, sondern er ist (wie man sich leicht überzeugen konnte) eine sehr populäre Figur, Zudem einer der ältesten Parteigenossen und Mitkämpfer Hitlers. Was ich nun im ״Stürmer“ las, ist schwer zu beschreiben. Seitenlang der Antisemitismus in seiner schärfsten Form. An den ״Pranger“ stellte der ״Stürmer“ auch in dieser Nummer zwei arische Mädchen, gegen die der Vorwurf erhoben wurde, daß sie mit jüdisehen Herren Verkehr pflegen. Die Anklage geschah in einer Sprache, die wir nicht wiedergeben möchten. Welche Stirnirmng dadurch erzeugt wird, kann man erraten, —• erst recht, wenn man frühere Vorkommnisse bedenkt. Dies alles gehört nicht zum Parteitag — aber es gehört zu seinem Schauplatz: nämlich zu Nürnberg. Diese Lokalstimmung ist erfreulicherweise in das Nürnberger Siegesfest nicht spürbar ein gedrungen — ganz gewiß nicht in die Reden, die dort gehalten wurden, woraus sich schließen läßt, daß eine solche ,oberste i gern ng der antisemitischen Attacke für den eigentlichen Zweck der nationalsozialistischen Rassenpolitik durchaus entbehrlich ist. Herr Hitler hat für Deutschland dein nordisch-arischen Menschen die politische, geistige und kulturelle Führung Vorbehalten. Er hat diesen Anspruch begründet, und es wird dabei bleiben, aber er hat Sätze ausgesprochen wie diese: Nicht dort ist ״eine arische Kultur von Größe und Bedeutung entstanden, wo Arier rein und ausschließlich unter sich lebten, sondern überall dort, wo sie mit anders gearteten Rassen eine lebendige Verbindung eingingen; nicht im Sinne einer blutmäßigen Mischung, sondern einer organisatorischen Zvveckgerneinschaft.“ Noch deutlicher sagte der Kanzler: ״Er (der Nationalsozialismus) erkennt dabei die Gegebenheit der verschiedenen rassischen Substanzen in unserem Volke. Er ist auch weit entfernt, diese Mischung, die das Gesamtbild des Lebensausdrucks unseres Volkes gestaltet, an sich abzulehnen. Er weiß, daß die enorme Spanne unserer Fähigkeiten durch die innere rassische Gliederung unseres Volkes bedingt ist. Er wünscht aber, daß die politische lind kulturelle Führung unseres Volkes das Gesicht und den Ausdruck jener Rasse erhält, die durch ihren Heroismus, also dank ihrer inneren Veranlagung aus einem Konglomerat verschiedener Bestandteile das deutsche Volk überhaupt erst geschaffen hat.“ (Rede bei der Kulturtagung.) Wer dies sagt, kann unschwer und ohne Gefährdung des Staatszweckes den deutschen Juden Lebensbedingungen Bewilligen, die ihrer und unser würdig sind. Niemand, ob Jude oder Christ, der bisher das Gegenteil von dem gelehrt oder getan hat, was der Nationalsozialismus lehrt oder tut, hat das moralische Recht, ״plötzlich die Fahne zu wechseln“ und in den neuen Staat ״so einzuziehen, als ob nichts geschehen wäre und in ihm das große Wort zu führen“ (wir zitieren Herrn Hitler), aber für unverlierbar halten wir das Recht jedes Deutschen, das den Staatszweck nicht gefährdet, seinem wahren, durch kein Haßgefühl mißdeuteten Wert entsprechend behandelt zu werden. Gelangen wir dahin, so werden wir einer umfassenden deutschen Volksgemeinschaft und dem Verständnis der Umwelt um ein gutes Stück näher gckommen sein.“ Administrative Committee und A.-C. konstituiert Prag, 5.. September. (J. T. A.) Das Administrative Committee der Jewish Agency hat Leo Motzkin zu seinem Vorsitzenden, Neville Laski zum Mitvorsitzenden gewählt. Nachdem Präsident Sokolow den zur Tagung erschienenen englischen Geschäftsträger Gurney begrübt hatte, hielt Leo Motzkin eine Ansprache an die neugewählten zionistischen und nichtzionistiscnen Mitglieder des Administrative Committee, worauf die neugewählte Exekutive bestätigt wurde. Anläßlich der Beratung des vom Kongreß angenommenen Budgets von 175 000 Pfund wurde bedauert, daß dieser Betrag für die Verpflichtungen beim Palästina-Aufbau nicht ausreidien könne, und eine v e r - stärkte üeldaufbringungspropaganda angeregt. Lieber die Verwendung der so aufgebrachten Mehrbetrage soll der Finanzausschuß des Committee entscheiden. Die politischen und wirtschaftspolitischeil Köngreßresolutionen wurden unverändert bestätigt. Bei der Konstituierung des A. C. wurde Leo Motzkin zum Präsidenten gewählt. Von den sechs Vize- Präsidenten gehören drei der Arbeiterpartei, zwei den AUgemeinen Zionisten und einer dem Misrachi an. Die Revisionisten haben eine Beteiligung am Präsidium abgelehnt. Die Unfersudumgskommission Das neugewählte Aktions-Comitee hielt nach Schluß des Kongresses seine erste Sitzung ab und wählte die Kommission, die mit der Untersuchung der gegen die palästinensisehen Revisionisten in Zusammenhang mit der Ermordung Dr. Arlosoroffs erhobenen Beschuldigungen betraut wird. Die Namen der Mitglieder dieser Kommission wurden bisher noch nicht offiziell bekanntgegeben. Wie die J. T. A. erfährt, sollen ihr Ussischkin, Motzkin, der Kongreßanwalt Dr. Ahron Barth, Rabbi S c h a p i r o, Dr. Soloweitschik und Eliahu B e r 1 i g n e angehören. Den Zeitpunkt, wann sie sich zur Durchführung ihrer Aufgabe nach Palästina begibt, wird die Kommission selbst bestimmen. Es wird angenommen, daß sie erst nach Abschluß des gegen die Revisionisten schwebenden Gerichtsverfahrens abreisen wird. Auch die neugebildete Exekutive der Jewish Agency hat bereits ihre erste Sitzung abgehalten. 111 welcher Weise die in dieser Sitzung vermutlich vorgenommene Aufteilung der Ressorts erfolgt ist, ist noch nicht bekamt« ., ״ Unser ״Jetzt und Hier" Zur Situation der jüdischen Schule (Vgl. Nr. 66 der ״Jüdischen Rundschau“.) Von Hugo Rosenthal. ״Unser Auftrag ist nicht Uebernahmc und Weiterführung, sondern Erneuerung des Erbes aus den Bedingungen eines grundlegend veräneierten Lebensraurns.“ (Horst Cirucneherg, Nüchferne Schulpolitik-, Die Tat, April 1933.) Die gleiche Situation, wie sie für das einzelne Kind m der nichtjüdischen Schule festgestellt wurde, trifft auch für die bestehenden jüdischen Schulen innerhalb des deutschen Bildungs- Wesens zu. Wir zitieren zunächst noch einmal Hördts Erklärung der deutschen Schule (Theorie der Schule, S. 143). ״Der Umkreis ihrer Schülerschaft umfaßt den Nachwuchs des Gcsamtvoikes.“ Die Schülerschaft der jüdischen Schule wird als Nachwuchs des deutschen Volkes abgelehnt- ,.Ihr geistiger Gehalt ist Geist und Seclentum der Volkheit.“ Die Form, in der Geist und Seclentum der deutschen Volkheit in der Gegenwart sich ausdriieken, kann nicht den geistigen Gehalt der jüdischen Schule bestimmen. ״Ihr Ziel: Reife der Gliedschaft in diesem Volke!“ Da die Gliedschaft 111 deutschen Volke den Juden versagt ist, kann sie nicht das Ziel einer jüdischen Schule sein. Um den Unterschiedder Situation zwischen der jüdischen und anderen deutschen Bcvölkerungsgruppen noch deutlicher zu machen, sei als Beispiel die katholische herangezogen. Das am 20. Juli in der Vatikanstadt vom Vizekanzler von Papcn Unterzeichnete Reichskonkordat bestimmt in seinem 21. Artikel: ״Im Religionsunterricht wird die Erziehung zu vaterländischem, staatsbürgerlichem und sozialem Pflichtbewußtsein aus dem Geist des christlichen Glaubenssatzes mit Nachdruck gepflegt werden.“ Dazu schreibt die Berliner Lehrerzeitung (Nr. 32, S. 460): ״Man kann diesen Satz als den Kernpunkt des ganzen Konkordats bezeichnen, der nach dem Mussoiinischcn Latcranvertrag die nationalsozialistische Staatsidee über die Kirche stellt und dementsprechend sowohl vom Religionsunterricht der Kirche wie vom Deutschunterricht, Geschichfsunterricht usw. fordert, für diesen Staat einzufreien.“ Die heutige jüdische Schule ist nicht organisch und nur zum Teil organisatorisch (öffentliche Schulen, staatliche Schulaufsicht) dem deutschen Staate eingegliedert. Diese Situation, die sich zwangsläufig aus der innerpolitisclien Entwicklung ergeben hat, stellt uns vor die dringende Aufgabe, den geistigen Raum zu erkennen, in dem die jüdische Schule ihren Platz hat. Das Vergangene hat keine Gültigkeit mehr, wir können nicht das, was war, übernehmen und weiterführen. Unsere Aufgabe heißt: ״Erneuerung aus den Bedingungen eines grundlegend veränderten Lebensraumes heraus.“ Die Frage nach unserem Lebensraum, die Antwort auf diese Frage entscheiden über das ״Jetzt und Hier“ der jüdisehen Schule. Auch sie ist nicht anders denkbar denn als ״Funktion der Lehre, Ort des Lchrcns und Lernens, Feld geistiger Berührung mit den geistigen Gütern der Gemeinschaft und ihren menschlichen Trägern“ (Hördt a.a. O. S. US). Oder wie Horst Grucneberg in dem eben erwähnten Aufsatz sagt: ״Schule ist Organ der Gemeinschaft zur Uebcriiefcruag ihrer dauernden Werte.“ Gemeinschaft, lebendige und lehcnerzcugende Gemeinschaft ist aber nur soweit vorhanden, wie der gemeinsame Lebensraum einer Menschengruppc reicht. In ihm beruht die Ort- und Zeitbedingtheit einer jeden Schule, auch der jüdischen. Wir steilen also vor allen andern die Frage nach unserm Lebertsraum und meinen damit sowohl ״die Fülle unserer existenziellen Wirklichkeit“ als den ״geistigen Raum unseres Schicksals“. Hierzu ist eine wichtige Feststellung zu machen. Während in jeder unter natürlichen Bedingungen lebenden Gemeinschaft existenzielle Wirklichkeit und geistiger Raum des Schicksals in Wechselwirkung zueinander stehen, war dies nicht der Fall bei der ״jüdischen Gemeinschaft“ in Deutschland. (Dasselbe gilt für die Juden der westeuropäischen Länder überhaupt.) Der geistige Raum unseres Schicksals war nie, auch nicht eine Stunde von hundert Jahren der Emanzipation, allein bestimmt von unserer Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Er war weiter, griff über von Grenze zu Grenze, wo immer Juden wohnten. Wo immer ein Schlag sie traf, waren auch wir betroffen. Er griff auch weiter in der Zeit, in Vergangenheit und Zukunft und überschritt auch hier die Grenzen, die den geistigen Raum deutschen Schicksals umschlossen. Es war nicht die Gemeinschaft, die Volk heißt, welche diese Verbindung herstellte, denn der geistige Raum, den ,wir mit jenen gemeinsam hatten, wirkte nur in geringem Maße auf unsere existenzielle Wirklichkeit. Aber diese eigenartige und einmalige Situation baute eine unsichtbare Scheidewand zwischen Deutschen und Juden auf, die, von Juden selten, von den Deutschen häufiger empfunden, immer mehr Form und Gestalt empfing, bis sie eines Tages, allen sichtbar, als feindlich drohender Wall vor uns stand. Und damit hat sich die grundlegende Wandlung unserer Situation vollzogen. Der geistige Raum unseres Schicksals bestimmt nunmehr im höchsten Maße unsere existenzielle Wirklichkeit. Beide stehen plötzlich in der Wechselwirkung zueinander, die das Kennzeichen einer lebendigen Gemeinschaft ist. Diese heißt nicht deutsche Volkheit, denn die bestimmt nur zu einem Teil den geistigen Raum , unseres Schicksals und zu einem Teil unsere existenzielle Wirk- 1 Iichkcit. Sie beißt aber auch noch nicht jüdische Volkheit, denn