Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 69-70 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 473 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer RM 0,25 WMschafisrefcratc des Kongresses JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint i®dw1 Dienstsg und Freit««. Bezugspreis bei der Expedition motintUch 2.- RM., vierteljährlich 575 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgebühren. Atisiandsabonneznents werden in der Währung der einzelnen 1-ander berechnet. An/eiper.prei- »S peepahene Nonpareillereiie 0.50 RM. Stellengesuche 0.25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b.H.. Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon:? 1 Bismarck 716570־. Postscheck ■ Konten: Berlin!7392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, D.nzfe 1973, Haar 140 470, PraR 59410, Ri&a 4155. SiraRburc 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdner Bank, Depositen. Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52: Rumänische Kreditbank. Cemauti (Rumänien); Anelo Psleetine Ca. in Haiia, Jerusalem, Tel-Aviv: Eesti Pank, Tallin (Estland) Nummer 69/70 | Berlin, 1. IX. 1933 Redakrionssehluß Sonntag und Mittwoch nachmittag^ י׳ אלול תרצ״ג | xxxvm. Jafarg. Oer Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaltung einer Öffentlich •rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.״ Man muß sich besinnen... Die ״Generaldebatte" Prag, 30. August 1933. Man muß sich immer wieder darauf besinnen, welches die Motive waren, die vor 36 Jahren zur Einberufung des ersten Zionisienkongresses geführt haben. Es war die Erkenntnis von der Abnormalität und Unerträglichkeit der jüdischen Situation, die Erkenntnis, daß diese Situation immer schwieriger und komplizierter werden muß, je weniger man ihr wahres Gesicht sehen will, je mehr man sie ängstlich zu vertuschen sucht; und zugleich der Wunsch, durch eine öffentliche Diskussion der jüdischen Angelegenheiten die Welt, und vor allem die Juden selbst, darauf aufmerksam zu machen, daß hier ״die letzte Nationalitätenfrage“ noch ihrer Lösung harrt. Eine solche öffentliche Diskussion war damals etwas vollständig Neues; denn als Aeußerungen über die Judenfrage kannte man nur die gefühlsmäßigen Kundgebungen des Antisemitismus und die von jüdischer Seite hierauf erfolgenden apologetischen Antworten. Die Juden hatten bis dahin nicht vermocht, in ihrer eigenen Angelegen heit ein eigenes Wort zu sprechen. Sie ließen sich das Gesetz ihres Handelns, besser gesagt: ihres Redens, vom Antisemitismus vorschreiben. Sie wollten durch Argumente, durch Aufklärung und durch Entschuldigung den Antisemitismus widerlegen oder entkräften. Nur vereinzelt waren in Westeuropa vor 1897 die Stimmen selbstbewußter Juden laut geworden, größere Wirkungen haben sie nicht erzielt. Nun kam Theodor Herzl auf die Idee, einen Kongreß einzuberufen, der die Juden wecken sollte. Er sollte ihnen die Illusion, durch den sogenannten Fortschritt in der Kultur werde die Jüdennot verschwinden, nehmen und sie lehren, daß sie die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand nehmen müssen. Er sollte aber darüber hinaus auch an die Völker appellieren, denn der Zionismus war einsichtsvoll genug, um zu verstehen, daß auch für die Völker — wenn auch nicht für alle in gleichem Maile und in gleicher Form — ein Judenproblem besteht, das in einer bestimmten Konstellation akut, sogar sehr akut, werden kann. Im Einvernehmen mit den Völkern sollte daher der Versuch gemacht werden, dem jüdischen Schicksal eine neue Wendung zu geben. Die Prinzipien, nach, denen der Zionismus die Judenfrage anpacken wollte, waren grundverschieden von allen! jüdischen Verhalten bis dahin; und daher hoffte der Zionismus, daß auch die anderen Völker andere Begriffe von Judentum und Judenfrage erhalten werden, wenn sie erst den Ruf des Zionismus vernommen haben: Sie würden begreifen, daß mit einem Male ein anderes Judentum vor ihnen steht und mit ihnen spricht, als sie bisher gekannt hatten. Ein neuer Geist des Selbstbewußiseins, der Verantwortung, des nationalen Ehrgefühls und des geschiehtliehe: Weitblicks erfüllt die jüdischen Reihen, die etwas noc’ nie Dagewesenes zu verwirklichen sich anschickten. Und da der Zionismus alle Völker, die ein Judenproblem bei sich haben, von einer Last befreien wollte, konnte er annehmen, Gehör und Hilfe zu finden. Der Zionis- Imus beschäftigt sich ausschließlich mit der jüdischen Sache, nicht mit Angelegenheiten anderer Länder oder Staaten, da seine Anhänger Bürger verschiedener Staaten sind und es von Anbeginn an sein oberstes Prinzip war, daß nichts geschehen dürfe, was irgendeine jüdische [Gruppe in Konflikt mit ihren natürlichen Verpflichtungen [in ihrem Vaterland bringen könnte; im Gegenteil, der [Zionismus, der die Treue zum Judentum wieder zu einer [lebendigen Kraft machen wollte, anerkannte stets die [Treue des jüdischen Staatsbürgers in dem Staat, dem [er angehört, als eine unverrückbare Selbstverständlich- *eit. Aber aus der Erkenntnis der Zusammenhänge mußte Bas Bewußtsein erwachsen, daß die jüdische Lage grundlegend geändert werden müsse, wenn nicht nach 2000 Kahren Zerstreuung die jüdische Geschichte in einer ■Tragödie enden soll. I Der Zionismus appellierte an die besten Instinkte ■er Juden. Er war nichts Künstliches, sondern eine eieinentare Regung des Lebenswillens. Junge Menschen Bogen hinaus in Sehnsucht nach einem neuen, besseren, Beineren Leben. Sie wollten einen Platz erringen, wo sie Bich voll einseüen und bewähren konnten. Sie wollten Bn einem Ort leben, wo Judentum nicht ein Hindernis, Bondern ein Ansporn und ein Ideal ist. Und so hat denn Buch der Zionismus ins Leben übergegriffen, er hat Bingst den engen Rahmen einer Organisation gesprengt, v ist keine Sache der Paragraphen und der Statuten mehr, sondern er ist dort, wo Menschen, jahrhundertelang der Arbeit entwöhnt, zu Boden und Natur zurückkehren, den Sinn ihrer Geschichte plötzlich als persönliehe Aufgabe empfinden, wo das Leben mit all seinen Widersprüchen, seinen Kämpfen, seiner menschlichen Not (auch Gewissensnot) sich entfaltet und die Hoffnung auf eine schöpferische Gestaltung aus den Tiefen der Seele, auf eine echte Wiedergeburt, auf die Herrschaft des Geistes, das Tun erfüllt und verklärt. * Man muß sich auf all das besinnen, wenn man als Beobachter eine Stellung zu den Vorgängen des XVJH. Zionistenkongresses, 36 Jahre nach dem ersten Kongreß, gewinnen will. Wir leben in einer Zeit, wo die Anomalie der jüdischen Situation auch den Widerstrebenden sichtbar geworden ist. Alles deutet darauf hin, daß die Form der jüdischen Existenz sich in unseren Tagen grundlegend wandelt und nichts ist natürlicher, als nach Führung auszublickett, die diesen Prozeß aus seinem chaotischen Zustand befreien und in geregelte Bahnen lenken kann. Wenn man, mit solchen Gedanken im Herzen, das Drama des Kongresses sieh abspielen sicht, so empfindet man mit großer Deutlichkeit, daß diese Form dein heutigen Inhalt der Bewegung nicht mehr gemäß ist. Noch zeigt sich Im Zionistenkongreß mehr Kraft und Wirkung als in irgendeiner anderen jüdischen Repräsentanz. Aber mit Schmerz empfindet man, daß die Veteranen der Bewegung, die hier versammelt sind, die wichtigste Kunst des Politikers nicht gelernt haben, die Kunst der Selbstüberwindung, der Zurückstellung gcringerer Interessen vor einem höheren Zieh Der Kongreß hat sich in seinen äußeren Formen den europäischen Parlamentarismus zum Vorbild genommen, und da die Juden ein politisch sehr ungeschultes, zugleich auch redegewandtes Volk sind, so liat man den beklemmenden Eindruck, daß hier alle Schattenseiten dieses Parlanicntarismus besonders unterstrichen sind, daß hier ein Mittel zum Selbstzweck wird, daß man häufig vergißt, welche Funktion der Kongreß als ein Instrument der Renaissancebewegung haben sollte und daß statt der Idee die Maschine ausschlaggebend ist. Die fragwürdigen Grundlagen der zionistischen ״Demokratie“ sind oft kritisiert worden; man braucht nur daran zu denken, daß der Wähler sich nicht auf Leistungen zu berufen hat und keine Pflichten übernimmt. Aber dazu kommt, daß der Betrieb des Parteiwesens, zumal immer wieder dieselben Gestalten auf die Kongresse kommen, leicht in Routine Letzte Nachrichten Prag, 31. August, mittags (telefonisch). Nach den letzten Nachrichten von Donnerstag Mittag sind die schwebenden Angelegenheiten, besonders die Streitfrage wegen der Resolution über die Revisionisten, noch immer nicht geklärt. Daher wurde die für Mittwoch Abend angesetzte Nachtsitzung abgesagt. Am Donnerstag Vormittag tritt die Agency zu einer Councilsitzung zusammen. Der Kongreß geht weiter. Prag, 31. August, nachm, (telephon,). Die Generaldebatte wurde heute vormittag mit dein Schlußwort der Exekutive beendet. Für die Exekutive sprachen Sokolow, Brodctsky und Locker. Der Kongreß wurde bis zum Nachmittag vertagt. Prag, 31. August 1933. (J.T.A.) Der Council der Jewish Agency wurde heute am 10 Uhr von Prof. Herbert Speyer, Belgien, eröffnet. Er bedauerte, daß der Präsident des Council, D’Avigdor G o 1 d s m i d, der Sitzung nicht beiwohnen konnte. Neville L a s k I erklärte, es sei schwer, die Sitzungen des Council abzuhalten, solange der Kongreß noch tagt, und verlangte, daß in Zukunft die Vorbereitungen so getrolfen werden, daß eine Pause zwischen der Beendigung des Kongresses und dem Beginn der Counciltagung stattfinden könne. Prof. H e x t e r erstattete ein Referat Uber landwirtschaftliche Arbeit in Palästina. (Siehe auch Seite 474.) ausartet, daß man dann im Kongreß und in den Wandelgängen dieselben Reden, dieselben Gespräche hört, die man schon jahrelang kennt, daß im Augenblick der Verhandlung der Wert oder Unwert einzelner Reden maßlos überschätzt wird. Die sogenannte ״Generaldebatte“ ist ein Unding. Es ist absurd, daß die Redezeit auf die einzelnen Gruppen verteilt wird und dann Redner großerer Parteien, weil soundso viel Minuten noch übrig sind, ihre Zeit konsumieren müssen: So wird darauflosgeredet, nach der Uhr, nicht nach dem Gedankenreichtum, und daß Allüren von Vcrsammiungsrednern und persönliche Eitelkeiten dabei eine Rolle spielen, braucht kaum erwähnt zu werden. Vor dem XVIII. Kongreß sind Vorschlage gemacht worden, die Form der Verhandlung zu ändern׳ Arlosoroff wollte den Kongreß auf eine kurze Tagung von zwei oder drei Tagen zusammenpressen, so daß in eindrucksvoller Form das Wichtige gesagt und getan werden kann. Von all dem wurde nichts verwirklicht. Teilnehmer früherer Kongresse finden das gleiche Bild wieder, das ihnen sonst geboten wurde. Und allmählich entsteht jener Nerven und Hirn zermürbende Zustand, der für den geeigneten Boden wichtiger Ent- Schließungen gehalten zu werden scheint. Während diese Zeilen geschrieben werden, liegt die Generaldebatte in ihren letzten Zügen, Sic brachte wenig Interessantes, ein zündendes oder befreiendes Wort wurde nicht gesprochen. Man hat das Gefühl, daß sie nur dazu da ist, die Leere der Zeit auszufüllen, und das gerade mußte im Interesse des Kongresses vermieden werden. Wenn dies hier, in einem zionistischen Organ, mit aller Offenheit und Schärte ausgesprochen wird, so geschiel“ das aus dem Grunde, weil nur eine ehrliche Selbstkritik die Voraussetzungen einer gründlichen Reform schaffen kann. Wir leben in einer Zeit, wo sich im Judentum große innere Wandlungen vollziehen, neue Menschen und Kräfte treten hervor, und vielleicht kann aus dieser Gärung auch eine neue Form der jiidi sehen Renaissancebewegung kommen, die an die alten, ursprünglichen Traditionen zionistischer Erkenntnis anschließt und befreit wird vor! all den Uebcrbleibscln einer vergangenen Epoche, die nichts spezifisch Jüdisches sind, sondern Merkmale des Ueberalterns einer bestimmten Methode, die auch bei anderen Völkern sich nicht als lebensfähig erwiesen hat. Gerade wenn man aus Deutschland kommt, hat man ein geschärftes Empfinden für die Diskrepanz der Aufgabe, die heute vor den Juden steht, und diesen Formen, aus denen ein leitender Wille des Aufbaus nicht hervorgehen kann. 4 Die sachlichen Fragen, die den Kongreß bewegen, sind noch nicht ins helle Lieht getreten. Es handelt sich vor allem darum, Palästina für mehr jüdische Einwanderer und Ansiedler aufnahmefähig zu machen. Wie dies an1 besten geschieht, darüber sind die Meinungen geteilt, insbesondere finden wir wieder den Gegensatz zwischen der Arbeiterbewegung, die den Pioniergedanken in den Vordergrund stellt, und der sogenannten mittelständischen Gruppe, als deren Exponent der Amerikaner Neuman und der polnische Misrachist Farbstein, beide Mitglieder der Exekutive, ihre Vorschläge erstatteten. Eine Üeberbrückung der Gegensätze versuchte Adolf Böhm, der in einem großan« gelegten, von gründlicher Sachkenntnis zeugenden Referat darlegte, in wie hohem Maße private Initiative und die mit öffentlichen Mitteln arbeitende nationale Kolonisation aufeinander angewiesen sind. Böhms Referat war bisher in seiner ruhigen Sachlichkeit und wohldurchdachten Abgewogenheit wohl die bedeutendste Leistung des Kongresses. Auch die übrigen Palästinareferatc ergaben eine Reihe wichtiger Gesichtspunkte, so der Vortrag• des Leiters der landwirtschaftlichen Versuchsstation, Agr. Wilkansky. Die Einzelfragen werden in den Kommissionen behandelt. Dort wird ־— in der politischen Kommission — auch die Frage erörtert, welche Haltung die Jewish Agency zu der neuesten Palästinapolitik der englischen Regierung, vor allem zu der geplanten Anleihe und den Vorschlägen des French-ßerichtes einzunehmen hat. Auch die seit einiger Zeit angeschnittene Frage Transjordaniens, die auch von mehreren Rednern diskutiert wurde, beschäftigt diese Kommission. Alles aber wird überschattet von der schwierigsten Frage des Kongresses, dem .Verhältnis zu den Re-