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Jüdische Rundschau · 1933-08-25 · Heft 67 (25.8.1933) · p. Seite 449

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 67 (25.8.1933)
Date
1933-08-25
Page
Seite 449 (sequence 1)
Language
German
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Die Noi der jüdischen Kleingemeinden Einzelnummer RM 6,23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erßchtnnt jeden Dienst■{; und Fr«*itaß. BewJßspreis bei der Expedition monatlich 2. — RM., v i e r t e! j *fit r 11 c h 5,75 RM. Rei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch tuf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Berugsgebühren. /*kuslandsabonnemem* werden in der Wahrung der einzelnen Linder berechnet. \n/e1Benpre1«: S gespaltene Nonpareillereile 0,50 RM. Stellenxesuch• 0,25 RM Nummer 67 | Berlin, 25. VIII. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J I Bismarck 716570־. Anr«igenschluB: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr Freitag - Nammen Dienstag nachmittags 3 Uhr. Redaktionsschluß Sonntap und Mi ttwoch nachmittag. Postscheck. Konten: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030. B •nk. Konten: Dresdner Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendatnm 52; fttiroiniffche Kreditbank. Cernauti (Rumänien)■, Aneio Paleatine Co. ix Haifa, Jerusalem, Tel Aviv: F.esti Pank, Tallin (Estland) ג, אלול תרצ״ג | XXXVIII. Jahrg. Oer Ziontsmua arstreM «Or da« |0dlact1a Volle die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm." Da1 Prager ZlonistenKo Die ersten Tage Prag, 23. August Selten hat man auf einem Zionistenkongreß am Anfang der Tagung so wenig über Kurs und Ziel aussagen können wie bei diesem XVII!. Kongreß, der jetzt in Prag unter größter Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlichkeit zusammengetreten ist. Der Zionismus ist längst leine ״Partei“ mehr, er ist eine umfassende Volksbewegung geworden, und als solche enthält er in sich alle jenen Gegensätze und Widersprüche, die wir in jedem Volk vorfinden und die in der Aera des liberalistischen Parlamentarismus auch in ihrem politischen Ausdruck zu einer besonderen Blüte hochgezüchtet worden sind. Diese Gegensätze zu einer einheitlichen Willensbildung zu bringen, ist eine fast unlösbare Aufgabe, und die Gegner des Parlamentarismus können sich kaum ein besseres Demonstrations-Objekt wünschen als?s der Zionistenkongreß in den letzten zehn Jahren zu bieten pflegte. Immer war daher in der Bewegung die Sehnsucht nach einem starken Willen vonoben fühlbar. Dieser Wille aber fehlte, da unsere Leitung nur als , Exekutive“, d. h. als vollziehendes Organ betrachtet wurde, nicht aber als Führung. Diese Mißstände sind in der ״Jüdischen Rundschau“ oft beklagt worden, aber I wenn man heute in den Wandelgängen des Prager Kon- ן greß-Gebäudes umhergeht, empfindet man so stark wie nie, daß wir es hier mit überalterten Formen politischer Gemeinschaftsarbeit zu tun haben!. Was wir schon vor | dem Kongreß hier schrieben, erhält seine evidente Bestätigung: daß die wahren Kräfte der Bewegung nicht in diesen Sitzungszimmern und nicht in den mehr oder weniger guten Reden zu suchen sind, sondern dort im Iwirklichen Leben, wo der jüdische Bauer seinen Pflug [über das Feld führt und jüdische Jugend mit hebräischen!Gesängen durch die Landschaft ihrer neugewonnenen IHeimat zieht. Der Zionismus ist aber auch dort, wo [jüdische Menschen aus einer inneren Erschütterung her- [aus sich auf sich selbst und ihr altes Volkstum he- [sinnen, den Entschluß fassen, sich aus der Herzens- [trägheit und Indolenz ihres bisherigen Daseins zu be- [freien und als Juden an der innerlichen Erneuerung ihrer [Gemeinschaft mitzuarbeiten. Der Zionistenkongreß, die [Zusammenkunft zionistischer Delegierten aus aller Weit, [könnte ein Spiegelbild dieser innerlichen, seelischen Neu- [gebürt des Judentums und seines Willens nach reinerem, [echterem Leben sein; aber wir sind ehrlich genug, uns [nicht zu verhehlen, daß der Kongreß die richtige Form [hierfür noch nicht gefunden hat. Der Kongreß macht [den Zionismus, die große Erneuerungsbewegung, zum [Knecht einer Maschinerie, deren Unzulänglichkeit klar zutage liegt. Das Wort haben hier die Parteitaktiker, [und je mehr das Sich-Einspinncn in die Feinheiten des [parlamentarischen Gefechts fortschreitet, um so mehr [schwindet das Unterscheidungsvermögen von Wesentjlichem und Nichtwesentlichem. | So wird man es verstehen, wenn wir uns etwas [besorgt über den bevorstehenden Verlauf der eben bebonnenen Tagung äußern. Die Parteigegensätze sind bei [diesem Kongreß verschärft wie noch nie. Der Schatten [eines furchtbaren, tragischen Ereignisses lagert über dem [Kongreß. Die Ermordung Arlosoroffs, der zum ersten [Male seit 13 Jahren auf einer zionistischen Tagung fehlt, [wirkt wie ein Albdruck, und die Tatsache, daß An- [?ehörige einer der Kongreßparteien als Beschuldigte [auf der Anklagebank des Jaffaer Strafgerichtes sitzen, [schafft eine fast unerträgliche Spannung. Die Arbeiter- Iportei, die stärkste Fraktion des Kongresses, kann es [war nicht verhindern, daß auf dem entgegengesetzten [Hügel des Saales die Revisionisten sitzen, deren terro- [ristischer Propaganda man die intellektuelle Urheber- J'chaft an dem Morde zuschiebt, aber sie ist entschlossen, [?!eich zu Beginn des Kongresses keinen Zweifel dar- [über zu lassen, daß nach ihrer Meinung im Zionismus [keine Gemeinschaft mit jener Gruppe bestehen kann. [Die Mittclgruppe hinwieder, genannt Allgemeine Zio- [nisten, und in sich schon recht heterogen zusammen- [gesetzt, verurteilt natürlich auch den Mord, aber sie [wünscht nicht, auf Grund der Gemeinsamkeit dieser Ab- [chnung, nun auch als politische Kongreflgruppe mit Iler Arbeiterpartei verbunden zu sein, und so bemüht Jüe sich, die Streitfrage in eine objektivere Sphäre zu lieben, indem sie sich auf den Standpunkt stellt, daß [bestehende Kongreß-Fraktionen als solche formell befiandelt werden müssen* ohne Rücksicht darauf, wie man über Einzelheiten ihrer Haltung oder Tätigkeit denkt Die stärkste Solidarität mit den Revisionisten bekundet der Misrachi, wahrscheinlich wegen gewisser wirtschaftspolitischer Gemeinsamkeiten und wegen der gemeinsamen Gegnerschaft gegen die Arbeiterpartei. Daß in dieser Hinsicht die Misrachi-Bewegung nicht einheitlieh ist, zeigte sich schon anläßlich der heftigen Kämpfe vor zwei Jahren, die z. B. zum Austritt des deutschen Misrachi aus dem Weltmisraehi führten. Bis zur Stunde, wo diese Zeilen geschrieben werden, ist nicht zu ermessen, weiche Gruppenbildung sich auf dem Kongreß vollziehen wird. Zutn ersten Maie erlebten wir eine Kampfabstimmung über die Wald des Präsidiums. Es handelte sich dabei um die von der Arbeiter- Partei gewünschte Ausschaltung der Revisionisten, und die Arbeiterpartei hat eine Mehrheit von zwei Stimmen im Plenum gehabt. Die Wahl vollzog sich recht stürmisch in mehrfachen Abstimmungen. Bis jetzt stand der K011grefl im Zeichen der Anomalie, daß der Präsident der Organisation bis zum dritten Tage als Vorsitzender des Kongresses fungieren mußte, weil ein Präsidium nicht gewählt werden konnte. Nun erst tritt der Kongreß in seine eigentliche Arbeit ein. Eine Anomalie des Kongresses kann man auch darin erblicken, daß Dr. Wcizmann dem Kongreß ferngeblieber ist. Schon seit Wochen werden Gerüchte über Weizmann ausgestreut, in vielen jüdischen Zeitungen kör nte man lesen, daß er wieder für die Präsidentschaft kandidieren wird, und es ist möglich, daß Weizmann, der jede Kandidatur ablehnt, es darum vorgezogen hat, durch Abwesenheit allen derartigen Kombinationen die Spitze abzubrechen. Weizmanns Person war auf früheren Kongressen hart umkämpft, vor zwei Jahren wurde er gestürzt, weil seine gemäßigte Palästina-Politik vom Kongreß nicht gebilligt wurde. Wer die politische Ent- Wicklung der letzten zwei Jahre analysiert, kann nur Segen, daß Weizmanns Anschauungen und Methode voll gerechtfertigt worden sind. Aber man wird Verständnis dafür haben, daß Weizmann auf diesem Kongreß nicht wieder einen Personenkampf um sich zu entfesseln wünschte. Daß er nun auch das ihm zugedachte Referat über die Lage der Juden nicht halten wird, ist gewiß ein großer Verlust für das Prestige und die Wirkung des Kongresses. Für viele alte Kongreßteilnehmer ist es ein seltsames Gefühl, einen Kongreß ohne Weizmann zu erleben. Wir haben keinen solchen Reichtum an fiihrenden Persönlichkeiten, daß wir auf einen Mann dieses Ranges einfach verzichten können. Der Prager Kongreß steht itn Zeichen der ersehntternden Manifestation der Judenfrage durch die Geschehnisse in Deutschland. Ereignisse, die die These von der Anomalie und Unsicherheit der jüdischen Galuth-Existenz bestätigen, sind Beweise für die Richtigkeit des zionistischen Gedankens, die Lösung der Judenfrage durch ein großes konstruktives Werk der Voikswerdung anzustreben und so die Ursachen der Judenfrage in der Diaspora zu beseitigen. Aber die Zionisten empfinden keine Genugtuung darüber, daß die Lage in Deutschland die zionistische Theorie weitgehend bestätigt hat. Sie haben nicht nur Mitgefühl mit den deutschen Juden, sondern sie betrachten Deutschland auch als ein Warnungszcichcn für die Judenschaften anderer Länder, die tiefen Wurzeln der Judenfrage nicht zu übersehen. Selbst• verständlich bewegen sich alle Ueberlegungen, die in Prag über Deutschland angestellt werden, auf der Linie der Förderung des zionistischen Zieles. Alle veranb wörtlichen Kreise des Kongresses sind sich darüber einig, daß die Bedeutung der deutsch-jüdischen Krise für den Zionismus in dieser Richtung liegt. Alle Versuche, den Zionismus in politische Kämpfe mit einzelnen Völkern hirieinzuziehen, müssen notwendigerweise scheitern, weil der Zionismus als solcher über diesen politischen Gegensätzen steht und lediglich der nationalen Wieder• gebürt des Judentums und der Palästina-Sache dient Die deutsche Judenfrage, die ja nur einen kleinen Aus• schnitt aus dem Judenproblem darstellt, hat bisher auf dem Kongreß keine große Aufmerksamkeit gefunden. Die Sitzung, in deren Mittelpunkt ein Referat Sokolows über die Lage der Juden in der Welt und ein Referat Ruppins über die Palästina-Ansiedlung der deutschen Juden stehen sollte, mußte wegen des Ringers um das Kongreß- Präsidium immer wieder verschoben werden. So kommt es, daß auch « ganz programntwidrig — die Generaldebattc bis heute überhaupt nicht begonnen hat. Da die überads schwierigen sachlichen Fragen wie Kolon isationsplane, Finanzierungsfragen, Organisationsrcforni usw. noch in den Kommissionen genau bearbeitet werden müssen, und da die Frage der Leitung bis jetzt völlig ungeklärt ist, dürfte mau auch diesmal, obwohl ursprünglich ein kurzer Kongreß geplant war, mit einer ziemlich langen Dauer der Tagungen zu rechnen haben. Man kann Vorhersagen, daß der Prager Kongreß sich wahrscheinlich in dieser Beziehung von früheren Kongressen nicht unterscheiden wird. Die Organisation ist anscheinend auch nicht imstande, aus sich, selbst heraus eine Reform dieser ermüdenden und entnervenden Arbeitsmethode zu schaffen. Das äußere Bild des (Vager Kongresses ist sehr eindrucksvoll. Im Zentrum Prags, iti dem prunkvollen Repräsentationsgebäude der Stadt, spielt sich ein intensives jüdisches Leben ab, das auch dem Straß :,nbiid sein spezifisches Kolorit verleiht. Die Behörden und auch die Prager Bevölkerung zeigen sich sehr freundlich und zuvorkommend, was um so höher anzuschlagen ist, als ja die Verständigungssprache so gut wie ausschließlich die deutsche ist. (Charakteristischerweise haben die tschechisch-jüdischen Assimilanten es für richtig angcselten, vor der tschechischen Oeffentlichkeit gegen den ״deutschen“ Charakter des Zionismus zu hetzen.) Der Kongreß hat eine gute Presse. Die großen Prager Zcitungen berichten täglich sehr ausführlich. Manche Blatteiten kommunistischer oder lialbkommunistischer Observanz versuchen, sich die Konjunktur des Kongresses zunutze zu machen; die hinter diesen Organen stehenden Kreise möchten gern die Judenfrage vor ihren politischen Wagen spannen und sind natürlich erbost darüber, daß der Zionismus, indem er nur jüdische und mir auf die Judensache gerichtete Politik macht, ihnen ihr Kalkül verdirbt. Es ist übrigens ganz interessant zu beobachten, wie einflußlos diese Organe sind. Wirkliche Resonanz finden heute nur solche jüdische Aeußeruitgen, die aus positiv-jüdischem Bewußtsein kommen, der Zionismus allein bringt seelische Befreiung; ein Beweis, wie sehr das Empfinden für Echtes in weiten jüdischen Kreisen durch die letzte Entwicklung geschärft worden ist. Auch in der deutschen Presse hat der Kongreß bisher ein starkes Lclio gefunden. Die meisten Blatter veröffentlichen sachliche Berichte über die wichtigsten Referate und enthalten sielt einer eigenen Stellungnahme. Eine ausftihrliche Stellungnahme fand sielt bisher mir im ״Völkischen Beobachter“, der am 2i. August einen Artikel von Lutz Lenders veröffentlichte, dem die Redaktion folgende Vorbemerkung beigab: ״In diesen Tagen findet in Prag der IS. Zionistenkongrell statt, der eine der repräsentativsten Veranstaltungen des internationalen (oder auch nationalen) Weltjudentums darstellt. Wir geben nachstehend als Vorhcriclit einen lieberblick über die organisatorischen Verhältnisse innerhalb des Zionismus.“ In dem Artikel wird eine objektive Darlegung der ideologischen Entwicklungen im Judentum des 19. Jahrhunderts versucht, wobei der Verfasser zu einer Ablehnung des Assi• milations-Judcntums und seiner Organisationen gelangt. Die Parole von einem ,,deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“, der das jüdische Volkstum negiert, bezeichnet Lenders als einen Täuschungsversuch der Umwelt und auch eine Selbsttäuschung. Er fährt dann fort: ״Selbst heute gibt der diese Ideologie am intensivsten vertretende ,Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens* diese Vorstellung trotz ihres offensichtlichen Bankrotts nicht auf, in der abenteuerlichen Hoffnung, daß seine ncutschtiimsbcteucrungen den Juden nützlich "seien. Die absonderlichste Blüte dieser Vorstellungswclt stellt aber der sogenannte ,Verband nationaldeutscher Juden* •des Herrn Max Naumann dar, der sich geradezu ultradeutsch gebärdet und dessen plumpe und verächtliche Anbiederungsversuche manchmal pathologisch anmuten.“ Lenders gibt dann — unseres Wissens zum ersten Male im ״Völkischen Beobachter“ _— einen kurzen Abriß über die Entstehung und die wichtigsten Etappen des Zionismus, sowie über die Zusammensetzung des Kongresses. Am 24. d. M. widmet der ״Völkische Beobachte r“ seinen von A. R. gezeichneten Leitartikel dem Prager Kongreß. Dieser Verfasser ist etwas skeptisch gegenüber den zionistischen Planen der Ansiediung deutscher Juden in Palästina; er. meint, daß deutsche Juden zur harten Landarbeit nicht bereit sein werden. Diese Einwendungen sind gewiß schwerwiegend, dagegen ist es eine völlige Verkennung der Sachlage, wenn A. R. schreibt: ״Im Hintergrund der Maßnahmen, möglichst die ganze Judenschaft Deutschlands außerhalb der deutschen Grenzen unterzubringen, stellt natürlich der Plan, durch diese Herauslösung der stärksten und gesundesten Teile der deutschen Judenschaft diese beim Beginn des großen Weltboykotts dem Zugriff der deutschen Regierung zu entziehen.“

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