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Jüdische Rundschau · 1933-08-08 · Heft 63 (8.8.1933) · p. Seite 405

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 63 (8.8.1933)
Date
1933-08-08
Page
Seite 405 (sequence 1)
Language
German
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Nochmals: Die Zahl der Nichtarier in Deutschland Einzelnummer RM 0£5 jüdische Rundschau lErscheint jedenDienstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition jonatlich 2,™ Reichemark, vierteljährlich 5,75 Reichsmark.!*!*nfisabonnenicnt* werden in der Wahrung der einzelnen Lander berechne!• lAjueigmpreis: 8 gespaltene Nonpireillereile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 HM Nummer 63 Berlin, 8. VIII. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdisdie Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Ameigcnachluü: Dienstag - Nummer : Freitag nachmittag* 3 Uhr Freitag Nummer: Dienstag nachmittags 3 Uhr. Redakdonsschlufi Sonntag und Mi tt woch nachmittag. Postscheck - Konten! Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 680 32, Brüssel 394 33» Budapest 596 93, Danzig 1973» Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, StraÄhurg 164 30, Warschau 190 708. Wien!56 030 Baak-Konten: Dresdner Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemsuti (Rumänien); Anglo Palpstine Co. in Haila, }erusalem, Tel - Aviv. ט״ז אב תרצ״ג j XXXVIII. Jahrg. er Zionismus erstreb« IQr da« JQdlsche Volk dla Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina, ״Baseler Programm■״ Deutsche Juden 1t Die Juden in Deutschland stehen vor der Aufgabe, ' lir Leben in neuen Formen wieder aufzubauen. Die poliische und soziale Stellung, die die Juden in den letzten ah!,zehnten inne hatten, ist innerhalb weniger Monate iquidiert worden. Nicht genug daran, daß der deutsche ude in maßgebenden Schriften vielfach als ״Fremder“, renn nicht gar als ״Staatsfeind“ bezeichnet wird und laß er von Positionen des staatlichen Lebens, die ihm ,!islicr auf Grund der Gleichberechtigung aller Staats- )ürger offen standen, ausgeschlossen ist, mehren sich ie Fälle, in denen die Juden auch gesellschaftich gemieden werden, als ob schon das bloße äußere Zusammensein mit ihnen schädlich oder verunreinigend kte. Der Prozeß der Ausschaltung der Juden und kr radikalen Trennung zwischen deutschstämmigen und remdstämmigen Staatsangehörigen, den manche schon tun Stillstand gekommen wähnten, schreitet weiter fort. Ä'ir stehen machtlos vor einer Erscheinung, die mit «ychologischer Elemeutarkraft immer breitere Kreise rfaßt. Besonders schmerzlich ist es, zu beobachten, daß 'ersonen, die früher keineswegs sich zum Antisemitism:s bekannten, jetzt häufig alsJWortführer einer radi-;alen Judenfeindschaft auftretenj In dieser Situation sind, iic deutschen Juden auf sich selbst angewiesen. Vieh in ihren Kreisen vollzieht sich eine Umwertung er Werte. Maßstäbe, die noch vor kurzem ünerchütterlich schienen, werden heute als belanglos empunden. So wie im Krieg (wie sich alle Teilnehmer des Erlebnisses von 1914 erinnern) plötzlich die gewohnten ragesinteressen und Bequemlichkeiten hinter dem einen jedanken der unmittelbaren Not zurücktraten, so haben m Lichte des Gemeinschaftserlcbnisscs, das die deutdien Juden jetzt durchmachen, viele ihr bisheriges eben und ihre persönlichen Zielsetzungen revidiert, in Individualismus, bei dem jeder egoistisch auf sich elbst bedacht ist, ist nicht mehr am Platze, wo das gemeinsame Schicksal für jeden einzelnen ausehlaggebend wird. Wie immer in solchen Zeiten der Not, suchen manche ch der Gemeinsamkeit des Schicksals zu entziehen, ie machen den hilflosen und verächtlichen Versuch, «rch Distanzierung von ihrer Gemeinschaft und durch ine manchmal lächerliche Aefferei, ja sogar durch klagche Handlangerdienste, sich selber auf Kosten ihrer Jcmeinschaft zu retten. Solche Verlockungen hat es tets gegeben, und begreiflicherweise erliegen ihr »!che deutsche Juden am leichtesten, für die der Zuammenhang mit ihrer Gemeinschaft schon sehr schwach?«wesen ist und die durch das Erlebnis der Enthüllung ler Judenfrage vielleicht äußerlich, aber nicht innerlich '«rührt worden sind. Zur Ehre des deutschen Judentums ann gesagt werden, daß cs sich hierbei nur um wenige Außenseiter handelt, die von der Gesamtheit der Lutschen Juden auch als Außenseiter empfunden werlen. Die Mehrheit der deutschen Juden weiß, daß die Wurzeln des jetzigen Geschehens viel tiefer liegen >ls daß man sie mit einigen Phrasen abtun könnte. Ganz andere, viel größere geschichtliche Perspektiven haben ich heute aufgetan. Niemand wird zwar von uns Juden erwarten, daß wir die von dem neuen Deutschland bisrer für die Behandlung der Judenfrage aufgestellten Jesichtspunkte als endgültig betrachten und uns die 011 manchen prominenten Schriftstellern in bezug auf ik Juden konzipierte Kulturphilosophie zu eigen machen; wir geben die Hoffnung nicht auf, daß eines Tages die Möglichkeit einer objektiveren Auseinandersetzung, an äer auch wir Juden aktiven Anteil nehmen, gegeben sein wird. Aber wenn wir dies sagen, dann soll damit nicht die Meinung ausgesprochen sein, als ob in Deutschand alles wieder in den guten alten ״liberalistischen“ Zustand zurückkehren könnte. Die meinen, es werde über kurz oder lang alles wieder werden wie es war, sind in einem Irrtum oder in einer Illusion befangen, ,',an wird in Zukunft über das Verhältnis von Juden und Aichtjuden nicht mehr so sprechen können, s ob es keine Judenfrage gäbe, sondern man üird im vollen Bewußtsein der geschichtlich ge Wordenen Judenfrage und ihrer Konsequenzen die Beziehungen des Lebens zu regeln versuchen müssen. und Emigranten Erlebnisse von diesem Tiefgang und dieser aufwühlenden Macht können nicht vergessen werden. Der Versuch, sie zu vergessen, würde bedeuten, die Gefahr einer neuen katastrophalen Entladung heraufbeschwören. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland bedarf der Regelung. Bevor diese erfolgt, müssen wir Juden unsere Kräfte zusammenfassen und nach innen aufbauen, was uns Halt und innere Lebensmöglichkeiten bieten kann. Unsere Aufgabe ist besonders schwer, weil es nicht nur für die Gemeinschaft zu sorgen gilt, sondern auch für viele Einzelne, die ihre Erwerbsmöglichkeit eingebüßt haben. In diesen letzten sechs Monaten haben sich die Auffassungen itn deutschen Judentum gründlich gewandelt. Das Gefühl der Sicherheit ist geschwunden. Viele wissen auch, daß sie in Deutschland nicht werden leben können und auswandern müssen. Als Ziel der Auswanderung kommt in erster Linie Palästina in Frage; die Jugend ist es vor allem, die neues Land suchen muß. Um das künftige Leben ertragen und gestalten zu können, bedarf es eines seiner selbst bewußten, gut und zielbewußt geführten deutschen Judentums. Für die materiellen Bedürfnisse, die sich aus der gegenwärtigen Notlage ergeben, wird auch von Juden anderer Länder beigesteuert. Schon wurden in einigen Ländern, namentlich England und Amerika, nach Angabe der dortigen Zeitungen, Beträge aufgebracht, die freilich zur Rekonstruktion des deutschen Judentums bei weitem nicht genügen, aber doch, wenn sorgfältig verwaltet und mit größter Sparsamkeit und Oekonomie verwendet, eine Erleiehterung bringen können. Die Juden dieser Länder haben auf den Appell der Komitees hin diese Gelder gespendet, um den dringendsten Bedürfnissen der deutsehen Judenschaft nachzukommen. Es wäre gegen dielntentionen dieser Spender, wenn von den Geldern nicht der richtige Gebrauch gemacht würde. Eine solche Gefahr besteht aber immer, wo Geld unter gefühlsmäßigen Gesichtspunkten zusammengebracht und dann ohne autoritative Instanz, fern von dem Orte seiner Verwendung, Richtlinien für die zakfinftige Einbürgerung Nachdem das Reichsgesetz über die Aberkennung der deutsehen Staatsangehörigkeit in bestimmten Fällen und den Widerruf von erfolgten Einbürgerungen mit seinen Durchführung«- Bestimmungen wirksam geworden ist, werden jetzt die Richtlinien, die in deutschen Ländern in Zukunft für neue Einbürgerungen maßgebend sein sollen, durch die Pressestelle des Staatsministeriunis in Karlsruhe mitgeteilt. In der Veröffentlichung der badischen Regierung kommt zum Ausdruck, daß vorausichtlich in absehbarer Zeit mit einer Neufassung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes zu rechnen sei. Für die Zwischenzeit müsse im Rahmen des noch gültigen Gesetz.es die Einbürgerungspolitik im Sinne der nationalen Regierung geregelt werden. Bis zum Erlaß des neuen Reichsgesetzes sei daher insbesondere folgendes z.u beachten: Die Verleihung des Staatsbürgerrechts ist ein Vorrecht für besonders befähigte oder verdiente Personen. Im nationalen Staat wird kein wert auf möglichst umfangreiche Einbürgerungen gelegt. Es sei davon auszugehen, daß der Staat grundsätzlich kein Interesse daran hat, nichtdeutsche Personen in seine Gemeinschaft aufzunehmen. Einbürgerungen müßten also besonders begründete Ausnahmen sein. Für die Prüfung von Einbürgerungsgesuchen werden dann elf einzelne Richtlinien gegeben. Die erste beschäftigt sich mit der arischen Abstamrung. Der Staat lege auf Bevölkerungszuwachs v ori Nichtariern keinerlei Wert. Zwecks Verhütung einer weiteren Rassenvermanschung lehne er von vornherein ab, Nichtarier aufzunehmen. Bereits die Möglichkeit, daß der Gesuchsteller in entfernterem Grade als dem der Großeltern von Nichtariern abstamme, gebe genügenden Grund zur Ablehnung des Gesuchs. Bei Dissidenten, Freireligiösen und sonstigen Religionslosen besteht immer der Verdacht, daß sie Anhänger des Marxismus oder des Kommunismus sind oder waren. Auch Vertreter des Liberalismus könnten darunter fallen. Diese Gesuchsteller hätten deshalb nachzuweisen, daß die Vcrmutung auf sie nicht zutrifft. Fr e m d s t ä m m i ge dürfen grundsätzlich nicht eingebürgert werden. Ausnahmen gelten nur, wenn sich der Gesuchsteller besondere Verdienste um Deutschland erworben habe. Wenn sich der Gesuchstcller mit einem Angehörigen einer fremden Rasse, besonders der jüdischen Rasse, verheiratet, sei die Einbürgerung grundsätzlich zu versagen. verwaltet wird. Insbesondere besteht die Gefahr, daß dem Zufall ein großer Spielraum eingeräunit wird, indem eifrige Bewerber, die sich Gehör zu verschaffen wußieu. berücksichtigt werden, ohne daß die Gesamtheit der Zwecke im Auge behalten wird. Ein besonders schwieriges Kapitel bilden die Einigranten. Man muß hier eine deutliche Scheidung machen zwischen den P a 1 ä s t i n a - W a ת d e r e r 11, die mit dem Bewußtsein, einem jüdischen Aufbauwerk zu dienen, in das Land ihres Zieles gellen!, und anderen, die ohne deut’.Lhe Absicht Deutschland verlassen haben. Was diese letztere Emigration betrifft, so müssen wir gestehen, daß sie für die Gesamtheit des Judentums auch recht unerfreuliche Seiten hat. Es gibt zwei Kategorien von Emigranten, die den guten Namen des Judentums schädigen. Die einen sind die sogenannten ״Konjunktur-Schnorrer“. Das sind Leute, die seit Jahren in Deutschland alle Möglichkeiten, Wohlfahrtsunter- Stützungen zu erhalten, erschöpft haben und sich nun nach neuen derartigen Möglichkeiten umsehen, aber auch Leute, die ohne jeden Zusammenhang mit der deutsehen Revolution in schlechte materielle Verhältnisse geraten sind und nun ins Ausland gehen, um sich dort von Hilfskomitees und von gutherzigen Juden unterstützen und womöglich noch als ״Opfer״ bedauern zu lassen. Die Hilfskomitees haben natürlich nicht immer die Möglichkeit, nachzuprüfen, aus welchen Gründen Neuankömmlinge um Unterstützung bitten. Viele wohlmeinende Helfer, durch die Ereignisse innerlich bewegt, begrüßen sogar die Gelegenheit, deutschen Juden helfen zu können, und es liegt nahe, daß eine derartige Stirnmung von vielen mißbraucht wird. In dieselbe Kategorie kann man auch jüdische Vereine oder jüdische Unternehmungen rechnen, die, früher schon bankrott, die Hilfsbereitschaft der Juden im Auslände auch für ihre Betriebe ausnützen wollen. Obwohl exakte Ziffern natiirlieh nicht vorliegen, darf man annehmen, daß auf solche Weise nicht ganz unbeträchtliche Teile der Hilfsgelder in verschiedenen Ländern nicht mit dem äußersten Nutzen verwendet wurden. Die andere Kategorie von Emigranten, über die Klage zu führen ist, steht auf dem entgegengesetzten Pol. Es sind jene Leute, die zum Teil erhebliches Vermögen besitzen und nun in ihren Aufenthaltsländern ein ziemlieh sorgloses Leben führen. Es hat bereits verschicdentlieh Aufsehen erregt, daß, während ausländische Juden zu Geldspenden für deutsche Juden aufgefordert werden, deutsche Juden in vornehmen Hotels der Weltstädte leben, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und keine besonderen Sympathien für das deutsche Judentum erzeugen. Die Anschauungen, die in diesen jüdisehen Emigrantenkreisen des Auslandes über das Judenproblem anzutreffen sind, verblüffen durch ihre Oberflächlichkeit und Leere. Man merkt heute schon die Scheidung, die sich zwischen den daheim gebliebenen deutschen Juden und diesen Emigranten auch geistig vollzogen hat. Jene zehren noch von ihrer Lebenslüge. Wir hörten kürzlich von einer verantwortlichen jüdischen Persönlichkeit, die sich eine Zeitlang itn Auslande aufhalten mußte, man fühle sich viel wohler unter den seelisch gedrückten, aber zum Denken und zur Besinnung gedrängten Juden Deutschlands als unter den äußerlich sorglosen, aber innerlich verknöcherten und unbewegten Emigrantenzirkeln. Schließlich muß noch ein Wort über die politische Betätigung der Emigranten im Ausland gesagt werden. Die ״Jüdische Rundschau“ interessiert diese Frage nur insoweit es sich um Juden handelt. Wir müssen uns dagegen verwahren, daß Personen, die niemals zur jüdisehen Sache gestanden haben, als repräsentative ״Juden“ bezeichnet werden. Wir glauben, daß verschiedene Zeit- Schriften, die in den Nachbarländern Deutschlands jetzt gegründet wurden, dem Judentum und der jüdischen Sache nicht nützlich sind. Die Tatsache allein, daß ein Jude da oder dort Redakteur ist, genügt noch nicht, um eine Publikation als ״jüdisch“ zu kennzeichnen. Bezeichnenderweise gefallen sich diese Zeitschriften, und gerade manche jüdische Redakteure und Mitarbeiter, darin, den Zionismus und das Streben des jüdischen

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