Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-08-04 · Heft 62 (4.8.1933) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 62 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
Seite 393 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653789--23938-2686859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

\aläsiincnsischc Wirtsehati and mitteleuropäische Jadenheil Einzelnummer RM 0,35!JÜDISCHE RUNDSCHAU erscheint jedenDienstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition n0natli«h2,— Reichsmark, v i e r t e 1 j ä h r 1 i c h 5,75 Reichsmark. ^uslandsaboaneraanta werden In der Wahrung der einzelnen Lander berechne*• Vnreigenpreie: 6 gespaltene fifonpereUJezeile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin \V 15, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer; Freitag nachmittags 3 Uhr Postscheck׳ Konten: Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973־, Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155, Straüfcurg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156030 Bank-Konten: Dresdner Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Paiestine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv. 1״״״״ Ber1‘■“ *■vm-1933 rreitag ־ Nummer: Dienstag nachmittags 3 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ב אב תרצ״ג | xxxvm. jahrg. >0r Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherte! n Heimstätte In PalSstlna. ״Baseler Programm." Sterben die deutschen Juden aus?;ine ״umgekehrte Pyramide" ie Ueberaltening der deutschen Juden und die Konsequenzen daraus Von Ernst Kahn. In unserer Jugend umrahmte eine stattliche Anzahl on Enkeln den Lehnstuhl des Großvaters. Heute stehen ewundernd um die Wiege ״des" Stammhalters neben en Eltern und deren Geschwister etwa drei Großeltern, iverse Großtanten und Großonkels. Früher viele Jungen nd wenige Alte — heute wenige Jungen und viele Alte, :ine grundlegende, ja revolutionäre Veränderung im Jtersaufbau hat sich als Folge der Geburtenbeschränung, der Heiratsscheu und auch der hygienischen Fortchritie vollzogen. Dieser Umschwung ist für den geamten europäisch-amerikanischen Kulturkreis bezeichend, er hat aber nirgends so gründlich und früh einesetzt wie bei den deutschen Juden. Als Folge davon hnelt hei diesen der Altersaufbau einer umgekehrten ׳yramide: Während normalerweise in einem Volk die iingsten Jahrgänge die zahlreichsten, die älteren die wenigsten Menschen umfassen, zählt man in Deutschind wesentlich mehr Juden zwischen 50 und 60 als mter 10 Jahren! Diese Vergreisung der deutchen Juden war bereits vor den politischen Ereigissen dieses Jahres bemerkenswert fortgeschritten. Zwar egen keine direkt ablesbaren Zahlen vor. Man kann ich aber auf folgende Weise ein ziemlich zutreffendes lild verschaffen. » Silbergleit, der verdienstvolle Statistiker, gibt 1 seiner heute besonders wertvollen ״Statistik der Juden ו Preußen“ für dieses Land den exakten Altersaufbau u Jahre 1925. Da sich damals die jüdische Bevölkerung on Preußen zu der des Reiches wie 100 zu 140 verlielt, so kann man mit einem 40prozentigen Aufschlag us den Silbergleit’schen Angaben annähernd genau den :esamtdeutschen Altersaufbau für 1925 ermitteln. Mit Ulfe der neuesten Sterbetafeln läßt sich (mit cntsprehenden Abschlägen für die längerlebenden Juden) abchätzen, wieviel von den damals Festgestellten noch m Leben sind; die inzwischen neu hinzugetretenen Cinder aus den Jahren 1925/26 bis 1932/33 sind auf jrund der amtlichen Bevölkerungsstatistik festzustellen •zw. zu interpolieren. Das so gewonnene Resultat trägt — wie ausdrückich bemerkt sei — weder der Wanderbewegung, noch len Austritten Rechnung; die nötige Korrektur wird reifer unten vorgenommen. Altersaufbau der deutschen Juden Mitte 1933 (ohne Berücksichtigung der Wanderung und Austritte seit 1925) in absoluten Zahlen in Relativiiffern % 0— 5 Jahre 21800 4,0 5-10 ft 32200 6,0 10-15 » 33500 6,3 15-20 n 26300 4,9 20 - 30 n 83500 15,4 30—40 11 97000 18,2 40-50 11 87500 16,3 50-60 » 81000 15,1 60-70 53 200 9,9 70—80 w 17000 3,2 | Üb. 80 w 4003 0,7 536 000 100% So etwa würde sich zurzeit der Altersaufbau der leutschen Juden darsteilen, wenn in den letzten acht Uhren keine Verluste durch Austritte und Wanderung :rfolgt wären. Man wird nicht gar zu falsch schätzen, venu man für diese Zeitspanne einen Wanderungsverust von 50 000 und außerdem 8000 Austritte annimmt. 3a m it wäre für Mitte 1933 die Zahl der Julen im Deutschen Reich noch auf 478000 : u beziffern. Der Hauptstrom der Auswanderung hat bekanntlich m März d. J. eingesetzt. Für unser Thema ist die Festitellung von entscheidender Bedeutung, welche Altersclassen vorwiegend das Land verlassen haben und web verlassen werden. Eine einfache Ueberlegung erpbt, daß vorwiegend Jugendliche und Personen in mittleren Jahren auswandern. Denn die Aelteren sind schwerfälliger und beruflich mehr gebunden als die stets war!- derlustige Jugend mit ihrer größeren Fähigkeit, neue Wurzeln zu schlagen. Dazu tritt in unserem Falle für die recht zahlreichen beamteten und nicht beamteten Akademiker usw. die Unterscheidung zwischen den älteren Vorkriegsjahrgängen und Feldzugsteilnehmem gegenüber den Nachkriegsabsolventen. Schließlich ist die Tendenz unverkennbar, Kinder und Studenten und Haustöchter im Ausland unterzubringen. Infolge dieser Tat- Sachen müssen die ohnehin dünnbesetzten jüngeren Altersklassera erheblich mehr zusammengeschrumpft sein als die stark besetzten höheren. Zwar bestellt keine Statistik über das Alter der Ausgewanderten. Wir haben aber einmal versucht, es in den uns bekannt gewordenen Fällen fesfzustellen. Danach verteilte sich das Alter der ausivandemden Juden unter 20 fahre 20—30 30—40 40—50 über 50 43% 15% 17% 22% 3%r Vermutlich wird — mit gewissen Abweichungen — jeder in seinem Bekanntenkreis zu einem ähnlichen Rcsultat kommen. Ueberall dürfte sich ein unverhältnismäßiges Ueberwiegen der jungen Menschen ergeben. Verallgemeinert man nun obige Prozentsätze auf die Gesamtauswanderung und auch auf die Austritte, so würden von den erwähnten 58 000 rund 25 000 in die Altersklasse von 0—20, 8700 auf die 20—30jährigen, 10 000 auf die 30—40jäh1igen, 13000 auf die 40—50jährigen, und nur 1700 auf die über 50jährigen entfallen. Auf Grund d!::=:• Erwägungen ergibt sich als korrigierter Altersaufbau der deutschen Juden Mitte 1933 unter 20 Jahren zwischen 20 und 30 Jahren zwischen 30 und 40 Jahren zwischen 40 und 50 Jahren über 50 Jahren ,/ס 18,5 000 89 ס/״ 15,5 000 74 0/0 18,2 000 87 0/0 15,6 500 74 153 500 32,2 0,-0 478 TO0 100 Immer wieder muß zunächst die Unterhöhlung der deutschen Juden betont werden; es fehlt der Unterbau, der Sockel, ohne den eine Fortdauer undenkbar ist. Selbst wenn keine weitere Abwanderung erfolgen würde, wird von Jahr zu Jahr die Zahl der Eheschließungen und damit die bereits spärliche Aussicht auf Nachkommen- Schaft sinken, andererseits aber wird die Sterblichkeit mit der rasch weiter voranschrcitenden Ueberaltcrung ihre steigende Tendenz beibehaiten. Es sei Vergleichs-. weise erwähnt, daß ein Anteil von nur 18,5 °/0 für die unter 20jährigen völlig einzigartig ist; selbst das kinderarme Deutschland hatte 1925 noch 36,2 °/0 Jugendliche unter 20 Jahren. Die Folgerungen aus den hier gegebenen und vielleicht nicht immer klar gesehenen Tatsachen für die praktische Politik sind recht zahlreich. Zunächst müssen sich leider die jüdischen Gemeinden auf ein rasches Zusammenschrumpfeit einrichten. Ich fürchte, daß die ohnehin durch die Abwanderung ständig abnehmenden Gemeinden in rascher Folge ein Verhältnis von Geburt zu Tod von 1:3, 1:5, 1:10 erleben werden. Andererseits wird sich manches Problem, das uns heute durch die scheinbar großen Zahlen fast unlösbar erscheint, nach obigen Darlegungen etwas leichter erscheinen. Immer wieder hört man, dab es sich bei der deutschen Judenfrage urn 564 000 Menschen handle. Zunächst ergibt sich aus obigem, daß es erheblich weniger sind (freilich: die bisher Ausgewanderten sind noch keineswegs völlig verdaut, und die Ausgetretenen sind zum Teil ja auch zu betreuen). Wichtiger aber scheint uns die relativ beschränkte Zahl der Jugendlichen, die uns ja ganz besonders am Herzen liegen. Und da ist — entgegen anderweits umlaufenden Angaben — festzustellen: Die Zahl der alljährlich in Deutschland aus der Schule zur Entlassung kommenden schwankt zwischen 5000 bis 6000 und hat die Neigung, sich schnell zu verringern; denn zur Schule kommen in den allernächsten Jahren kaum mehr als 4000 Kinder. Und diese Zahl wird weiter rasch sinken. Demgegenüber ist daran zu erinnern, daß allein Palästina bereit und imstande wäre, bei Verhältnismäßig geringer Beihilfe bis zu 1500 Kinder jährlich aufzunehmen, was aus mannigfachen Gründen die idealste Lösung wäre. Es sind hier nur wenige Konsequenzen aus den Tatsachen gezogen worden; weitere Folgerungen daraus abzuleiten, dürfte für die Verantwortlichen nicht schrierig sein. Rasse als Kulturfaktor Die Idee der Rasse ist eines der wichtigsten Elemente für den Aufbau des neuen deutschen Staates. Die Rassenfrage beherrscht einen großen Teil der innerdeutschen Politik, und der Begriff Rasse, früher nur der Wissenschaft, beziehungsweise der Kultiirphiiosophie angehörend, soll zu einem exakten Rechtsbegriff werden, ist es zum Teil bereits. Durch diesen Einbau in das Rechtsgefüge verliert der Begriff der Rasse den vagen Charakter, der ihm bisher vielfach anhaftete, da er ein Diskussionsthema für verschiedene wissenschaftlichc Theorien war. Noch vor kurzer Zeit glaubte man, die zunehmende Rassenwertung, die sich praktisch vor allem im Antisemitismus zeigte, durch Einwendungen Wissenschaftlicher und kasuistischer Art entkräften zu können. Sobald aber die Materie gesetzlich geregelt ist, treten solche Diskussionen in ihrer Bedeutung zurück. Wir stehen vor einer soziologischen Tatsache. Dies ist kürzlich in der (in deutscher und englischer Sprache erscheinenden) von Professor Thurnwald lierausgegebenen Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie ״Sociologus“ (Verlag C. L. Hirschfeld, Leipzig) in einem Aufsatz von W. E. Mühlmann ״Die Hitier-Be-wegung“ folgendermaßen ausgedrückt worden: ״Die Rassenwertung ist den Angelsachsen und Franzosen so besonders antipathisch und unverständlich. Sie übersehen, daß Rassenwertung und Ahnenkult für Hunderttau־ sende von Deutschen eine Bindung bedeuten innerhalb einer Kulturkrise, in der die meisten Bindungen sich lösen, eine Quelle des Selbstgefühls angesichts nationaler und sozialer Degradierung und ökonomischer Vernichtung. Ist es nicht gleichgültig, wo ein Volk die Heilmittel sucht, die seinem Lebenswillen Nahrung geben — wenn sie nur wirken? Oerade hier stehen die Intellektuellen gern abseits. Sie weisen auf den Mangel an wissenschaftlicher Begründung und auf die Auswüchse hin, die sicher vorhanden sind. Aber es ist ja gar nicht die reale Auswirkung von Vererbung und Rasse und die Bedeutung der Rasse für das Völkerleben, die zur Debatte stehen, sondern das soziologische Phänomendes Rassenbewußtseins. Und schließlich kommt cs darauf an, daß Volk, Nation und Rasse überdauern, nicht aber auf die Unbeflccktheit der wissenschaftlichen Erkenntnis einiger Intellektueller/‘ Hier kündigt sich in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ein neuer Geist an. Mit der maßlosen Ueberschätzung der ״Wissen- Schaft“, die ein Jahrhundert beherrschte, wird gebrochen; das Wort ״Intellektueller“ ist ein nomen odiosum, gleichbedeutend mit Wirklichkeitsferne; die Wirklichkeit des Lebens steht im Vordergründe. Es kommt nicht darauf an, ob etwas ״richtig“ oder ״falsch“ ist, sondern ob es wirklich und wirkend ist. Das Rassenbewußtsein, das der heutigen Bewegung des deutschen Volkes den stärksten Antrieb gibt, durchzieht alle Lebensgebiete. Nicht nur die jetzt in Angriff genommenen biologischen und erbgesundheitlichen Maßnahmen sind davon bestimmt, sondern die gesamte Geschichts- und Weltauffassung wird unter dem rassischen Gesichtspunkt neu gestaltet. Einen deutlichen Ausdruck erhielt diese geistige Neuordnung, deren Tragweite noch gar nicht übersehen werden kann, durch die Richtlinien, die der Reichsinnenminister kürzlich an die Unterrichtsminister aller Länder versandt hat und die für die Neugestaltung des Geschichtsunterrichts maßgebend sind. Nach Mitteilungen der Presse heißt es darin: ״Von der Vorzeit an durch alle späteren Jahrtausende hindurch bis zur Gegenwart muß die Bedeutung der Rasse gebührend berücksichtigt werden, da sie den Urboden darstellt, aus dem alle wurzeihafte Eigenart der Einzelpersönlichkdt sowohl wie die der Völker erwächst. Schon an der Urgcschichte läßt sich dartun, daß Kultur eine Schöpfung der Rasse ist. Diese Tatsache wird durch die Rassenmischungen späterer Zeiten nur verdunkelt, nicht aber aufgehoben. Vom Beginn der Vorgeschichte (Nacheiszeit) an dehnen sich über Mittel- und Nordeuropa die nordische und die fälischc Rasse aus: ihre Hauptverbreitungsgebiete sowie die der übrigen europäischen Grundrassen sind durch einfache Skizzen veranschaulicht. Die Geschichte Europas ist das Werk nordrassi scher Völker, über deren Kulturhöhe uns nicht nur ihre Hinterlassenschaft in Stein- und Bronzewerkzeugen, sondern auch die für die Wissenschaft erschließbaren Leistungen auf geistigem Gebiet belehren,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.