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Jüdische Rundschau · 1933-08-01 · Heft 61 (1.8.1933) · p. Seite 385

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 61 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 385 (sequence 1)
Language
German
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ס* ץ.. J J rer Äricr-Panupraph in der Wirtschaft Mtnz?hmmmcr RM 0£S DDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienstagti. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljihrlich 5,75Reichsmark. [ AusUndsaHoruicmentt werden in der Wehren* der eteeloen Lender berechnet• \nzei*enpreis: 8 (jeepeltede Nonpereillerefle 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Nummer 7! T Berlin, 1. VIII. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 4 Uhr Freitag-Nummer: Dienstag nachmittags 4 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Konten: Berlin!7392, Baad V 9355» Belgrad 68032, Brussel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prsg 59410, Riga 4155» Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030. Bank-Konten: Dresdner Bank, Depositen-Kasse Berlin, Ktirfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Auglo Palestine Ca. in Haifa, lerusalem, Tel-Aviv. »r Zionismus erstrebt für da» JOdlsche Volk dl» Schaffung einer Bttentlfch - rechtlich gesicherten Helwstatta In Palästina. ״Baseler Programm.״ üdisches Volksgedächtnis u Tisch’a b’aw 5693 Von Rabbiner Dr. Max Wiener. Zwei Tage im Jahre kennt unser gottesdienstlicher lalendcr, an dem sich das jüdische Volksgedächtnis seiner Einzigartigkeit offenbart: Peßach und Tisch’a ,aw. Wer empfindet nicht beim Lesen der Geschichte fvon den Weisen in B’ne B’rak die merkwürdige Vergegenwärtigung eines Ereignisses, dem die Menschen der Mischna — anderthalb Jahrtausende nach dem Auszug aus Aegypten lebend — Jahr um Jahr neue Seiten ,.der Aktualität abzugewinnen wußten. Sie sprechen da- 'von, als ob es gestern geschehen wäre und sie selber,!jeder von ihnen, besondere Abenteuer dabei erlebt hätten. Und den fünfzig Generationen, die seither sich jener Peßachnacht erinnerten, versank ihr Gegenstand so wenig in die Nacht der Vorwelt, daß sie im Wettstreit mit ׳ den fünf Rabbinen nach dem Ruhme streben konnten, der dem ״möglichst viel Erzählenden" versprochen war. Der sehnsüchtige Blick nach der Morgenfrühe der Volkswerdung übersprang die Zeiten und kettete den Anfang an den jeweiligen Augenblick. Und dann kam der Tag der Zerstörung, und die Erinnerung erneuerte ihn in jedem Jahre. Aber sie tat mehr. Sie tauchte alles jüdische Leben in die Stirnnung der Wehmut, der Trauer um das Verlorene. Und lie Galut, die nie aufhören wollte, verlieh dem Ereignis, 1it dem sie anhob, ewige Aktualität. Alle stolzen selbstbewußten Völker bewahren ihre;rgangenheit als Teil ihres Selbst. Aber man möchte vischcn der retrospektiven Blickrichtung Israels und derenigen der anderen einen scharfen Unterschied aufeisen. Rings um uns her sieht es so aus, als ob die!estalten und Taten der Frühzeit, von der Patina des Hers überzogen, in mythische Tiefe versinken. Die Wirkchkeit selber, der Sphäre handgreiflicher Realität entleitend, wird unwirklich, traumhaft, der Mensch der ergangenheit, der Held, wird zun Heros, das Ereignis, ich das tatsächlich geschehene, bestverbürgte, wird 1m überzeitlichen Symbol. Im Judentum ist es umkehrt. Da hat der Mythos die Neigung, lebenbewe- •'״de Realität zu werden, die Sage wird zur Geschichte, er Held der Vorwelt zu einer Art Zeitgenosse, das vor ihrtausenden Geschehene zum bewußt ergriffenen Fun-!ment des Gestern und Heute. Die Tiefendiinension erheint zur Fläche zusammengezogen, alles, was in jener :,schah, wird auf die Ebene eingetragen, in der ich Iber lebe. So gingen die Erzväter bei den Ahnen in der eit nach der Sintflut ins Lehrhaus und lernten dort n Talmud, obwohl doch die Tora, deren mündliche :Weiterung der Talmud ist, so vielen Geschlechtern י iter erst offenbart wurde. Aber alles ist immer da geesen. Denn es ist undenkbar, daß das, was dem enschen von heute alles bedeutet, nicht schon den l:en alles gewesen sein soll, und die Idee, die uns mit m Geiste jener verknüpft, führt uns sozusagen mit nen an einem Tische zusammen. Das ist ein anderer Anachronismus wie der naive, den Cäsar auf der Bühne in Renaissancekleidung [treten läßt, oder wie der symbolisierende, der im Mar- 1is Posa die Grundsätze des 18. Jahrhunderts ver- ׳ndet. Es ist überhaupt kein Anachronismus, auch 'ht die Herausstellung zeitlos geltender Ideen, sondern 1e Art Geschichte ohne Werden, ohne Veränderung, nkrete Wirklichkeit, die sich unabhängig von jeder sonderen Zeit vor mich hinstcllt, Wirklichkeit, zu der 1 ebenso und in der gleichen Beziehung gehöre wie in Urvater Abraham. Es mag sein, daß zu dem Zeiterleben des jüdischen ilkes sein Schicksal vieles beigetragen, das so überaus ,ge äußeres Leiden, das Erleiden des immer gleichen ׳ses gewesen war, (Jessen positiver und aktiver Sinn er im Kreisen des Geistes um die nie sich wandelnde rkliche Offenbarung empfunden ward. Denn das kam hinzu, wenigstens von der Zertrümmerung der natiolen Gemeinwesen an, daß ein Gefühl nie zu stillenden hmerzes um Heiligtum und Land alles übertäubte, ,s man sonst erleben mochte. Wohl gab es in der igen Geschichte des Judentums genug Atempausen n vehement hereinbrechender Not, Perioden, die eine bVktive“ Geschichtsbetrachtung wohl als Blütezeiten arakterisieren mag. Aber auch wenn es den Juden in anien so gut ging wie uns vor einer Generation, war ihr Lebensgefühl eingebettet in die Grundstimmung des Schmerzes um den Verlust des Allerwichtigsten. Und die jüdischen Vesiere der maurischen Fürsten, die ringsum im eigenen Volke nur Gedeihen und geistige Leistung sahen, die Dichter und Denker, die gesättigt mit der Kultur ihrer Zeit ein hochgemutes Judentum führten, zeigen sich in ihrem Denken und Sinnen überschattet von der dunklen Wolke, die ein für allemal jüdisches Leben verfinsterte. Es ist ein ewig stille stehendes Gefühl, das sich immer von dem einen großen Ereignis der Ver- Aiieniahplan auf Gömbös? Die ״Vossische Zeitung“ vom 30. Juli veröffentlicht eine mysteriöse Nachricht aus Budapest, wonach am Freitag eine Reihe von Personen wegen eines auf den Ministerpräsidenten Gömbös geplanten Attentats verhaftet worden sind. Unter den Verhafteten ist auch ein Diamantenschleifer Samuel L ö w i n g e r. In dem Bericht der ״Vossisehen Zeitung“ heißt es: ״Nach den Ergebnissen der polizeilichen Untersuchung soll Perlev, der Leiter einer Frontkämpfervereinigung ist und durch sein überspanntes Gebaren und seine exaltierte Revisionspropaganda schon öfter unliebsames Aufsehen erregte, der geistige Urheber des Plans gewesen sein. Perley una Priikler hätten versucht, Löw'inger zu dem Attentat gegen den Ministerpräsidenten zu bewegen. Sie sollen ihm sogar einen Revolver zur Ver- Übung des Attentats übergeben haben. Die Polizei erlangte aber rechtzeitig von dem Plan Kenntnis.“ Wenn diese Darstellung (für die wir dem genannten Blatte die Verantwortung überlassen müssen) zutrifff, dann scheint hier eine Affäre vorzuliegen, die vom jüdischen Standpunkt alle Aufmerksamkeit verdient. Denn cs scheint, daß eine Reihe von extremistischen Ungarn für ihren teuflischen Plan eines Attentats einen "Juden als Werkzeug dingen wollten, wohl mit der durchsichtigen Absicht, die Verantwortung für die Tat nachher dem Judentum zuzuschieben. Es besteht daher vom jüdischen Standpunkt aus das größte Interesse an einer restlosen Aufklärung dieser Angelegenheit. Die Arlosoroff Mord-Affaire Zu den Nachrichten über die Verhaftungen von Revisionisten in Palästina ist auf Grund weiterer Berichte noch folgendes nachzutragen: Es verlautet, daß die Polizei eine Gruppe von 60 jungen jüdischen Leuten Frau Arlosoroff vorgeführt hat. Aus dieser Gruppe bezeichnete Frau Arlosoroff der! Verhafteten Z w i Rosen bl att als einen der beiden Männer. die das Attentat auf Arlosoroff ausgeführt haben. Während man in Stawsky den Mann vermutet, der Arlosoroff mit der Taschenlaterne ins Gesicht leuchtete, soll Rosenblatt der sein, der die Schüsse abgefeuert habe. Die Polizci, so heißt es weiter, betrachte das bei der Verhaftung der Revisionisten gefundene Material von ausschlaggebender Bedeutung für den Gang der Untersuchung. Rosenblatt, der einer der Führer des Brith Trumpeldor in Kfar Saba ist und vor einem halben Jahr aus Lettland einwanderte, beabsichtigt, einen Alibibeweis zu führen. Er behauptet, in der Mordnacht in Kfar Saba gewesen zu sein. Der Widerruf von Einbürgerungen Im Reichsgesetzblatt Nummer 87 wird eine Verordnung des Reichsinnenministers zur Durchführung des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit (vom 26. Juli 1933) veröffentlicht. In dieser Verordnung heißt es: Zu § 1. I.: Ob eine Einbürgerung als nicht erwünscht anzusehen ist, beurteilt sich nach völkisch-nationalen Grund- Sätzen. Im Vordergründe stehen die rassischen, staatsbürgerlichen und kulturellen Gesichtspunkte für eine den Belangen von Reich und Volk zuträgliche Vermehrung der deutschen Bevölkerung durch Einbürgerung. Dabei sind außer Tatsachen aus der Zeit vor der Einbürgerung vor ailem auch Umstände zu berücksichtigen, die in die Zeit nach der Einbürgerung fallen. Hiernach kommen für den Widerruf der Einbürgerung insbesondere in Betracht: a) Ostjuden, es sei denn, daß sie auf deutscher Seite im Weltkriege an der Front gekämpft oder sich um die deutschen Belange besonders verdient gemacht haben; b) Personen, die sich eines schweren Vergehens oder eines Verbrechens schuldig gemacht oder sich sonstwie in einer dem Wohle von Staat und Volk abträglichen Weise verhalten haben. II. Der Widerruf soll, soweit nicht besondere Umstände ihn angezeigt erscheinen lassen, nicht ausgesprochen werden gegenüber a) Eingebürgerten, die vor dem 9. November 1918 die deutsche Staatsangehörigkeit besessen und sie auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrags und seiner Ausführungsabkommen ohne ihr Zutun verloren haben; b) Personen, die zufolge eines Einbürgerungsanspruchs gemäß den Bestimmungen des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes vom 22. Juli 1913 (Reicltsgesetzbl. S, 5S4) eingebürgert worden sind. gangenheit nährt, von dem immer gegenwärtigen Verlust von Reich und Tempel, Nur eine Möglichkeit realer Bewegung, wirklichen Neuvverdens, tatsächlichen Geschehens taucht im jüdisehen Geist auf: die Hoffnung auf die Wiedergeburt, die Befreiung, die Sammlung der Zerstreuten von den vier Enden der Welt. Wenn die Zeit kommen wird, da Gott selber die Fasten um Sturz und Zerstörung abschaffen, da sein Wille die Wunden des geschlagene Volkes heilen und es von neuem einpflanzcn wird a1d seiner alten Erde. Das alles erscheint als religiöse Gcschichtsbetr tung, Blick aufs Geschehende in Gewißheit der nur dem Transzendenten zu erwartenden Wende. Aber s im Kern nicht so ungleich derjenigen, welche die kehr zum ganzen Judentum als den einzigen Weg lösung ersehnt. Wir stehen in den Tagen des Zusä bruchs einer Hoffnung von über 100 Jahren im deil Kulturkreis des Judentums. Schneller als wohl a geahnt, ist der Tag gekommen, da wir die Hoffnung vieler vorausgegangener Geschlechter verwirkliche müssen, um überhaupt leben zu können. Denn was wir erfahren, ist ja nicht die Zurückschleuderung in die Galut von einst. Die bot immerhin einen ideellen Lebensraum von nicht zu unterschätzendem Umfang und schließlieh eine wenn auch schwer umkämpfte Daseinsmöglichkeit. Wir aber finden uns im Fall ins Bodenlose. Das unterscheidet das Gedenken an diesem 9. Aw von den Erinnerungen der ihm vorangegangenen Tage. Es ist der Zwang zur Zukunft, zu der Zukunft, auf die hin das heilige Leid der Vergangenheit als zur großen Erlösung hingekehrt war. Diese Zukunft, sonst ersehnt, erseufzt, umbetet, tritt nun als Realität in unser Leben hinein. Es ist ein wundersames Zusammmenspiel, das die Palästina-Hoffnung, so lange ein Ideal, ein Phantasiebild, in der Tiefe der Seele erlebt, Zeit hatte, zu warten, jung blieb, motorische Kräfte schuf, bis die materiellen Be- -dingungen der Verwirklichung herangereift waren. In diesem Augenblick verschwindet der sentimentale Beisatz, der als Ingrediens immer im Galutschmcrz enthalten war, der wohl allen Heroismus begleitet, der sich überwiegend im Leiden auswirkt. Er muß verschwinden. Denn an die Stelle der unschöpferischen, sich im Selbstgenuß verzehrenden Sentimentalität muß die Sch w u n gkraft der Leidenschaft treten, die Realität aufbaut, nachdem so lange vom Galutschmmcrz nur eine Traumwelt ernährt worden war. Ja, die jüdische Sentimentalität muß heute überwunden weiden, ganz besonders eine Spielart von ihr, die gegenwärtig gefährlich werden kann. Wir denken hier an den gewiß begreiflichen tragischen Seclenschnterz derer, die bis gestern anscheinend noch nicht gewußt haben, daß sie Juden sind, und denen erst von außen sehr vernehmlich es ins Ohr geschrien werden mußte. Wir wollen auch sie, wenn sie als B’ale t’schuwa, als Rückkehrende, kommen, als Brüder anerkennen. Aber es muß ihnen mit jedem in ihr Verständnis eingehenden Mittel deutlich gemacht werden, daß der Rückkehr ins Judenland die Rückkehr ins Judentum vorauszugehen hat, daß die Umkehr dieses Prozesses die Erlösung schwer gefährden kann. Mose, der Volksgründer, durfte das Land der Verheißung nur mit seinem Blick streifen, nicht mit seinem Fuß betreten, aber die Gewißheit, daß sein Volk an der Schwelle der Heimat stand, durchseelte seine letzten Stunden. Er war vom persönlichen Genuß der Früchte seiner Lebensarbeit wesentlich durch die Siinden der mit aus Aegypten heraufgezogenen ״gemischten" Elemente ausgeschlossen worden. Oder ganz unbildlich: Nur die Tauglichen, nur die Geeigneten sollen im breiten Strome einziehen, die Starken, denen der Galutschmerz hingebungsvolle Kraft zum Aufbauen verleiht, nicht aber die, deren Wehempfindüng mehr Mitleid mit sich selbst und Sentimentalität ist. Es gibt eine Härte der Gefühllosigkeit, und eine Festigkeit aus Liebe um der größten Sache willen. Es scheint an dem heutigen nationalen Erinnerungstage nicht unangebracht, daran zu denken, daß alles Mitgefühl unserem Volke, seiner Zukunft und Erlösung gehören muß. Das ist der Prüfstein, an dein sinnvolles Mitleiden von Sentimentalität sich zu scheiden hat. Nur so wird diese Geschichtswende als der Morgen beginnender Erlösung in. unser Volksgedächtnis eingehen. i.

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