Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- Seite 373 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ״Times" und der Judenpunkt Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstagu. Freitag. Bezugspreisbei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. AusUndsabonnements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet• Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpireillezeile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15,Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dicnsiag ־ Nummer : Freitag nachmittags 4 Uhr Postscheck. Konten: Berlin 17392, Bssel V 9355, Belgrad 680 32, Brüssel 394 33. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155. Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030. ® n.* •Konten: Dresdner Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa,?erusalem, Tel-Aviv. Kummer 60 | Berlin, 28. VII. 1933 Freitag - Nummer: Dienstag nachmittag» 4 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ה׳ אב תרצ״ג | xxxviii. jahrg. Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherte! ן Heimstätte In PalBstlna. ״Baseler Programm.“ Jugendsudü neues Leben Gebi ihr den Weg frei! Unter den vielen Sorgen, die das deutsche Judentum erfüllen, ist die drückendste und ernsteste die Frage: was wird aus unseren Kindern? Für die junge jüdische Generation hat sich im letzten halben Jahr die Situation noch viel grundlegender geändert als für die ältere. Denn der geplante Lebensweg ist mit einem Male versperrt, die Einfügung in die normale Struktur der Gesellschaft ist unmöglich geworden, weil diese Struktur selbst zerbröckelt. Die Jugend hat es unendlich schwer, schwerer als irgendeine andere jüdische Generation der letzten Jahrhunderte; aber sie hat auch eine einzigartige Chance, sie hat eine Möglichkeit, die in diesem Umfang nur selten einer Generation gegeben ist: neu zu begi n 11 en. Bisher war der Weg eines heranwachsenden jüdisehen jungen Menschen mehr oder weniger vorgezeichnet. Ein behütendes bürgerliches Milieu umgab ihn, der Vater vermochte für die Ausbildung zu sorgen, das Berufsproblem wurde kaum als brennend empfunden, weil im Grunde nur zwischen einigen wenigen bürgerlichen Berufen die Wahl blieb, wobei Vater und Sohn wünschten, daß der Sohn ״es weiter bringe“ als der Vater, worunter man verstand, daß er mehr Kenntnisse erwerbe, zu höherer sozialer Stellung und höherem Wohlstand gelange. Wohl hatten wir auch im jüdischen Leben Jugendbewegungen, die sich gegen die Vorstellungen und Ideale ihrer Eltern erhoben, aber praktisch mündete der Entwicklungsgang der jungen Leute auch nach der Teilnahme an solchen Jugendbewegungen meist wieder in die vom Elternhaus vorgezeichneten Wege ein. Die einzige Ausnahme bildet die Chaluz-Bewegung, die freilich bisher nur einen kleinen Bruchteil der deutschjüdischen Jugend zu erfassen und festzuhalten vermochte. Auch sie hatte häufig mit dem- Widerstand der Eltern, sogar zionistischer Eltern, zu kämpfen. Heute aber steht die jüdische Jugend Deutschlands vor dem Nichts; sie hat nichts aufzugeben, sie hat nur zu gewinnen. In einem solchen kritischen Moment kommt alles darauf an, daß die jungen Menschen Ermutigung, Kraft und Hilfe finden. Sie können jetzt zeigen, was sie zu leisten vermögen. Es gilt, unter Entbehrungen und Opfert! etwas Neues aufzubauen. Schon sehen wir, wie neue Gedanken unsere Jugend ergreifen, wie der Wert eines einfachen, innerlich erfüllten Lebens erkannt wird, wie Liebe zur Arbeit um ihrer selbst willen (und nicht nur um ihres Ertrages willen), und ein neuer Gemeinschaftssinn, geboren aus dem Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft und der Verantwortung, entstehen. Das Bewußtwerden des Jude-Seins erzeugt allmählich Gefühls- und Gemütswerte, die beglückend und schöpferisch werden können, auch wenn ihre Träger selbst noch nicht sehr viel vom Judentum, von der tatsächlichen Beschaffenheit der jüdischen Gemeinschaft und den großen geschichtlichen und literarischen Zusammenhängen des Judentums wissen. Ein junger Mensch, mit allen guten und edlen Anlagen ausgestattet, die das natürliche Vorrecht der Jugend sind, kann nicht ohne tiefsten, innersten Widerspruch die ihm von der Umwelt dargeboiene!.eure hinnehmen, daß er zu einer lasterhaften, urtaugkclien, zerstörenden Gemeinschaft gehöre. Aber er begreift auch bereits, was seine Väter nicht begriffen; daß es zwecklos ist, sich mit Worten gegen Beleidigungen zu verwahren, wo ein undurchdringliches Dickicht von Vorurteilen, Unverständnis und Abneigung sich angesummelt hat. Hier gilt die Tat; Abhilfe durch Aendcrung des Bestehenden. Nicht um der anderen willen, sondern um seinetwillen hat der Jude sein Leben /u leben, und es wird sich zeigen, daß jüdische Menschen, auch aufbauen können. Auch die alte Generation muß sich auf die neue Sachlage umstellen. Für sie ist es ein besonders schwerer Schlag, daß sie ihren Kindern nicht mehr wie früher ine gesicherte Lebensbahn bieten kann. Ist doch die Fürsorge für die Nachkommen stets von jüdischen Väter?.: als ihre zentrale Pflicht empfunden worden. Nicht jüdische Beobachter des Judentums (z. B. Sombart) sprachen häufig von einem übermäßigen Familiensinn 1:1er Juden, der sich vor allem in der Sorge um das IVohl und um die Zukunft der Kinder auspräge. Kein feeob’ehter kann leugnen, daß dies einGrundeletnent der jüdischen HalfW war.. Heut«■sind die Väter machtlos. Aber sie können eins tun, um die Lage wenigstens psychologisch zu erleichtern: Sie müssen e i n s c h e n, daß die Jugend einen anderen, einen neuen Weg gehen muß. Sie sollen nicht mit Ressentiment, mit unangebrachter Besserwisserei, oder gar durch reale Hindernisse, der Jugend die Hingabe an neue Ideale erschweren. Gewiß gibt es keine ״Sicherheit“ mehr. Aber der Weg der Unsicherheit ist zugleich der Weg des W a g n i s s c s, der neue Eigenschaften des Charakters, des Geistes und des Körpers zu wecken vermag, die bisher verborgen waren, die vielleicht durch die übergroße Fürsorge des Elternhauses gar nicht zur richtigen Auswirkung kommen konnten. Es ist ein ״Ver sacrum“, ein heiliger Frühling, wie die Alten ihre Jugend nannten, die ins Ungewisse auszog, um ein neues Leben zu begründen. Heißer Segen begleitet sie, Hilfe soll man gewähren, so gut es geht, aber man soll es den Menschen nicht mit Altväter- Weisheit zu schwer machen. Die Jungen aber werden sich nicht nur ein neues Leben schaffen, sondern sie werden auch den Zusammen־ hang mit dem Alten nicht verlieren. Freilich sehen sic die Vergangenheit in anderem Licht. Die Jugend weiß, daß sie nicht an die Traditionen ihrer Väter anzuknüpfen hat, sondern an ältere, stärkere und lebensvollere Traditionen. Jüdische Menschen von heute entdecken sich als Glieder in der Kette der Generationen, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und in die Zukunft weist. Die Väter haben, getragen von einer gcschichtlichen Weile ihres Zeitgeistes, die Kontinuität der jüdischen Entwicklung zu unterbrechen versucht; der Versuch ist mißglückt. Die Jugend will die unter- Die verhafteten Revisionisten Wie aus Palästina gemeldet wird, sind 8 von den 10 am 23. d. M. in J e r u s a I e m verhafteten Revisionisten wieder freigelassen worden, und zwar gegen eine Kaution von 200 Pfund pro Person. Zwei der Verhafteten sind in Haft geblieben, und zwar einer zwecks weiterer Einvernahme und der andere aus dem Grunde, weil man bei ihm einen Revolver gefunden hat und er sich wegen unbefugten Waffenbesitzes zu verantworten haben w ird. Auch von den in T e 1 - Awiw und anderswo verhafteten Revisionisten sind einige freigelassen worden. In einer Mitteilung an die Presse erklärte die Regierung, daß die Polizei an mehreren Plätzen Palästinas gleichzeitig Haussuchungen vorgenommen hat, und zwar vor allem in Jerusalem, Tel-Äwiw, Nathania und Kfar Saba. Außer zwei Revolvern sei eine Reihe von Dokumenten gefunden worden, die auf die Existenz einer unerlaubten Vereinigung hindeuten. Eine Anzahl von Personen, so heißt es in dem Polizeibericht weiter, wurde zwecks Einvernahme zur Polizei gebracht. Darunter waren zwei Personen, die ohne Aufenthaltsbewilligung im Lande sind. Am 24. Juli wurden zwölf der in T e 1 - A w i w und den Kolonien verhafteten Revisionisten dem Polizeirichter in Jaffa vorgeführt, der eine Htägige Untersuchungshaft gegen sie verhängte. Ebenso wurde über die zwei in Jerusalem in Haft gehaltenen Revisionisten eine Htägige Untersuchunghaft verhängt. Gegen sämtliche Verhafteten wird die Beschuidigung der Zugehörigkeit zu einer illegalen Orgariisation, die sich ״Zionlsten-Revolutionäre“ nennen soll, erlioben. Einer von den In Kfar Saba verhafteten Revisionisten namens Zwi Rosenblatt soll dem zweiten der beiden Männer, die Arlorosoff ermordet haben, ähnlich sehen. Er ist auch der Witwe Arlosoroffs gegenUbergestellt worden, doch ist das Ergebnis dieser Gegenüberstellung nicht bekannt. Bei der Haussuchung im Hause von Dr. Awnieii, der seit 1931 Sekretär des revisionistischen Zentralkomitees war, wurde von der Polizei das Archiv des Zentralkomitees beschlagnahmt. Keine Weizmann Kandidatur Der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, veröffentlicht eine Erklärung, worin er die Gerüchte, daß auf der amerikanischen Zionistenkonferenz ein Plan zur Propagierung der Wied e r w a 111 Weizrnanns zum Präsidenten der zionistischen Bewegung . verbreitet gewesen sei, entschieden dementiert. Weizmann habe während seiner Anwesenheit in Amerika nicht die geringste Andeutung gegeben, daß er eine Wiederwahl annehmen würde. Die amerikanischen Zionisten wären bereits lange vor der Ankunft Weizrnanns in Amerika in einer Beratung zu dem Ergebnis gekommen, daß die gegenwärtigen außerordentlichen Verhältnisse im jüdischen Leben eine Einheitsfront aller aufbauenden Kräfte im Zionismus erforderlich machen. Im Zuge dieser Beratungen sei auch die Hoffnung ausgesprochen worden, daß Weizmann wieder einen Platz in der Führerschaft einnehmen möge.-Bei der Jahreskonferenz aber sei kein derartiger Antrag eingebracht worden. Die Angriffe, die Robert Szold als Führer der Brandeis-Gruppe gegen Weizmann richtet, seien daher ' völlig unbegründet. ________ brochene Kontinuität wieder herstellen. Sie erlebt in sich, je mehr sie von außen geschmäht wird, die Würde ihres Blutes, dessen dunkles Rauschen vor dreißig Jahren ein jüdischer Dichter auftönen ließ in den Versen: ״Ufer nur sind wir und tief in uns rinnt Blut von Gewesenen, zu Kommenden rollt's Blut unserer Väter, voll Unruh und Stolz...“ Dies zu empfinden, legt Verpflichtungen auf, und diese Verpflichtungen ganz zu realisieren, das ist eine einzigartige Chance unserer heutigen jüdischen Jugend, die mit der Plötzlichkeit eines Blitzes aus allen früheren Bindüngen herausgclöst ist. In einer Rede, die Dr. Weizmann, der zionistische Führer, kürzlich in Amerika gehalten hat, sagte er, die Juden seien verpflichtet, auch dem Antisemitismus gegenüber, ungeachtet der sie treffenden Härte, objektiv zu prüfen, oh nieht gewisse Vorwürfe, die inan uns macht, berechtigt sind. Die Antisemiten behaupten, die Juden könnten nicht aufbauen, sie seien arbeitsscheu, sie könnten nur die Früchte der Arbeit anderer genießen, sich nur in die Poren eines bestehenden Volksorganismus einnisten. Der Vorwurf, so führte Weizmann aus, ist nicht erwiesen, denn bisher gab man den Juden keine Möglichkeit produktiver Arbeit; man hat sie vom Boden vertrieben, man stieß sie aus den Arheitsverbändcn, man z w a n g sie, sich ihre Nahrung in den ״Poren“ anderer Wirtschaftskörper zu suchen. Dies ist heute anders geworden, und darum stehen wir an einer entscheidenden Wende unseres Schicksals, ln Palästina entsteht ein Gemeinwesen, das von Juden durch eigene Arbeit geschaffen wird. Stein fügt sich auf Stein, und jeder junge Jude kann zeigen, ob er Steine zu bewegen versteht. Darum ist das Palästinawerk im wahrsten Sinne eine Prüfung für das gesamte jüdische Volk. Hier wird der Beweis erbracht. Wenn die Juden dieses Werk im Stiche lassen, dann könnte der Vorwurf, sie seien zu aufbauender Arbeit unfähig, sich auf ein historisches Faktum stützen. Die jüdische Jugend von heute ist auch zu schwerer Aufbauarbeit bereit und seelisch dafür gewappnet. Sie wird ihren Anteil an den Pionieren des Palästinawerkes stellen. Unzählige jüdische Jugendliche aus bürgerlichen Häusern in Deutschland betrachten es heute als ein Glück, ein Arbeiterzertifikat für Palästina zu bekommen. Man würde ihnen unrecht tun, wenn man dies nur mit der Ausweglosigkeit in Deutschland begründen wollte. Es ist durch die Erlebnisse der letzten Vergangenheit ein neuer Geist in der jüdischen Jugend entstanden. Das Glücksgefühl, für sich selbst einzustehen, das Leben neu zu beginnen, etwas Neues zu schaffen, erleichtert, ja ersetzt hunderlfach den Verzicht auf frühere Bequemlichkeiten. Der Anteil am Palästina-Werk hat symbo lisch en Wert, weil dort ein Ganzes von Grund auf gebaut wird. Aber auch für die Tausende, die nicht oder noch nicht nach Palästina gehen können, gilt cs, hier, wo sie leben, sich umzustellen. Sie werden einen härteren Daseinskampf zu führen haben als ihre Väter, sie werden andere Werte und Güter an Stelle der geschwundenen sozialen Scheinwertc setzen, eine neue Rangordnung der Werte wird sich bilden, und all dies wird verwurzelt sein müssen in einer natürlichen, verbundenen und selbstsicheren jüdischen Gemeinschaft. Diese Jugend fordert nun auch ihr Recht und ihren Anteil an der Ordnung des jüdischen Lebens. Die Institutionen der jüdischen Gemeinschaft haben sich auf die neuen Aufgaben umzustellen, und dies ist nur möglieh, wenn in ihnen Menschen tonangebend sind, die auch etwas von dem neuen Geist empfinden. Daß man die Jugend führend an allen jüdischen Institutionen mitarbeiten lasse, ist ein fundamentales Erfordernis unserer Situation. Schon sehen wir, wie die Generationen auseinanderklaffen. Die alten Leute können sich nicht mehr umstellen. Die ,Jugend aber baut eine neue Weit. Der Bruch ist groß. Er ist vielleicht für die Alten tragisch. Aber es ist unsinnig, sich gegen das Notwendige zu sträuben und der Jugend den Weg zu versperren. Die Erfahrungen des Alters sind nicht zu entbehren, aber an einem Bruch der Zeiten ist die Stimme und die Kraft der Jugend wegweisend für die Zukunft, und wenn die Jugend heute im jüdischen Leben ihr Recht verlangt, um nach ihren Vorstellungen und Möglichkeiten das Leben zu formen, dann wäre es engherzig und unverzeihlich, ihr im Wege zu stehen.