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Jüdische Rundschau · 1933-07-21 · Heft 58 (21.7.1933) · p. Seite 353

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 58 (21.7.1933)
Date
1933-07-21
Page
Seite 353 (sequence 1)
Language
German
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ZI 7.1933 / ־׳‘־«• Das Bodenproblem in Palästina Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHA Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. Auslandsabonnementa werden in der Währung der einzelnen Lander berechnet• Anzeigenpreis: 8 gespaltene NonpareiUezeile 0.50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W 15,Meinekestr. 10. Telefon: J l Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 4 Ubr Postscheck - Konten: Berlin 173 92. Basel V 9355, Belgrad 680 32, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973. Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdner Bank, Depositen-Kasse Berlin, Kuriürstendatnm 52; Rumänische Kreditbank. Cernauti (Rumänien); Anglo Palcstine Co. in Haiia. Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 58 / | Berlin, 21. VII. 1933 Freitag ״ Nummer: Dienstag nachmittags 4 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag כץ תמוז תרצ״ג | xxxviii, jahrg. / Per ZionteHw/wstrabt «Um jOdl»che Voll! «Ha Schaffung einer Ctlentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm■■« Gegen die ewig Gestrigen Die Führerlosigkeit des deutschen Judentums in diesem kritischen Moment seiner Geschichte hat zur Folge, daß die im deutschen Judentum in Wahrheit bestehende Stimmung, die tausende jüdischer Herzen erfüllenden Gefühle, im jüdischen Leben nicht in einer Weise zum Ausdruck kommen, wie es den Bediirfnissen der Stunde entsprechen würde. Das deutsche Judentum hat zwar einen schweren Schlag erhalten, es wurde unsanft aus einer Welt der Träume und Illusionen aufgerüttelt, aber zu seiner Ehre möchten wir sagen, daß die jüdischen Menschen — wie uns unzählige tägliehe Erfahrungen bestätigen — ihre Fassung wiedergewonnen haben und den Sinn des Geschehens zu begreifen beginnen. Sie sehen sich hineingezogen in einen großen historischen Prozeß und sie haben aufgehört, zu meinen, daß sie ״unschuldige Opfer“ sind; in den vielen Stunden, die sie über ihr Verhältnis zu dem einst so geringschätzig abgetanen Judentum nachzudenken Gelegenheit hatten, ist ihnen ein Licht aufgegangen, daß Judesein eben doch etwas anderes bedeutet als die zufällige Eintragung in eine konfessionelle Geburtsmatrik. Eine historische Schuld wird an den Juden vergolten: sie haben den Abfall vom Judentum so weit getrieben, daß sie jetzt mit unüberhörbarer Deutlichkeit auf ihren Platz zurückverwiesen werden. Die Masse der Juden, auch bisher völlig entjudete, lernt aus dem Geschehen und nähert sich, zum Teil zaghaft und zum Teil entschlossen, wieder dem Judentum. Es geht ihnen dabei wie jenem Manne, von dem Theodojr Herzl vor 35 Jahren einmal schrieb: ״Er hatte, als er sich entschloß, zum alten Stamme heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Verniinftiges zu tun. Daß er auf diesem Heimweg auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schön e n finden würde, das hatte er nicht geahnt.“ In der Tat: viele Juden haben nicht geahnt und ahnen noch heute nicht, daß es schön sein kann, als Jude zu leben. Das Abfalls-Judentum, das über ein Jahrhundert die unbeschränkte Vorherrschaft in der jüdischen Gemeinschaft innehatte, hat das Judentum vor der Welt und vor den Juden diskreditiert, so daß viele Nichtjuden, die ihre Verachtung des Judentums zur Schau tragen, sicherlich guten Glaubens sind, denn sie wissen nicht, was Judentum in Wahrheit sein kann, sie kennen nur jenes Produkt kläglicher Selbstverleugnung, das sich ihnen darbot. Die Aufgabe, aus dieser Verzerrung das Judentum wieder zu Schönheit und Größe zu erheben, wurde von jüdischer Seite noch kaum in Angriff genommen. Sie kann durch das Erlebnis des deutschen Judentums gewaltig vorwärtsgetrieben werden. Ein neuer Geschichtsabschnitt muß auch ein neues Judentum sehen. Aus tiefem menschliehen und seelischen Ringen wird es geboren, und es wird eine Zeit kommen, wo Juden das erlebte Leid lieben werden, weil es der Geburtshelfer eines neuen menschlichen Daseins war. Wir vertrauen darauf, daß auch die Umwelt, daß auch das heute zum Antisemitismus sich bekennende deutsche Volk diesem neuen Judentum, das durch Anstrengungen und Opfer der Juden geschaffen wird, mit der Achtung gegenüberstehen wird, die einer immer strebend sich bemühenden Gemeinschaft nicht versagt wird. Wir wollen nicht um diese Achtung bitten, wir wollen auch keine Ueberredungskünste anivcnden, die naturgemäß vergeblich bleiben müssen, sondern wir wollen uns sie erarbeiten. Besser gesagt: indem wir f ü r u n s, an unserer Erneuerung arbeiten, wirken wir zugleich zugunsten eines besseren Verhältnisses zur Umwelt, zum Wohlc der Menschheit, die von einem Albdruck befreit wird, und des deutschen Volkes. Denn die Juden, die aus der völlig verfahrenen Situation unserer Beziehungen zum deutschen Volk einen Umschwung herbeiführen wollen, ohne ihre althergebrachten Positionen zu revidieren und ohne die Schmerzen einer seelischen Umstellung auf die neue Zeit zu durchleben, befinden sich auf einem gefährlichen, Verhängnisvollen Irrweg. Die deutschen Juden, früher in Sorglosigkeit und man darf wohl auch sagen Gedankenlosigkeit dahinlebend, beginnen das zu verstehen, Die Erlebnisse sind 1 nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen; sie wissen, daß die Tatsachen nicht nur einen äußeren Zusammenschluß der Juden erzwingen, sondern ihnen auch eine neue Verantwortung für sich und ihr Judentum auferlegen. Die deutschen Juden fühlen das. Sie wollen sich auf ihre eigenen Güter besinnen, die Schlacken eines entstellten und verwässerten, unschöpferischen und die Menschen seelisch verarmenden Judentums überwinden, sie wollen sich den Judenstolz wieder erobern, und sie wissen, daß sie dann ganz anders als jetzt vor die Welt wieder werden hintreten können. Sie warten auf das führende Wort, die weisende Hand. Viele Juden sind heute von materiellen Sorgen zernagt, sie müssen für ihre und ihrer Familien wirtschaftliche Existenz fürchten, sozialer Abstieg tut weh, aber gleichzeitig kann man beobachten, daß auch in dieser bedrängten äußeren Situation das Bedürfnis, im Judentum inneren Halt zu finden, riesengroß wächst. Denn nur das Judentum, nur das Bewußtsein des Eingebettetseins in die Kette von Generationen gleichen Schicksals, kann ihnen Halt geben. Der Jude auf der Straße und in seinem Hause weiß das, aber die jüdischen ״Führer“ wissen es anscheinend nicht. Und so kann es geschehen, daß ungehindert alle möglichen Personen, die sich selbst zu Führern ernannt haben, Pläne und Programme zum besten geben, die weder der neuen Zeit, noch der wirklichen Stimmung der deutschen Juden entsprechen. Richtige Gedanken werden zu Schlagworten gemacht und ihres Sinnes berauht. Statt die Tragik der vor uns stehenden Entscheidüng ernst zu nehmen, will man auch der neuen Zeit ein Schnippchen schlagen. Man ist so naiv, zu glauben, daß man dort, wo man eben erst zur Vordertür herausgesetzt wurde, durch eine Hintertür wieder hineinschlüpfen könne. Darin liegt denn doch eine Geringschätzung des Ernstes der Grundsätze, auf denen der nationalsozialistische Staat errichtet wurde. Man soll uns nicht mißverstehen: die Art und Weise, wie der nationalsozialistische Staat die Juden aus dem Staatsleben ausschließt, bedeutet auch für uns wie für alle Juden eine schmerzliche Kränkung und eine schwere Erschütterung. Auch wir hätten gewünscht, daß es anders gekommen wäre. Aber wir versuchen, die Ur- Sachen dieser Entwicklung, auch die Mitschuld der Juden, zu durchschauen und wir hoffen, durch eine Rehabilitierung des Judentums allmählich wieder den Weg zu einem ehrlichen, diesmal auf der Anerkennung unserer Sonderart beruhenden Zusammenleben zu finden. Was aber soll man denken, wenn Juden, die gestern noch diese Sonderart überhaupt geleugnet haben, heute mit Vorschlägen kommen, in denen sie notgedrungen das ״rassische“ Element zugestehen, es aber zugleich bag'ttellisieren wollen? Diese Leute, die leider auch an nichtjüdische Stellen mit ihren, das Judentum diskreditierenden Erklärungen und Ratschlägen herantreten, beweisen ein völliges Unverständnis der wahren Situation. Sie sehen nicht, daß der nationalsozialistische Staat gerade das Assimilationsjudcntum in jeder Form ab lehnt. In einer kürzlich erschienenen Broschüre über die Judenfrage, die nicht von einem Politiker, sondern von dem Theologen Prof. Gerhard Kittel (Tübingen) stammt (Verlag Kohlhammer, Stuttgart), schreibt der Verfasser: ״Die berechtigte heiße Leidenschaft des neueren Antisemifismtis entstand und mußte entstehen an dem Assimilationsjudcntum; weil aber keine Anstalten gemacht wnrden, dessen Probleme ernst zu nehmen, nämlich dem Problem der Fremdrassigke-it, der Andersrassigkeit sein Recht zu geben, deshalb sprang die populäre Diskussion um in die Theorie von der absoluten Minderwertigkeit der anderen Rasse. . . . Nicht dem an seiner ererbten Ueberzeugung und Sitte hängenden Juden gilt der Hauptangriff des deutschen Antisemitismus, sondern dem von dieser Form und Sitte gelösten, dem Entwurzelten.“ Die heutige Lage der Juden in Deutschland ist für die Juden nicht befriedigend. Wir müssen uns bemühen, eine bessere Rechtsstellung zu erlangen. Es wurde oft gesagt, daß nicht eine Gleichberechtigung des jüdischen Individuums im liberalistischen Sinne angestrebt werden kann, sondern daß die Ideenwelt und Struktur des neuen Staates nur die Eingliederung der Juden als Qrupne zuläßt Dies hat aber natürlich nur dann einen Sinn, wenn die Juden durch ihre üruppenzugehörigkeit charakterisiert sind und mehr als bloß formell Juden sind. Das wird oft mißverstanden. Den Gedanken der Gruppen-Emanzipation nimmt z. B. ein Herr Hans Herzfeld in der Zeitschrift des Rciehsbunds Jüdischer Frontsoldaten auf, ohne daraus die geringsten Konsequenzen zu ziehen; er versteht unter Griippcn-Eman/.iprrtion die ״Wiedererritigung unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und Anerkennung als Deutsche trotz nichtarischer Rosse“. Mit anderen Worten, er stellt unter Verwendung einer von anderwärts übernommenen Terminologie das alte 1 i h c r a! i s tische; Program 111 auf. Gruppen-Emanzipation bedeute! nicht ״Anerkenming als Deutsche“ unter Bagateilisierung der vom Nationalsozialismus mit so außerordentlichem Elan in den Mittelpunkt gestellten Rassenfrage, sondern Anerkennung als Juden, deren Rechtsstellung als Jaden geregelt ist und die trotzdem kein Paria-Dasein im Staate zu führen brauchen. Wir können uns sehr wohl denken, daß der nationalsozialistische Staat, wenn die von ihm gefürchtete Einflußnahme der Juden auf den deutschvölkischeii Lebenskreis beseitigt ist, den Juden ihre legitime Lc b en ssp hä r e in Deutschland zu gesteht. Wir verstehen darunter erstens die Möglichkeit der ehrlichen Betätigung im Erwerbsleben■, dies muß doch gemeint gewesen sein, wenn nationalso/ialistische Führer sagten, die Juden müßten — unter Vorzieht auf eine beherrschende Rolle im Staate — sich damit begnügen, ihrem Gewerbe nachzugehen. Zweitens aber glauben wir, daß gerade der nationalsozialistische Staat defi Juden auch die Freiheit ihrer j ü d i - sehen Betätigung in Deutschland um so eher gewähren kann, als dies ein Abglciten der Juden in ein haltloses Desperadotum verhindert und im übrigen weder staatliche noch völkische deutsche Belange tangiert. Der Nationalsozialismus ist dagegen, daß Juden das Deutschtum repräsentieren und dadurch verfälschen; er kann aber nicht dagegen sein, daß Juden ehrlich als Juden leben und für ihre jüdischen Bedürfnisse, die in keinem Konflikt mit Deutschlands Interessen stehen und vom Staate jederzeit kontrolliert werden können, arbeiten. Der Nationalsozialismus bekämpfte leidenschaftlich die ,,Judenpresse“, durch die ,,jüdische“ Meinungen als deutsche vertreten wurden; aber er hat nichts dagegen einzuwenden, daß jüdische Zeitungen, die das Wort jüdisch an der Stirn tragen, über ihre jüdischen Fragen sprechen. Das ist nicht mehr die alte liberale Gleichberechtigung, die ein unkontroUierbares Durcheinander deutscher und jüdischer Interessen verursachte, sondern eine neue Form, die den neuen Auffassungen entspricht. Daß den Juden diese Möglichkeit gegeben wird, wirkt schon jetzt zugunsten des neuen Deutschlands. So berichtet z. B. die ״Berliner Börsenzeitung“ am IQ. Juli über einen Artikel des ״Popoio d’ltalia“, der aus der italienisch-zionistischen Wochenschrift ״Israel“ einen Bericht über die Tätigkeit des Berliner Palästina-Amtes und die zionistische Tätigkeit in Berlin abdruckt und — als italienisch-faschistische Meinung — hinzufügt: ״Wir, die wir in unserem Programm nicht den Antisemitismus haben, sind höchst ühcrrascht über solche Nachrichten, denn sie beweisen, daß die Juden in Berlin leben, sich bewegen, sieh vereinigen und die Freiheit haben, sich zu Tausenden zu versammeln und alle sie bewegenden Angelegenheiten in Dutzenden von örtlichen Zirkeln, und zwar seit vielen Monaten schon, erörtern zu können. Daß ihre politische und wirtschaftliche und insbesondere moralische Lage schwer geworden ist, mag wahr sein, aber man verbessert sie nicht, wenn man noch einmal in der Welt die Gerüchte ,von den Kindern mit abgeschnittenen Händen‘ verbreitet.“ Wir sehen, daß der Bericht des ״Israel“ auch der deutschen Auslandspropaganda einen Dienst geleistet hat, indem die Freiheit der jüdischen Betätigung auf jüdischetn Gebiet von dieser italienischen Zeitung als ein Aktivum gewertet wird, das am besten geeignet ist, die Greuel-Märchen von ״abgeschnittenen Händen“ zuwiderlegen. Instinktiv, so scheint uns, ist hier der Weg beschritten, der allein den Anfang einer neuen, nämlich der ״Gruppen-Emanzipation“ an zeige 11 kann. Jüdisches Leben im jüdischen Bereich ist möglich, ohne mit den Grundlagen des nationalsozialistischen Staates, die wir zu respektieren haben, in Konflikt zu kommen. Die echten und aufrechten Deutschen sehen das bereits, nur manche Juden sehen es noch ®icht. Sie wollen in. ihrer Ideologie von gestern^ die bankrottiert hat >

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