Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- Seite 331 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit ״Palästina - WirisdiafisblAit* Einzelnummer RM 0,23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Diens tag u. Frei tag. Bezugspreis bei der Expedi tion monatlich 2,— Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. Ausltndsabonnements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonparesllezeile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittag» 4 Uhr Postscheck. Konten: Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 680 32, Brüssel 394 33. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030 Bank-Konten: Dresdner Bank, Depositen-Kasse Berlin, Kurfüratendamm 52; Rumänische Kreditbank, Omauti (Rumänien); Anglo Palestin« Co. in Haifa, Jerusalem, Toi-Aviv. Nummer 56 | Berlin, 14. VII. 1933 rrcitag - Nummer: Dienstag nachmittags 4 Uhr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag כ׳ תמוז תרצ״ג | xxxviil jahrg. Per Zionismus erstrebt tOr das JOdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte >n Palästina. ״Baseler Programm.'* Zu Theodor Herzls Todestag ״Jenseits weiß ich die Freiheit und die Größe“ Der Todestag Theodor Herzls am 20. Tammus wird von dem zionistischen Teil der judenheit seit 29 Jahren als Gedenktag feierlich begangen. Das Jahr 1933 zeichnet sich dadurch aus, daß zum ersten Male ein viel größerer Kreis als jemals Veranlassung hat, dieses Mannes zu gedenken, der als erster Westjude die eigentümliche Problematik der jüdischen Situation durchschaut und die Umkehr aus der Assimilation zum Jude-Sein vollzogen hat. Denn heute sind viele Juden, und nicht nur in Deutschland, nachdenklich geworden, sie erleben die Unentrinnbarkeit des jüdischen Schicksals und sie können Herzl besser verstehen; sie vermögen besser als früher abzuschätzen, was einen Mann bewogen haben mag, die Juden zu aktiver Lenkung ihrer eigenen Geschicke aufzurufen. Bis vor kurzem wurde auch Herzl durch die Parteibrille betrachtet; denn die Juden waren im eifrigen Parteistreit verwickelt. So sehr stritten sie 11m Definitionen, um Programme und Methoden, daß sie gar nicht unbefangen urteilen konnten und auch nicht merkten, was in der Welt wirklich vor sich ging. Sie dachten, die befriedigende Beseitigung aller jüdischen Nöte bedürfe nur einer geschickten Argumentation, nicht aber einer Aenderung des Lebens. Theodor Herzl aber hatte von ihnen eine Aenderung des Lebens verlangt; er war ein ״Unheilsprophet“, und solche sind in Zeiten relativen Wohlergehens wenig beliebt. Darum gelang es ihm nicht, das Volk mit sich zu reißen, sondern er vermochte nur — gegen seinen Willen — eine Partei zu gründen. Die Armen und Elenden schlossen sich ihm an, sowie diejenigen, die die ״sittliche Judennot“ als unerträglich empfanden; aber die große Mehrheit derer, denen es gut ging, blieben ungerührt. So entstand im Volke die Spaltung zwischen ״Zionisten“ und ״Antizionisten“, die mehr als dreißig Jahre das jüdische Leben beherrschte. Dreißig Jchre sind irn Parteileben eine lange Zeit, und wenn erst eine Dogmatik und Tradition sich festgesetzt hat, ist die Gefahr eines verknöcherten, von Vorurteilen belasteten Denkens bei den Angehörigen dieser Gruppen gegeben. Die zehnjährige mühsame Aufbauarbeit in Palästina nach dein Kriege mit ihren sichtbaren Erfolgen hat bewirkt, daß aus dem Lager der ״Antizionisten“ sich die Gruppe der ״Nichtzionisten“ loslöste, die, ohne der zionistischen Bewegung anzugehören, den Aufbau des Nationalheims in Palästina zu fördern bereit waren. Mit diesen Nichtzionisten wurde 1929 die erweiterte Jewish Agency gegründet. Es war die Fortsetzung des Herzischen Werkes. Noch aber waren Herzls Erkenntnisse nicht zum Gemeingut geworden. Noch waren die alten Parteischranken im Judentum nicht erschüttert. Erst das stürmische Revolutionsjahr 1933 hat den Boden auch im Judentum aufgelockert. Wir stehen vor so neuen Verhältnissen, daß man mit Recht sagen kann, die alten Parteiungen sind sinnlos geworden. Sie werden noch weiter mitgeschleppt, treten in die Erscheinung, weil die alten Menschen noch am Ruder sind, weil Vereine und Organisationen mit ihren Apparaten ein zähes Eigenleben und einen ideologischen Doktrinarismus besitzen. Aber jenseits der ״Komitees“ und ״Büros“, dort also, wo die wirklichen Menschen mit ihren Sorgen und Empfindungen leben, dort — das kann jeder beobachten — fließen die Lager ineinander. Heute kann, heute muß jeder Jude die Lage neu durchdenken und fragen, welcher Weg vor ihm liegt, was aus seinen Kindern werden soll. Und dieser suchende Jude findet eine Führung in den Worten des Mannes, der vor 36 Jahren eine erleuchtete Analyse der jüdischen Situation gab und an den jüdischen Herzen rüttelte, um das brennende Gefühl für Größe und Ehre, das in ihm als treibende Kraft lebte, auch ihnen einzupflanzen. Wir, die wir seit 29 Jahren dem toten Theodor Herzl huldigen, wollen es u n s nicht zum Verdienst anrechnen, sondern in aller Bescheidenheit feststellcn, daß dieser Tote es ist, der heute die repräsentative Stimme des Judentums führt. Kein Lebender vermochte Worte zu sprechen, die so aus unserer heutigen Zeit heraus erklingen wie die Worte Theodor Herzls. Und jetzt, fast dreißig Jahre nach seinem Tode, findet er das Ohr der Juden. Man kann, um dies zu beleuchten, auf zwei Dinge hinweisen: Erstens: Die Erkenntnis der Judenfrage ist heute allgemein, und zweitens: das Nationalheim in Palästina wird von allen Juden als größtes jüdisches Aktivum dieser Zeit empfunden. Zum Ersten: Als Herzl die Behauptung aufstellte: die anormale Lage der Juden sei die Ursache der Judennot und des Antisemitismus und mit fortschreitender Ent- Wicklung werde sich die Schwierigkeit nicht mildern, sondern verschärfen, als er im Angesicht dieser von ihm vorausgesehenen Gefahr die Juden zur Selbsthilfe durch eine fundamentale Neugestaltung des jüdischen Daseins aufrief, stieß er auf zornige Ablehnung bei den Juden. Am 18. Juni 1895 schrieb er an Baron Hirsch, den repräsentativen ״Geldjuden“, der für Herzls Pläne wenig Verständnis zeigte, die bitteren Worte: ,,Den Juden ist vorläufig noch nicht zu helfen. Wenn einer ihnen das Gelohte Land zeigte, würden sie ihn verhöhnen. Denn sie sind verkommen. Dennoch weiß ich, wo es liegt: in 1111s!!11 unserem Kapital, in unserer Arbeit und in der eigentümlichen Verbindung beider, die ich ersonnen habe. Aber wir müssen noch tiefer heruntergekommen, noch mehr beschimpft, angespuckt, verhöhnt, geprügelt, geplündert und erschlagen werden, bis wir für diese Idee reif sind. Vorläufig werden wir noch oben die Affronts jn der Gesellschaft, in die wir uns drängen, in den Mittelständen den Druck in den Broterwerben, und in der unteren Schicht das furchtbarste Elend ertragen müssen. Wir sind noch nicht verzweifelt g e n 11 g. Darum würde man den Retter auslaehen. Was, lachen? Nein, nur lächeln: zum Lachen hat man nicht mehr die Kraft. Da ist eine Wand, und das ist die Verkommenheit der Juden, jenseits weiß ich die Freiheit und die Groß c.“ Das war vor beinahe vierzig Jahren. Durch alle Höllen der Verzweiflung mußte er gehen, da er die Wahrheit schaute, die Menschen ihn aber zunicksticßen um ihrer Bequemlichkeit willen. Die Enttäuschung ließ ihn fast ungerecht, zu hart gegen die widerstrebenden Juden sein. Wahrscheinlich konnte es nicht anders sein, als daß man ״lächelte“; die Macht der Trägheit ist zu groß, und Herzls Zeitalter war das Zeitalter der liberalen ״aufgeklärten“ Bourgeoisie, die sich in ihrem Glauben an Sekurität und Prosperität nicht erschüttern ließ. Die Juden waren lcidgewolmt und skeptisch; und dazu etwas verwöhnt von der Behaglichkeit ihres materiellen und zivilisatorischen Aufstiegs nach der Emanzipation. Nur die Jugend, ein Teil der Jugend, schloß sich ihm an. Herzl war, als er sich für die Judensache einzusetzen begann, 35 Jahre alt. Er starb mit 44 Jahren. Der Zionismus unter seiner Führung war eine Revolution der Jugend, er vermochte aber nicht, die Judenheit mit/ureißen und aus ihrer Erstarrung zu lösen. Die letzten zwanzig Jahre Weltgeschichte haben die Sekurität und Prosoerität hinwcggeblasen. In ungeheuren Menschheitskatasirophen stand der Einzelne immer wieder vor dem Altgrund. Tiefe Wandlungen haben sich vollzogen, an die niemand vorher gedacht hatte. Auch die Judenfrage ist aufgerissen worden. Ans Ungeheure hat man sieh gewohnt. Die immer unüherzeugemler werelenden Versuche, die Judenfrage zu leugnen, brachen schließlich ganz zusammen. Lud dies gilt nichi etwa nur für Deutschland, sondern die Judenfrage schlechthin liegt heute offen zutage, jeder Jude in jedem Lande kann sie nicht mehr übersehen oder abschütteln. Deutschland ist nur ein Beispiel. Vor zwanzig Jahren, noch vor fünf Jahren, wäre die Vorstellung, daß man in Deutschland die Staatsbürger in Arier und ,,Nichtarier“ einteilen und die ״Nichtarier“ aus dein öffentlichen und privaten Gemeinschaftsleben ausschließen könnte, absurd erschienen. Wenn aber so etwas möglich war, dann muß ein Keim da gewesen sein, und dieser Keim ist überall vorhanden, wo Juden leben, er kann heute hier so aufgehen und morgen dort anders. Wir wollen nicht sagen, daß es in anderen Ländern so kommen kann wie in Deutschland. Aber die Judenfrage ist da, und cs sollte nicht einer so krassen Illustration bedürfen, tun ihr Wesen einzusehen. Herzl durchschaute sie in einer an unserer gemessen — sehr ruhigen Zeit. In dem Chaos unserer Tage erkennt jeder, daß es nicht weitergeht wie bisher. Und ein Ausweg kann nur gefunden werden, wenn die Juden das tun, wozu Herzl sie aufgerufen hatte: wenn sie sich zum Judentum bekennen, als Juden organisieren und als Juden mit den realen Mächten und Kräften dieser Welt in Vorhindüng treten, um eine Antwort auf die Judenfrage zu geben. Zum Jude-Sein bekennen heißt nicht, die Realitäten unseres Lebens mit all seinen vielfältigen Komponenten in Abrede stellen; auch für jeden Zionisten, der deutscher Jude ist, besteht, um nur ein wichtiges, oft als Einwand erörtertes Problem herauszugreifen, die Realität seiner Zugehörigkeit zum deutsehen Staat und deutschen Kulturkreis, und dieses innerüerbare Gut gehört zu in Reichtum seines Lehen:-. Ahm־ die Schlüsselposition ist für jeden Juden, oh er will oder nicht, sein Jude-Sein. Und daher wird erst durch die Bejahung dieses Faktums die Situation psychologisch und politisch überhaupt bchandluitgsl'ähig. Dann aber beginnt die Arbeit. Es ist eine gmfSe und schwere Arbeit, aus dieser Atomisierung und Isolierung zu Gemeinschaftssinn, Verantwortung und ko״- strnktivem Handeln zu gelangen. Die Juden müssen wissen, daß dies ein Prozeß ist, der an jeden von ihnen gewaltige A!1 f o r d e r u n g e!1 stellt. Frei heit und gesunde Lebensbedingungen mü;sei! erarbeitet werden, sic können einem Volk nicht in den Schoß fallen. Es ist aber wohl keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß diese Erkenntnis heute nicht inehr das Privileg Einzelner oder einer Gruppe ist, sondern daß die meisten Juden sich i!1 Schmerzen und Leiden dazu durchgerungen haben. Hier also lockert sich das alte Partei- Gefüge, Und zum Zweiten: Auch das Streben narb Pa- I «ästin a ist nicht mehr auf die Zionisten beschränkt. Noch vor wenigen Jahren war cs reinster Ausdruck des Zionismus, wenn begeisterte Menschen dem europäischen Leben absagten und sich aufmachten, in Palästina auf neuen Grundlagen ein Leben der Arbeit und Naturverbunden heit und der natürlichen Gemeinschaft aufzubauen. Man sprach damals wie von einem K11riosum von den Doktoren, die im Etnek den Pflug führten. Der Zionismus appellierte an den Idealismus der jüdischen Jugend, um sie für diesen Weg der Chaluziuth zu gewinnen. Heute bedarf es keiner Propaganda, vielmehr gibt es für jedes Einwanderer-Zertifikat Hunderte von Bewerbern, und die Erlaubnis zur Ein- Wanderung wird als Vergünstigung empfunden. Es ist heute weder ein Verdienst, noch ein Opfer, noch ein besonderer Heroismus, nach Palästina zu gehen. Unter Umständen kann man sogar Zionisten den Vorwurf nicht ersparen, daß sie den heute ,,leichteren“ Weg — nach Palästina — gehen. Oft kann man klagen hören, daß Zionisten bei der Vergebung von Einreisebefugnissen