Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- Seite 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 312 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 54, 7. VH 1933 Orangenzone der Ebene Scharon Orangengarten mit Pumpenhaut in Nathania. Sa beginnt man jetzt die Anlage von Pflanzungen: Anlage moderner Irrigation auf ntuerworhenen Bodenflächen bei Nathania. Ein ,,alter" Orangengarten in Nathania: ("Vier Jahre alle Pflanzung mit noch etwat primitiver Waneritation) In diesem Jahre erreichte die Orangen• ausfuhr aus Palästina 4 500000 Kisten gegen 3500000 in der vorhergehenden Saison. Eines der Hauptgebiete der neuen Orangenpfianzungen ist die Ebene Scharon, nördlich von Tel-Awiw in Mittelpalästina, die jetzt einen Kranz neuer jüdischer Dörfer aufweist. Eines dieser Dörfer ist Nathania, nach dem Vater Baron Rothschilds benannt. ........in...... ״Ruhe und Ordnung" Die Untersuchung und die Partefpoliäk Von imserein palästinensischen Korrespondenten gt Tel-Awiw, 28. Juni 1933 ״Schlimmer noch als der Tod Arlosoroffs wird es sein, wenn wir die Gefahr des Augenblicks nicht verstehen. Ich appelliere an Euch, jedes ßöse aus Eurer Mitte zu verbannen. Unreine Worte wurden in unsere Mitte geschleudert, die wir vorher nicht kannten. Und wenn es auch hebräische Worte sind, so sind sie doch fremd. ,Faust‘, ,Gewalt‘. Es soll keinen Raum geben für solche Worte bei uns. Unser Lager sei heilig. Alle diese Phrasen, wie ,Feuer und BluF, hinter denen nichts, aber auch nichts Wirkliches steht, haben nichts mit uns zu tun. Es gibt für uns nur eine Wirklichkeit und das ist die Arbeit. Zurück zur täglichen Arbeit! Das ist das einzige, was wir tun können.“ ׳ Diese Worte, mit denen Bialik seine Ansprache in der ׳Trauerversammlung der Arbeiteipartei in Tel-Awiw abschloß, fassen das zusammen, was heute das Land bewegt. Es ist nicht leicht, an die Arbeit zurückzukehren. Es ist nicht leicht, die Sammlung dazu zu finden, die Gedanken von dem einen Ereignis des Grauens fortzureißen, zu dem sie immer Mieder zurückkehren. Es muß getan werden und es wird getan. Und neben der Arbeit gehen die Gedanken ins Weite, auf die Situation, die dieser Mord mit einem Schlaglicht erhellt. Noch wissen wir nicht, wer die Mörder sind. Aber es liegt wie ein Duck über allen, daß überhaupt die Möglichkeit besteht, daß der Schuß von innen kam und daß die Gemeinschaft nicht sofort mit voller Sicherheit davon überzeugt ist, daß eine solche Tat aus ihrer Mitte, aus irgend einem Lager ihrer Mitte heraus, ausgeschlossen sei. Die Entwicklung der letzten Jahre, die Erziehung eines Teils der jüdischen Jugend in den Gedankengängen von Gewalt und einem falsch verstandenen Heldentum, wird bedrückend lebendig. Es gab viele im zionistischen Lager, die die Entwicklung dieser Erziehung mit tiefer Ekesorgnis gesehen haben. Aber es gab nicht einen, der die leiseste Möglichkeit solcher Resultate in Erwägung gezogen hätte. Alle Parteien fordern die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung. Die Arbeiterschaft kämpft einen schweren Kampf um Ruhe und Ueberlegung, um die Disziplin ihrer Massen. Ihrer ersten starken Aufforderung, sich unter keinen Umständen hinreißen zu lassen, ihrer ersten scharfen Verurfeilung jeder Racheakte — ganz gleich von welcher?,eite der Schuß gekommen sein mag -- hat sie weitere folgen lassen. Der Arbeiter hört auf die Stimme der Führer und zeigt eine ehrfurchtgebietende Zurückhaltung. Trotz der erregten Diskussionen auf den Straßen, obwohl die Geister bis zum Kochen aufgewühlt sind, kommt cs zu keinerlei Zwischenfällen, gehen die riesigen Trauerversammlungen in tiefem Schweigen vorüber. * Die Arbeiten der Polizei richten sich hauptsächlich auf eine Aufklärung der Stellung des bisher einzigen Verhafteten, S t a v s ky . Dieser, ein junger revisionistischer Arbeiter, erst vor einigen Monaten aus Polen eingewandert, aus den Arbeitskonflikten von Petach-Tikwah einem größeren Kreise durch seine aktive Anteilnahme an den Aktionen der Streikbrecher bekannt, stellt den Beschuldigungen ein Alibi für den fraglichen Tag gegenüber. Dieses wird jetzt in allen Einzelheiten geprüft und nach Abschluß dieser Recherchen wird sich die Justiz einigermaßen klar sein, ob sie einen Fehlgriff getan hat oder nicht. Andere Verhaftungen sind bisher nicht gemacht worden. Sollte sich der Verdacht gegen Stavsky als begründet erweisen, so ist nur einer von der Gruppe dingfest gemacht worden. Es ist jedoch klar, daß es sich bei der Ausführung und Vorbereitung eines solchen Anschlages, der genau geplant und vorbereitet war, nicht nur um die zwei Menschen handeln kann, die direkt an der Tat beteiligt sind, sondern außerdem um meh« rere Helfershelfer, die vor und nach dem Mord ihre Hand im Spiele gehabt haben, schon um die Spuren zu verwischen. Von diesen ebenso wie von dem zweiten, der den Schuft abfeuerte, ist bisher keine Spur greifbar. Die Untersuchungen sind also immer noch in den Anfängen. Die Aufdeckung des Tatbestandes ist wie immer bei einem politischen Morde sdwiate; sie irtni noch sdaaerigec durch die besonderen Bevölkerungsverhältnisse Palästinas, durch seine Grenzen, seine Psychologie. Sollte von irgendeiner Seite aus der Wunsch bestehen — und was wäre natürlicher? — die Sache zu verwischen, so wäre das ohne übergroße Schwierigkeiten 711 bewerkstelligen. Die Polizei ist bei dieser Untersuchung auf die aktive Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen; sie ist sich auch dessen bewußt, wie sich aus ihren Aufforderungen ergibt, jede, auch die geringfügigste Nachricht ihr mitzuteilen. Ob diese Mitarbeit in vollem Umfange verfügbar seit! wird, muß unter den bestehenden Verhältnissen stark bezweifelt werden. Auch der einfache, jeder Parteipolitik fernstehende Jude, wird sich überwinden müssen, um an der Verurteilung eines Juden mitzuhelfen. * Die Aufdeckung dieses Mordes Ist jedoch nicht einfach ■wie manche andere Schreckenstat, die wir ins Lande erlebt haben, eine Frage der öffentlichen Sicherheit, sondern in erster Reihe eine politische und moralische Not- Wendigkeit. Eine Klärung der herrschenden Beziehungen und eine Aufhellung der Atmosphäre kann nur durch die volle Wahrheit erreicht werden. Es beginnen auch bereits die ersten politischen Komplikationen. Daß die Revisionisten, gegen deren Parteigenossen sich die Verdachtsmomente richten, mit allen Kräften bemüht sind, diese vonsich abznwälzen und nach einer anderen Richtung zu lenken, ist nur verständlich. Ihre große Mehrheit hält fraglos selbst eine solche Tat aus ihrer Mitte für unmöglich. Aber auch ein Mitarbeiter des liberalen ״Haarez“ hat es sich nicht nehmen lassen, die Arbeiterschaft gerade wegen ihrer Beruhigungsversuche anzugreifen, ihr rorzuhaiten, daß dadurch der Verdacht gegen das andere Lager gestärkt wird, daß damit erst der Oeffentlichkeit klar gemacht wird, daß eine Gefahr für unbesonnene Akte bestände. Es ist nicht leicht, diesen Gedankengängen zu folgen. Aber sie fügen sich passend in das Mosaikbild, das sich in der Tagespolitik zu bilden beginnt. De Gruppen der Rechten und der Mitte suchen nach einer Kongreß-Orientierung und fürchten nicht nur — wie jeder andere — die Idee, daß an Jude der Täter sein könne!, sondern auch die Möglichkeit, einen Partner wie die revisionistische Gruppe «inzubüßen. Diese Gruppe hat in Palästina in letzter Zeit dadurch eine hervorragende Rolle gespielt, daß sie einem Teil der Arbeitgeber die Streikbrecher stellte, mit deren Hilfe man die Arbeiterorganisation zu zerstören hoffte. Ueberhaupt war alles, was nicht zur Arbeiterschaft gehörte, auf einen Zentralangriff gegen links eingestellt, wobei die Netgütig bestand, auch die Revisionisten in jeder Form zur Hilfe heranzuziehen. Der Mord und der Prozeß spielen daher in der Balance zwischen den Flügeln eine ausschlaggebende Rolle. 11 Die Neuordnung der Exekutive der Agertey wird in Angriff genommen, aber man kommt kaum dabei weiter. Die gewaltige Lücke, die durch den Tod von Arlosoroff hi die Reihe der Führung gerissen ist, wenigstens notdürftig zu füllen, ist eine übermäßig schwere Aufgabe. Es zeigt sich erst jetzt mit voller Klarheit, daß er nicht nur die politischen Angelegenheiten mit großer Sicherheit behandelte, sondern auch in den anderen Gebieten der Leitung von größtem Gewicht war. Es gibt verschiedene Vorschläge einer provisorischen Arbeitsordnung, Ideen für die Einsetzung einer politischen Kornmtssion im Zusammenhang? mit dem Waad Leiuni Auch Brodetsk v wurde in diesem Zusammenhänge genannt, er hat jedoch den an ihn gestellten Antrag abgelehnt. Um die Komplikationen noch zu vergrößern, muß jetzt die Frage entschieden werden, obderKongreß, wie vorher beschlossen, im August stattfinden soll oder nicht. Viele fürchten nicht nur einen Kongreß unter diesen Umständen, sondern auch die Konflikte des Wahlkampfes. Arlosoroff hatte bei seiner letzten Auslandsreise dne Reihe von Reform Vorschlägen für den Kongreß gemacht, vor allem eine Beschränkung der öffentlichen Sitzungen und die Verlegung des Schwergewichts der Verhandlungen In geschlossene Arbeifskommissionen. Vielleicht könnten diese Vorschlage, die in London und Jerusalem bekannt sind, zu einer leichteren Lösung der so dornigen Kongreßfrage führen. Die Untersuchung gegen Stavsky Jerusalem, 5. Juli. (J. T. A.) Nach Ablauf der über Abraham Stavsky, der unter dem Verdacht der Beteiligung an der Ermordung Dr. Arlosoroffs festgenommen wurde, verhängten 14tägigen Untersuchungshaft wird dieser aus dem Jerusalemer Zentralgefängnis nach Jaffa gebracht, um vor dem Polizeigericht zu erscheinen. Es handelt sic{,- hierbei um eine von der Polizei, die ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen hat, verlangte Verlängeru ng der Untersuchungshaft. In den letzten Tagen haben sich sechs Zeugen ge meldet, die aussagen, sie hätten Stavsky kurz vor der Ermordung Dr. Arlosoroffs in Tel-Awiw gesehen, Die letzten Nachrichten aus Palästina besagen, daß eine Reihe von Personen in Jerusalem und Haifa verhaftet und in Einzelhaft gebracht wurden. Das Verhör dieser Personen ist im Gange. Jedoch wird das Ergebnis der Untersuchungen von der Polizei streng geheim gehalten, und den Zeitungen wurde verboten, Gerüchte wiederzugeben. Ferner verlautet, daß gegen einen der Verteidiger S t a v s k y s ein Verfahren eingeleitet wurde, weil er einen Belastungszeugen zu beeinflussen gesucht habe. Unzulässige Berichterstattung Die Wiener ,Neue Freie Presse“ veröffentlicht am 29. Juni eine ausführliche Darstellung ihres Jerusalemer Korrespondenten über den Mord an Arlosoroff. In diesem Artikel beißt es: ״Alle sind sich darüber-einig, daß der Zweck aller dieser Verbrechen nur sein kann, die herrschende Atmö- Sphäre des Friedens zu zerstören, ein Gefühl der Unsicherheit und Unruhe hervorzurufen, und so die Juden vor der Einwanderung ab zu sch recken. Die Rechnung ist psychologisch gar nicht schlecht. Denn die Tatsache, daß so viele Morde ungesühnt geblieben sind, kann ein Gefühl der Schutzlosigkeit erzeugen, aus dem die Vor- Stellung erwächst, daß Selbsthilfe durch Repress allen gegen die vermeintlich Schuldigen die einzige Rettung ist. Das würde dann wieder entsprechende Gegenmaßnahinen seitens der betroffenen Kreise "hervorrufen, und so würde das Land in kurzem eine Beute blutiger Anarchie sein. Da die jüdischen Gruppen und auch der Mann auf der Straße dieses Spiel durchschauen, ist es bisher mißglückt. Es kommt hinzu, daß man nicht sicher ist, wo die Schuldigen zu suchen sind. Die einen weisen darauf hin, daß der letzte Mord gerade am Vorabend des Tages begangen wurde, an dem sich zum drittenmal die Hinrichtung der drei einzigen Araber jährt, die für die Greuel von Hebron während der Unruhen von 1929 mit dem Leben büßen mußten. Andere, und ihre Stimmen mehren sich, meinen, daß die ausgezeichnete Organisation der Anschläge auf geschultere Urheber hindeutet und denken an die Kommunisten. Die Behörden haben die Presse aufgcfordert, sich aller Kommentare zu enthalten, um die Untersuchung nicht zu stören und die Gemüter nicht noch stärker anzufachen.“ Im Anschluß daran wird die Unzulänglichkeit der nalästinensischen Polizei, die hauptsächlich aus Arabern bestände, als eine der Hauptursachen dieser Mordtat hingestellt. Man weiß, wer der Berichterstatter der ״Neuen Freien Presse“ ist und zu welchem jüdischen Lager er gehört. Man könnte es verstehen, daß es diesem Herrn unangenehm ist zu meiden, auf welche Person der Hauptverdacht gefallen ist. Aber schon aus den ersten Besenreibungen des Täters, die sofort in Palästina bekannt wurden, mußte hervorgehen, daß die Darstellung, die in diesem Bericht gegeben wird, vollständig unzutreffend ist und nur als Hetzpropaganda bezeichnet werden kann. Wir Juden und Zionisten würden uns des Rechtes begeben, über antisemitische Anschuldigungen gekränkt zu sein, wenn wir nicht solche publizistischen Methoden, wo sie aus unserem Kreise stammen, mit aller Entschiedenheit brandmarken würden, In den ersten fünf Monaten des Jahres 1933 hat das technische Department der Stadt T ei -Aw 1 w 902 Bau- Bewilligungen für eine Gesamtbaufläche von 103 654 qm ererteilt. Die Bewilligungen beziehen sich auf 3097 Wohnräume und 88 Gesehäftsladen. ln derselben Zeit des Vorjahres wur den bloß 501 Bewilligungen für eine Baufläche von 35 099 qm erteilt