Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- Seite 291 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit Beiblatt: ״Von jüdischer Musik* Einzelnummer Rif 0£5 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstagu. Freitag- Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmatk,vierteljährlich 5.75Reichsmark. Auslandsabonnements werden in der WSKrunts der einzelnen Lioiler btrachuC Anzeigenprei•: 8 ö ־״«palten« MonpareilI«zeil« 0,50 KM. Stellengesuch• 0,25 KM Nummer 52 | Berlin, 30, VI. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen •Verwaltung: Jirdische Rundschau G. m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. AnxeigenecUaS: Dieaetaf and Freitag nachmittag■ 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag and Mittwoch nachmittag, Poetscheck -Konten: Berlin 17392. Basel V 9355. Belgrad 680 32. Brüssel 394 33, Budapen 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prat 59410, Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030 B a n k Konten: Dresdener Bmk, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamnj 52; Rttminiache Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Palestin• Co. im Haifa. Jeruealem, Tel-Aviv. Per ZlonEsmua erstrahi fOr da« J0dl«cHa Volk die Schaltung einer OftentHch - rechtlich gesicherten Heimstätte ln PalRstlna. ״Baseler Programm.“ Gespräche mit Juden Wer in diesen Tagen Gespräche mit deutschen Juden 7-U führen hat, wird oft feststellen können, daß sich leicht Mißverständnisse und Verstimmungen einschleiehe», die den Beteiligten eine Klärung und Entschlußfassung erschweren. Es Ist darum immer wieder von Nutzen, sich über die psychologische Lage der Mehrzahl der deutschen Juden Rechenschaft abzulegen. Denn in einer Zeit wie dieser, wo wir alle Schweres zu tragen haben, wollen wir einander nicht gegenseitig verletzen; wir wollen einander helfen. Seit vielen Wochen ist die Judenfrage beinahe das ausschließliche Thema, dem alle Gespräche in jüdisehen Kreisen gelten; ein Thema, das früher nicht gern angeschnitten wurde. Erinnern wir uns! Gar nicht so fern sind die Zeiten, wo man sich in jüdischen Kreisen, auch wenn man ganz unter sich war, nicht gegenseitig als Juden anspracfi; am liebsten hatte man einige nichtjüdische Genossen dabei, in deren Anwesenheit es fast jedem Juden unpassend erschien, von jüdischen Dingen zu sprechen, während die betreffenden Nichtjuden sich sehr taktlos vorgekommen wären, wenn sie an das heikle Thema gerührt hätten. Unausgesprochen freilich erfüllte diese Frage die Atmosphäre. In der Literatur finden wir zuweilen eine Schilderung der jüdisehen Gesellschaft aus der Blütezeit der Assimilation, wo sich auch schon das leise Wissen um den bevorstehenden Niedergang ankündigte: etwa in Schnitzlers ״Weg ins Freie", einem auch heute noch nicht veralteten Buch. Gebildete deutsche Juden wurden nicht gern an ihr Judesein erinnert Manche litten darunter, wurden damit nicht fertig, staunten über atavistische Auf- Wallungen ihres Blutes. Man wollte das Unheimliche magisch beschwören, durch ״Formeln", denen man fast Zauberkraft beimaß. Hierher gehören die bekannten Gesinnungs-Deklarationen. Man hatte sich, ohne es recht zu merken, in einer eigenen Welt eingekapselt, vor deren Toren bereits die Sturmzeichen zu erkennen waren, wenn man nur hinschaute. Die falsche Scham, die das Verhalten des Juden zu seinem Judentum bestimmte, hat viel dazu beigetragen, die Spannungen so sehr zu steigern, daß die Explosion mit einer Vehemenz erfolgte, die auch solche Teile des Gebäudes zertrümmerte, die sonst hätten unbeschädigt bleiben können. Heute ist es mit einem Schlag anders geworden. Der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden ist offiziell legalisiert worden. Die Zugehörigkeit zum Judentum begründet für jeden einzelnen tiefgehende Unterschiede in seiner Stellung in Staat und Gesellschaft. Menschen, die kaum selbst ihre Zugehörigkeit zum Judentum beachtet haben und die ängstlich vermieden, von anderen als Juden erkannt zu werden, werden plötzlich wieder in die jüdische Gemeinschaft hineingestoßen und mit ihrem Schicksal verbunden. Alle, die versuchten, sich vom Judentum loszulösen, um ihre persönliche Position zu verbessern, werden nun daran erinnert, daß man seiner Blutsgemeinschaft nicht entfliehen kann. Erst wollte man es nicht glauben, man nahm es nur zögernd zur Kenntnis. Dann allmählich erwachte etwas wie eine ferne Erinnerung des Gewissens; plötzlich verschwand die frühere, so mühsam aufrechterhaltene Unbefangenheit. Man begann, sich darüber Gedanken zu machen, was denn dieses Judentum bedeuten könnte. Man begann, seine Mitbürger auf der Straße, in Lokalen, allerorts, daraufhin anzusehen, ob sie ״arischen" oder ״nichtarischen" Typus haben. In unpolitischen Kreisen und in solchen, die auch früher schon innerjüdische Politik getrieben hatten, ist man an den alten Formeln und Methoden irregeworden. Diesen Prozeß können wir überall beobachten; und man spricht darüber, wo Juden Zusammenkommen. Mau spricht nicht etwa nur über die Auswirkungen der neuen deutschen Gesetzgebung und antisemitischen Praxis, deren Folgen sehr viele Juden persönlich zu spüren haben; natürlich auch darüber, aber weit mehr beschäftigt die große Masse der Juden heute das Problem ihres eigenen Ich, die Frage ihres Judentums. Allmählich haben die meisten verstanden, daß man sein Judentum nicht ignorieren kann, daß man sich damit auseinandersetzen muß, daß es eine Realität von weittragender Wirkung ist. Der Antisemitismus ist immer nur der Anstoß zur Erkenntnis der Judenfrage und zur Selbstbesinnung. Et steht nicht im Mittelpunkt der jüdischen Betrachtungen. Nur diejenigen, die noch so ahnungslos sind, den Antisemitismus als bloße Bosheit oder Dummheit der Nichtjudea hinzustellen und sich‘ selbst im Gefühl einer verfolgten Unschuld zu idealisieren, vermögen über die Tiefe des Problems hinwegzusehen. Aber dieser Juden sind nur noch sehr wenige. Die meisten haben zu denken begönnen. Sie verstehen, daß der Antisemitismus eine Ursache hat und daß diese Ursache ״Judenfrage" heißt. Der Antisemitismus hat seinen Ausgangspunkt im Anderssein der Juden. Dies erzeugt den Wunsch nach Abgrenzung. Und je stärkerer Widerstand dieser Abgrenzung entgegengesetzt wird, um so ungestümer wird das Verlangen nach ihr. Nun beginnt die verhängnisvolle Entwicklung, die zu den uns wohlbekannten Begleiterscheinungen führt: das Bedürfnis, den Juden möglichst schlecht zu machen, um der Forderung nach seiner Aussonderung auch einen moralischen Nachdruck zu geben. Alle erdenklichen Vorwürfe und Kran* kungen prasseln auf den Juden nieder. Der Jude glaubt, diesen Hieben zu entgehen, indem er sich windet, sich versteckt, sich anpaßt. Daraus entsteht kein freies Menschentum; allmählich nimmt man selbst etwas von den Anschauungen der Angreifer an, hält sich selbst für minderwertig. Aus dieser Sackgasse gibt es keinen Ausweg. Aber die Geschichte überschlägt sich. Wenn der Angriff auf das Judentum einen solchen Kulminationspunkt erreicht hat, wie wir ihn heute erleben, dann bricht mit einem Schlage die jüdische Haltung von gestern in sich zusammen, der Jude steht vor einem Nichts oder — vor einem neuen Morgen. Ein gesellschaftlicher und psychologischer Zustand, der über hundert Jahre als unerschütterliche Selbstverständlichkeit empfunden wurde, löst sich auf. Das ist eine Zeit aufwühlender neuer Erlebnisse, eine Zeit, wo das Bewußtsein des einzelnen über Jahrhunderte hinweg die Kontinuität mit Gewesenem wiederlierstellt, sich selbst aus den tiefsten verborgenen Quellen der kollektiven Seele erneuert, ln einer solchen Krise findet der Jude in sich — um ein Wort des jetzt in Berlin Vortragenden großen Psychologen Jung zu gebrauchen — die zu ihrer Ueberwindung notwendige seelische Kompensation. Am Anfang steht das Finden des eigenen Ich im Judentum. Wer Gelegenheit hatte, einmal Gespräche oder Diskussionen von Gruppen deutscher Juden zu beobachten, die dieses Stadium noch nicht erreicht haben, wer mitansehen mußte, wie man mit einem Wortschwall und allerlei Dialektik, dabei ängstlich nach dem etwa vorhandenen Nichtjuden schielend, sein ״Nationaldeutschtum“ betont, das Judentum hinwegreformieren möchte, am liebsten — dies wurde sogar kürzlich in einer Berliner Versammlung ausdrücklich gesagt—nach Analogie der Glaubensbewegung ״Deutsche Christen“ nun auch ״Deutsche Juden" gründen möchte, wie man von jüdischer Gemeinschaft abrückt, — der muß empfunden haben: Welche Erlösung wäre es für diese zerquälten Menschen, wenn sie den Mut und die Kraft hätten zu sagen: Wir sind Juden! Zwar sind damit noch lange nicht alle Probleme gelöst, Jude-Sein ist heute kein leichtes Leben, aber man könnte ganz anders an alle Arbeit und auch an alle Leiden herantreten, man wäre innerlich von einer schweren Last erleichtert. Auch unseren Gegnern könnten wir Zurufen wie Gutzkows Uriel Acosta: ״Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Das Bekenntnis zum Judentum gibt auch dem Leiden -Sinn, es führt uns alle menschlich zusammen, wir tragen unser Schicksal und wollen einander helfen, wir sind Juden. Der große hebräische Publizist Aehad Haam hat vor vierzig Jahren auf die deutschen Juden das Wort ״Knechtschaft in der Freiheit", äußere Freiheit bei innerer Knechtschaft, angewandt. Heute sind die deutschen Juden in einem andere« Stadium; in einer Lage, die man nur ertragen kann, wenn man sich zur inneren Freiheit durchringt. Das Bekenntnis zum Judentum ist freilich nur der erste Schritt. Was daraus folgt, bewegt sich in zwei Problemkreisen, die unseren inneren Kampf cliarakterisieren: unser Verhältnis zum Deutschtum und die positive Erfüllung unseres zunächst nur ganz formal gewonnenen Judentums. Bei der Betrachtung unseres Verhältnisses zum Deutschtum setzen jene Mißverständnisse ein, von denen am Anfang dieser Ausführungen die Rede war. Viele Juden meinen, die Rückkehr zum Judentum verlange eine Verneinung des Deutschtums. In Wahrheit bekommt der Jude durch das Bekenntnis zum Judesein auch zum deutsehen Volk und zum deutschen Geist ein klares und produktives Verhältnis. Ohne Verwischung und Vermischung, mit voller Aufrechterhaltung des eigenen Wesens, können wir als Juden das Deutschtum bejahen. Es ist nicht richtig, wenn man in diesem Punkt einen Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten macht. Auch die deutschen Zionisten sind durch die Assimilation durchgegangen, ja sie haben ebenso wie alle deutschen Juden dieser Assimilation viel zu danken; sie hat uns die Weite Europas gegeben, durch das Medium der deutschen Sprache und des deutschen Geistes haben wir die größten Schätze der Kultur erworben. Nichts davon soll, nichts davon kann wieder aufgegeben werden. Worauf es ankommt, ist: eine richtige Ordnung im eigenen Bewußtsein herzustellen. Wir müssen wissen, was uns nicht geraubt werden kann, aber auch was wir gar nicht besitzen; wir dürfen unsere Zugehörigkeit zur deutschen Kulturgemeinschaft, die wir nicht gering veranschlagen, nicht verwechseln mit Zugehörigkeit zur deutschen Volks- und Biutgemeinsciiaft, und wir müssen uns hüten, uns vormachen zu wollen, Blutsgcmcinschaft habe nichts zu bedeuten. Wir Juden sind ein altes Volk, wir haben unsere Rasse relativ rein erhalten, aber gerade das berechtigt uns, immer wieder darauf hinzuweisen, daß Rasse nicht ein höchster Wert sein kann, sondern daß der Geist und die Verbundenheit aller Menschen ein höherer Wert sind. Gerade wenn man seiner Rasse und seinem Volk treu ist, wenn man sich ganz und gar in die Gemeinschaft einreiht, soll nie vergessen werden, daß über der Gemeinschaft noch die Gemeinschaft der Gemeinschaften steht, in die jeder einzelne Mensch, so fest verwurzelt er auch in seinem Volke sein mag und sein soll, mit dem Besten seines Ich hineinragt. Um aber dieses höchste Menschliche erleben zu können, müssen wir den Respekt vor den natürlichen Ordnungen des Lebens zu einer Selbstverständlichkeit machen. Jeder Versuch der Verwischung führt zu Reaktionen, die auch das höchste Ideal der Menschlichkeit gefährden. Die Auseinandersetzung zwischen Zionisten und Nichtzionisten bewegt sich heute auf einer ganz anderes Ebene als früher. Es geht um Grundfragen unserer seelisehen Existenz, und niemandem wird es ein fallen, Menscher!, die, überrascht durch die Ereignisse, mit den Probleinen schwer ringen, hochmütig abzutun. Wenn es vorkommen sollte, daß Zionisten mit zur Schau getragener Selbstsicherheit etwas — wie man manchmal klagen hört — hochmütig den noch Schwankenden gegenübertreten, so ist dies nicht begründet. Auch der Zionismus ist gerade im Seelischen und Geistigen noch lange nicht am Ende seiner Problematik angelarigt. Sowohl für de« Zionisten im Galufh, als auch für den jüdischen Mensehen in Palästina, sind die Probleme von Individuum und Gemeinschaft, Volk und Menschheit. Gerechtigkeit und Toleranz noch lange nicht gelöst. Was geklärt ist, ist lediglich der Ausgangspunkt: Wir sind Juden. Dann aber beginnt eigentlich erst das Leben. Für uns alle, die wir aus der Assimilation komme«, bedarf es einer Erfüllung dieses Judentums mit Wisse« und Inhalt. Aber darüber hinaus bedarf es eines Besinnens auf die Verantwortung des Judeseins und des Menschseins; und noch eines besonderen Besinnens auf die Verantwortung des Volk sei ns. Diese Situation ist für unser Bewußtsein neu, sie ist voll Klippen und Gefahren. Vielleicht scheuen manche darum vor dem Bekenntnis zun» Volkstum zurück. Aber das wäre falsch. Man kann ihm nicht entfliehen. Geradezu symbolisch wirkt der jetzige Vorgang, daß dem Juden von außen her das Merkmal des Judeseins aufgedrückt wird. Wir müssen uns in das Volk einreihen. Das Mißtrauen von Jude zu Jude muß schwinden. Wir stehen alle vor neuen Aufgaben, wir haben alle noch seelische Wandlungen durchzumachen. Wir werden schon weiterkommen, wenn wir uns nur erst über den Ausgangspunkt einigen. Er ist in der einfachsten Formel zusammenzufassen. Entziehen wir uns. nicht dem Be* kenntnis, das uns nicht aufgezwungen ist, sondern — vielleicht bei manchen erst durch äußere« Anstoß gereift — unser Innerstes Gut: Wir sind Juden; und als solche tragen wir unser Schicksal und wollen wir unsere Aufgabe erfüllen.