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Jüdische Rundschau · 1933-06-27 · Heft 51 (27.6.1933) · p. Seite 286

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 51 (27.6.1933)
Date
1933-06-27
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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Seite 284 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 27. VI. 1933 seien. Die Schlußfolgerungen der ״Neuen Züricher Zei* tung“ zeigen unerwünschte Perspektiven; aber daß die Frage überhaupt unter diesem Gesichtswinkel betrachtet werden kann, deutet schon darauf hin, daß im Interesse des gesamten deutschen Volkes eine Lösung gefunden werden muß. Je vollständiger der nationalsozialistische Staat sein eigenartiges Gepräge verwirklicht, um so deutlicher zeigt sich die Notwendigkeit, den Juden innerhalb Deutschlands ihre eigenartige Gemeinschaft zuzugestehen. Der Nationalsozialismus hat richtig erkannt, daß die Judenfrage nicht individualistisch zu lösen ist. Nicht als Einzelner kann der Jude in dem nationalsozialistischen deutsehen Staat seinen Platz finden; die jüdische Gemeinschaft als solche muß ihr Lebensrecht erhalten. Daß nur diese korporative Eingliederung der Juden in den Staat der Logik des Nationalsozialismus entspricht, betont auch Dr. Wilhelm Stapel in der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“. Durch eine derartige Regelung würde der Welt bewiesen, daß, ohne Verletzung der nationalsozialistischen Prinzipien, die von dem Reichskanzler in seiner berühmten Reichstagsrede proklamierten allgemeinen Grundsätze auch auf die Juden Anwendüng finden können, und cs wird den deutschen Minderheiten im Ausland, mit denen zahlreiche internationale Politiker die deutsche judenfrage zu verquicken suchen, die Situation wesentlich erleichtert. In diesem Sinne muß unseres Erachtens das Judenproblem in dem gegenwärtigen neuen Stadium der nationaien Revolution leidenschaftslos betrachtet werden, mit dem Wunsche, die allzu vielen Schwierigkeiten, die dieses Problem bereits hervorgerafen hat, abzubauen. Zur Rassenpoliiik Der ״Volk. Beob.“ vom 24. d. M. meldet: Am kommenden Mittwoch tritt der seinerzeit vom Reichsinnenminister eingesetzte r as s e n pol i 11 s c 11 e Beirat beim Reichsinnenministerium zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammen, in der insbesondere die mit der neuen Beamtengesetzgebung zusammenhängenden rassenmäßigen Fragen zur Erörterung stehen werden. Besondere Bedeutung erhält die Sitzung durch die Teilnahme des Reichsinnenministers Dt. Fr ick, der bei dieser Gelegenheit umfassende grundsätzliche Ausführungen zur Rassenfrage unter staatspolitischem Gesichtspunkt machen wird. Den Ausführungen des Reichsinnenministers muß mit um so größeren Erwartungen entgegengesehen werden, als gerade in der Rassenfrage in der letzten Zeit eine Reihe von Aeußerungen zuständiger amtlicher Personen vorliegen, die eine ruhigere Betrachtung der Dinge ermöglichen. So hat z. B. der Ministerialrat Dr. Conti in einem Vortrag vor der Berliner Presse sich sehr entschieden dagegen ausgesprochen, daß man die Juden als minderwertige Rasse diffamiert. Er erklärte, die Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß die Juden keine minderwertige, sondern eine andersartige Rasse seien. Dr. Conti hat ferner auch den Rassenhaß verurteilt. Die neue Stellung der Juden solle, so sagte er, keine Repressalie oder Bestrafung, sondern Schutz der beiderseitigen Volkstümcr vor verhängnisvollen Vermischungen sein. Auch der Rektor der Berliner Universität und Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie Dr. Eugen Fischer hielt einen Vortrag über das Thema ״Die biologischen Grundlagen der Bevölkerungspolitik im neuen Staat“, in dem er u. a. erklärte, die deutsche Kultur könne nur weitergeführt werden, wenn die Bestandteile der Rasse erhalten und minderwertige Rassenzusätze fern gehalten werden. Die jüdische Rasse könne nicht als minderwertig bezeichnet werden, doch sei eine frcmdrassi|;e Beeinflussung vom völkischen Standpunkt abzulehnen. Damit erkläre sich die Bevölkerungspolitik des neuen Staates, nach deren heutiger Einrichtung sich die Zukunft des deutschen Volkes entscheiden werde. Wenn man an diesen Grundgedanken festhält, dann sind wir überzeugt, daß sich auch für die Stellung der Juden im neuen deutschen Staat eine erträgliche Formel finden wird. Daß diese Stellung nicht so sein wird, wie sie im liberalen Staat war, der keine Rassen- und Stammesunterschiede anerkennen wollte, versteht sich von selbst. Das verstehen auch vernünftige Juden. Wir glauben, daß heute bereits diejenigen Juden, die ihre Bemühungen auf eine Wiedererlangung der formalen individualistischen Gleichberechtigung des liberale« Staates richten, in der Minderheit sind. Aul ■dem Boden des neuen, den Rassenstandpunkt beiahenden Staates kann die Judenfrage befriedigend nur durch eine Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft als solche gelöst werden. Der Jude wird zwar dann als Jude charakterisiert sein, er wird nicht einfach ״ein Deutscher unfer anderen Deutschen“ sein können (was er in der liberalen Aera gern zu sein vorgab), aber er wird dafür befreit aufatmen können, weil er nichts zu verbergen hat, weil er sich zu seinen Vätern und Vorvätern bekennen kann, weil jeder diese seine Zugehörigkeit wissen wird; und dieser Jude wird dann auch trotz aller Einschränkungen und Kränkungen stolz erhobenen Hauptes einhergehen. Aus Italien. Ein Leser unseres Blattes übersendet uns mehrere Briefe aus Italien, in denen, mitgeteiit wird, daß einige deutsche Juden in Mailand bereits Arbeit und Unterkommen gefimden haben. Angehörige der freien Berufe dürfen nur beruflich tätig sein, wenn sie in Italien das Staatsexamen abgelegt haben. In jeder größeren Stadt sind Hilfskomitees gebildet worden, meist auch Hilfskomitees für Studenten. Die Adresse in den einzelnen Orten lautet: Comitato di soceorso presso la Comunitä Israelitica; in Mailand: Comunitä Israelitica di Milano Comitato de soceorso, Via Amedei 3. Weiter heißt es u. a. in dem Brief: ״Die Frage der jüdischen S c h u 1 e ist für Mailand gelöst. 158 Schüler sind dieses Jahr angemeldet worden. Die Schule ist ln eigenem Gebäude untergebne!^ öl schönes dreistöckiges Haus mit Garten,“ Der Mord uon Tel-Awiw Die Uniersudiung im Gange Stavsky weist Alibi nach? Die Nachrichten über die Verhaftungen im Zusammenhang mit dem Mord an Dr. Arlosoroff haben natürlich überaus heftige Leidenschaften in der jüdischen bzw. zionistischen Welt auflodern lassen. Die Nachricht, daß der Hauptbeschuldigte zur revisionistischen Partei gehört, hat große Spannungen hervorgerufen. Zwar fällt es natürlich niemandem ein, die revisionistische Partei für dieses Verbrechen verantwortlieh zu machen, aber bei Anschlägen auf politische Personlichkeiten ist es unvermeidlich, daß in der Oeffentlichkeit auch politische Momente und Gefühle eine Rolle spielen. Die Revisionisten haben in Palästina und in verschiedenen anderen Ländern sich gegen die Beschuldigungen verwahrt. Die zuerst mit großer Bestimmtheit verbreitete Nachrieht, daß S t a v s k y als einer der beiden Mörder identifiziert wurde, ist durch die neueren Nachrichten wieder etwas abgeschwächt worden. Es heißt, daß Stavski zwar verdächtig ist, aber da er seine Schuld bestreitet und einen Alibi-Beweis zu führen beabsichtigt, so scheint die Sache noch ungeklärt. Es ist daher erforderlich, während des Ganges der Untersuchung die Leidenschaften zu dämpfen und weitere Ergebnisse abzuwarten. Man kann im übrigen überzeugt sein, daß ein großer Personenkreis in Palästina an der Aufdeckung der Angelegenheit interessiert ist und auch die Polizei mit aller Energie den Spuren der Mörder nachgehen wird. An weiteren Meldungen liegt vor: Jerusalem, 22. Juni. (J.T.A.) Die Polizei hat In Tel- Awiw in Zusammenhang mit der Ermordung Dr. Arlosoroffs eine zweite Verhaftung vorgenommen. Der Verhaftete heißt Samuel Ben Mordechal, soll Kommunist sein und sieht dem zuerst festgenommenen Revisionisten Abraham Stavsky außerordentlich ähnlich. (Diese Darstellung der JTA. wird von in Berlin weilenden Palästlnensern. die beide Personen kennen, bestritten. Es 8011 keine Aehnlichkeit zwischen den beiden bestehen. — A. d. R.) Die bald nach der Verhaftung Stavskys seitens der Polizei abgegebene Erklärung, der Verhaftete sei Kommunist, wird auf eine Verwechslung mit einem in Tel-Awiw wohnenden bekannten Kommunisten gleichen Namens zurückgeführt. Jerusalem, 23. Juni. (J. T. A.) Eine Anzahl von Personen in Jerusalem erklären, den festgenommenen Abraham Stavsky am Freitag, abends um 7.30 Uhr, und am Sonnabend, vormittags 11 Uhr, in Jerusalem gesehen zu haben. Hinsichtlich der Zwischenzeit — Dr. Arlosoroff wurde bekanntlich am Freitag, den 16. Juni, 11 Uhr abends, in Tel- Awiw ermordet — konnte bisher für Stavsky kein Alibi nachgewiesen werden. Es sind keinerlei Mitteilungen darüber zu erhalten, wo er die Nacht zugebracht hat. Mehrere Personen in Tel-Awiw erklären, sie hätten Stavsky am-Tag des Begräbnisses Arlosoroffs auf einem Balkon eines Hauses in der Alienby Street ln Tel-Awiw gesehen, wie er photographische Aufnahmen machte. Frau Arlosoroff hat auf Veranlassung der Polizei in der Leichenkammer des Regierungshospitals zu Jerusalem die in der Nähe von Kirjath Anawim gefundene Leiche eines jungen Mannes in Augenschein genommen, vor! dem die Polizei annimmt, daß er mit der Mordtat irgendwie in Zusammenhang stand. Frau Arlosoroff konnte keine Aehnlichkeit der Leiche mit einem der beiden Männer, die den Ueberfall verübten, feststellen. Zur Agnoszicrung des unbekannten Toten wurden auch Mitglieder der Agency-Exekutive und des Waad Leumi in das Spital gerufen, doch konnten diese die Identität des Toten nicht feststellen. Warschau, 23. Juni. (J.T. A) Die Mutter Abrah a m S t a v s k y s, Frau Ita Stavsky aus Brest-Litowsk, sprach im polnischen Außenministerium vor, um dafür zu danken, daß der polnische Konsul in Tel-Awiw einen Verteidiger für ihren Sohn beistclltc, als dieser vor den Richter gebracht wurde und zu bitten, daß ihm weiterhin Rechtshilfe geboten werde. Frau Stavsky erhielt die Zusage, daß dem polnischen Konsul entsprechende Instruktionen gegeben werden würden.; Frau Stavsky erklärt, sie wolle gegen die Warschauer jiddische Tageszeitung ״Najer Hajnt“, die ihren Sohn als den Mörder Dr. Arlosoroffs bezeichnet hatte, gerichtliehe Schritte unternehmen. Jerusalem, 26. Juni. (J. T. A ) Abraham Stavsky wurde von Tel-Awiw ins Hauptgefängnis nach Jerusa- 1 e m übergeführt und in einer Einzelzelle untergebracht. Durch Vermittlung seines Verteidigers erhält er rituelle Verpflegung aus einem Jerusalemer Restaurant. Von den drei Männern, die Stavsky als Zeugen dafür geführt hat, daß er die N acht vom 16. zum 17. Juni im Hotel Turgemann in Jerusalem zu gebracht hat, wurden zwei vernommen, der dritte konnte noch nicht steliig gemacht werden. Einer der beiden Zeugen bestätigt die Behauptung Stavskys, der andere widerspricht ihr. Das Rätsel des bei Kirjath Anawim gefundenen Toten ist noch nicht gelöst. Die Identität des Toten wurde noch nicht festgestellt, obwohl photographische Abbildungen der Leiche in sämtlichen Zeitungen veröffentlicht wurden. Es mehren sich die Verdachtsmomente hinsichtlich eines Zusammenhanges zwischen dem Toten und den Mördern Dr. Arlosoroffs. Die Polizei hat ein besonderes Büro zur Untersuchung des Mord- {alles eingerichtet. _ » Int' englischen Unterhause richtete der Abgeordnete der nationalen Arbeiterpartei R. D. Denman an den Minister für die Kolonien die Frage, ob er im Besitze von Informationen betreffend die Ermordung Dr. Arlos o r 0 f t s in Palästina sei und ob er dem *Hause hierüber Mitteilungen machen könne, im Namen des Kolonienministers gab der Lord Commissloner of the Treasury Womershy eine Schilderung der unseren Lesern bekannten Ereignisse. Acht Meir wegen Widersetzlichkeit verurteilt Der w׳egen Widersetzlichkeit gegen die Polizei anläßlich der in seiner Wohnung, die er gemeinsam mit Stavsky bewohnte, durchgeführten Haussuchung vor einigen Tagen festgenommenc Führer des revisionistischen Zentralkomitees Palästinas (Jabotinsky,•Richtung) Acht Meir .wurde wegen Widerstands gegen die Polizei bei der Durchführung einer Amtshandlung zu einer Geldstrafe von einem Pfund und Ersatz der Kosten verurteilt. * Ungeachtet des von den zionistischen Arbeiterführern veröffentlichten Aufrufs, der sich gegen Repressalien oder Racheakte gegen Revisionisten wendet, ist es in einer Reihe polnischer Städte wie Lodz, Kielce, Sosnowice u. a. zu Zusammenstößen zwischen linksstehenden Zionisten und Revisionisten gekommen. Zusammenstöße in Polen Warschau, 26. Juni. (J. T, A.) Bei dem in Lublin abgehaltenen Kreistag der Abteilungen des Brith Trumpeidor aus der Lubliner Wojwodschaft ist es zu bluti gen Ztisammenstößen zwischen den Teilnehmern der Tagung und Bundisten, die Flugblätter ihrer Partei verteilten, gekommen. Es entwickelte sich ein Kampf, dem erst durch das Einschreiten der Polizei «in Ende gemacht werden konnte. Vierzehn Mitglieder des Brith Trumpeidor und 3 Bundisten wurden verletzt. Einige Schwerverletzte, unter ihnen ein revisionistisches Mädchen, das mehrere Messerstiche erhalten hatte, mußten ins Krankenhaus gebracht werden. Auf beiden Seiten wurden Verhaftungen vorgenommen. Trauerfeiern ferusalem, 22. Juni. (J. T. A.) Im Büro der Pa■ lästina-Exekutive der Jewish Agency fand eine Trauerfeier für Dr. Arlosoroff statt, bei der die Mitglieder der Exekutive, Farbstein und Dr. Hexter, ferner Herr Wilkansky und der Sekretär der politischen Abteilung der Palästina-Exekutive, Schertok, Ansprachen hielten. Dr. Hexter kündigte an, daß die Jewish Agency für die dauernde materielle Sicherstellung der Familie Dr. Arlosoroffs Sorge tragen werde. Von der britischen Arbeiterpartei war ein Kondolenzschreiben eingetroffen. Eine Delegation transjordanischer Scheichs, unter ihnen Mitqal Pascha, der Führer der transjordanischen Bewegung, die den Ausbau der transjordanischen Wirtschaft in Kooperation mit den Juden anstrebt, ist im Büro der Palästina-Exekutive der Jewish Agency erschienen, um dieser ihr Beileid anläßlich des Todes Dr. Arlosoroffs auszusprechen. Die transjordanischen Scheichs brachten die Hoffnung zum Ausdruck, daß die von Dr. Arlosoroff aufgenommenen Bemühungen, eine jüdisch-transjordanische Annäherung herbeizuführen, keine Unterbrechung erleiden werden. Dieriäuptlänge des Kerak-Gebietes in Transjordanien, das für jüdische Bodenkäufe in Aussicht genommen war, haben ihr Beileid telefonisch ausgesprochen. In London fand, wie uns von dort berichtet wird, am 19. d. M. im Sitzungssaal der Jewish Agency eine Feier statt, bei der der Präsident der Jewish Agency Sokolow, ferner das Mitglied der Exekutive Prof. Brodetsky, der Vertreter der Arbeiterpartei L.. Sch k o 1 n i k und der Amtsvorgänger Arlosoroffs Col. F. H. Kisch Ansprachen hielten. Die Allgemeine Jüdische Arbeiterorganisation Palästinas Hist&druth-Haovdim hat beschlossen, ein großes Kolonisaiionswerk zum dauernden Gedächtnis Dr. Arlosoroffs in Anriff zu nehmen. Einzelheiten des Planes werden gegenwärtig eraten. Die Stadtverwaltung von Tel-Awiw hat beschlossen, eine der neuen Straßen der Stadt nach Dr. Arlosoroff zu benennen. Bisher haben sechs Arbeitersiedlungen eine neue Bezeichnung angenommen, die den Vornamen Dr. Arioroffs enthält. Die Hebräische Universität Jerusalem hat zum Andenken an Dr. Arlosoroff eine Arlosoroff-Abteilung in der Universitäts-Bibliothek geschaffen. Die Abteilung wird die Werke über Kolonisationsprobleme enthalten, mit denen Dr. Arlosoroff vorwiegend beschäftigt war. Noch immer treffen zahlreiche Beileidsschreiben und Sympathiekundgebungen aus aller Welt in Palästina ein. Die Berliner Trauerfeier Die Trauerfeier In Berlin am Montag Abend in der Philharmonie gestaltete sich, wie uns nach Schluß des Blattes gemeldet wird, zu einer imposanten, tief ergreifenden Kundgebung der Freundschaft und der Verbundenheit mit dem Toten. Der große Saal war so überfüllt, daß lange vor Beginn die heranströmenden Massen der Trauergäste wegen Platzmangel abgewiesen werden mußten; die Polizei sorgte mit großer Umsicht und Rücksicht für Ordnung, und es verdient hervorgehoben zu werden, daß eine derartig von mehreren Tausenden besuchte jüdische Veranstaltung m Berlin in voller Ruhe vor sich gehen kann. Ein sehr großer Teil der Versammelten waren Jugendliche. Dr. Georg Landauer begann seine Rede mit der Bemerkung, noch nie sei ihm eine Rede so schwer geworden wie diese Worte des Gedenkens an einen nahestehenden Freund. Man müsse die Gefühle unterdrücken und in Selbstzucht Rückschau halten auf das Leben, das so grausam beendet wurde. So entwarf er vor den lauschenden Zuhörern das Lebensbild Arlosoroffs und zeichnete alle Phasen seines Wirkens nach. Kurt Blumenfeld zeigte die seelischen Ursprünge, aus denen Arlosoroffs Zionismus entstand; an seinem Beispiel wies er nach, wie der Zionismus in Zeiten, wo noch kein äußerer Druck nachhalf, idealistische Menschen zu pakken vermochte. Die beiden Reden waren von edlen musikalischen Vorführungen des Orchesters der jüdischen Musi• ker-Vereinigung unter der bewährten Leitung von Michael Taube würdig umrahmt. Das ״El Mole Rachanim“ sang mit tiefer Empfindung Oberkantor Q o 11 a n 1 n. Die Vereinigung für das liberale Judentum e. V. (Berlin) hat an die Zionistische Vereinigung für Deutschland nachstehenden Brief gerichtet: Hochgeehrte Herren! An dem außerordentlichen Verlust, den die zionistische Sache und die Freunde Dr. Chajim Victor Arlosoroffs durch den gewaltsamen Tod dieses hochgeachteten und bedeutenden Führers erlitten haben, nehmen wir mit allen Juden der Welt herzlichen Anteil, lieber alle weltanschaulich trennenden Fragen steht in dieser Stunde das Gefühl, daß von einem der wichtigsten Posten, den die Judenheit der Welt zu vergeben hat, ein Kämpfer und Führer hinweggerissen worden ist, dessen Bedeutung Freund und Gegner gleichmäßig anerkennen müssen. Wir bitten Sie, unsere aufrichtige Anteil• nähme entgegenzunehmen und auch der Familie des Ermordeten auszusprechen, daß wir mit ihr den Heimgegan״ genen tief betrauern. Wir begrüßen Sie in aufrichtiger Hochächtung und brüderlichen Grüßen. Vereinigung für aas liberale Judentum e. V« gez.; Heinrich Stern, Rechtsanwalt, Vorsitzender.

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