Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1933)
- Date
- 1933-06-23
- Page
- Seite 275 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653777--23808-2686717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Persönliche Bekenntnisse zur Judenfrqge Einzelnummer RM 0,35 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljährlich 5,'75Reichsmark. Avslandsabonnament* werden in der WShpjng der einzelnen Ltmfer berechnet. Anzeigenpreis: 8 gespaltene Nonpateiljezdiie 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 AM Nummer Sjjx'־' I Berlin, 23. VI. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen *Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b. HL, Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag and Freitag nachmittag• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Po s tsc hec k K o n te n: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 6S0 32, Brüssel 39433, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155, Strafiburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank Konten: Dresdener Bank, Depositen.Kasse Berlin, Kurfürstendamm 5i Rumänisch« Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Anglo Palestin• Co. in Haifa. Jerusalem, Tel-Aviv. כ״ט סיוד תרצ״ג JjCXXVIILJahr^ Par awHato erstreb« tOr da« JOdlsehc Volle die Schaffung alner Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Pajftstln«. ״Baseler Programm.“ Der Täter verhaftet Ein Revisionist namens Abraham Stawski Die Histadruth mahnt zur Ruhe Die furchtbare Mordtat in Palästina, der Dr. Arlosoroff zum Opfer fiel, hat bereits ihre Aufklärung gefunden. Unter dem Verdacht des Mordes wurde ein Jude, und zwar der Revisionist Abraham Stawski aus Brisk (Polen) verhaftet. Der Verhaftete stand in engen Beziehungen zu der sogen. ״Aktivisten-Gruppe“ der extremistischen Revisionisten, deren Führer Achi-Meir gleichfalls festgenommen wurde. In Palästina hat die Entdeckung des Mörders große Erregung hervorgerufen. Zu Ruhestörungen ist es jedoch nirgends gekommen. Nachstehend die vorliegenden Berichte: Sonntag bereits hat die Polizei in Tel-Awiw einen Mann unter dem dringenden Verdacht des Mordes an Dr. Arlosoroff verhaftet. Der Name des Verhafteten wurde von der Polizei zunächst geheimgehalten. Auch Uber seine Parteistellung und die mutmaßlichen Motive seiner Tat wurden keine offiziellen Angaben gemacht. Es verbreitete sich das Gerücht, daß es sich um einen bekannten kommunistischen Agitator handle. Die Nachricht von der Verhaftung des mutmaßlichen Titers hat bei der jüdischen Bevölkerung ungeheure Aufregung ausgelöst, die sich ins Maßlose steigerte, ais bekannt wurde, daß Frau Arlosoroff den Verhafteten als einen der beiden Männer, die den Ueberfall auf ihren Gatten verübt haften, agnosziert habe. Um einem Irrtum bei der Identifizierung des Mörders vorzubeugen, wurde dieser Frau Arlosoroff nicht allein, sondern zusammen mit dreizehn anderen willkürlich ausewählten jungen Leuten vorgeführt. Mit voller Bestimmtheit ezeichnete Frau Arlosoroff bei dieser Vorführung den von der Polizei Verdächtigten als den Mörder ihres Mannes. Der Verhaftete, ein gewisser Abraham Stavsky, der sich in Palästina Kaspl nannte, stammt aus Brest-Litowsk. Er war erst vor drei Monaten aus Polen, wo er dem B r 11 h Trumpeldor angehörte, nach Palästina gekommen und beabsichtigte, demnächst nach Polen zurückzukehren, mit dem Auftrag, dort Abonnenten für die revisionistische Wochenschritt ״Chazit Haam" zu werben. Er hatte vom Direktor dieses Blattes eine Vollmacht für diese Aktion und am vergangenen Mittwoch vom polnischen Konsulat in Tel-Awiw ein Visum für die Reise erhalten. Als Korrespondent des ״Chazit Haam“ besaß er gleich allen palästinensischen Journalisten eine von der Presseabteiiung der Regierung ausgestellte Presselegitimation. Er hatte sich auch — allerdings scheinbar erfolglos — um die Erteilung eines Rückreisevlsums nach Palästina durch die Palästina-Regierung bemüht. Der Verhaftete soll identisch sein mit dem Mann, der bei der Tat mit der elektrischen Taschenlampe Arlosoroff ins Gesicht geleuchtet und ihn dadurch geblendet hat. Der andere Mann, der die Schüsse abgab, scheint noch nicht gefunden zu sein. Es sind freilich Gerüchte verbreitet, daß die Polizei noch eine Verhaftung vorgenommen hat, über die bisher Stillschweigen bewahrt wird. In Tel-Awiw hatte Stavsky gemeinsam mit dem radikalen revisionistischen Agitator Achi-Meir ein Zimmer bewohnt. Im Zusammenhang mit der Verhaftung Stavskys führte die Polizei in der Wohnung Achi-Melrs eine Haussuchung durch. Achi-Meir protestierte stürmisch gegen diese polizeiliche Maßnahme, er erklärte, dies sei ein vorbedachter Versuch, die Nachforschungen nach den Urhebern des Attentats auf die Juden statt auf die Araber zu richten. Daraufhin wurde Achi-Meir wegen Widersetzlichkeit verhattet. Versuche seiner politischen Freunde, gegen Erlag einer Sicherstellung seine Freilassung zu bewirken, blieben erfolglos. Der Allgemeine Jüdische Arbeiterverband Palästinas hat an seine Mitglieder den Apaell gerichtet, jegliclie Reaktion auf die Nachricht von der Identifizierung des Mörders Arlosoroffs zu vermeiden. * Arlosoroffs letzte Stunden Donnerstag, am 22. d. M., sind in Berlin durch Flugpost die ersten brieflichen Nachrichten und Zeitungen aus Palästina eingetroffen. ״Da war“ erschin noch unmittelbar nach Sabbath-Ausgang am 17. Juni nachts mit einer genauen Schilderung des Hergangs des Verbrechens und mit einer Reihe von Kundgebungen, sowie Anordnungen zum Begräbnis. Aus der Darstellung, die im wesentlichen den von uns in der vorigen Nummer veröffentlichten Bericht bestätigt, geht hervor, daß Arlosoroff nach dem Attentat noch mehrere Stunden gelebt hat und bei vollem Bewußtsein war. Er vermochte sich mit Hilfe seiner Frau aufzurichten und einige Schritte in der Richtung zur Stadt zu humpeln, bevor es gelang, Leute herbeizurufen, die dann den Transport ins Spital arrangierten. Auf dem Transport litt der Verwundete starke Schmerzen, aber immer wieder vermochte er die, Augen aufzuschlagen und sich klar zu äußern. Als man ihn nach Einzelheiten fragte, antwortete er: ״Ich werde Euch schon alles erzählen.“ Im Krankenhaus besuchte ihn als einer der ersten der Bürgermeister von Tel-Awiw, Dizengoff, zu dem Arlosoroff sagte: ״Sehen Sie, Herr Dizengoff, was man mir getan hat! Man hat auf mich geschossen!“ An seinen Schwager, Dr. Rosolio, richtete er Fragen nach dem Befinden seiner Frau und bat auch, wichtige Dokumente, die er bei sich hatte, in Verwahrung zu nehmen. Er unterhielt sich auch noch mit der Krankenschwester, die er von früher kannte und fragte sie nach ihrer Arbeit. Während die Vorbereitungen zur Operation getroffen wurden, versammelte sich vor dem Krankenhaus eine riesige Menschenmenge. Fünf leitende Aerzte waren zum Konsilium versammelt. Nach der Operation erwachte der Verwundete noch aus der Narkose, bald darauf trat jedoch das Ende ein. Die Polizei nahm sofort die Nachforschungen auf und verfolgte unter Beleuchtung durch Lux - Lampen die Spuren der Täter. Sonntag Vormittag war die Leiche im Hause der Arbeiter- Organisation aufgebahrt. Zehntausende Menschen defilierten vor dem Toten. Um 11 Uhr vormittags fand dann das Begräbnis statt, dem sämtliche hohen zivilen und militärischen Beamten, das diplomatische Korps, der anglikanische Bischof, der arabische Bürgermeister von Jerusalem sowie eine unabsehbare Menge von Juden teilnahmen. Der High Commissioner und Lady Wauchope waren, einem Bericht der ״Times“ zufolge, anwesend. Besonders hervorgehoben wird die Teilnahme des deutschen Konsuls. Zahlreiche Kränze wurden am Grabe niedergelegt, darunter einer von arabischen Arbeitern. Aus der ganzen Welt laufen bei der Exekutive der Jewish Agency und bei der Arbeiter- Organisation Kondolenzdepeschen ein. Eine Siedlergruppe in Wadi Chawarith hat beschlossen, ihre Siedlung zum Andenken an Arlosoroff ״Giwath Chajim“ zu nennen. in allen größeren Städten wurden bereits Trauerfeie r n abgehaifen. Die Londoner Exekutive veranstaltete eine Trauersitzung unter Vorsitz von Sokolow. Jerusalem, 19. Juni. (J. T. A.) H. Farbstein und Dr. H e x t e r haben gemeinsam die Leitung der politischen Abteilung der Palästina-Exekutive, die Dr. Arlosoroff bisher inne hatte, übernommen. Farbstein hat seine beabsichtigte Reise nach Polen verschoben. TRAUER-FEIER für Chajim Arlosoroff Locatelll, Trauersymphonie Orchester dar Gemeinschaft Jüdischer Musikerunter Leitung v. Michael Taubo El male rachamlm 1 Oherfcant. Gellanin Ansprachen: Kurt Blumenfeld / Georg Landauer Orchester; Haydn, Symphonie E-Dur Grofler Saal der Philharmonie Montag, den SS. Juni KM, punkt S,30 Uhr abends Die SaaltOren werden vor Beginn des Orchesterstockas geschlossen Karten zu RM 0,S0, 1,- und 2,-. Für Mitglieder zionistischer JugendbQnde RM 0,20 im Büro der B. Z. V, und Im BOro d. Misrachl, N, Rosenthaler Str. SB BERLINER ZIONISTISCHE VERilHIBUHB Bange Frage Tiefgebeugten Hauptes stehen wir vor dem Unglück, das das ganze jüdische Volk betroffen hat. Was schon nach den ersten Nachrichten fast sicher erscheinen mußte, kann heute kaum mehr bezweifelt werden: Arlosoroff ist durch jüdische Hand cvmordet worden. Das jüdische Volk in seiner Erneuerungsbewegung hat zwei schwere, fast unerträglich schwere Schläge auf einmal erlitten. Es hat einen seiner besten und fähigsten Männer und Führer verloren, und es ist moralisch schwer belastet durch die Tat eines — jüdischen Mörders. Ein Schaudern geht durch die ganze Judenheit. Das Judentum verabscheut den Mord, er ist ihm fremd, man empfindet diese Tat als etwas Siunloses, Qespenstisches, Dämonisches. Wir fühlen: mitten in schweren Sorgen, die die Judenheit erfüllt, an einem Wendepunkt unseres geschichtlichen Seins, ist uns die vielleicht schwerste Prüfung, die uns überhaupt ereilen konnte, auferlegt worden. Die Frage ist auf allen Lippen: wie so etwas möglieh war? Zwar wußte man, daß innerhalb der revisionistisehen Gruppe, die sich vom Zionismus abgespalten hatte, eine Schar hysterischer Fanatiker ihr Unwesen treibt, aber es gab viele, die auch diese Erscheinung zu entschuldigen wußten und meinten, jede jugendlich dahinstürmende Bewegung müsse auch solche Eiemente bei sich haben und verdauen können. Die ernsten Zionisten haben die hierin liegende Gefahr längst erkannt. Wenn der Revisionismus von uns mit aller Schärfe abgclehnt und bekämpft wurde, so geschah dies nicht darum, weil er über diese oder jene Frage politischer Taktik ariderer Meinung war, sondern weil sich in seinen Reihen eine vom echten Judentum losgelöste, aus falscher Kopiersucht entstandene und durch eine bombastische Phraseologie die jugendlichen Gehirne verwirrende ungeistige Haltung breitmachte, die wir als größte Gefahr und Schande empfanden, weil sie die ganze jüdische Natior.albewewgung zu diskreditieren geeignet war. Um der Gerechtigkeit willen muß festgestellt werden, daß auch in den Reihen des Revisionismus selbst die terroristische Gruppe entschiedene Gegner fand, und die damit zusammenhängenden Differenzen sind es nicht zuletzt gewesen, die zu einer Spaltung des Revisionismus geführt haben. Aber in dieser Stunde der tiefen Trauer und Bestürzung wollen wir nicht Parteistreitigkeiten entfachen und organisatorische Verantwortlichkeit suchen; es geht um viel wichtigeres, es geht nicht um die formelle und organisatorische, sondern um die geistige Verantwortlichkeit. Und hier sind die Schüsse von Tel- Awiw ein Menetekel, das uns alle, den ganzen Zionismus, das ganze jüdische Volk zur Verantwortung und Selbstbesinnung aufruft. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Juden in vielen Ländern Zeugen politischer Wirren und heftiger innerpolitischer Kämpfe gewesen. Gegenüber allem, was wir mitansehen mußten, empfanden wir Nationaljuden es als unsere Sendung, auf dem Boden der Väter ein besseres, reineres Volkstum aufzubauen. Unser Nationalismus sollte ein geistiger, ein schöpferischer Nationalismus sein, der die Mittel der Gewalt, des Druckes und des Terrors ablehnt. Wir wollten in Palästina unser Verhältnis zu dem ar?^־'״״ *' die Basis fruchtbarer Kooperati tolitische Kämpfe mit geistigen 1 in den