Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1933)
- Date
- 1933-06-20
- Page
- Seite 269 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Audi unsere Rasse sei heilig! Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. Auslands« bonaementa werden in der W&hruag der einzelnen Lander berechnet. AnzMtgenprsis: 8 gespaltene Nonpereilleieile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15,Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigensehl ui: Dienstag und Freitag nachmittags 4 LJhr Postscheck K osten: Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brussel 394 33, Budepe« 596 93. Dum« 1973, Haajj 140 470. Prag 59410. Riga 4155. SaaShurg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156030 Bank Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurlürstendatw» 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haila.?erusalem, Tel-Aviv. Nummer 49^ | Berlin, 20. VI. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mi ttwoch nachmittag. כ״ו סירן תרצ״ג | xxxvm. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für des Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*• Chajim Arlosoroff ermordet Freitag Abend wurde In Tel -Awiw bei einem Spaziergang am Strand der Leiter des politischen Departments der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, Dr* Chajim Victor Arlosoroff, von unbekannten Tätern überfallen und durch Revolverschüsse getötet. Die Mörder sind entkommen. Schwerer Verlust Ein furchtbares, sinnloses Verbrechen hat uns einen unserer besten Führer und fähigsten Mitarbeiter entrissen. Wie stets in solchen Fällen, wenn eine Kata- Strophe gänzlich unerwartet über uns hereinbricht, stehen wir fassungslos vor der Grausamkeit eines Geschicks. Wir haben einen teuren, lieben Freund verloren, einen Mann von außerordentlichen Gaben und allgemeinem Ansehen, einen Mann, dessen ganzes Sinnen und Trachteil, dessen heiße innere Leidenschaft und unermüdliche Arbeit nur dem Wohie und der Erhebung des jüdischen Volles gewidmet war. Noch liegt ein Dünkel darüber, welchen Motiven diese Wahnsinnstat entsprungen ist; es wäre in dieser Stunde der Erregung nicht am Platze, Vermutungen darüber anzustellen; immerhin wird man annehmen müssen, daß politische Zusammenhänge vorliegen. Ein prominenter Politiker wird stets Gegenspieier finden, und die Geschichte aller Zeiten lehrt uns, daß politische Führer auch persönlichen Gefahren ausgesetzt sind. Wir glauben freilich ein allgemeines jüdisches Empfinden auszusprechen, wenn wir sagen, daß vom Judentum der Mord in jeder Form, auch der politische Mord, aufs tiefste verabscheut wird. Noch wissen wir nicht, wer die Mörder waren; aber das Eine wissen wir: daß wir Chajim Arlosoroff verloren haben. Und dies ist fürwahr ein unersetzlicher Verlust für unsere Bewegung. ״Unersetzlich“ ist hier keine Phrase. Wir haben in der Bewegung keinen zweiten Mann dieser Eigenart und dieses Ranges. Arlosoroff hatte sich in sehr jungen Jahren bereits zu einer Führer- Position aufgeschwungen, und seitdem er vor zwei Jahren in die Palästina-Exekutive der Jewish Agency gewählt und zum Leiter des Politischen Departements gemacht wurde, hat er sich in allen Kreisen der Bewegung bewundernde Anerkennung errungen, auch bei denen, die ihr! anfangs aus parteimäßigen Gründen ablehnten oder bei solchen, die aus persönlichen Gründen Zweifel an seiner Eignung zu solchem Amt hatten. Aus persönliehen Gründen: denn obwohl niemand Arlosoroffs große Begabung, seine erstaunliche Bildung und Sachkenntnis, die Weite seines politischen Horizonts und die Schärfe seines Lhheils verkannte, meinten manche, daß der künstlerisch-bohemienhafte Charakterzug in Arlosoroffs Wesen einer Leitung nüchtern-politischer Agenden abträglich sein würde. Diese Befürchtung erwies sich zwar als falsch, aber sie ist — bei einer etwas oberflächlichen Betrachtung — verständlich. Denn dieser politische Führer war in der Tiefe seiner Seele ein musisch und künstlerisch empfindender Mensch, mit dem über alles geliebten Hölderlin aufgewachsen, offen für alle Schönheit des Lebens und der Welt. Er gehörte zu den Mensehen, die aus dieser ästhetischen und ethischen Empfindsamkeit heraus die Unerträglichkeit der Lage der Juden schon in früher Jugend mit dem ganzen Schmerz und der ganzen Sehnsucht der Verzweiflung empfinden. Wie viele seiner Generation wurde er hingerissen und begeistert von Herzls Vision eines besseren, aufrechten, stolzen Judentums-, diesen ״königlichen Traum“ träumte er mit, alle verborgenen edlen Quellen im jüdischen Volk galt es aufzureißen. Er begriff, daß eine Erhebung aus tiefer Erniedrigung einem Volk nicht geschenkt werden kann, daß sie erarbeitet werden muß, darum stellte er sich in ganz jungen Jahren in Deutschland an die Spitze jener Gruppe, die die Ideen der Gemeinschaft und der Arbeit auf ihr Panier geschrieben hatte. Er bildete damals in Deutschland, in Analogie zu der palästinensischen Arbeitergruppe gleichen Namens, den ״Hapoel Hazair“ (״Jungen Arbeiter“), und im Alter von zwanzig Jahren veröffentlichte er seine Broschüre ״Der jüdische Volkssozialismus“, die der Bewegung die theoretische Grundlage geben sollte. Dieses Buch war vor allem eine Polemik gegen jenen marxistischen Sozialismus, der, indem er seine Dogmatik auch auf die Juden anwende, mit seinen Parolen des Klassenkampfes und des Internationalismus der jüdischen Befreiungsbewegung entgegenstehe, ln Wort und Schrift trat Arlosoroff für seine Ideen ein und dank seiner ungewöhnlichen rednerischen Begabung und seinen schon in früher Jugend hervortretenden Führerqualitäten wurde er bald zu einem Mittelpunkt der zionistischen Kreise Berlins Und insbesondere der zionistischen Jugendbewegung. Ihm ist es zu danken, daß unmittelbar nach dem Kriege ein enger persönlicher und seelischer Kontakt zwischen der jüdisehen Jugend Mitteleuropas und der palästinensischen Arbeiterschaft hergestellt wurde. Er gehörte zu den Anregem der Prager Konferenz von 1920, auf der als Resultat der Vereinigung zwischen Hapoel Hazair, Zeire Zion und den mitteleuropäischen Gruppen der Weltverband ״Hitachduth“ gegründet wurde. Von da an wurde Arlosoroff innerhalb des Zionismus zum Parteiführer, aber er war dies niemals in einem bürokratischen Sinne. Immer suchte er den Kontakt mit dem Leben und besonders mit den noch unentwickelten, politisch ungeschulten und kulturell zurückgebliebenen Volksmassen. Er ging nach Palästina, um im dortigen Arbciterleben persönliche Erfahrungen zu sammeln. Später zog ihn die Politik an; er erkannte blitzartig ein Hauptproblem Palästinas: daß die jüdische bzw. ostjüdische mit den Traditionen des zaristischen Rußland belastete politische Mentalität mit der hiervon höchst verschiedenen englischen Denkungsart zusammenprallte. Zwei Welten standen sich verständnislos gegenüber. Hier galt es Brücken zu schlagen, geistiger Pionier zu sei:. Er vertiefte sich in die Gedankenwelt des englischen Kulturkreises, er vermochte sich nicht nur die englische Sprache perfekt anzueignen, sondern den ungeheuren Schatz an politischer Erfahrung, der in der eigenartigen politrchen Literatur Englands aufgestapelt ist, in sich aufzunehrr.en. In mehrjährigem Aufenthalt inAmerika hatte er Gelegenheit, das Leben der jüdischen Massen von Grund auf kennenzulernen. Und nachdem er auf den Zionistenkongressen durch seine Im Namen der Arbeiterpartei gehaltenen großen Generalreden, die unbestritten als die höchste parlamentarisch-rednerische und intellektuelle Leistung des Kongresses anerkannt wurden, immer stärker als politischer Führer in den Vordergrund getreten war, lag es nahe, ihn schließlieh auch mit dem verantwortungsvollsten politischen Amt zu betrauen. Der Zionismus hatte keine bessere Wahl zu treffen. Die letzten zwei Jahre waren eine Zeit intensivster Aktivität für Arlosoroff. Sein Amtsantritt fiel in eine schwere Krise, als nach dem sogenannten Passficld-Weißbuch eine schwere Verstimmung zwischen England und Zionisten eingetreten war. Arlosoroff, ein treuer und klarsichtiger Schüler Chaim Weizmanns, erkannte die Gefahren, die in einer solchen politischen Konstellation liegen und setzte es sich zur persönlichen Aufgabe, das Steuer herumzuwerfen. Er wußte, daß man in der Politik oft den schwereren und unpopulären Weg mühsamer Entwirrungsarbeit gehen muß. Die Wiederherstellung der guten Beziehungen zu England war sein oberstes Ziel. Er hat es erreicht. Ein neuer High Commissioner, Sir Arthur Wauchope, hat sein Amt in Palästina angetreten; Arlosoroff hat es verstanden, dem neuen Regierungschef Wesen und Bedeutung der zionistischen Be- Strebungen nahezubringen und einen engen persönlichen Kontakt herzustellen. Nach zwei Jahren der Arbeit Arlosoroffs ist die Einstellung der Mandatarmacht zu dem Aufbauwerk des Jüdischen Nationalheims in Palästina eine andere geworden. Wohl haben viele objektive Momente mitgewirkt, um diese Wendung herbeizuführen; das persönliche Verdienst von Arlosoroff aber wird dabei nicht unterschätzt werden dürfen. Arlosoroff war in Rußland geboren, in Deutschland mit deutscher Bildung aufgewachsen; später wurde ihm die englische Welt vertraut, und er ist Palästinenser geworden. In eigenartiger Mischung vereinigte er die Traditionen des russischen, deutschen, englischen und palästinensischen Judentums. Er hatte jenen persönlichen Charme, der die Herzen gewinnt, und die persönliche und charakterliche Sauberkeit, die das Vertrauen der instinktsicheren Masse findet. Man wußte, hier ist ein Mann, der sein ganzes Leben für die Idee, für das Volk einsetzt. Einer dem es nicht lohnt zu leben, wenn er nicht eine bessere Zukunft für das ganze Volk erarbeiten kann. Mitten in diesem Kampf ist er gefallen. Erst vor wenigen Wochen sahen wir ihn in Berlin, die ״Jüdische Rundschau“ hat genau vor vier Wochen, am 23. Mai, eine ausführliche Aeußerung von ihm veröffentlicht, worin er seine Gedanken entwickelte über die Möglichkeiten, den deutschen Juden durch direkte Palästina- Aktion zu helfen. Er sprühte von Plänen, von Tatendrang, von Hoffnungen auf die Zukunft. In dieser Zeit der schweren Not für große Teile des jüdischen Volkes in allen Ländern sah er um so leuchtender das Ideal eines schaffenden und glücklichen Volkes vor sich, dem er sein Leben geweiht hat. Er war frei von Resignation oder Müdigkeit, frei auch von Festkleben an überholten hergebrachten Formen. Er wollte den Zionistenkongreß, den er in seiner jetzigen, vor 35 Jahren entstandenen Gestalt und mit den destruktiven inneren Parteikämpfen für unzeitgemäß hielt, grundlegend reformieren, auch im jüdischen Leben dürfe der überalterte Parlamentarismus nicht einen Hemmschuh lebendiger Entwicklung bilden. Die heutigen Fortschritte in Palästina betrachtete er als eine Krönung der Anstrengungen des jüdischen Volkes, aber doch nur als Anfang. Er träumte von Größerem, von dichter Besiedlung des Landes, moderner Technik, Erhebung auch der arabischen Bevölkerung, Zusammenwirken des national gesund gewordenen jüdischen Volkes mit dem kulturell erwachenden Arabertum des Vorderen Orients, er sah Möglichkeiten, Aufgaben, Arbeit überall. Und dieses reiche Leben ist nun plötzlich abgeschnitten worden. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Schreckensnachrieht in der ganzen Welt bei allen Juden tiefste Trauer