Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1933)
- Date
- 1933-05-03
- Page
- Seite 173 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Pie Katastrophe des ״Berliner Tageblattes* Einzelnummer RM OJIS JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. Autl*n(tsahennrn1c-nn Weiden in Her WähmnK der einzelnen Länder berechnet. Anzeieenpreis: 4 ״eeraltene Nohpareillereile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Nummer 35 Berlin, 3. V. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. in. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10, Telefon: J 1 Bismarck 716570־. An1:elg«nsehlu5: Di«n#t*g and Freit*R ntchmittiE« 4 Uhr Redakrionsschlufi Sonntag und Mittwoch nachmittag. «sei 394 33, Budape« 596 93, D Riga 4155. Straßburg 164 30, > nie-Konten: Dresdener Pank, D manische Kreditbank, Cent».״. (R V 9355, Belgrad 680 32. iten- Kasse Berlin, Kur XXXVIII. Jahrg. Per Zionismus erstrebt »Or das JOdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm,‘■ Zur Schulfrage Die Frage der Begründung jüdischer Schulen und der Versorgung jüdischer Schüler, die von den höheren Schulen jetzt nicht aufgenommen werden, mit Unterricht, ist von größter Aktualität. Alle jüdischen Eltern und auch Juden, die keine Kinder haben, aber um die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft besorgt sind, sehen den in dieser Richtung geplanten Maßnahmen mit gespannter Erwartung entgegen, ln den letzten Tagen sind atarmierende Gerüchte über die Pläne der Berliner Jüdischen Gemeinde in die Oeffentlichkeit gedrungen. Man gewann daraus den Eindrude, daß die zuständigen Stellen der Berliner Jüdischen Gemeinde nicht auf der Höhe der Situation sind und nicht begreifen, worauf es für eine verantwortliche jüdische Körperschaft heute in erster Linie ankommL Man vermißt das lebendige Empfinden für die durch den Umschwung gänzlich veränderten Aspekte. Einige Bemerkungen in dem von uns heute veröffentlichten Aufsatz des Gemeindedirektors Dr. Breslauer, die vielleicht schon als Reaktion auf die hier erwähnte Beunruhigung auf zufassen sind, scheinen erfreulicherweise anzudeuten, daß die Gemeinde ihre Starrheit aufgegeben hat. Aber wir wollen uns nicht vorschnell beruhigen lassen, sondern die Taten abwarten. Es ist vor allem zu fordern, daß die Schulfrage nicht eine Domäne für Wohlfahrts-Instanzen und Verwalter bleibt, sondern einer jüdisch-geistigen Instanz unterstellt wird. Die jüdische Oeffentlichkeit wird sich mit einer zweitklassigen Behandlung dieser Fragen nicht ab finden. Der nachfolgende Aufsatz von Rabbiner Dr. Grünewald zeigt zunächst in großen Umrissen, worum es geht. Red. Die heutige Ausgabe der ״Jüdischen Rundschau1‘ erscheint wegen der Arbeitsruheaml.Mai umeinenTag später. Der Tag der Arbeit Die großartige Feier des 1. Mai als Tag der deutsehen Arbeit hat nicht nur in Deutschland alle Bevölkerungskreise mitgerissen, sondern sicherlich auch in der übrigen Welt ihren Eindruck nicht verfehlt. Es wurde dargetan, daß das neue Deutschland sich im Zeichen friedlicher Arbeit vereinigt und das Vaterland aufbauen will. Die Ehrung der Arbeit ist eine Losung von größter idealer Durchschlagskraft; die Arbeit als Pflicht und Freude statt als Last zu empfinden, vermag nur der Mensch, der nicht lediglich seine persönliche Lage abwägt, sondern sich bewußt ist, Glied eines höheren Ganzen zu sein, dem er dient. Auch die Bcvölkerungsgruppe, für die unsere Zeitung spricht, ehrt die Arbeit und bekennt sich zu ihr. Zwar hat man die Juden jahrhundertelang von den Feldern und Werkstätten der Arbeit verstoßen und sie, wenn sie nicht verhungern wollten, in eigens für sie geschaffene Berufe eingezwängt, aber stets wenn die Mauer sich öffnete, strömten sofort Juden nach den Plätzen, wo sic Ihre Sehnsucht nach Arbeit befriedigen konnten. Das moderne jüdische Problem bestellt zu einem guten Teil daririj Juden (und vor allem dem jüdischen Nachwuchs) den Weg zur Arbeit freizumachen; denn es ist ungerecht, ihnen diesen Weg zu versperren und sie dann als ״arbeitsscheu״ zu bezeichnen. Wir Juden dürfen uns auch an diesem Festtag keiner Täuschung darüber hingeben, daß, wenn man von ״deutscher Arbeit“ spricht, damit auch gesagt sein soll, daß Juden ausgeschaltet sind. Denn das Wort ״deutsche Arbeit“ und ״deutsehe Waren“ erklang uns nicht nur am 1. Mai, sondern auch am 1. April, und man muß uns zugute halten, daß wir in unseren Gedanken den einen Tag nicht ganz von dem anderen trennen können. Diesmal freilich war erfreulicherweise nicht die antijüdische Propaganda mit dem nationalen Festtag verknüpft. Die Merksprüche, die am 1. Mai den Str3ßenschmuck bildeten, klangen anders als die des 1. April. Neben dem edlen und großen Leitspruch ״Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ konnte man diesmal z. B. lesen: ״Es wird in Zukunft nur einen Adel geben: den Adel der Arbeit.“ Nur Adel der Arbeit, nur Wertung der Leistung aiso, ohne Ansehen der Person — so müßte man diesen Satz verstellen. Aiso nicht Adel der Abstammung? Ein Recht, das sich auf den Adel der Arbeit beruft, ist schwer in Einklang zu bringen mit einer Prüfung nach Eltern und Großeltern. Wenn wir dies aussprechen, so bedeutet das nicht, daß wir die Bedeutung der Abstammung verkleinern wollen. Aber wenn Arbeit adelt, dann adelt die Arbeit jeden, weicher Abstammung er auch sei. Wir als Juden wollen unsere Abstammung nicht verbergen; wir sind stolz auf sie und bekennen uns zu ihr. Wir wissen auch, daß sie uns Pfliciiten besonderer Art auferlegt und daß sic auf manchen Gebieten unsere volle Wirkungsmöglichkcit einschrankt. Aber wir ersehnen einen Zustand, wo in voller Anerkennung der Verschiedenheit der Herkunft und des Blutes Menschen in gemeinsamer Arbeit und gegenseitigem Respekt sich die Hände reichen können, in diesem Sinne und nur in diesem, nicht unter Scibsttäuschung und Verleugnung geschichtlicher Gegebenheiten, wünsehen wir unsere Eingliederung i!1 einen neuen mächtigen Staat der deutschen Arbeit. Dies sei uns erlaubt, als unsere Betrachtung zum 1. Mai auszusprechen. Achtung, Leser! Wir haben Sie aufgefordert, unsere vorige Nummer als Werbenummer einem Bekannten zu geben und ihn zum Abonnement der ״Jüdischen Rund* schau“ aufzufordern. Der heutigen Ausgabe der ״Jüdischen Rundschau“ liegt eine Bestellkarte bei. Wir bitten Sie, diese Karte derjenigen Person vorzulegen, die von Ihnen die Werbenummer erhalten hat und dafür zu sorgen, daß die Karte, falls dies noch nicht geschehen ist, unterschrieben an uns abgeht. Jeder Leser der ״Jüdischen Rundschau“ wirbt in dieser Woche mindestens einen neuen Abonnenten I Probenummern stehen auf Wunsch zur Verfügung, Neueintretende (mindestens ein Vierteljahr bestellende) Abonnenten erhalten, soweit der Vorrat reicht, die Aprflnummern oder unsere .Monatsausgabe“ unentgeltlich nachgeliefert. Verlag der Jüdischen Rundschau Berlin W15, MefnekestraRe 10 Prinzipielles and Programmatisches Von Max Grünewald, Mannheim. Das deutsche Judentum steht erst am Anfang seiner Umbildung. Es ist nicht zu verlangen, daß es über Maß und Richtung dieser ihm von außen auferlegten Umbildung jetzt schon sich völlig klar ist. Ebenso utirnöglieh ist der Verzicht auf Führung und Direktion. Es gibt Gebiete, in denen bereits im gegenwärtigen Augenblick die Möglichkeit und die Pflicht der Initiative bestellt, in denen an Stelle der Registrierung eines Notstandes die Organisierung einer Hilfe zu treten hat. Zu ihnen gehört die Einrichtung eines jüdischen Schulwesens in Deutschland. Wir können diese Frage betrachten, ohne uns politischen Mutmaßungen und Pseudo-Prophetien hinzugeben, die mehr die Phantasie als den Willen anregen. Auch das endgültige Ergebnis der Ausführungsbestimmungen zur Schulgesetzgebung ist in dieser Frage nicht entscheidend. Denn nirgends wird es so klar sein wie hier, daß ein Unterschied ist zwischen dem Recht, das man uns beläßt, und dem tatsächlichen Gebrauch, den wir von ihm machen können. Wir begnügen uns daher damit, diejenigen politisehen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zu nennen, die das jüdische Schulwerk treffen, und die in dieser Allgemeinheit heute wohl von keiner Seite mehr bestritten werden: der größte Teil der reichsdcutschen Juden wird in Deutschland bleiben, ein großer Teil, vor allem des Nach wüchse s, wird in Bewegung bleiben, d. h. die Unmöglichkeit der wirtschaftlichen und beruflichen Versorgung wird ihn dazu zwingen, sich auf Wanderung vorzubereiten. Das wirtschaftliche N i vc a u der deutschen Judenheit wird zwangsläufig armselig werden. Auf die Dauer wird sie nur mit ihren eigenen wirtschaftlichen Kräften rechnen können. Es wird daher nötig sein, die letzten Mittel zu mobilisieren. Es ist unmöglich, von heute auf morgen ein Schulwerk zu erstellen. Das soeben erlassene Schulgesetz gegen die Ueberfremdung gibt uns Zeit und Möglichkeit eines Uebergangs. Die Zeit muß benutzt werden, uni so mehr als der Uebergang für uns selbstverständlich in keiner Weise befriedigend sein kann, d. h. wir braueben jetzt schon für die vorläufig in den Schulen verbleibenden jüdischen Schüler sowohl in seelischer wie in stofflicher Hinsicht etwas, was ich als einen Ausgleichsunterricht bezeichnen möchte. Ihre Träger werden sein: vor allem die jüdische Jugcndbewegung, es sind aber dafür auch die sogenannten Religionsschylen sowie die Lehrhäuser in Anspruch zu nehmen. Worin dieser Ausgleichunterricht besteht, ergibt sich aus dem konstruktiven Plan, der dem künftigen jüdischen Schulwesen zugrunde gelegt werden muß. Im einzelnen hängt die Errichtung jüdischer Schulen von der Regierung ab und mit der Konzession zusammen. Gleichgültig aber, ob sie als regelrechte Schulen geführt werden oder — elastischer — in einem System von Kursen: die Prinzipien, die das Schulwesen regieren, müssen folgende sein: t. Erziehung zu einem hinreichenden Verständnis des Judentums; 2. Erziehung zur Umschichtung; 3. Vorbereitung zu einer planvollen Wanderung. Abgesehen von den Pflichtfächern, die sich für eine Schule in Deutschland von selbst verstehen, muß aiso die Schule — die höhere Schule ist hier gemeint — in Freiheit von allen Vorbildern ihrer Art drei Gebiete besotiders führen bzw. mit Nachdruck berücksichtigen: 1. eine möglichst umfassende handwerkliche Ausbildüng, 2. einen neusprachlichen Sprachunterricht, 3. einen hebräischen Sprach unterricht. In einer solchen Schule wird es nicht nur nötig, sondern auch möglich sein, das bisherige Verfahren des Religionsunterrichts zu ״überholen“. Er muß ganz und gar O u e! I e n u!11 e r r i c 111 werden und sich sinngemaß cingliedern in eine umfassende Judentum..- künde. In ihr wird die Kenntnis der sozialen und wirfschaftlichen und rechtlichen Bedingungen, unter denen die Juden in den verschiedenen Ländern heute loben, ebenso ihren Platz haben wie die nicht länger zu entbehrende Bekanntschaft mit der Geographie und Wirt- Schaft Palästinas. An Stelle von vereinzelten und unzusammenhängenden Daten muß treten das Bild eines jüdischen Kosmos; und auf hören muß die Meinung, daß eine Religion um so ״vornehmer“ ist, je mehr sie sich aus den Tatsachen des wirklichen Lehens heraushält. Die größeren Gemeinden erhalten die Aufgabe, die nähere und weitere Umgebung sc h u lisch zu versorgen, in diesem Zusammenhang ist die Frage der Internate von besonderer Wichtigkeit, nicht nur deshalb, weil sie im Verein mit der Bewirtschaftung des Bodens eine Ausbildung auch nach der landwirtschaftlichen Seite hin ermöglichen, sondern auch deshalb, weil geschlossene Anstalten allein Gewähr geben für eine geschlossene jüdische Erziehung. Darüber hinaus läßt sich durch sie eine Disziplin ierung des jüdischen jugendlichen erreichen, die ihn für das schwere Leben, das ihn erwartet, und für die überpersönlichen Aufgaben, die ihm die geschichtliche Situation des Judentums auferlegt, befähigt und erzieht. Ich denke hier an das Vorbild der englischen Schulen und an die Heranbildung einer jüdischen Elite, besonders im Hinblick auf Palästina. Es ist nun einmal so, daß die eine Alija.11 die andere wieder gutmachen muß. Und man wird sich darüber klar sein, daß an der deutschen Alijah dieses Jahres sehr vieles gutzu machen ist. Wir müssen noch ein besonderes Wort sagen zu der Frage der Lehrer, die in diesen Schulen unterrichten und erziehen sollen. Eine Schule für Juden ist noch keine jüdische Schule, und ein ״jüdischer“ Lehrer nicht ohne weiteres der geeignete Lehrer für sie. Wir müssen jetzt schon ganz nachdrücklich davor warnen, mit Mitleid und Wohlfahrtsgesinnung die grundlegende Bedeutung unserer Schulen zu beeinträchtigen. Wir sind absichtlich nicht eingegangen auf solche Fragen, deren Beantwortung von der Einstellung der Regierung abhängt. Wir glauben auch nicht, daß die Entscheidungen über Zulassung zu Prüfungen von erheblicher Bedeutung sein werden, solange der Befähigungsnachweis nichts bedeutet für die berufliche Unterbringung. Es ist sinnlos, alle möglichen Ziele zu gleicher Zeit zu verfolgen. Wenn unsere Schule das klare Ziel der Umschichtung hat, kann es uns nicht darauf ankommen, ob und welche Examina, die für Inland und Ausland gelten, gemacht werden- In