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Jüdische Rundschau · 1933-04-25 · Heft 33 (25.4.1933) · p. Seite 161

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 33 (25.4.1933)
Date
1933-04-25
Page
Seite 161 (sequence 1)
Language
German
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Humanität und Staatsraison Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU ErscheintjedenlAienstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. AmUntljah.1nncm.-nt» werden in der Währung der einzelnen Untier berechne!. An.eittrttprei«: H (»»palten« Nonpareille»!!» 0,50 RM. Stellengesuch0,25 ״ RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H״ Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J I Bismarck 716570־. Po t» c h « c k - Kon 1. n: Berlin 17392, B«»el V 9355. Beinrad 680 32. Brüssel 394 33. Budapest 596 93. D־n״t 1973. Haag 140 470. Prag 59410, Riga 4155, StrtSburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030 Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen . Kasse Berlin, Kurfürstendamm 5* Rumänische Kreditbank, Ceroaut. (Rumänien): Anglo Palcstine Co. tu Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 33 j| Berlin, 25, IV. 193? Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ם ניסן תרצ״ג 1 XXXVIII. Jahrg. Der Zionismus erstreb« für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherte! n Heimstätte ln Palästina. , ,Baseler Programm." Juden und höhere Bildung Was wird aus unseren Kindern? — Schafft jüdische Schulen! Das Gesetz ״gegen die Ueberfremdung der deutsehen Hochschulen und höheren Schulen“, für Ende voriger Woche angekündigt, ist, während diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht bekanntgegeben. Obwohl uns vom Beginn des neuen Schuljahres nur noch wenige Tage trennen, wissen tausende jüdischer Eltern in Deutschland nicht, was in einer Woche mit ihren Kindern geschehen soll. Inzwischen wurden in manchen Ländern, beziehungsweise an manchen Orten, bereits provisorische lokale Regelungen vorgenommen. Teilweise wird die Aufnahme von jüdischen Studenten und Schülern überhaupt verweigert, teilweise wird eine Prozentnorm angewandt, wobei aber in den meisten Fällen mitgeteilt wird, daß die jetzt bereits studierenden Schüler den verfügbaren Prozentsatz erschöpfen, so daß für weitere Aufnahmen kein Platz ist. Wie immer das Reichs-Schulgesetz ausfallen mag, wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß der großen Mehrzahl unserer jüdischen Kinder die Hochschulen und die höheren Schulen in Deutschland verschlossen sein werden. Diese Katastrophe bricht mit aller Plötzlichkeit über das deutsche Judentum herein, obwohl genügend Zeit war, sich darauf vorzubereiten. Manchem dünkt es heute bereits wie eine Erinnerung an längst vergangerie Zeiten, daß der Jude sich in Deutschland wenigstens formell gleichberechtigt fühlen konnte, und doch., wäre es noch vor feinem hälben Jahre der großen Mehrheit der deutschen Juden absurd erschienen, wenn man ihnen gesagt hätte, es bestehe die Notwendigkeit, ein jüdisches Bildungswesen aufzubauen. Die Vorkämpfer des Gedankens der jüdischen Schule stießen überall auf Verständnislosigkeit und oft sogar auf aktiven Widerstand. Jene selbstsichere Indolenz, die überhaupt für das jüdische Bürgertum charakteristisch war, zeigte sich auch auf diesem Gebiete. Galt es doch als ״rückständig“, sein Kind in die jüdische Schule zu schicken, wollte man doch mit einem Lächeln sich über die Zeichen der Zeit hinwegtäuschen. Nun steht das deutsche Judentum ratlos und hilflos da. Denn abgesehen davon, daß die jüdischen Kinder zum Teil gar nicht in die Schulen zugelassen werden, muß man auch bedenken, daß eine grundlegende Umgestaltung des gesamten Er- Ziehungswesens und der Lehrpläne im Geiste der neuen Zeit unmittelbar bevorsteht. Die gegenwärtigen Schulen waren im großen ganzen doch noch Produkte des liberalen Zeitalters, das deutsche Bildungswesen geht noch immer zurück auf Wilhelm von Humboldt und den deutschen Humanismus. Die Führer des jetzt geborenen neuen Deutschlands haben bereits durch ihre bisherigen Eingriffe deutlich gezeigt, daß sie sich der engen Verbundenheit von Politik und Weltanschauung bewußt sind und daher die Kultur- Politik für eine der Säulen des neuen Gebäudes halten. In der Tat können wir in der Geschichte beobachten, daß große Revolutionen sich stets auch im Zeichen eines geistigen Umschwungs vollzogen haben, wobei es im Wesen der Sache liegt, daß der neue Geist aussch ließ liehe Geltung für sich beanspruchen muß. Neben der Unbedingtheit, die der revolutionäre Elan fordert, kann keine andere geistige Autorität sich behaupten. Es ist kein Zufall, daß noch bei jeder Revolution das Problem der Religion und der Kirche akut geworden ist; nicht nur weil unter dem Deckmantel religiöser Autorität sich in vielen Ländern und Zeitaltern bestimmte Gesellschaftsformen, die mit der neuen Zeit in Konflikt standen, ausgebildet hatten (man denke nur an Rußland), sondern auch weil der religiöse Appell an das Gewissen störend in die für notwendig erachtete alles umfassende politische Aktion einbrechen könnte. Revolutionen prägen stets ihre eigene Weltanschauung aus. Für uns Juden ist nun die fatale Tatsache zu verzeichnen, daß die deutsche Revolution von 1933 Im Zeichen einer Weltanschauung steht, deren Integrierender Bestandteii die antisemitische Rassentheorie ist. Jede kämpferische Haltung bedarf eines Gegcnbildcs, von dem sie sich besonders deutlich abgrenzen kann. Dabej ist es meist ganz gleichgültig, ob dieses Bild, das man sich von einem ״Gegner“ macht, mit der Wirklichkeit in Einklang steht oder nicht; es ist einfach eine Methode, um die für das eigene Weltbild erwünschten Tugenden möglichst klar umreißen zu können, indem man das Negativ all der Ideale, die man positiv erstiebt, auf ein Gegenbild projiziert. Das Unglück der deutschen Juden besteht darin, daß die deutsche Rcvo- Union, nachdem der Bolschewismus in Deutschland ver• nichtet ist, sich den Juden zutn Gegenpol ihres Weltbildes genommen hat. Während aber der Kampf gegen den Bolschewismus sich wirklich gegen ein Programm richtet und insofern ein politischer Kampf ist, ist die Gegnerschaft gegen den Juden geradezu eine m e t a p 11 y s i s c 11 c. ״Der Jude“ ist die Verkörperung alles dessen, was ein Deutscher nicht sein soll; und diese Theorie wird, wie es scheint, auch von der siegreichen Revolution weiter aufrecht erhalten, obwohl sich in der Praxis des täglichen Lebens jedem Nationalsozialisten, der mit Juden in Berührung kommt, zeigen dürfte, wie einseitig die antisemitische Lehre ist. Wir können die Verdammung des Juden als absurd empfinden — und als Juden müssen wir dies, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen —; dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß wir nicht die geringste Macht haben, diese herrsehende Anschauung zu ändern. Der Nationalsozialismus kann vielleicht in bestimmten politischen oder tak- ׳tischen Fragen entgegenkommen, aber er kann nicht seine metaphysische Grundlage ändern. Diese Erkenntnis macht unsere Lage so schwierig, denn selbst wenn — was durchaus noch nicht sicher ist — man uns in gewissen wirtschaftlichen Zweigen eine Existenz in Deutschland möglich machen sollte, — wer vermöchte auf die Dauer mit dem Makel, die Inkarnation der Verworfenheit und des Lasters zu sein, leben? Wenn aber schon 1m Alltag und im Beruf diese Weltanschauung auf Schritt und Tritt fühlbar ist, um wieviel stärker muß sie sich im Erziehungswesen und Schulwesen ausprägen, das doch der Weg ist, die Jugend in den Geist der Nation einzuführen. Die Sc hulen in Deutschland werden von nun an nicht nur national — was sich von selbst versteht — sein, sondern sic werden sicherlich auch der spezifischen Art des neuen deutschen Nationalismus, der vom Antisemitismus nicht zu trennen ist, Rechnung tragen. Diesem Sachvcrhalt müssen wir, die wir Eltern jüdischer Kinder sind, ins Auge sehen. Man kann annehmen, daß eine kultivierte Lehrerschaft jüdischen Schülern gegenüber mit Takt und Schonung vorgehen wird; edeldenkende und pädagogisch empfindende Lehrer können hier gewiß viel tun, um die schwersten seelischen Nöte zu rnildern. Aber auch im besten Falle kann man nicht er- ־warten, daß die Rücksichten des Lehrers auf jüdische Schüler so weit gehen, daß sie eine Pflichtverletzung gegenüber seinem Auftrag und seinem Lehrstoff bedeuten würden. Ausgesprochen oder unausgesprochen wird das jüdische Kind in der deutschen Schule die Lehre von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse und des Judentums in sich aufnehmen. Es wird hierdurch entweder zu einer verzweifelten Mimikry getrieben werden (ein nutzloses Beginnen in einer Zeit, wo selbst ein jüdischer Großelternteil einen längst getauften Abkömmling zum Juden stempelt, — aber das weiß das Kind nicht), oder aber es empfängt einen seelischcn Bruch, der nur durch starke Gegenwirkung wieder gekeilt werden kann. Was können jüdische Eltern tun, um dies zu verhüten? Sie brauchen jüdische Schulen. Für das jüdische Kind ist im neuen Deutschland kein Platz mehr in der allgemeinen Schule. Damit erhebt sich vor uns die Frage, ob wir unsere jüdischen Kinder von jeder höheren Bildungsmöglichkeit ausschließen werden. In dem vergangenen Zeitalter ist die jüdisc he Bildüng von den deutschen Juden gröblich vernachlässigt worden. Es ist dies der schwerste Schaden, den uns der L-ibcralisnitis gebracht hat. Nunmehr stehen wir aber vor dem Problem, daß wir auch von den Quellen der allgemeinen Bildung abgeschnitten werden sollen. Dies ist ein Moment, der dazu herausfordert, die ganze geistige und kulturelle Position des Juden in unserer Welt von Grund auf neu zu überprüfen. Ohnedies wird es dazu einen äußeren Anstoß geben, da die unerläßliche Ber u f s u in s c h i c h t u n g auch eine Acnderung des Bildungsganges bedingt. Aber die Stunde der Erschütterung und Nachdenklichkeit, in die wir durch die Ereignisse versetzt wurden, soll nicht vorübergehen, ohne daß wir uns auch auf diesem Gebiete zur Einkehr bequemen. Dem deutschen Judentum ist es in den letzten sechs Jahrzehnten materiell gut gegangen, aber sein geistiger ‘Habitus war alles andere'als befriedigend. Wir haben uns vor hundert Jahren, als man uns die Ghetti öffnete, in das geistige Leben der umgebenden Völker gestürzt, und mit’wahrem Heißhunger die weltliche Bildung eingesogen. In der Zeit des entstehenden Kapitalismus und des aufstrebenden Bürgertums ergriffen die Juden die sich ihnen bietenden beiden Möglichkeiten zu höherem sozialen Aufstieg: materiellen Wohlstand und höhere Bildung. Die Juden sind, da gerade dieser Weg offenstand, in hoher Proportion in Intelligenzberufe eingedrungen. Die erworbene Bildung hat zwar feine Blüten des Geistes getrieben und auch die jetzt offiziell übliche Verdammung der jüdischen Mitarbeit kann nicht dazu führen, die Leistungen geistiger Juden im deutsehen Kulturbcreich zu verkleinern; aber zugleich war die höhere Bildung für die jüdische Gesellschaft doch auch eine Verführung zu einem innerlichen Sichgehenlassen. Das jüdische Bürgertum entging nicht der Gefahr der Selbstgefälligkeit des Bildungsphilisters, der mit einem gewissen satten Behagen seine eigenen Fälligkeiten und Möglichkeiten zur Schau trägt. Die Gefahren des liberalen Zeitalters, die Ausbildung eines überspitzten Intellektualismus, der mit einer durch keine Zweifel an sich selbst erschütterten Sicherheit auftritt, waren besonders für den jüdischen Adepten der höheren Bildung überaus nalielicgend.!Die Verlockung, sich überall hervorzutun, das bürgerliche Ideal, es im materiellen Sinn ,,zu etwas zu bringen“, waren kennzeichnend auch für das jüdische Bürgertum. Selbstverständlich war diese ganze Entwichlung begleitet von einer Abkehr von den Gemütswerten der jüdischen Tradition, Das Bewußtsein des Zusammenhangs mit jüilischer Vergangenheit und jüdischer Zukunfls״.ufgäbe war kein lebendiger Bestandteil des Denkens liberal-jüdischer Bourgeoisie. Und nun steht diese Bourgeoisie mit leeren Hä ווden da. Es hilft nichts, sich die Augen zu reiben. Man muß endlich zu sich selbst ko m m e n. Machen wir uns klar: wir werden in Zukunft weniger intellektuelle Bildung haben als bisher. Es wird wieder sein wie früher, wo der Jude in schwerem Lebenskampf sein ״Päckel“ durch die Welt trug. Aber von der Fruchtbarkeit dieser revolutionären Stunde hängt es ab, ob wir auch die Gläubigkeit des Herzens wieder finden, die unsere Väter auszeichnete. Wenn wir dies sagen, denken wir nicht an eine Rückkehr zu vergangenen Zuständen. Es gibt kein ״Zurück“, es gibt nur ein Vorwärts, aber in der Uebcrwindung unserer gegenwärtigen Krise richtet sich unser Blick auf du: Vergangenheit und wir denken an die Seelenkräfte, mit denen Juden stets in kritischen Zeiten ihr Judentum und ihr Schicksal getragen haben. Wir werden jetzt von der Uebersclüitzung des Intellektualismus geheilt werden; aber wir werden dennoch nicht auf weltliche höhere Bildung verzichten. Die Synthese von Judentum und Allgemeinbildung, die sich in dem letzten Jahrhundert angebahnt hat, bedarf noch ihrer Krönung. Im Ghetto beschränkten wir uns auf jü* dische Bildung; nach der Emanzipation schlug das Pendel nach der anderen Seite aus. Jetzt aber, wo eine neue Periode deutsch-jüdischen Lebens beginnt, geht es darum, beides zu vereinigen, und in moderner Form unserer Jugend das unvergleichliche Erbe jüdischen Geistes ebenso zu vermitteln wie jüdische Gegenwart«- künde und Zukunftswillen, zugleich aber sie mit weitlieber Bildung und mit der großen Kultur, in die unser Leben eingeschlossen ist, vertraut zu machen. Wir wollen unsere Menschen nicht In eine Enge zurückführen, sondern ihnen die Welte des Horizonts eröffnen; dies kann aber ohne Schaden nur dann geschehen, wenn man selbst auf festem Boden steht

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