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Jüdische Rundschau · 1933-04-07 · Heft 28-29 (7.4.1933) · p. Seite 137

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 28-29 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
Seite 137 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0,25 Go ,(■?merk Die Judenfraqc als PolUicam JÜDISCHE RUNDSCHAU ErscheintjedenDienstagu.Freitag. Bezugspreisbeider Expedition monatlich 2,— Goldtnark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Anzeigenpreis: 8 flesp. NonpareillrzcÜe 0,50 G--M־ Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittags 4 Ohr Postscheck - Konten: Berlin 17392, Basel V 9355. Bei*68032 (״״, Brussel 394 33, Budapest 59693, Dmuir 1973, Haas 140 470. Praß 59410, Riga 4155, Strafiburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfümendamm 55 Rumänische Kreditbank, Ccrnauti (Rumänien); Anglo Palestine Ca. in Haifa. Nummer 28/29 | Berlin, 7. IV. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״א ניסן תרצ״ג | xxxvm. jahrg. Per Zionismus erstrebl fQr da» fOdlache Volle die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.1 Stille Feiertage Volk und Geschichte Je heftiger <Üe Seelen aufgewühlt sind, desto tiefer spricht uns der Sinn unserer Feste an. In Zeiten gedankenlosen behaglichen Hinlebens gehen wir an den alten Wahrheiten unseres Judentums vorüber; aber in elementaren Krisen, wenn wir an allem irre werden, leuchtet ihr Glanz in unsere Finsternis. Alle jüdischen Feste sind Feste des Trostes. Des Trostes und der Erinnerung. Das jüdische Volk wurde oft das ״Volk des Buches“ und das ״Volk der Geschichte“ genannt. Ein Buch, das gewaltigste Buch der Menschheit, war sein geistiges Heimatland. Aus der Versenkung in dieses Buch hat es in allen Lebenslagen Kraft geschöpft. Und alle unsere Feste knüpfen an an dieses Buch. Wir sind das Volk der Geschichte. Das jüdische Volk hat als erstes das Geschehen der Welt als einem sinnvollen Zusammenhang begriffen. Am Anfang steht die Schöpfung, am Ende steht die vollendete (״erlöste“) Welt. Aller Kampf, alles Ringen des Menschen, all seine Schaffenslust und die Leiden, die er tragen muß, sind nur Teile dieses Prozesses, Glieder eines höheren Sinn-Zusammenhanges. Wehiggad’ta lewincha ־— du sollst es deinem Sohne sagen; Dieses Leitmotiv der Peßach-Hagadah ist zugleich das Fundament der jüdischen Existenz. Vom Vater zum Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht pflanzt sich die Kunde fort, die verwahrt ist in einem alten Buche. Von allen Ereignissen der jüdischen Geschichte ist keines so bedeutsam wie der Auszug aus Aegypten, zu dessen Andenken wir das Peßachfest feiern. In diesem Ereignis ist alles vorbereitet, was für die künftige Entwicklung Israels wesentlich war. Mit welcher Kraft, mit welcher Kunst ist diese Geschichte erzählt! Die wichtigsten Probleme des Volkslebens werden mit unvergleichlicher psychologischer Einsicht behandelt. Führer und Masse, das Spamumgsverhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, das Gegeneinander von Volksidee und Eigennutz, das Wesen der Freiheit als einer höheren sittlichen Verpflicht u n g — dies alles ist in der Geschichte des Auszuges aus Aegypten enthalten. Darum erscheint uns dieses Ereignis mehr als nur historisch; cs hat eine fast metaphysische, metahistorische Würde; es hat Allgemeingültigkeit; in jeder Zeit und in jeder Menschengemeinschaft ist uns die Peßach-Geschichte eine Lehre. Durch den Auszug aus Aegypten ist Israel zum Volk geworden. Aber wie ungern hat es die Güter der Freiheit auf sich genommen! Immer wieder sehnen sich die Massen nach den Fleischtöpfen der Knechtschaft. Wenn der Führer weg ist, tanzen sie um den Götzen des Goldes. Erst in der ungeheuren Erschütterung des Sinai werden die Auswanderer zu einem Volk, das auf ein geistiges Gesetz verpflichtet ist. Gesetz, Recht und Sittlichkeit werden die Grundlagen des Volkslebens. Erleichterung der Einwanderung nach Palästina? Aussprache im englischen Unterhaus London, 3. April. (J. T. A.) ln der am 3. April abgehaltenen Sitzung des Unterhauses richtete Col. Wedgw o o d unterstützt durch den der faschistischen Gruppe nahestehenden Konservativen Commander Locker-Lampson und den Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei Maxton an Ko':.ri.■'•׳isfer Sir Philip Cunliffe- Lister den Appell, im Hinblick auf die gegen die Juden in Deutschland getroffenen Maßnahmen eine Milderung der in Palästina bestehenden Ein wänderungsbestimmungen zugunsten von Juden aus Deutschland durchzu führen. Kolonienminister Cunliffe-Lister erwiderte, die Handhabung des palästinensischen Einwandertingsgesetzes stehe dem High Commissioncr von Palästina zu. Es stehe der palästinensischen Exekutive der ,lewish Agency frei, Vorstellungen in dieser Frage beim High Commissioner zu machen, der diesbezügliche Vorschläge gewiß in ernsthafte Erwägung ziehen werde. Ein Abgehen von dem bisher konsequent befolgten Prinzip, daß die Einwanderung nach Palästina der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt sein müsse, käme jedoch nicht in Frage. Colonel Wedgwood fragte sodann, ob es Sir Philip bekannt sei, was die Pariser Tageszeitung ״Le Temps“ am Sonnabend über England geschrieben habe, und ob er zugeben wolle, daß England hinter Frankreich, der Tschechoslowakei und anderen Ländern zurückstehe. Ich habe die Zeitung nicht gelesen, antwortete Sir Philip. Ich bin jedoch gewiß, daß unser Land sich dem nicht aufrecht zu erhaltenden Vorwurf, es wolle in dieser Hinsicht hinter Irgendeinem Lande zurückstehen, nicht aussetzen wird. Besteht eine Aussicht, fragte Col. Wedgwood weiter, daß wir Juden aus Deutschland in Palästina eine Zufl uchtsstätte bieten? Cunliffe-Lister antwortete: Bei einem Vergleich der EiawasKtaruagsziffeni für Palästina in dem vergangenen Mit dem Bewußtsein dieser Verpflichtung ist das jüdische Volk durch die Zeiten gewandert, auch nachdem es seine politische Existenz verloren hatte. Die Ideen des Rechtes, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und Sittlichkeit leben in der Seele des Volkes fort und können nicht zum Verstummen gebracht werden. Diese Ideen sind nicht Forderungen an andere, sondern Forderungen an uns selbst. Wieder und wieder sind wir davon abgefallcn. Das Werk des Moses, der aus den Nachkommen Abrahams ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk machen wollte, ist noch nicht vollendet. Von den Tugen des Auszugs aus Aegypten bi« zu unseren Tagen und darüber hinaus spannt sich eine einheitliche Kette. Du mußt es deinem Sohne sagen, — denn er ist es, der diesen Weg weitergehen muß. Geschichte erleben heißt eine schwere Last der Verantwortung tragen. Die Aufgabe des eigenen Volkes bejähen, heißt nicht in Selbstgerechtigkeit und Ucberhcbung verfallen. Wie sehr wurde der Begriff des ״auscrwählten Volkes“ mißverstanden! Wie banal hat man dieses Wart autgefaßt, das in Wahrheit dem Volk die schwerste, leidensvollste Last aufbürdete! Wir überiieben uns nicht über andere, aber wir wollen auch nicht als minderwertig gelten. Es ist ein falscher, unedler Nationalismus, der, um sich des Wertes des eigenen Volkes bewußt zu werden, andere verächtlich machen muß. Es ist falscher Nationalismus, wenn man anderen ihre Ehre bestreitet und nur durch blinden Haß gegen andere sich selbst bestätigt fühlt. Uaber aller nationaler Trennung, ja, sogar über dem Zwist zvisehen Völkern, muß eine Gemeinsamkeit des Menschlichen stehen, die Idee der Wahrheit gilt für alle gleich. Denn gemeinsam ist auch das Göttliche, und das Göttliche im Menschen. Dieses Zusammenhangs eingedenk zu sein, mahnen uns unsere Feste, die nationale Feste und zugleich Symbole ewig menschlicher Wahrheiten sind. In Zeiten der Erschütterung bekommt Geschichte eine Bedeutung, die sie sonst im Menschenleben nicht hat. Denn es ergreift uns das Bedürfnis, im historischen Licht zu verstehen, was wir sonst nicht fassen können. Empfindlicher als materielle Schwierigkeiten trifft uns moralische Preisgegebenheit. Wenn man uns jede beliebige Untat andichten kann und wir schweigen müssen, mag das eine Stunde der Prüfung sein; wir werden sie ertragen. Unsere Feste sind nicht Tage lauter Freude, sondern Tage des Insichgehens und der Selbstbesinnung. Nur aus innerer Erneuerimg, aus innerer Freiheit können wir uns behaupten. An uns selbst haben wir gesündigt, an uns selbst haben wir zu arbeiten. Diesem Entschluß mögen die diesjährigen Feiertage gewidmet sein, die wir in stiller Feierlichkeit begehen. mit denen des vorhergehenden Jahres wird Col. Wedgwood feststellen können, daß eine bedeutende Zunahme der Einwanderung erfolgte. Besteht Aussicht auf Einwanderungserlaubnis, fragte Col. Wedgwood, wenn es sich um Leute handelt, die in ihrem Berufe jede Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verloren haben? Commander Locker-Lampson fügte hinzu: Könnte der Minister für die Kolonien nicht i!1 Erwägung ziehen, ob nicht im Hinblick auf die außerordentliehen Umstände eine außerordentliche Anstrengung in dieser Hinsicht gemacht werden könnte? Wäre der Minister bereit, die Einberufung eines Pariamentskomitees zum Studium dieser Frage zu erwägen? Sir Philip Cunliffe-Lister: Meiner Meinung nach gibt es da zwei voneinander vollkommen verschiedene Fragen. Die Frage der Einwanderung nach Palästina wurde stets in Ucbereinstimmutig mit der von der Mandatsmacht festgelegten Politik behandelt. Einwandertingsfragen müssen stets unter den! Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes betrachtet werden. Können wir, fragte Abgeordneter Maxton, Palästina als augenblickliches Asyl für Juden aus Deutschland bestimmen, ohne daß die allgemeinen Grundsätze betreffend die dauernde Einwanderung berührt werden? Ich habe bereits deutlich erklärt, antworte Sir Philip, welches die Grundsätze sind, die in gleicher Weise gegenüber Juden und Arabern in Palästina angewandt werden. Ich bin sicher, daß nur Unheil entstehen könnte, wenn wir das Mandat nicht aiisführen. Wie aus London berichtet wird, wurden von mehreren Gruppen konservativer Parlamentsmitglieder noch eine Reihe anderer Anträge und Anfragen im Unterhaus eingebracht, die sich aut die Lage der deutschen Juden beziehen und Hilfsaktionen für die ihrer wirtschaftlichen Stellung verlustig Gegangenen anregen. Der High Commissioner von Palästina hat eine Erleichterung der Einwanderung-'bc'üngungen für deutsche Juden zugesagt. (Näheres im Innern des Blattes.) Die innerjüdisdie Seite Von Kurt Blumenfeld. Bei diesem Pessachfest werden viele deutsche Juden Vergangenheit als Gegenwart empfinden. Niemand wird sich über die Verpflichtung wundern, daß jedes Geschlecht sich so betrachten müsse, als ob es selbst ans Aegypten gegangen wäre. Nichts hat sich dem jüdischen Volk so tief eingeprägt wie die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten und für den Juden sind bis auf den heutigen Tag die Vorstellungen von Knechtschaft und Freiheit mit diesem Ereignis verbunden, das den Anfang der Geschichte d**s Volkes Israel bildet. Was werden die deutschen Juden bei diesem Fest der Erinnerung empfinden? Wir haben an dieser Stelle häufig die Sache der Juden vor der Außenwelt vertreten. Heute, wo wir das Fest der Volkswerdung begehen, wollen wir zunächst zu unseren jüdischen Brüdern sprechen und uns über den inneren Zustand unserer Gemeinschaft Rechenschaft geben. Wir täuschen uns nicht darüber, daß unsere deut-׳ sehe judenheit keine innere Einheit bildet. Die Judenfeindschaft hat verschiedene Sorten von Juden auf einmal und unterschiedslos getroffen. Sie hat den Namen ״Jude“ auch denen angeheftet, die ihn ablehnen oder doch als eindeutige und klare Bezeichnung nicht anerkennen wollen. In vier Generationen emanzipierter Juden hat die Assimilation jüdische Menschen stark verwandelt. Wir reden nicht von der unübersehbaren Schar der Renegaten, von den Tausenden, die ganz und endgültig dem Judentum zu entgehen versuchten, sondern von denen, die diesen letzten Schritt ablehnten, aber glaubten, mit einem limitierten Judentum auskommen zu können. Religion und Geschichte, für den Juden sonst eine untrennbare Einheit, wurden bei diesen Juden zu Gegensätzen, die Vergangenheit wurde der Realität entkleidet; wo der Jude sich in der Fülle seines Wesens wiederfindet, da stehen für diese Teile der Judenheit willkürlich deutbare Abstraktionen da. Der Jude fühlt die untrennbare Einheit von jüdischer Vergangenheit, jüdischer Gegenwart und jüdischer Zukunft. Der Träger der jüdischen Assimilation glaubte und glaubt wahrscheinlich noch heute, daß seine menschliche Existenz den großen ״Fortschritt“ gegenüber dern Zustand ungebrochenen jüdischen Lebens darsteilt. Ohne Vorwurf und auch ohne Bitterkeit sei festgestellt, daß für eine ganze Schicht des deutschen Judentums die einfache Bezeichnung Jude nicht mehr paßt. Diese Schicht ist in eine sehr schwierige Situation gekommen; sie erlebt das tragische Schicksal einer nirgends eingegliederten Gruppe. Juden können sie nicht mehr sein, weil sie die jüdische Scbicksalsgemeiiischaft ablehnen und ״deutsche Volksgenossen“ sind sie nicht geworden, weil die deutsche Welt sie für Juden hält, wie sie ja auch in den Getauften und Juclenst.'inmnlingen immer noch den Juden sieht. Wenn es nun heute klar geworden ist, daß die Judenfrage in ihrer ganzen Schärfe besteht, wenn heute die ungeheure politische Erregung sich entscheidend gegen die Juden richtet, wenn für die Aufrüttelung der Leidenschäften, für die Entfesselung der Triebe der Kampf gegen den Juden in erster Linie benutzt wird, dann kommt viel darauf an, welche Repräsentanten das Judentum in solch einer Zeit findet. Es ist wahrscheinlich, daß die Regierung beabsichtigt, in irgendeiner gesetzgeberischen Form die Augelegenheiten der Juden zu ordnen. Dabei entsteht die Frage, ob der offen proklamierte Kampf nur dem Juden oder ob er auch dem Judentum gilt. Der Nationalsozialismus kann, da er auch die Getauften dem jüdischen Volk zurechnet, mit aller Schärfe alles ablehnen, was in seiner Literatur ״getarntes Judentum“ genannt wird. Der liberale Staat förderte bewußt das Aufgehen der Juden in der nichtjüdischen Welt; der nationalsozialistische Staat kann die Assimilation der Juden grundsätzlich weder fordern noch wollen. Es kann nicht sein, daß der Staat Mensehen als Juden stigmatisiert und ihnen gleichzeitig ihr Judesein bestreitet. Es kann daher nicht sein, daß Menschen im Namen des Judentums auftreten, für die Judentum eine eingeschränkte Sache ist, sondern jene, die an ihr Judentum glauben und trotz aller Bedrückung es als Auszeichnung empfinden, Juden zu sein. Für jeden Staat sind diejenigen Bürger ein Aktivum, die erfüllt sind von der Liebe zu ihrem eigenen Geschick, die dem Adel ihrer Vergangenheit treu bleiben, die das sein wollen, was sie immer gewesen sind. Wer seiner Art

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