Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1933)
- Date
- 1933-04-04
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 132 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27, 4. IV. 1933 Boykott und Auslandsmeinung oder kurzerhand bereits eingeführt. Wir werden noch davon zu sprechen haben, wie schwer diese Maßregel die deutschen Juden moralisch und wirtschaftlich trifft; aber wenn die Liste derer zusammengestellt wird, denen als J u d e n — denn als solche sind sie ja hier ausgewählt — innerhalb der Prozentnorm die Ausübung des Berufes gestattet wird, dann darf nicht derjenige benachteiligt sein, der offen und klar zum Judentum steht. Das ist die logische Konsequenz, die sich für die National- Sozialisten aus ihrer eigenen Anschauung ergeben müßte. Ueber die Judenfrage zu reden, galt noch vor dreißig Jahren in gebildeten Kreisen als anstößig. Man betrachtete damals die Zionisten als Störenfriede mit einer id'c fixe. Jetzt ist die Judenfrage so aktuell, daß jedes kleine Kind, jeder Schuljunge und der einfache Mann auf der Straße kein anderes Gesprächsthema hat. Allen Juden in ganz Deutschland wurde am 1. April der Sternpcl ״lüde" aufgedrückt. Nach den neuen Anweisungen des Boykottkomitees soll, falls der Boykott erneuert wird, nur noch eine einheitliche Bezeichnung aller Geschäfte stattfinden: hei Nichtjuden der Vermerk ״Deutsekes Geschäft“, bei Juden einfach das Wort ״Jude“. Man weiß, wer Jude ist. Ein Ausweichen oder Verstecken gibt cs nicht mehr. Die jüdische Antwort ist klar. Es ist der kurze Satz, den Moses zum Ac-gypter sprach; hvri anochi. Ja, Jude. Z11 m Jude-Sein Ja sagen. Das ist der moralische S i n n des gegenvvärtigen Geschehens. Die Zeit ist 7u aufgeregt, um mit Argumenten zu diskutieren. Hoffen wir, daß eine ruhigere Zeit kommt, und daß eine Bewegung, die ihren Stolz da reinsetzt, als Schrittmacherin der nationalen Erhebung gewürdigt zu werden, nicht ihr Gefallen daran finden wird, andere zu entwürdigen, selbst wenn sic meint, sic bekämpfen 71.1 müssen. Aber wir Juden, unsere Ehre können wir verteidigen. Wir gedenken aller derer, die seit fünftausend Jahren Juden genannt, als Juden stigma.ibcrt wurden. Man erinnert uns, daß wir Juden sind. Wir sagen ja, und tragen es mit Stolz. ״Wir als Freunde Deutschlands" Erklärung Or. Stephen Wise's vor der amerikanischen Einwanderungskommistion New York, 31. März. (J.T.A.) Der Ehrenpräsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses Dr. Stephen S. Wise und der Präsident Bernhard Deutsch hatten am 30. Märe eine Unterredung mit dem Vorsitzenden der Senat3kommission für ausländische Beziehungen Senator Pittman und dem früheren Vorsitzenden dieser Kommission Senrtor Borah. Am selben Tage sprachen die Führet des amerikanisch-jüdischen Kongresses auch Im State Department, dem amerikanischen Außenministerium, vor. Dr. Stephen S. Wise hielt auch eine Ansprache vor der Einwanderung*־ koarri i:n. Er erklärte, er sei mit dem vom Mitglied des Reoräsentantenhauses D i c k s t e i n gemachten Vorschlag, alle aus Deutschland fliehenden Juden, die Verwandte ecnerikanischer Bürger sind, ohne Rücksicht auf die Quotenbeschränkunge-g frei zur Einwanderung nach Amerika zuzulassen, nicht einverstanden. Er teile zwar den Wunsch des Kommi־s:on׳,vor“־it:׳enden Dickstein, den Juden aus Deutschland Zufluchtsmög'ichkeiten zu sichern. Die deutsche Judenfrage aber müsse in Deutschland gelöst werden. Durch die deutsche Regierung, durch das deutsche Volk müsse Recht geten werden. So gastfreundlich auch Amerika, England, Frankreich und die Schweiz sein mögen, die 600 050 Juden in Deutschland müssen ihren Platz an der deutschen Sonne finden, die Aufrechtcrhal.'ung ihrer politischen und bürgerlichen Rechte müsse gesichert werden, ich glaube, erklärte Dr. Wise, daß es uns als Freunden Deutsch- 1 a n d s möglich ist, bei der deutschen Regierung Verständnis dafür zu erwecken■ Zurückhaltung In Amerika Washington, 1. April. (W. T. B.) Die Tatsache, daß der. Boykott der jüdischen Geschäfte in Deutschland zun:,ehst nur am Sonnabend durchgeführt wird, ist im Staatsdepartement begrüßt worden. Gleich nach Bekanntwerden der Nachricht fiat das Staatsdepartement die sc.i vorgestern in Washington weilenden Vertreter der a tu e r i k a ni sch - j u d i s c h e n Verbände New Yorks davc.; unterrichtet. Das Staatsdepartement hat ihnen dringen״ ans Herz gelegt, sich bei der öffentlichen Diskussion der Vorgänge!n Deutschland die größte Zurückhaltung aufzuerlegen. Man hofft, daß sich jetzt die Erregung der’ jüdisehen und pazifistischen Kreise New Yorks legen werde, sowie, daß die Angelegenheit bald als abgeschlossen bctrachtet werden könne, jedenfalls soweit sie Amerika berühre. Wie — laut ״DAZ,“ — das Reuter-Büro aus New York meldet, haben die amerikanischen Juden sich, entsprechend den Wünschen des Staatsdepartements und der führenden Mitglieder des Kongresses, entschlossen, gegenüber der Lage der Juden in Deutschland eine ״Haltung des Stillschweigens“ einzunehmen. Berichte des ״Angriff" Der ״M on t ags- A n g r i f f“ berichtet: ״In Brüssel fand eine Protestkundgebung des ״Aktionskomitees zur Verteidigung der Juden in Deutschland“ statt, in der erneut über die angebliche Unterdrückung der in Deutschland lebenden Juden Lügenberichte verbreitet wurden. Auch in London ist ein besonderer Ausschuß gebildet worden, der außer den jüdischen auch die 11 seht jüdischen Kreise zu einem Protest gegen den Teil des _ nationalsozialistischen Programms aufrordert, der aneblich eine Unterdrückung der in Deutschland lebenden utlen verlangt Auf Veranlassung dieses Ausschusses finden in London Kundgebungen statt, wobei Lord Mount Temple, ein berüchtigter englischer Jude, forderte, daß die Tore Palästinas den in Deutschland ״terrorisierten“ Juden so weit geöffnet werden sollten, wie «s nur möglich ist. Eine Forderung, die wir nur begrüßen können. Sollte die Hetze gegen das nationale Deutschland und seine Regierung In den kommenden Tagen weitere Ausmalte annehmen, dann, wird voraussichtlich ein zweiter Schlag gegen das ״deutsche“ Judentum geführt werden, der es für immer h die Knie zwingt“ Die Durchführung des Boykotts der jüdischen Geschäfte, Rechtsanwälte und Aerzte ging am 1. April in ganz Deutschiand programmäßig vonstatten. Die gesamte Presse stimmt darin überein, daß sich die Aktion in voller Diszip 1 i n vollzog und daß es — mit Ausnahme eines beklagenswerten Zwischenfalles in Kiel — zu keinen Unruhen gekommen ist. Es hat sich gezagt, daß die nationalsoziaiistische Partei und die Regierung ihre Anhänger vollständig in der Hand haben. Wir zweifeln nicht, daß diese Tatsache einen um so größeren Eindruck im In- und Auslande machen wird, als immer noch da und dort Beiürchtungen bestanden, daß einzelne Personen oder Gruppen Eigenmächtigkeiten begehen könnten. Schon an den dem Boykott vorhergehenden Ta* gen war die Stimmung eine sehr erregte. Unkontrollierbare Gerüchte durchschwirrten das Land. Die verschiedenen An- Ordnungen riefen jeweils Schrecken oder Erleichterung hervor. So 7. B. wurde die Anordnung, alle jüdischen Geschäfte müßten fristlos sämtliche jüdische Angestellte entlassen, in den Kreisen der jüdischen Angestellten und darüber hinaus mit größter Unruhe aufgenommen. Als dann die Nachricht kam, der Boykott sei auf einen Tag begrenzt and die Gehaltsvorauszahlungcn könnten entfallen, sah man dies als Zeichen der Besinnung an. Das Gefühl, gänzlich von den Anordnungen einer unzugänglichen Instanz abhängig zu sein, konnte auf die deutschen Juden nicht anders als niederdrückend wirken. ln Berlin herrschte seit den Morgenstunden reges Leben auf allen Straßen, insbesondere in den größeren Geschäfts- Straßen. Uebcrall gingen uniformierte Nationalsozialisten von Haus zu Haus und beklebten die jüdischen Geschäfte mit den offiziellen roten Zetteln des Aktions-Ausschusses, worauf gedruckt stand: ״Es ist verboten, dieses jüdische Geschäft zu betreten“ oder aber ״Achtung, Jude! Betreten verboten“. Außerdem erschienen bei den größeren Geschäften größere rote Plakate, auf denen stand: ״Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden“. Einen besonderen Zweck verfolgten offenbar die großen weißen Plakate, auf denen in deutscher und englischer Sprache geschrieben stand: ״Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuel-Propaganda, kauft nur deutsche Waren“. Es ist ganz unverständlich, warum diese an Deutsche gerichtete Aufforderung in englischer Sprache, plakatiert wurde. Offenbar legte man Wert darauf, die Photographien in den angelsächsischen Ländern zu verbreiten. Das Anbringen der Plakate ging in völliger Ruhe und Ordnung vor sich, ja man konnte sogar beobachten, daß stellenweise ein gewisser Humor nicht fehlte. Auf der anderen Seite wirkte es häufig sehr deprimierend, wie alte ehrliche Geschäftsleute wehrlos dabeistehen mußten, während von ganz jungen Menschen an ihren Häusern und Läden die als Schimpf gemeinten Zettel befestigt wurden. Um 10 Uhr bezogen die SA.-Posten ihre Plätze vor den größeren jüdischen Geschäften. Eine große Menge Neugieriger durchwogte den ganzen Tag die Straßen, Man konnte in der Menge die Beobachtung machen, daß ein großer Teil der nichtjüdischen Bevölkerung mit der Aktion keineswegs sympathisierte. Mit allem Nachdruck muß betont werden, daß die christlichen Mitbürger keine Bemerkungen der Schadenfreude oder der Demütigung der Juden von sich gaben. Vielmehr verhielt sich das Publikum durchaus korrekt und zum großen Teil schweigsam. Das Schauspiel beabsichtigter Erniedrigung der jüdischen Nachbarn fand keinen Widerhall. Unsere Eindrücke stammen in der Hauptsache aus Berlin, und es mag sein, daß die Aktion nicht in allen Orten gleichmäßig verlief oder die gleichen Gefühle auslöste. Aber viele unvoreingenommene Beobachter haben es bestätigt, daß das Verhalten des nkhtjüdischcn Publikums zurückhaltend und teilweise menschlich mitempfindend war. Diese Tatsache wird gewiß auch im Auslande, dem ja die Boykottaktion vor allem galt, ihren Eindruck nicht verfehlen. Im Verlaufe des Tages wurden dann noch eine Reihe anderer Zettel und Plakate an den Geschäften befestigt. Insbesondere gab es eine ganze Reihe von roten Schildern mit allerlei Versen. Da hieß es z. B.: ״Warum hin zum Juden laufen, Deutscher soll bei Deutschen kaufen“ oder: ״Laßt das Geld in deutscher Hand, Jude schleppt es aus dem Land“ oder: ״Was mästet Ihr den Juden groß, Solang noch Deutsche arbeitslos“ oder: ״Jede Mark in Judenhand Fehlt dem deutschen Vaterland“ oder: ״Mit dem Geld, das Juden stahlen, Fremde Hetzer sie bezahlen“ ־ Von wem diese Plakate ausgingen, war auf ihnen nicht ersichtlich. Man darf wohl annehmen, daß es sich dabei nicht um offizielle Plakate des Boykottkomitees handelt, sondern um die Arbeit privater Dichter. Es wurden ferner im Laufe des Tages in den Hauptstraßen die großen Schaufenster mit riesigen Inschriften in roter und weißer Farbe bemalt. Da hieß es immer wieder: ״Inhaber Jude!“ Oder aber: ״Ich bin Jude!“ Daneben stand meist ein großer Magen David. Man sah aber auch In- Schriften, die sicher nicht vom Komitee gebilligt wurden, so r. B. ״Juda verrecke“, ferner ״Dreckjude“, ״Mistjude“ und ähnliches. Auch sah man häufig Karikaturen von Judenköpfen mit gewaltigen Nasen. Die ״D. A. Z.“ berichtet: ״An die Fenster des Warenhauses Tietz am Dönhoffplatz waren mit weißer Farbe Wegweiser mit der Aufschrift ״Nach Jerusalem“ und Davidssterne aufgemalt. In der Nähe des Rosenthaler Tores fand man Aufschriften, wie ״Juden raus!“, ״Tod den Judenhetzern!“, ״Nicht kaufen, Lebensgefahr!“ und ähnliches. Es scheint übrigens festzustehen, daß in vielen Fällen solche Aufschriften von Elementen angebracht worden sind, die ein Interesse an der Störung der Abwehraktion hatten. Als Beispiel dafür erwähnen wir den Fall eines Kaufhauses in der Danziger Straße, an dessen Schaufenstern sich heute früh die Aufschrift fand: »Wxnn die Juden weiterhetzen, wird SA das Messer wetzen“. Der Inhaber des Kaufhaus es wurde von dem NSDAP.-Gauführer in höflichster Weise darauf aufmerksam gemacht, daß diese Inschrift zweifellos von kommunistischer Seite angebracht sei und wurde veranlaßt, sie entfernen zu lassen, was auch geschah.“ Leider wurde nicht in allen Fällen, wo grob beleidigende Aufschriften angemalt waren, in derselben Weise verfahren und für Beseitigung gesorgt. Den im Boykottaufruf verheißenen ״gelben Fleck“ sah man nur relativ selten, fn den Nebenstraßen scheint die Aktion bei Aerzten usw. nicht restlos durchgeführt worden zu sein. Die Warenhäuser und die meisten anderen größeren Juden gehörigen Geschäfte waren geschlossen oder schlossen ihre Läden im Laufe des Tages. Die Plakate und Aufschriften blieben teilweise auch am Sonntag noch befestigt. Viele Ladeninhaber waren im Zweifel, ob sie sich nicht Unannehmlichkeiten aussetzen, wenn sie die Plakate entfernen. Am Montag früh wurde die offizielle Weisung des zentralen Boykottkomitecs veröffentlicht, wonach sämtliche Zettel und Piakate zu beseitigen sind. fn den Kundgebungen der Nationalsozialistischen Partei und des Boykot'komitees war erklärt worden, die Aktion bezwecke vor allem, den ausländischen Verbreitern von Greuelnachricbten über Deutschland zu zeigen, daß eine Fortsetzung dieser Kampagne an den deutschen Juden gerächt werden würde und daß die herrschende Partei dazu die Macht habe. Inzwischen hat, darin stimmen alle Berichte überein, diese Kampagne im Ausland bereits deutlich nachgelassen. Sogar die nationalsozialistische Presse, die bisher jede antideutsche Stimme auf Konto ,der Juden geschrieben hat, obwohl es z. B. im rein nordischen Skandinavien fast keine Juden gibt, meldet jetzt: ״Jüdische Weltmacht weicht zurück“. Es ist bedauerlich, daß sogar Kreise, die einer Argumentation sonst zugänglich sind, wie z. B. die ״Tägliche Rundschau“, die Legende von der ״jüdischen Weltmacht“ auch kritiklos hinnelunen ohne zu untersuchen, um welche Art Reaktion es sich hier handelt. Es wird keineswegs berücksichtigt, daß die Schritte, die von verantwortliehen Juden im Ausland gemacht wurden, in keiner Weise die natürlichen außenpolitischen Sehranken verletzen. Mit aller Deutlichkeit hat, um nur das vornehmste Beispiel zu nennen, Lord Reading im englischen Oberhaus erklärt, er befürworte nicht eine Einmischung in deutsche Angelegenheiten und überhaupt nicht eine Intervention. Ein Staatsmann wie Lord Reading, der die höchsten Aemter in England bekleidet hat, der Oberster Richter (Chief Justice), Vizekönig von Indien und Außenminister gewesen ist, weiß sehr genau, daß eine derartige Einmischung unmöglich und unzulässig wäre, ja daß sie einen anderen als den beabsichtigten Effekt haben könnte. Alle Nationen besitzen in diesem Punkt eine natürliehe Empfindlichkeit. Was Lord Reading wollte und worin ihm die anderen Lords und die Führer der christlichen Konfessionen beistimmten, war nichts anderes als der Versuch, in einer überaus aufgeregten Zeit zur Entspa nnung beizutragen, indem die Stimmung der maßgebenden Bevölkerung eines großen Landes, wie es England ist, durch maßgebende Sprecher der Welt bekannt wird. Dies ist um so wichtiger, als gerade dadurch auch die erlogenen Greuelnieldungen in den Hintergrund gedrängt werden. Die englische Oberhausdebatte, bei weitem die wichtigste aller ausländischen Kundgebungen zur deutschen Judenfrage, hat gezeigt, daß die Lords den Greuel nach rieht eil keinen Glauben schenken und sich nicht darauf stützen. Was ihnen Anlaß zu Besorgnis gab, waren die von der deutschen Regierung selbst offiziell angekündigten Maßnahmen, vor allem gegen jüdische Aerzte, Professoren, Richter, Rechtsanwälte, Künstler usw. Man kann verstehen, daß ein Mann, der als Jude das höchste Richteramt seines Landes bekleidet hat, irritiert ist, wenn Juden generell die Fähigkeit, Richter zu sein, abgesprochen wird. In ähnlichem Sinne hat Lord Horder in der ״Times“ vom 31. März ganz unpolitisch, nur im Namen der englischen medizinischen Wissenschaft, die Frage aufgeworfen, ob die Wissenschaft es ertragen kann, wenn die vielen hervorragenden jüdischen Mediziner Deutschlands, denen die Wissenschaft Unendliches verdankt, von ihren Forschungs- und Arbeitsstätten ausgeschlossen werden. Der Briefschreiber hofft, es werde keine Notwendigkeit entstehen, diese für die ganze Welt so wichtige Frage weiter zu erörtern. Ein Mann wie Sir Ernest B a r k e r, aus altem holsteinischen Geblüt, spricht in der ״Times“ mit höchstem Respekt von deutscher Kultur und erklärt, er habe von Kant die Idee des Rechtes gelernt; darum beunruhigt ihn die Rechtsstellung der deutschen Juden. Aus ähnlichen Besorgnissen offenbar haben auch die Vereinigten deutschen Gesellschaften New Yorks ihre Bitte an den Reichskanzler gerichtet, das Programm der Regierung für die künftige Behandlung der Juden zu formulieren. Es handelt sich nicht darum, daß Auslandsjuden in deutsche Angelegenheiten eingreifen wollen; worum es geht, ist ein natürliches Interesse jüdischer und christlicher Kreise für die Regelung von Fragen, deren Tragweite, obwohl ihre Behandlung eine innerdeutsche Angelegenheit ist, über die Grenzen Deutschlands hinausragt und auch an anderen Orten fühlbar ist. Das sind die Imponderabilien der Politik, über die niemand eine Macht hat, die aber der kluge Politiker in sein Kalkül einstellt. Die deutschen Juden sind überaus bestürzt, daß sie zum Objekt einer Aktion geworden sind, die im Ausland Beunruhigung und Kritik hervorgerufen hat. Wenn wir beim Regierungsantritt des Reichskanzlers die Hoffnung ausgcsprechen haben, daß in diesem Augenblick der Machtergreifung das die Juden betreffende Programm der NSDAPnicht Programm der Reichsregierung sein wird, so taten wir das in dem Bewußtsein, daß Deutschland in diesem Moment einer so großen Atenge schwierigster Fragen und zu bewältigender Aufgaben gegenübersteht, daß demgegenüber die Bedeutung der Judenfrage für Deutschland verschwindet. Wir warm darauf gefaßt, daß die Judenfrage aufgerollt werden wird, und daß entsprechend dem Charakter des neuen Staates manche Aenderungen erfolgen w׳crden. Wir sind überzeugt, daß eine Neuorientierung in dieser Sache hätte vor sich gehen können, ohne eine so heftige Reaktion zu .erregen, Aber wenn mit einen* Schlage