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Jüdische Rundschau · 1933-03-31 · Heft 26 (31.3.1933) · p. Seite 125

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 26 (31.3.1933)
Date
1933-03-31
Page
Seite 125 (sequence 1)
Language
German
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Sinzeinummer 0,25 Goldmark Palästina - Wirischafisblati JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienstagu. Freitag. Bezugspreis beider Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Au*land6abonnemen!a werden in der Wahrung der einzelnen Linder berechnet» Anzeigenpreis: 8 gesp. NonpareiUereile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck - Konten: Berlin 17372, Basel V 9355. Belgrad 68032» Brussel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155. SoraBburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cernauu (Rumänien); Aoglo Palestine Co. in Haifa* Jerusalem, Tel Aviv. Nummer 26/ | Berlin, 3i. III. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mi ttwoch nachmittag. ד׳ ניפן חרצ״ג | xxxvm. Jabrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.** Versuch einer Klärun Die Reichsleitung der NSDAP, hat gegen das Judentum im ganzen Reich eine Boykottparole ausgegeben, die am 1. April in Wirksamkeit treten soll. Die Wirkung dieser Bewegung kann durchgreifend sein: sie kann den größten Teil der deutschen Juden wirtschaftiich vernichten. Ausländer sollen geschont, deutsehe Juden radikal getroffen werden. Die Reichsregierung hat in einer früheren offiziösen Mitteilung die Erwartung ausgesprochen, daß die gesamte Presse in Deutschland sich an der Abwehr der Greuel- Propaganda des Auslandes beteiligen wird. Die jüdl sehe Presse in Deutschland hat, schon bevor diese Anweisungen ergangen sind, von sich aus mit aller Entschiedenheit den Kampf gegen lügenhafte Greuelmeldungen aufgenommen, und ohne die Bedeutung der jüdischen Presse zu überschätzen, darf wohl gesagt werden, daß gerade in diesem Punkt die Erklärungen der j ü d i ־ sehen Zeitungen dem Auslande gegenüber besonders maßgebend sein dürften. Wir denken dabei natürlieh nicht an die sogenannte ״Judenpresse“, sondem an diejenigen Zeiiungen, die sich selbst jüdisch nennen. Nun ist aber der Abwehrkampf gegen die Auslandspropaganda in ein Stadium getreten, bei dem die jüdischen Zeitungen in einer schwierigen Lage sind. Als Glied dieser Abwehraktion wird der Boykott der deutschen Juden proklamiert. Weder die Reichsregierung, noch die NSDAP, können erwarten, daß jüdische Zeitungen, im wesentlichen für jüdische Leser geschrieben, einen Boykott jüdischer Geschäfte propagieren können. Dennoch glauben wir, selbst ln dieser schwierigen Situation nicht nur der jüdischen Sache, der wir dienen, sondern auch dem Deutschen Reiche und der deutsehen Sache einen Dienst leisten zu können. Es gibt nur einen Weg, in der überaus verworrenen heutigen Lage dienlich zu sein: die Wahrheit. Die heutige Zuspitzung der Lage ist darauf zurückzuführen, daß die Wahrheit mißachtet wurde. Die beteiligten Faktoren im Inlande und Auslande wurden vielfach durch gewissenlose Personen und Drahtzieher irregeführt. Wir sind überzeugt, daß auch große Teile der nationalsozialistischen Partei und selbst ihre höchsten Führer, die in dieser Zeit mit anderen Geschäften überlastet sind, die wirklichen Zusammenhänge nicht entsprechend würdigen. Die Grcuclpropaganda 1m Auslande ist nicht von Juden ausgegangen, am allerwenigsten von deutschen Juden. Gewissenlose Sensationsjäger und Elemente, die im Trüben fischen, haben Nachrichten erfunden, denen der Stempel der Lüge aufgedrückt war. Wir Juden waren die ersten, die mit allem Nachdruck diese Greuelmeldungen, soweit sie sich auf Juden bezogen, dementierten, sobald sie uns zu Ohren gekommen waren. Es ist richtig, daß eine antideutsche Propaganda sich dieser Nachrichten bedient hat. Aber auch diese antideutsche Propaganda war nicht von Juden oder jüdischen Stellen gemacht. Es hieße dem deutschen Volk Sand in die Augen streuen, wollte man ihm einreden, daß seine außenpolitischen Feinde Juden sind. Auch das nationale Deutschland hat niemals diese Meinung gehabt. Wer heute die ausländische Presse verfolgt, weiß, daß sich in allen Ländern scharfe antideutsche Stimmen erheben, aber nicht nur aus linksstehenden Kreisen, die z. B. mit den deutschen Sozialdemokraten sympathisieren, sondern gerade aus den rechtsstehenden, nationalistischen Kreisen jener Länder, die meist auch antijüdisch sind. Wenn es auch Juden gibt, die in solchen Ländern in einen häßlichen antideutschen Ton verfallen, so sind es gerade diejenigen Juden, die überall bei solchen Gelegenheiten hinter ihren nichtjüdischen Mitbürgern nicht zurückstehen wollen. Das Judentum als solches, insbesondere das volksbewußte Judentum, lehnt eine verallgemeinernde, herabsetzende Beurteilung anderer Völker ab und fordert für jedes Volk ebenso wie für sich selbst Respekt und Gerechtigkeit. Wenn man von einer ״außenpolitische! Stellungnähme des Judentums“ als solchen überhaupt sprechen kann, dann besteht sie darin, daß Juden das Moment der Gerechtigkeit besonders stark zu betonen pflegen. Aus diesem Grunde waren Juden aller Länder Gegner des Versailler Vertrages und Gegner des Unrechtes, das Deutschland zugefügt wurde. Es hieße also die Tatsachen auf den Kopf stellen, wenn man behauptete, daß gerade Juden anderer Länder Deutschland außenpolitisch entgegengearbeitet haben. Die Protestbewegung, die in jüdischen Kreisen in der ganzen Welt nicht gegen Deutschland, sondern gegen den extremen deutschen Antisemitismus entstanden ist, hat eine von den deutschen Juden aller Riehtungen lebhaft bedauerte Heftigkeit erlangt, weil infolge der einander widersprechenden Nachrichten und infolge des Bombardements mit Sensationsmeldungen keine Klarheit über Charakter und Ausmaß der Vorgänge in Deutschland herrschte. Die an das Ausland gerichteten Warnungen und Dementis der deutschen Juden verfehlten ihre Wirkung, weil sie von anderen Meldungen übertönt wurden und weil es an authentischen Darstellungen mangelte. Man fand Widersprüche sogar in nationalsozialistisehen Kundgebungen, die auf der einen Seite in der schärfsten Form gegen die Juden Stellung nahmen, die jüdische Ehre herabzogen, das Judentum schwersten Beschuldigungen aussetzten, ohne eine Verteidigung auch nur anzuhören, — auf der anderen Seite aber erklärten, daß dem Judentum kein Haar gekrümmt wird. So verbreiteten sich wahnwitzige Ucbertreibungen, die da und dort leider gläubige Ohren fanden. Trotzdem haben die verantwortlichen Kreise des ausländisehen Judentums teils aus eigener Einsicht, teils aus Vertrauen zu den Mitteilungen der ihnen bekannten Führer der deutschen Juden, in die maßlose Sprache gegen Deutschland nicht eingestimrnt. Bei der großen Versammlung in Madison Square Ciardens in New York am Montagabend, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, hat der amerikanisch-jüdische Führer Dr. Stephen W i s e nach den telegraphischen Berichten der ״B. Z. am Mittag“ folgendes gesagt: Rabbiner Dr. Stephen Wise betonte, daß sich die Kundgebung nicht gegen das deutsche Volk richte, das in Amerika hoch geschätzt werde, und auch nicht gegen das politische Programm Deutschlands, denn Deutschland sei sein eigener Herr. Sie richte sich nur gegen die Gefahr einer intoleranten, antijüdischen Politik. Jedermann anerkenne Deutschlands Recht im Kampf gegen unsinnige Verträge, aber dieser Kampf könne auch geführt werden, ohne daß man die Juden zum schwarzen Schaf mache. Die in New York versammelten Juden stellten auch keinerlei Forderungen, sondern wollen nur die elementaren Grundsätze der Zivilisation unterstreichen, die auch den deutsehen Juden, von denen 12 000 auf dem Schlachtfeld gefallen seien, zugute kommen müsse. Auf denselben Ton waren auch die Reden der anderen, zum Teil nichtjüdischen Redner dieser jüdischen Ver- Sammlung gestimmt. Von dieser Tatsache aber, auch von dem Inhalt der Reden wird der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes keine Kenntnis gegeben. Die nationalsozialistische Presse, die jede antideutsche Aeußerung registriert und, auch wo der Redner ein Nichtjude ist, als ״jüdische“ Hetze bezeichnet, hat nur sehr späriiehe Berichte über die New Yorker Montag-Versammlung gebracht, obwohl sie vorher diese Versammlung als bevorstehende Deutschenhetze angekündigt hatte. Der ״Völkische Beobachter“ muß zwar zugeben, daß die Reden in der New Yorker Versammlung ״verhältnismäßig milde gehalten“ waren: aber weder der Text dieser Reden wird wiedergegeben, noch auch eine Konsequenz daraus gezogen. Die nationalsozialistische Presse hat auch von den jüdischen Erklärungen in Deutschland nur die des C.-V. veröffentlicht und abfällig glossiert, die anderen Erklärungen, insbesondere die bedeutungsvollen und im Auslande besonders eindrucksvollen Erklärungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ihren Lesern vorenthalten. Die NSDAP, erklärt jetzt in ihrem Boykott-Aufruf, sie wolle den Kampf gegen die Greuelhetze mit Mitteln aufnehmen, die ,,die Schuldigen“ treffen und fährt fort: ״Denn die Schuldigen sind bei uns. Sie leben unter uns und mißbrauchen Tag fUr Tag das Gastrecht, das BoeB dmituciw Volk bat,*4 Dieser Satz kann nur den einen Sinn haben zu behaupten, daß die deutschen Juden die Urheber der Grcuclpropaganda sind. Das ist eine Behauptung, die nicht nach geprüft sein kann und die der Wahrheit nicht entspricht. Wenn manche deutsche Juden, die heute im Auslande sind, sich ebenso wie viele deutsche Nichtjuden an der antideutschen Kampagne beteiligen, dann sind cs meist Personen, für die das deutsche Judentum keine Verantwortung trägt und die sich den Direktiven der maßgebenden Instanzen des deutschen Judentums nicht unterwerfen. Sie taten es auch in Deutschland nicht. Wenn aber in diesem Zusammenhang auch Professor Einstein genannt wurde, so ist in dieser Beziehung in Deutschland nicht alles richtig wiedergegeben wor* den. Uns liegen z. B. jetzt die amerikanischen Zeitungen vor, die den wörtlichen Bericht über die Rede Prof. Einsteins am 15. März beim Bankett der ,,Freunde der Universität Jerusalem“ in New York veröffentlichen. Es geht daraus hervor, daß Einstein kein Wort über die deutschen Verhältnisse gesprochen hat Es wird 'hervorgehoben, daß auch in privaten Unterredungen Einstein sich sehr z u r ü c k halt e n d äußerte. Prof. Einstein ist ein Mann von spezifischer Weltan* schauung, der sich seine religiösen und ethischen Anschauungen von niemandem vorschrciben läßt. Schon während seines Aufenthaltes in Deutschland war er aus diesem Grunde häufig Ziel von Angriffen. Seine Verteidigung gegen diese ist seine persönliche Angelegenheit Wo er aber als Gast einer jüdischen Veranstal« tung auftrat, hat er jeden Hinweis auf seine Anschauungen über Deutschland unterlassen. Wenn freilich ausgerechnet das ״Berliner Tageblatt“ jetzt den Literaten im Auslande pathetisch zuruft ״Das habt ihr angerichtet“, so muß doch gerade von ji'idischer Seite gegen diese Politik des Sich-selbst-Schönmachcns protestiert werden. Auch dem ״Berliner Tageblatt“ kann doch nicht unbekannt sein, daß das, was der ״Völkische Beobachter“ unter ״jüdischen intellektueilen Literaten“ versteht, die Personen sind, die zum Teil in den Redaktionsstuben des ״Berliner Tagebintts“ saßen und jetzt größtenteils im Auslände sind. Wir sind sachlich ähnlicher Meinung wie das ״Berliner Tageblatt“, nämlich daß das Verhalten mancher im Auslande befindlicher deutscher Juden für das Judentum ebenso schädlich ist wie für Deutschland, aber wir glauben, daß nichts das Judentum so schädigt wie zur Schau getragene Würdelosigkeit. Schon kolportiert man den Ausspruch eines hohen nationalsozialistischen Führers, der von dem ״W i n s e 1 n“ der J u d e n gesprochen haben soll. Auch in dem schweren Kampf dieses Augenblicks darf das Judentum nicht ״winseln“, sondern es muß aufrecht für die Wahrheit und für Gerechtigkeit cintreten. Die NSDAP, hat heute die unbeschränkte Macht in Deutschland, und sie kann den von ihr angeordneten Boy• kott durchführen. Die deutschen Juden werden dann zu! Auswanderung gezwungen. Auch ein solche! beispielloser Vorgang würde der Hilfe von legitimierten völkerrechtlichen Instanzen bedürfen. Aber obwohl die NSDAP, die Macht hat zu tun, was sie will, können wir nicht glauben, daß sich ihre Führer der Wahrheit verschließen werden: Das Judentum will keinen Kampf gegen Deutschland, am allerwenigsten will das deutsche Judentum eine dauernde Kampfstellung innerhalb seiner deutschen Mitbürger. Die Juden wollen friedlich ihrer Beschäftigung nachgehen und ihre wirtschaftlichen Positionen weiterführen. Was die politische Gestaltung Deutschlands anlangt, so hat gerade das volksbewußte Judentum stets den Standpunkt vertreten, daß in politischen Fragen, die an den innersten Kern des Volkstums rühren, die Juden trotz ihrer absolut loyalen und pflichtgemäßen Staatsbürgerliehen Haltung Zurückhaltung zu üben haben. Es wäre Heuchelei, jetzt zu sagen, daß die nationale Revolution in Deutschland von den Juden freudig begrüßt wurde; dies war unmöglich, weil der deutsche Nationalismus im Zeichen einer ausgesprochenen radikalen Judenfeindschaft stand. Aber ohne Falschmeldung kann man sagen, daß das nationale Judentum für jede nationale Bewegung und besonders auch für jede Erhebung gegen einen unerträglichen, die Ehre eines Volkes verletzenden Druck volles Verständnis hat. Die neue Regierung in Dfeutschkud ist eine unabänderliche Tatsache, mit der

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