Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- Seite 105 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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43 selhsterhaltende jüdische Dörfer Einzelnummer 0,25 Goldmark jüdische Rundschau Erscheint jeden Dienstag!!. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Ausiandsabonnements werden in der Wahrung der einreinen Länder berechnen Anzeigenpreis: 8 gesp, Nonpareiüezeile 0,50 G.-M- Stellengesuche 0,25 G.-M. Nummer 22 I Berlin, 17. III. 1933 Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. ai. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck -Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32, Brüssel 394 33, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Rißa 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurlürstendatrim 52; Rumänische Kreditbank, Ccmauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv. י״ט אדר וזרצ״ג I xxxvm. jahrg. Per Ziontsmus erstrebt tOr da» Jüdische Volle die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.“ Gegen den French- Bericht Memorandum der Jewish Agency an den High Commissioner Jerusalem, 13. März. (J.T.A.) Die Jewish Agency for Palestine hat der Regierung Palästinas auf deren Ersuchen hin eine Erklärung übergeben, in der der Bericht des früheren Palästina-Entwicklungsdircklors Lewis French über die Grundlagen und Bedingungen der Landwirtschaft in Palästina in allen seinen Teilen einer eingehenden Analyse und Kritik unterzogen und seine Konklusionen widerlegt werden. Das Dokument besteht aus einem Manlelschreiben im Umfang von 30 Seiten und einem Memorandum im Umfang von 66 Seiten. Darin werden die offiziell mitgeteilten Resultäte der Untersuchung betreffend die angebliche Depossedierung von Arabern als Folge des jüdischen Landerwerbs zitiert und, gestützt auf diese Resultate, erklärt, daß die Legende vom ״landlosen Araber“ endgültig ״zerplatzt“ sei. In dem Memorandum wird eine Reihe von Tatsachen und Ziffern aufgeführt, die dartun, daß das jüdische Kolonisationswerk den Fellachen im allgemeinen großen Nutzen gebracht hat und daß gerade in der Küstenebene, in deren Bereich Lewis French eine gesetzliche Beschränkung des Bodenkaufs an Juden empfahl, sich die Landwirtschaft der Fellachen Seite an Seite Jüdische Arbeiter gesucht! (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl., Tcl-Aviw, 9. März 1933. Aus Stadt und Land, aus dem Norden und Süden kommt der Ruf nach neuen jüdischen Arbeitskräften. Bis vor kurzem hielt sich das Angebot und die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte einigermaßen im Gleichgewicht. Es gab kein großes Reservoir, aus dem die Vermittlungsbiiros schöpfen konnten, aber es gab auch keinen direkten Arbeitermangel. Freilich wurden schon vor Monaten Aufträge der verschiedensten Handwerke nur noch mit Mühe und oft mit Verspätung erledigt. Und man konnte mit einiger Bestimmtheit sagen, daß ein Neuankömmling ohne viel Aufschicbens untergebracht werden konnte, auch wenn er nicht in einem Spezialzweig besonders ausgebildet war, aber bereit, sich einzufügen und sein Werk zu tun. Gut ausgebildete Handwerker aus den vcrschiedensten Gebieten waren jedoch auch schon früher eine stark gesuchte Ware. In den letzten Monaten ist die Entwicklung weitergegangen. In den Städten herrscht das Ballfieber in einem unbekannten Maße, da die meisten Bauten noch zu Beginn des moslemischen Jahres, das dieses Mai in den April fällt, fertig werden sollen und daher überall mit Hochdruck geschafft wird. Mit der zunehmenden Einwanderung wachsen jedoch auch alle anderen wirtschaftlichen Anforderungen, die Bestellungen an Werkstätten, an Fabriken, an Läden. In den Dörfern liegen die Dinge sehr ähnlich. Die Baubewegung absorbiert dort ebenfalls beträchtliche Mengen arbeitender Hände. Die Expansion auf verschiedenen landwirtschaftlichen Gebieten ist stark, am gewaltigsten natürlieh immer noch in den Oran genpl antagen. Die Anpflanzungsfläche für das nächste Jahr wird mit der phantastisehen Ziffer von 40000 Dunam angegeben; noch vor wenigen Wochen sprach man von 25 000 Dunam, und da gerade in dieser Zeit, wo die Touristenflut zu einer besonders steilen Welle ansteigt, die Abschlüsse rasch nacheinander folgen, kniin man auch bei vorsichtiger Schätzung annehmen, daß wir für den nächsten Winter mit mindestens 35 000 Dunam Ncupflanzungen werden zu rechnen haben. Hier liegt also eine neue große Arbeitsreserve, für die vorgesorgt werden muß und die als ein Zeichen dafür gelten kann, daß die Nachfrage — wenn nicht ein ganz unvorhergesehener Umschwung eintritt — fürs erste anhalten wird. Nimmt man noch dazu, daß auch in den Arbeiterwirtschaften rnit Anspannung aller Kräfte gearbeitet wird, um den Anforderungen des Betriebes 7.u genügen, so bekommt man ein Bild von der überall herrsehenden Tätigkeit. Nun ist es so weit gekommen, daß die Arbeitsämter durchaus nicht mehr imstande waren, die Zahl von Arbeitern, die angefordert wurde, zu stellen. Aufträge mußten liegen bleiben; in Jerusalem hat man sich dahin geeinigt, bestimmte Arbeiten bei den Bauten für später zurückzustclien und nur das Nötigste bis zum bestimmten Termin fertigzumachen. Die Arbeiterorganisation steht in ihrem Kampfe üm die Eroberung der jüdischen Arbeit vor der schwierigen Situation, daß sie auch den Untern elnnern, die Juden beschattigen wollen, nicht genügend Kräfte zur Verfügung stellen kann. Unter diesen Umständen ist natürlich das Eindringen arabischer Arbeiter auch in solche Positionen erleichtert, die unter ״normalen“ Bedingungen immer von Juden besetzt werden. In den letzten Jahren mehren sich die Nachrichten darüber, daß auch in Tel-Awiw an manchen Punkten Araber eingestellt werden. Unter diesen Umständen hat die Arbeiterschaft den Versuch gemacht, dem Problem mit verschiedenen außerordentliehen Mitteln beizukommen. Es wird darüber diskutiert, daß die orientalischen Gemcia-ien, die für eine not• mit der jüdischen Landwirtschaft emporentwickelt hat. In dem Memorandum der Jewish Agency wird ein Vergleich der wirtschaftlichen Lage der arabischen Dörfer vor Beginn des Bodenerwerbs durch Juden mit der Lage heute angestelit und nachgewiesen, daß die allgemeine Emporentwicklung der arabischen Landwirtschaft in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Entwicklung der jüdischen Kolonisation steht. Am Schluß des Memorandums wird erklärt: Die Vor- Schläge von French, iin Wege der Gesetzgebung den Kauf von Boden durch Juden cinzuschränken, sind null und nichtig, da die Basis, auf der diese Vorschläge ruhen, nämlich die These vom ״landlosen Araber“, sich als nichtig erwiesen hat. Das Memorandum der Jewish Agency gründet sich auf die Arbeit einer von Ihr eingesetzten Sachvcrständigenkommission, die sich aus Dr. Arthur Ruppin, Granowsky, Wil״ kansky, Smilansky und dem Geschäftsführer der Palestine Jewish Colonisation Association (Pica), Victor Cohn, zusammengesetzt hat. male feste Arbeit bisher nur zum Teil erfaßt wurden, jetzt gründlicher herangezogeii werden sollen, daß die Transporte von Chaiuzim aus dem Auslande beschleunigt werden müssen und ähnliches. Um jedoch über die nächsten, besonders schwierigen Wochen liinwegzukommen, hat man (wie in der ״J. R.“ bereits gemeldet), dcri Beschluß gefaßt, die Schüler der höheren Klassen für die Arbeit heranzuz.iehen. Der Waad Lcumi hat ebenso wie die Erziehungsabteilung seine Zu- Stimmung erteilt. Demnach werden Schüler über 16 Jahren in der Zeit zwischen Purim und Peßach für die Arbeit vom Unterricht befreit. Die Schüler sollen unter Aufsicht der Lehrer in Gruppen zusammengefaßt und an die Arbeitsplätze verteilt werden. Man kann wohl kaum eine schlagendere Illustration für die Schnelligkeit der wirtschaftlichen Expansion finden, in der das jüdische Palästina sich zurzeit befindet. Der Gegensatz zwischen den Arbeitslosenheeren, die die Weltwirtschaft zur״ zeit aus ihren Positionen drängt und dem Aufbau, der hier stattfindet und immer neue Kräfte mobilisiert, ist recht gewaltig. Das Wachstum des Jisclmw Im Januar 1933 liaben laut den soeben veröffentlichten offiziellen Ziffern 2219 Juden die Erlaubnis zu dauerndem Aui enthalt in Palästina bekommen. Unter ihnen sind neben den auf Grund der Arbeiterschedule Eingewanderten 747 jüdische Personen, die als Touristen in das Land gekommen waren und im Januar die Erlaubnis erhielten, sich in Palästina ansässig 7.u machen, im Januar 1932 konnten nur 136 Juden in Palästina seßhalt gemacht werden. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung von Tel- Awiw ist in den letzten sechs Monaten von 46 000 Seelen auf rund 56 000 Seelen gestiegen; sie hat also in einem halben Jahre um 10 000 Seelen (über 20 0״׳) ZUgenommen. Die Hauptmasse rekrutiert sich aus Angehörigen des Mittelstandes, die aus Amerika, Polen und anderen Ländern einwanderten. Erklärung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Die Zionistische Vereinigung für Deutschland übermittelt uns nachstehende Erklärung; Im Hinblick auf die Veröffentlichungen in der nationalsozialistischen Presse, in denen die deutschen Juden einer gegen Deutschland gerichteten Propaganda im Ausland beschuldigt werden, und insbesondere im Hinblick auf Versuche, das Zentralorgan der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, die ״Jüdische Rundschau“, mit dieser Propaganda in Verbindung zu bringen, erklärt die Zionistische Vereinigung für Deutschland, daß alle Behauptungen dieser Art unrichtig sind und jeder Grundlage entbehren. Jede Nachprüfung wird ergeben, daß — soweit versucht wird, solche Vorwürfe auf Aeußerungen der zionistischen Presse in Deutschland zu stützen — diese Aeußerungen Artikeln entnommen sind, die überhaupt keine Stellungnähme zu den Fragen der innerdeutschen Politik enthalten. Die von der nationalsozialistischen Presse in diesem Zusammenhang aus den ausländischen Zeitungen zitierten Aeußerungen von jüdischer Seite sind aus der Besorgnis um das Schicksal der deutschen Juden zu erklären, die durch judenfeindliche Propaganda in jedermann zugänglichen Presseartikein und Broschüren entstanden ist. Die Beruhigung der Verhältnisse in Deutschland, die auch den deutschen Juden das Gefühl der Sicherheit wiedergibt, wird zweifellos auch in der ausländischen Presse ihren Ausdruck finden. Ungerechte Beschuldigungen Unter der sensationellen Ueberschrift ״Das Judentum im Ausland ruft zum Mord auf“ veröffentlicht der ״Völkische Beobachter“ vom 16. d. M. einen aus Washington datierten Artikel, worin die Behauptung auf gestellt wird, ״die Juden erwägen eine gevvaltsame Beseitigung des deutschen Hain ans, Adolf Hitler. Die Welt — so heißt es weiter, — darf sich nicht wundern, wenn strenge Maßnahmen erforderlich werden, um das Leben des Führers zur deutschen Freiheit zu schützen.“ Zur Stützung dieser Behauptung führt die Zeitung einen vor einem Jahre, im Mär/. 1032, im Bne Brith-Magazine in Cincinnati erschienenen Artikel an, der eine banale Analogie zwischen der Purimgeschiehtc und dem deutsehen Antisemitismus zieht. Dann folgt ein Zitat aus ״W;■ :':;;igton Herold“ vorn 2. Februar, wo ein gewisser Walter Winchell geschrieben haben soll, viele würden nicht bedauern, wenn ein Mörder Hitler eines Tages niederschiclle. Diese Aeußerung wird dem Judentum zur Last gelegt, obwohl der Journalist, der dies geschrieben hat, gar kein Jude ist. Der ״Völkische Beobachter“ pflegt ja die Frage, ob jemand Jude ist, nicht sehr gewissenhaft zu prüfen; für die Bedürfnisse des Blattes wird jeder als ״Jude“ bezeichnet, der als Feind abgestempelt werden soll. In dem Artikel wird dann ein Satz aus der ״Jüd. Rundschau“ vom 17. Februar wiedergegeben, der von der ״selbstverständlichen Konsequenz der zumindest bei der Abwehr drohender Gefahren vorhandenen Verbundenlicit des Weltjudentums“ spricht. Diese Weltverbundenheit des Judentums zeige sich nun an der Arbeit in einem Artikel von Walter Lipmann in der ״New York Herald Tribüne“, worin der Verfasser rnit Rücksicht auf etwa drohende Verwicklungen in Europa für eine amerikanischc Politik des Ausgleichs zwischen England und Frankreich eintritt. Dieses vom ״Völkischen Beobachter“ gewählte Beispiel zeigt, wie unberechtigt die Beschuldigungen sind, die von der nationalsozialistischen Presse gegen die Juden erhoben werden. Der Artikel des ״New York Herald Tribüne“ unterscheidet sich nämlich in keiner Weise von anderen Artikeln, die in der amerikanischcn oder sonst in der ausländischen Presse über außenpolitische Fragen veröffentlicht werden, ln solchen Artikeln werden verschiedene Momente der Weltpolitik gegeneinander abgewogen und vom Standpunkt der Außenpolitik des betreffenden Landes beleuchtet. Selbst der verblendetste Antisemit wird nicht behaupten können, daß die Artikel, die in den letzten Wochen in den großen und maßgebenden Organen der Auslandspresse über Deutschland oder über die weltpolitischen Auswirkungen der jüngsten deutschen Entwicklung erschienen sind, von ״Juden“ geschrieben oder inspiriert sind. Sehr selten werden von der nationalsozialistischen Presse Stimmen des Auslandes wiedergegeben. Nur gerade in dem einen Falle, wenn zufällig unter einem außenpolitischen, durchaus in die amerikanische Linie fallenden Artikel ein jüdisch klingender Verfassername steht, wird dieser Artikel als einziger in Fettdruck zitiert, als ob cs sich hier um ein besonders auffallendes Ereignis handelte. Das ganze wird daun durch die lieberschrift ״Das Judentum im Ausland ruft zum Mord auf“ zu einem antijüdischen Vorstoß gefährlicher Art verwendet. Da der ״Völkische Beobachter“ bei dieser Gelegenheit einen Artikel der ״Jiid. Rundschau“ erwähnt, so ist es erforderlich, hierüber noch ein Wort zu sagen. Der Artikel, auf den angespicit wird, befaßte sich, ausgehend von der Kundgebung des amerikanisch-jüdischen Kongresses, mit der Wirkung, die die ins Ausland dringende nationalsozialistische Presse auf die Juden überall in der Welt ausüben muß. Es wird dargelegt, daß ohne Hinzutun der deutschen Juden, ja selbst wenn diese es verhindern wollten, die Juden anderer Länder sich mit getroffen fühlen und mit naheliegenden Kundgebungen der Solidarität reagieren. Der Satz, aus dem der ״Völkische Beobachter“ das Wort von der Verbundenheit des Weltjudentums heraushebt, lautet vollständig: ״Mit der Tatsache, daß sich die Juden in der ganzen Welt über das Schicksal der deutschen Juden besorgt zeigen und dieser Sorge Ausdruck geben, muß man als mit einer selbstverständlichen Konsequenz der zumindest bei der Abwehr drohender Gefahren vorhandenen Verbundenheit des Weltjudentums rechnen.“ Was ist Verbundenheit des Weltjudentums? Die Angriffe, die der ״Völkische Beobachter“, der ״Angriff“, die übrige nationalsozialistische Presse und Literatur gegen das Judentum und die Juden richten, sind insofern nicht nur eine ״deutsche“ Angelegenheit, als sie sich doch gegen Juden und Judentum schlechthin wenden. Wenn in den Straßen Berlins von anpreisenden Ausrufern für 10 Pfennig die Broschüre ״Juden raus“ von Dr. von