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Jüdische Rundschau · 1933-03-07 · Heft 19 (7.3.1933) · p. Seite 92

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 19 (7.3.1933)
Date
1933-03-07
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
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Seite 92 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19, 7. HL 1933 Uebertreibungen; wir wissen, daß eine Verbreitung von Nachrichten, die sich später als unrichtig heraussteilen, unserer Sache nur schadet. Aber auf der anderen Seite ist es leicht erklärlich, wie solche Nachrichten entstehen und warum sich der ausländischen Juden die Erregung bemächtigt hat, die auch in fortgesetzten Anfragen aus dem Auslande bei uns zum Ausdruck kommt. Weiß man doch überall, daß die Presse der nationalsozialistischen Partei seit jeher und auch nach dem Amtsantritt der Regierung Hitler in der schärfsten Weise gegen die Juden hetzt. Wichtige nationalsozialistische Organe variieren den Satz: ״Die Juden sind schuld" bei allen möglichen Gelegenheiten. Noch am Tage vor der Wahl, am 4. März, veröffentlicht der Berliner ״Angriff“ unter dem Bild und der faksimilierten Unterschrift Adolf Hitlers folgenden Absatz: ״So Ist der Jude heute der große Hetzer zur restlosen Zerstörung Deutschlands. Wo immer wir in der Welt Angriffe gegen Deutschland lesen, sind die Juden ihre Fabrikanten, gleich wie auch im Frieden und während des Krieges die jüdische Börsen- und Marsistcnpresse den Haß gegen Deutschland planmäßig schürte, solange bis Staat um Staat die Neutralität aufgab und unter Verzicht auf die wahren Interessen der Völker in den Dienst der Weltkoalition eintrat.“ Hier wird der Jude sogar für die außenpolitischen Mißerfolge Deutschlands vor 1914 und während des Krieges verantwortlich gemacht — eine These, deren offenkundige Unrichtigkeit man natürlich vom Ausland her kontrollieren kann. Wenn man hinzufügt, daß nach Erklärungen des ״Angriff“ die Juden auch an der ״Zer- Setzung der deutschen Kultur“, an allen Preissteigerungen ebenso wie an allen Preisstürzen, ja sogar an den bedauerlichen politischen Mordtaten in Deutschland ״schuld“ sind, dann liegt es auf der Hand, daß objektive Leser im fn- und Auslande den Eindruck erhalten müssen, daß eine solche, oft in überaus aufreizendem Tone geführte Pressekampagne in aufgeregten Zeiten und bei einer so großen Massenbewegung tätliche Folgen haben könne. Derselbe ״Angriff“ vom 4. Marz bringt aus eine:» russischen Pamphlet blutrünstige antisemitische Schilderungen über angeblich von Juden begangene blutige Grausamkeiten, deren Widersinn auf der Hand liegt, die aber trotzdem vielleicht gutgläubige Leser finden. Da der gegenwärtige Reichskanzler einmal erklärt hat, in der nationalsozialistischen Bewegung geschehe nichts ohne seinen Willen, und da weder von Staatsnoch von Parteibehörden diese Organe offenbar bisher zur Mäßigung verhalten wurden, so liegt für Außenstehende die Konklusion nahe, daß sogar die heutige Regierung derartige Insulte gegen das Judentum billigen könnte. Es ist bemerkenswert, daß auch der ״Völkische Beobachter“ die Beschuldigung pogromartiger Absichten mit Entrüstung zurückweist. Wir bringen an anderer Stelle eine Veröffentlichung des ״Völkischen Beobachters“, die sich mit Meldungen des ״Daily Herald“ und mit Weizmanns Rede auf dem Londoner Bankett der Parlamentarischen Palästinafreunde befaßt. Zu dieser Veröffentlichung des ״Völkischen Beobachters“ ist zunächst zu bemerken, daß zwischen der Meldung des ״Daily Herald“ und der Rede Weizmanns keinerlei Zusammenhang besteht. Die Rede Weizmanns wurde vom ״V. B.“ offenbar nach dein Bericht der ״Times“ zitiert. Die angeführte Stelle enthält nichts von falschen Pogromnachrichten, und auch in seiner Rede hat Weizmann lediglich auf verschiedene antijüdische nationalsozialistische Aeußerungen Bezug genommen und hat die deutschen Juden in ihrer schweren seelischen Lage der. Sympathien des englischen Judentums versichert. Es ist ein starkes Stück, aus diesen Worten Weizmanns, der ein jüdischer Staatsmann von internationaler Reputation ist, eine ״Hetze gegen Deutschland“ und ״freche Lügen“ herauszulesen. Das deutsche Judentum sieht in den Worten Weizmanns nichts als eine selbstverständliche Bekundung der Solidarität, die es dankbar verzeichnet. Mit großer Entrüstung wendet sich die nationalsozialistische thüringische Regierung gegen die angeblichen Pogromnachrichten. In der Erklärung des thüringischen Ministers des Innern heißt es, mit größter Empörung habe die thüringische Regierung davon Kenntnis genommen, daß in der ausländischen marxistischen Presse in der unerhörtesten Weise nationale Regierungen in Deutschland und nationale Parteien und Verbände durch Behauptungen verleumdet werden, es würden in Deutschland irgendwelche Pogrome vorbereitet. Die nationalsozialistische thüringische Regierung brandmarkt ihrerseits diese unerhörten Beleidigungen des ganzen deutsehen Volkes. Es sei für die thüringische Regierung eine Selbstverständlichkeit, daß sie den Schutz für Leben und Eigentum aller Fremdrassi• gen und Fremdstämmigen in Thüringen gewährleiste. Gerade unter der nationalen Regierung sei Ruhe und Sicherheit für jeden in Deutschland, der in Frieden und Anstand seinen Geschäften nachgeht, gesichert. Es heißt dann in der Erklärung weiter, die thüringische Regierung sehe sich aber zum Schutz des deutschen Volkes, seiner Ehre und zur Asfrechterhal* tung von Ruhe und Sicherheit veranlaßt, in Thüringen den Centralverein deutscher Staatsbürger j üdisehen Glaubens ab Sonntag 12 Uhr auf* zulösen und zu verbieten. Gerade der Tätigkeit dieses Vereines sei es zuzuschreiben, daß das nationale Deutschland und die nationalen Führer, sowie nationale Regierungen in einer unverantwortlichen, taJmudistischen, unwahrhaftigen Weise, besonders in der ausländischen Presse, herabgesetzt worden seien. Die Nachricht über das Verbot des Centralvereins wird am Montag vom ״Völkischen Beobachter“ und vom ״Angriff“ wiedergegeben, ohne daß auch der erste Teil der Erklärung der thüringischen Staatsregierung mitgetdlt würde. Wir sehen hier wieder die äugen״ fällige Do p p e 1 p p 1 i I i k des Nationalsozialismus In der Judenfrage: im Inland werden selbst von Regie• rungserklärungen nur jene Teile veröffentlicht, die andjüdischen Charakter haben, während sogar die offizielle Erklärung über den ״selbstverständlichen Schutz auch der Fremdrassigen und Fremdstämmigen“ einfach unter* drückt wird. Zu diesem System gehört es wohl auch, wenn die nationalsozialistische Presse, die sonst die von den Führern der Bewegung in der Auslandspresse ab* gegebenen Erklärungen in großer Aufmachung bringt, ein Interview des Reichsministers Göring in der Stockholmer ״Svenska Dagbladet“ verschweigt, wo* rin der Minister über die Judenfrage folgendes gesagt haben soll: ״Wenn sich die Juden loyal verhalten und ihren Geschäften nachgehen, hat niemand etwas zu befürchten. Aber wir wollen sie nicht in der Leitung des Reiches haben und werden sie dort nicht tolerieren.“ Was das Verbot des Centralvereins in Thüringen betrifft, so nehmen wir an, daß von seiten des C.-V. Schritte erfolgen werden, um die Behörden über den wahren Charakter des Vereins zu informieren. Vermutlieh ist die Aktion der Thüringer Regierung durch die Veröffentlichung des ״Völkischen Beobachters“ veranlaßt, der behauptet hatte, der C.-V. habe sich bei der polizeilichen Durchsuchung als ״kommunistische Hilfs- Organisation“ erwiese«, was amtlich nicht richtiggestelit wurde, obwohl wir überzeugt sind, daß die Durchsuchung keine Anhaltspunkte für diese Behauptung ergeben hat. Wir hatten oft und haben auch heute in innerjüdischen Fragen wesentliche Meinungsverschiedenheiten mit dem C.-V., aber die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen sind einfach so unglaubhaft, daß jede Nachprüfung sicherlich die Unrichtigkeit erweisen wird. Wogegen aber schon jetzt protestiert werden muß, ist der bisher noch nie vorgekornmene Fall, daß in der offiziellen Kundgebung einer deutschen Regierung von ״unverantwortlichen talmudistischen unwahrhaftigen“ Methoden die Rede ist. Das ist eine Terminologie, die seitens einer Regierung nicht gebraucht werden sollte. Die deutsche Regierung findet, wenn sie nach den Wahlen jetzt an die Arbeit geht, ein gewaltiges Maß von Aufgaben vor. Innerhalb dieses Stoffes nimmt die Judenfrage einen geringen Platz ein. Wir Juden sind aus dem öffentlichen Leben praktisch ausgeschaltet. Wir haben teil am Schicksal der Gesamtheit, aber gerade wir nationalen Juden, die den Wert von Volkstum und Volksidealen kennen, vermögen nicht zu glauben, daß ein Nationalismus seine aufbauende Kraft aus Haßgefühlen nähren kann. Wir werden den Schmähungen und Beleidigungen unseres jüdischen Namens standhalten. Wir wissen, daß eine Neugestaltung der mensch* liehen Ordnungen auch uns die Erfüllung unseres Lebens* rechtes bringen muß, Presseschau Alles und Neues Jerusalem Die ״T i m e s“ veröffentlicht am 2. März einen ausführliehen Artikel mit Bildern unter der Ueberschrift ״Altes und neues Jerusalem“ (Veränderungen in der Heiligen Stadt). Darin wird die gewaltige Bautätigkeit in Jerusalem geschildert. Zwar sei es nicht wahrscheinlich, daß die Heilige Stadt so sehr von den neuen modernen Formen überwuchert werden wird wie etwa Rom und Athen. Trotzdem kann man nicht leugnen, daß der antike Teil Jerusalems in den Hintergrund tritt gegenüber dem neuen Leben, das rings um die alte Stadt aufblüht. Heutzutage gehen Menschen aus ganz anderen Gründen als um der Pilgerschaft willen nach Jerusalem. Jerusalem zerfalle jetzt In drei Zonen: die alte Stadt innerhalb ihrer Mauern, rings herum die Stadt der Religionen und Wohlfahrtsinstitutionen, die im halben Jahrhundert vor dem Kriege entstanden sind. Schließlich die dritte Zone der neuen Stadt, die sich weit bis ins Land hinein erstreckt, mit Gebäuden wie das neue, eine Million Dollar kostende Y. M. C. A.-Haus, das König David-Hotel, und etwas weiter vom Stadtzentrum das neue Regierungsgebäude und die jüdische Universität. Man kann sagen, — so fährt die ״Times“ fort — daß das neue Jerusalem keineswegs so abstoßend ist, wie es gewöhnlich neue Stadtviertel im Vergleich zu dem alten Bau- Stil sind. Das Baumaterial Jerusalems verleiht den Häusern ein ästhetisches Aeußeres. Was die *B e v ö I k e r u n g betrifft, so hat Jerusalem vor dem Kriege etwa 40 000 Einwohner gehabt, die großenteils von Religion und Wohltätigkeit lebten. Nun sind etwa 60000 Menschen hinzugekommen, die weltlichen Berufen nachgehen. Die britische Beamtenschaft und die jüdischen zentralen Institutionen schaffen durch ihre Bedürfnisse vielen Menschen Erwerbsmöglichkeit. Die Verbesserung der Verkehrswege hat den Touristenverkehr belebt, trotz der etwas unzugänglichen Lage Jerusalems im Bergland. Nicht nur Bethlehem und Ramallah, sondern auch die Zwillingsstadt Jaffa-Tel-Awivv sind geradezu Vorstädte von Jerusalem geworden, da manche Menschen, die in Jerusalem arbeiten, in Tcl-Awiw wohnen und mit Autobussen in H/1 Stunden zur Stelle sind. Infolge des Aufschwungs des Geschäftslebens haben auch die Banken mehr Bedeutung erlangt. Jüngst wurde in der Presse die Errichtung einer Börse angeregt. Etwa eine halbe Meile vom Jaffa-Tor entfernt ist ein großes Geschäftszentrum entstanden. Manche Besucher Jerusalems mögen über diese Entwicklung erstaunt sein. Aber man dürfe nicht meinen, daß moderne Waren, die einen Jesajah zu Protesten erregt hätten, das einzige sind, was die Geschäfte bieten. Vielmehr findet gerade das Geistes* leben mit schöpferischer Literatur, Musik und Kunst ein besonders aufnahmeb|reites Publikum in Jerusalem. » In der amerikanischen Zeitschrift ״Current History״ schreibt ihr ständiger Berichterstatter für den Vorderen Orient, Professor Lybyer, es sei sehr bemerkenswert, daß laut dem Memorandum der Jewish Agency an die Mandatskommission die Vermehrung der arabischen Bevölkerung in,den letzten zehn Jahren gerade in den Gegenden der stärksten jüdischen Ansiedlung am größten gewesen sei. Die jüdische Landbevölkerung habe sich von 1922 bis Ende 1931 um 200 °/0 vermehrt, während die Stadtbevölkerung sich tast verdoppelt habe. Dir natürliche Zuwachs der Jüdiscbea Bevölkerung habe Im Jahre 1930 2 «ff betrag«. — Im übrigen hebt Lybyer den Gegensatz zwischen der sehr befriedigenden Lage der jüdischen Kolonien und dem Elend der Fellachen hervor. — * Die französische Monatsschrift ״La Revue des Vi. vants״ bringt einen umfangreichen, höchst merkwürdigen Aufsatz von O. V. de Milosz über ״Die iberischen Ur. Sprünge des jüdischen Volkes“, In dieser Arbeit, die nach den Angaben des Verfassers auf eigenen Studien von 37 Jahren beruht und nur die Vorläuferin eines umfassenden Werkes Ist, wird mit einer Fülle von geistreichen und für den Laien zum großen Teil verblüffenden Konjekturen ״bewiesen“, daß die Hebräer <Ibri) aus Spanien (Iberien) kämen, daß der Garten Eden in Andalusien lag, der Chidekel mit dem Guadal- . ‘ ’'־־'*־ — . x _ lohnt jedenfalls ein Hinweis auf die gelehrten Hypothesen des Franzosen de Milosz. * Psychologie der Deulachea Das Februarheft der ״Fortnfghtly Review“ bringt einen Aufsatz von John Ballett ״Der preußische Ko in• p l e x“ der für uns von Interesse ist, obwohl vom Antisemitismus nur nebenbei die Rede ist. Gestützt auf das neue Werk von Fedor Vergin ״Subconsciotis Europe“, versucht der Verf. eine Ar* politischer Psychoanalyse der Deutschen. Die fast die ganze deutsche Geschichte durchziehende innere Zwictracht, der Mangel an allseitig anerkannten historischen Gcstalten, die tiefen religiösen und sozialen Oegensätze und die späte Vollendung der staatlichen Einheit hätten 1m Deutschen ein tiefes politisches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den westlichen Völkern bervorgcnifen, das unt so mehr schmerze, als sich der Deutsche seiner hervorragenden kulturelle!! Leistungen wohl bewußt sei. Gerade aus diesem Gefühl der Inneren Unsicherheit sei schon das fortgesetzte Säbelrasseln der Pastoren, Professoren und Generäle Wilhelms II. entstanden; nach dem verlorenen Kriege aber habe sich der alte Minderwertigkeitskomplex auf das Unerträglichste verschärft. Mit der Wiederherstellung geordneter Zustände nach der Inflation sei auch wieder etwas Selbstvertrauen eingekehrt, und die Stärkung dieses seelischen Prozesses sei vielleicht die größte Leistung Strcsemanns gewesen. Als aber die Wirtschaftskrisc neue Not und Verzweiflung brachte, set der Kampf gegen den Minderwertigkeitskomplex nach Stresemanns Tode von einem anderen Mann mit anderen Mitteln fortgeführt worden: Hitler versuchte den aufgestauten Haß nicht zu besänftigen, sondern anzustacheln — je nach Bedarf gegen die: Juden, die Kapitalisten, die Kommunisten, die Ausländer. Auf diese Art ließ er die Deutschen ihre Haß- und Minderwertigkeitsgefühle abreagieren und ihr Selbstvertrauen wiederfinden! —- Obwohl der Schluß des Aufsatzes, der vor dem historischen 30. Januar geschrieben ist, naturgemäß durch die letzten Ereignisse überholt ist, bleibt es interessant, daß Hallett den zeitweiligen Erfolg des Papenschon Versuchs, durch forsches Auftreten nach innen und außen Hitler noch zu übertrumpfen und von der Macht femzuhalteii, auf die Existenz eines ״preußischen Komplexes“ in der deutsehen Seele zurückführt; das jahrhundertelang an die Führung durch die preußische Herrenschicht gewöhnte deutsche Volk komme wieder zu dem Glauben, es könne seine frühere Stcllung unt« den Völkern nur unter der alten Führung wiedererlangen. ״VerstÄdienrag״ Im Februar-Heft der ״Geopolitik*', in dem vornehmlieh bevölkerungspolitische Probleme behandelt werden, stellt Elisabeth Pfeil ״Die deutschen Juden als Beispiel für das Aussterben bei Verstädterung“ dar Obwohl dies Problem auch von jüdischer Seite oft behandelt worden ist, — es sei nur an das einschlägige Kapitel m Ernst Kahns Buch ״Der internationale Geburtenstreik“, und an den entsprechenden Abschnitt in Jakob Lestschinskys eben erschienenem Werk ״Das wirtschaftliche Schicksal des deutsehen Judentums“ erinnert — lohnt es, aus der knappen und wirkungsvollen Darstellung die wichtigsten Daten wiederzugeben: Danach sind die Geburtenzahlen der deutsehen Juden in den letzten 50 Jahren auf 1/3 ihrer früheren Höhe gefallen. Sie betrugen in Preußen bei den Juden 1822 bis 1840: 35,5 auf das Tausend der Bevölkerung, dagegen 1901 bis 1905: 18,5 und im Jahre 1927: 10. (Seither ist der Rückgang noch weiter gegangen!) Bei der heutigen Sterbezahl wäre aber eine Geburtenziffer von 17,4 nötig, um die Bevölkerung auf gleicher Höhe zu erhalten! — Die Verfasserin weist mit Recht aut die Ur- Sachen dieser verhängnisvollen Entwicklung hin: ״Von der Familie jus gesehen, stellt sich das jüdische Bevölkerungsprobletn so dar: 1. Ehelosigkeit. 25 1)7» der Juden heiraten nicht. (Doppelt so hoch wie bei de״ Nichtjuden.) 2. Späte he. Die meisten Juden heiraten erst im 4. Lebensjahrzehnt; die Hälfte aller Jüdinnen erst nach dem 27, Lebensjahr. . 3. Mischehen, von deren Kindern nur 22 °/0 jüdisch bleiben.“ Als charakteristisch für die jüdische Ehe bezeichnet die Verfasserin: , a) die Kinderlosigkeit (25 0/0 aller Juden leben in kinderloser Ehe) und b) das Ein-Kinder-System (25 0״׳ der Ehen haben nur 1-2 Kinder). Von den 564000 deutschen Juden lebten 1925 377 000 in den Großstädten, davon die Hälfte in Berlin. E. Ptei! betont aber mit Recht, daß die Abwanderung zur Stadt nicht die Ursache des Geburtenrückganges sei, sondern, ebenso wie der Geburtenrückgang selbst, Symptom und Folge einer tictgehenden geistigen und moralischen Wandlung. Sie erinnert an eine« Ausspruch des Rabbiners Eschelbacher, ״daß die Gebärfreudigkeit verlorengegangen sei zusammen mit dem gläubigen Vertrauen auf aas Leben und die Zukunft“. Man wird leider die Richtigkeit der angegebenen Zahlen, und die Wahrheit der Diagnose für den größten Teil des deutschen Judentums nicht leugnen können. Zer Regierang Httler In den letzt« englischen, französischen und amerik mischen Zeitschriften, die sich natürlich durchweg mit dem Regierungsantritt des Kabinetts Hitler uita der Innerpolitisch« Lage in Deutschland befassen, ist, mit Ausnahme der amerikanischen ״Nation“, von der Juden! rage kaum die Rede, was sicherlich nicht auf Gieichrüiligkeit zurückzuführen ist, sondern auf das richtige Gefühl daß In Deutschland augenblicklich unendlich mehr auf dem Spiel steht, nämlich das Schicksal eines der ersten Kulturvölker der Welt. Die Judenfrage wird 1m Ausland vorwiegend als Symptom der ungeheueren innerpolitischen Spannungt,;und nicht in ihrer besonderen Bedeutung für die deutsche Judenheit betrachtet. A. B

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