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Jüdische Rundschau · 1933-03-07 · Heft 19 (7.3.1933) · p. Seite 91

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 19 (7.3.1933)
Date
1933-03-07
Page
Seite 91 (sequence 1)
Language
German
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Die Rakel siirbi ׳־ v) 0 , ",■י\ יי׳ 13. י־ Einzelnummer 0,2S Goldmark jüdische Rundschau Erscheint jedenDienstagu. Freitag. Bezugspreis beider Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabonnemeatf werden in der ,Wahrung der einzelnen Linder berechnet■ Anzeigenpreis: 8ge*p« Nonpareillezjme 0.50 G.-M. Stellengesuche 0.25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefons J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck - K. outen: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 394 33. Budapest 596 93. Danzig 1973. Haag 140 470. Prag 59410, Big« 4155. StraJburg 164 30, Warschau 190708, Wen 156030. Bank Konten: dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürst endam» 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in HaiU» Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 19 / ' | Berlin, 7. UI. 1933 RedakrionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט אדר תרצ״ג | xxxvni. Jahrg. PggjjggjjjjytwftaM für d— |Qdl»ch. Volk dl» Schanung tlnir Offanlllch - rechtlich ge.lcl1ert.11 Helmctlrte Iw Wlillni. ״Ba.eler Programm.*‘ Nach dem 5. März Grofje Palästina-Kundgebung In London Vor über lOO Parlamentsmitgliedern — Würdigung der Fortschritte des Jüdischen Nationalheims Weizmann zur deutschen Judenfrage Am Donnerstag, dem 2. März, abends, fand äm Hotel Savoy in London em von der englischen Sektion der Jewish Agency for Palestine zu Ehren der Fremde Palästinas im englischen Parlament (Ober- und Unterhaus) gegebenes Dinner statt, dem außer einer großen Zahl führender jiidischer und nichtjüdischer Persönlichkeiten des englischen öffentlichen Lebens mehr als 100 Parlamentsmitg 1 i e d e r beiwohnten. Im ganzen waren über 500 Personen anwesend. Den Vorsitz führte Dr. Chaim Weizmann, gegenwärtig Präsident der English Zionist Federation. Dr. Weizmann schilderte die großen Fortschritte, die Palästina in den letzten Jahren erzielt hat. Im weiteren Verlaut seiner Rede erörterte Weizmann die Zusammenhänge von Palästinaaufbau und Judeiifrage und die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern: dabei kam er auch auf die Lage der Juden in! heutigen Deutschland zu sprechen. Nach den vorliegenden Berichten, darunter dem ausfiihrliehen der ״Times“, hat Weizmann ungefähr folgendes gesagt: Niemand wolle Deutschland sein Recht absprechen, sein politisches und soziales Leben nach eigenem Gutdünken zu regeln. Aber kein unparteiischer Beobachter mit Respekt für Gerechtigkeit und fair piay könne gleichgültig bleiben, wenn in einem großen Lande wie Deutschland, das mit Recht aut das hohe Kulturniveau seiner Bevölkerung stolz ist, die ökonomische und politische Existenz der jiidischen Bürger gefährdet wird durch eine Poiitik, die den Antisemitismus in seiner primitivsten Gestalt als wesentlichen Bestandteil ihres Programms aufgenommen hat. Es war ein schwerer Schlag für zivilisierte Menschen, zu erfahren, daß es für ein großes Volk wie die Deutschen möglich war, in eine barbarische Haltung gegenüber einer kleinen und das Gesetz achtenden Minderheit ihrer Staatsbürger zu verfallen. Unseren Volksgenossen in Deutschland, deren Lage von Tag zu Tag unerträglicher wird, können wir nur mutiges Ausharren wünschen. Unser tiefes Mitgefühl ist bei ihnen, und ich bin überzeugt, daß dieses Gefühl geteilt wird von allen unseren Freunden hier in England, und von allen Freunden des Fortschritts und der Humanität in der Welt, In der Stunde ihrer Bedrängnis sollen unsere jüdischen Brüder in Deutschland wissen, daß sie nicht allein stehen, sondern daß das volle Gewicht der aufgeklärten öffentlichen Meinung aller Kulturländer und insbesondere Englands hinter ihnen steht in ihrem Kampf gegen die Mächte der Reaktion, Lord Mclchctt der den Toast aut ״die Freunde Palästinas 1m Parlament“ ausbrachte, führte ungefähr folgendes aus: Die Freunde Palästinas im Parlament verteilen sich auf alle politischen Parteien. Die Bewegung für das Jüdische Nationalheim in Palästina steht heute im Brennpunkt des Interesses des jüdischen Volkes; in der ganzen Welt schließt sich das Judentum zum Wiederaufbau des Heiligen Landes zusammen. Diese jung und alt erfassende Bewegung ist überwältigend und begeisternd. Der auf dem jüdischen Volke lastende Druck führt nicht zu Degeneration oder Assimilation, sondern zu Regeneration. Palästina zeigt das Bild eines faszinierenden und glücklich fortschreitenden Landes; ein modernes Land, das seine Fundamente tief in uralte Kultur gegraben hat. Die im Juni in London stattfindende Angfo-Paiestine-Aussteliung wird den Fortschritt Palästinas vor aller Welt dartun. Sir Herbert Samuel der den Toast unterstützte, führte aus, er sei tief he eindruckt von dem wirtschaftlichen Erwachen und den neuen Keine Imperial Preference fflr Palästina London, 2. März. (J.T. A.) Im Unterhaus fragte Abg. Joel den Koionienminister, ob er wisse, daß die Auss c h a 11 u ng Pa 1 ä s t in a s von der Imperial Pref e r e n c e (Zollvorziigsbehandlung innerhalb des britischen Imperiums), insbesondere soweit es sich um Palästina- Orangen handelt, eine ungünstige Rückwirkung auf die Entwicklung dieses Mandatsterritoriums habe, und ob der Minister plane, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen. Sir Philip Cunliffe - Lister erwiderte: Die Frage der Gewährung der Vorteile der Imperial Preference an Palästina- Produkte wurde von der Regierung lange und sorgfältig erwogen, aber die Regierung kam zu ihrem Bedauern zu dem Schlüsse, daß der Gewährung von Imperial Preference an Palästina ernste juristische Hindernisse im Wege stehen. Bel einer in Berlin unter dem Vorsitz von Leo Motzkin abgehaltenen Plenarsitzung der Auswandemngshilfsgesellschaft ״Emigdirect“ teilte Dr. Krcinin folgende Zahlen mit: 1931 wanderten 23 688 Juden aus, 1932 überstieg die Zahl der auswandernden Juden die Ziffer 24 000. Von diesen wanderten etwa. 10000 allein nach Palästina, während die Zahl der Palästina-Wandetec 1931 nur 4075! feetrug, ' Fortschritten des Aufbaus Palästinas; dieser Fortschritt werde den Frieden in Palästina begründen. Es sei zu hoffen, daß auch Transjordanien jüdischer Arbeit sich öffnen wird, und jüdische Arbeit werde allmählich die Beziehungen zwischen Juden und Arabern diesseits und jenseits des Jordan festigen. Der kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung Palästinas, das heute das einzige prosperierende Land der Welt ohne Arbeitslosigkeit und ohne Staatsdeiiz.it ist, sei vor aiiem durch Englands Hilfe und durch den jüdischen Kapitalzustrom von etwa 40 Millionen Pfund möglich gewesen. Nach einer weiteren Rede von Prof. B r 0 d e t s k v erwiderte namens der ״Freunde Palästinas“ der britische Landwirtschaftsminister und Kabinettsmit- Mafor Walter Ellioi der u. a. sagte: Das britische Parlament hat den Wunsch, das jüdische Problem verständnisvoll zu erfassen und es einer Lösung zuzuführen. In dem Augenblick, da Mitglieder des britischen Parlaments begonnen haben, an dem Plan der Zuriickführurig der Juden nach Paiästina aktiv mitzuarbeiten, ist der Zionismus in den Bereich praktischer Arbeit gelangt. Alle engsehen Parteien vereinigen sich in dem Willen, das Ideal des Jüdischen Nationalheims zu fördern. Friede herrscht heute ln Palästina, Friede in seinen Tälern und auf seinen Hügeln. Zur Wahrung dieses Friedens tut eine ständige Zusammenarbeit von Engländern, Juden und Arabern not. Der Friede brachte Prosperität mit sich. Die Landwirtschaft schreitet vor. Verliert ein Volk den Kontakt mit dem Boden, so hat es alles verloren. Landwirtschaft ist kein bloßer ״Wirtschaftszweig", sie ist eine Lebensform. Major. Elliot schloß mit der folgenden Mahnung an die Juden: Klammert euch an d e n Boden! Magere Jahre mögen den fetten Jahren folgen, aber auch dann, wenn vorübergehend Dunkelheit eintritt, seien Sie sicher, daß die Sonne wieder scheinen wird. Balfour und Disraeli zeigen uns den Weg, und so lange es Männer gibt, die in die Fußtapfen dieser Großen treten, kann unsere Sache nicht fehlschlagen. Mafor Atilee, M. I*. stellvertretender Führer der parlamentarischen Opposition, sprach den Toast aut ״Das Jüdische Nationalheim“ und führte u. a. aus: Nach Jahrhunderten der Verfolgung haben die Juden ihr Nationalheim gefunden. Noch ist ihr Unglück nicht vorbei, böse Gewalten erheben wieder gegen sie ihr Haupt. Aber das Gewissen der Welt ist wach geworden, es duldet nicht mehr Rassenverfolgung und religiöse intoleranz. Wir wollen eintreten für die Rechte aller Völker, für die Sicherheit aller Rassen. Unsere Gefühle wenden sich heute jenen zu, die in Gefahr sind. Col. John Buchan, M. P., der Vorsitzende des pariamentarischen Pro Palästina-Komitees, unterstützte den Toast. Darauf antwortete dann in einem Schlußwort der Vorsitzende Dr. Weizmann. Die Londoner ״Times“ fügt ihrem Bericht über diese Versammlung eine ausführliche Präsenzliste an, in der die anwesenden Parlamentsmitglieder sowie andere Gäste aus den Kreisen der englischen und jüdischen Gesellschaft angeführt werden. * Ueber die Glosse des ״Völkischen Beobachters“ zur Rede Dr. Weizmanns berichten wir an anderer Stelle. Polizeibesnch beim K. J. V. Im Lokal des Kartells Jüdischer Verbindungen in der Bleibtreustraße erschienen am 3. März,!12-י Uhr nachts, etwa 20 Beamte der Kriminalpolizei unter der Fülirung eines Oberleutnants, um eine Haussuchung vorzunehmen. Infolge des Freitag-Abends war niemand im Lokal anwesend. Nachdem die Untersuchung keinerlei Anhaltspunkte für irgendeine politische Tätigkeit des K. J. V. ergeben hatte, verließen die Beamten um 12 Uhr das Lokal. Werben um Salonikis Jaden In einer von der jüdischen Sektion der Partei der Vcnizelisten einberufenen Wahlversammlung in Saloniki sprach Venizelos und erinnerte daran, daB er auf der Friedenskonferenz i. J. 1919 als Repräsentant Griechenlands sich für die Schaffung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina eingesetzt hatte. Seit der Befreiung Salonikis von der Türkei habe er, Venizelos, alle von dem früheren Oberrabbiner Jacob Meir (jetzt Oberrabbiner in Palästina) im Namen der Judenheit Salonikis vorgebrachten Forderungen akzeptiert Ruhiger Wahltag — Falsche Pogromgerüchte — C.-Y. in Thüringen aufgelöst — Zwiefache Judenpolitik Die Wahlen vom 5. März haben der Regierung Hitler einen unbestreitbaren großen Sieg gebracht. Auch wenn man berücksichtigt, daß der Propaganda-Apparat fast ausschließlich den Regierungsparteien zugute kam, ist das außerordentliche Anwachsen der nationalsoziahstisehen Stimmen noch immer ein ungewöhnliches politisches Ereignis. Durch diese Wahlen ist die Regierung Hitler in ihrer Position befestigt worden; sie besitzt jetzt, was ihren Vorgängerinnen abging, eine parlamentarische Mehrheit. Dennoch ist anzunchmen, daß ihre Regierungsformen nicht die alten parlamentarischen sein werden. Durch eine beispiellose Mobilisierung, Politisierung und Fanntisierung der Massen, wie sie keinem ״demokratischeu“ System gelungen ist, hat der Nationalsozialismus die Macht erobert, die er zum Aufbau des Dritten Rcidies, das gegenüber der parlamentarischen Republik auch neue Formen haben soll, benützen will. in einer jüdischen Zeitung kann die politische Lage nur insofern Gegenstand der Betrachtung sein, als das Schicksal der Juden mit ihr verbunden ist. Die nationalsozialistische Bewegung ist nicht nur völkisch, d. h. judenrein, sondern auch programmatisch antisemitisch, d. h. judenfeindlich, wenn auch bei ihr der Judenpunkt wohl nicht im Vordergrund des wirklic h e n Interesses steht. Ais die Bewegung des ״erwachenden Deutschland“ (wobei wir Juden nicht vergessen können, daß der Ruf ״Deutschland erwache“ mit dem unedlen Kampfruf ״Juda verrecke“ verkoppelt wurde) hat sie eine besondere Anziehungskraft nicht nur auf alle die Bevölkerungsschichten, die sich eine Besserung ihrer Lage erhoffen, sondern auch auf die idealistische Jugend, die von den nationalen Losungen gepackt wird. Wir haben das weitere Umsichgreifen des Nationalsozialismus vorhergesehen, auch zu einer Zeit, als nach den ersten Abweisungen Hitlers durch Hindenburg in manchen Lagern die Ansicht zu hören war, die Bewegung habe ihren Höhepunkt überschritten. Wir haben die jüdische Oeffentlichkeit gewarnt, sich solchen Anschauungen hinzugeben; denn unabhängig vom parlamentarischen Ziffern- Verhältnis schien uns die Dynamik der geistigen, politischen und sozialen Entwicklung in Deutschland auf ein weiteres Ansteigen des Nationalsozialismus hinzudeuten. Nun der Nationalsozialismus etwa 43°׳« aller Stimmen in Deutschland auf sich vereinigt hat, ist es ohne weiteres klar, daß eine solche Masse von über 17 Millionen auch innerlich nicht einheitlich sein kann. Was die Judenfrage betrifft, so hört man manchmal die .Meinung, daß für einen — größeren oder kleineren — Teil dieser Wählerschaft diese Frage keine so entscheidende Rolle spielt, wie man bei Lektüre der nationalsozialistischen Publizistik meinen sollte. Das Eine freilich — und das ist das mindeste — muß festgestellt werden: Unter dieser ungeheuren Wählerschaft gibt es niemanden, der sich durch die Aeußcrungen der Partei zur Judenfragc von der Beteiligung abhalten ließ oder gegen diese Aeußerurigen protestiert hat. So haben wir mit dem Phänomen zu rechnen, daß innerhalb des über 20 Millionen umfassenden Regierungsblockes mindestens 17 Millionen einem Programm zustirnmen, das aggressiv-antijüdische Bestandteile enthält. Mit dieser die ganze Schwere der Lage charakterisierenden Feststellung treten die deutsehen Juden in die neue Periode der deutschen Geschichte ein. Die Erregung der letzten Woche vor den Wahlen mit all ihren unerwarteten Ereignissen und Eingriffen hat es mit sich gebracht, daß starke Nervosität in großen Teilen der Bevölkerung um sich griff und allerlei Gerüchte im Umlauf waren, die um so eher Glauben fanden, als es eine unabhängige Nachrichtenübermittlung nicht. gab. So mag es zu erklären sein, daß auch ins Ausland verschiedene Gerüchte gedrungen sind, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit man offenbar von dort aus nicht kontrollieren konnte. Bedauerlicherweise wurde auch die Lage der Juden in manchen ausländischen Zeitungen unrichtig dargestellt. Es war sogar von geplanten Pogromen die Rede. Demgegenüber halten wir es für unsere Pflicht, wahrheitsgemäß festzustellen, daß Pogrome oder pogromähnliche Ausschreitungen in Deutscbland nicht stattgefunden haben. Die jüdische Wählerschaft vermochte am 5. März völlig ungehindert ihre Stimme abzugeben. Nur insofern Juden zu den von der Regierung bekämpften politischen Parteien gehören, teilen sie das Los der nichtjüdischen Repräsentanten dieser Parteien. Wir Juden haben kein Interesse an falscher Berichterstattung und an

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