Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1933)
- Date
- 1933-02-28
- Page
- Seite 81 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M. H. Boehmt »,Das eigenständige Volk* Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AusUndsftbonnements werden in der der einzelnen Lander berechnet• Anzeigenpreis: 8 Jjesp. Nonpareillezjptfe 0,50 G.-M* Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigen schluS: Dienstes und Freit■!; nachmittag•* Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Konten: Berlin 17592, Base! V 9355» Belgrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 596 93. Danzig 1973. Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155» StraEburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank Konten: Dresdener Bank, Depositen * Kasse Berlin, Kurfürst endamm 524 Rumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Anglo Palestinc Co. in Haila, Jerusalem, Tel *Aviv. Nummer 17X | Berlin, 28. II. 1933 1 ב׳ אדר תרצ״ג xxxvm. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.“ Die zionistische Haltung Non Cooperaflon-Besdiluf) der Arafier Jerusalem, 26. Februar. (J.T.A.) Eine Abordnung der von der Arabischen Exekutive einberufenen Konferenz zur Bekämpfung des jüdischen Einflusses, an der 60 Delegierte aus ganz Palästina teilnahmen, erschien am 25. Februar beim High Commissioner General Sir Arthur Wauchope, um ihm die Entschließungen der Konferenz zu überreichen, in denen das Verbot weiterer jüdischer Einwanderung und des Verkaufs von Boden an Juden ausgesprochen wird. Ursprünglich hatte die Arabische Exekutive beabsichtigt, alle Konferenzteilnehmer vor dem Regierungspalais aufmarschieren zu lassen, aber wegen der herrschenden Meinungsverschieden-!leiten über die Frage des Bodenverkaufs an Juden kam diese Demonstration nicht zustande. Der High Commissioner gab der Abordnung folgende Antwort: ״Was Ihr wollt, ist eine Unmöglichkeit. Wir haben nicht die Macht, den Juden den Kauf von Boden zu verbieten; auch ist die Regierung nicht willens, das Land gegen jüdische Einwanderung abzuschließen, so lange eine Nachfrage nach Arbeiterhänden besteht.“ Die Mitglieder der Abordnung wiesen auf den Shaw- Bericht und den Simpson-Bericht hin, in denen R davon die Rede ist, daß Araber durch jüdischen Bodenkauf depossediert worden sind. Darauf erwiderte der High Commissioner: ״Die Regierung ist bestrebt, das Problem der landlosen Araber zu lösen, aber das bedeute noch lange nicht, daß man die Juden vom Bodenkatif ausschließen soll.“ Als die Abordnung von ihrem Bestich beim High Commissioner in die Konferenz zurückkehrte und über den Verlauf der Unterredung Bericht erstattete, herrschte unter den Konfcrenzteilnehmem tiefe Bestürzung und Empörung. Der vorher bereits gefaßte Beschluß, für den 5. März den Generalstreik zu proklamieren, wurde zurückgezogen mit der Begründung, daß die Lage jetzt eine solche geworden sei, daß ein bloßer Demonstrationsstreik ihr nicht mehr gerecht werde. Es wurde, nach dem Beispiel der nationalen Bewegung in Indien, eine N o n-C 0 o p e r at i o n mit der Regierung, sowie Boykott aller gesellschaftlichen Vcrnntalturigen der Regierung beschlossen. Ferner wurde beschlossen, für den 26. März eine große arabische Konferenz cinzuberufcn, die das Programm der Non-Cooperation ausarbeiten soll. (Man wird ab warten müssen, ob die Araber den Zeitpunkt für einen aktiven Kampf gegen die Regierung wirklich für gekommen halten. Red.) Von Kurt Blumenfeld. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat anläßlich einer zionistischen Werhewoche in Breslau eine Botschaft an die Breslauer Zionisten gerichtet, deren Jlaufytteil wir nachstehend veröffentlichen. Die Judenheit Deutschlands ist heute schwer bedroht. Eine von Judenhaß erfüllte Bewegung ist zur stärksten Macht in Deutschland geworden. Das Programm des Nationalsozialismus ist bekannt. So ungewiß es ist, ob dieses Programm in allen Teilen durchgeführt wird oder überhaupt durchführbar ist, so sehr müssen wir Juden damit rechnen, daß aus der Tatsache der antisemitischen Grundhaltung der nationalsozialistischen Bewegung Kon- Sequenzen gezogen werden können, die uns auf allen Gebieten des Lebens schwer treffen. Unsere Ehre wird täglich angegriffen und in der Welt des deutschen Nationalismus gibt es Niemanden, der seine deutschnationale Haltung von Hnßgefühlen gegen Andersartige frei hält und niemanden, der die Verächtlichmachung der jüdischen Gemeinschaft als einen notwendigen Bestandteil im Kampf um die nationale Erneuerung ablehnt. Die deutschen Juden sind großenteils nicht in der Lage, die neue Wirklichkeit des deutschen Lebens richtig einzuschätzen. Allzu lange haben sie von dem lu'storischen Prozeß der Eingliederung der Juden in den Staat die volle Lösung der Judenfrage erwartet. Was seit den Tagen der Emanzipation als politische Erkenntnis sich in den Köpfen der deutschen Juden festgesetzt hat, soll, so möchten sie, noch heute als Richtschnur für das politische Verhalten der Juden dienen. Der Jude muß aber den einfachen Tatbestand zur Kenntnis nehmen, daß die liberale Aera (wie in manchen anderen Dingen) in der Judenfrage zu rationalistisch, z.11 mechanistisch gedacht hat; sie hat das Wesen und die Tiefe der Judenfrage verkannt, und die immer weitere Kreise erfassende anti« semitische Bewegung ist in ihren irrationalen Quellen von uns Zionisten seit Jahrzehnten richtig beurteilt worden. Da in der Zeit bis zum Kriege und auch noch in einigen Nachkricgsjahren die wirtschaftliche, gesellst',mitliehe und politische Steilung der Juden eine erhebliche Verbesserung erfuhr, nimmt es nicht wunder, daß viele Juden die Ideen der nun vergangenen Zeit in ihren Gedanken und in ihrer jüdischen Stellungnahme 7un1 Staat und zum öffentlichen Leben festzuhalten versuchen. Es ist nicht einfach, die Erkenntnis von der Wahrheit des jüdischen Volkstums aufzutiehmen, nachdem man bisher gewohnt war, die zionistische Bewegung, die im Gegensatz zum jüdischen Liberalismus entstanden war, als den Störenfried zu empfinden, der angeblich die Jude״ in der richtigen Eingliederung in die Umwelt zu verhindern versuchte. Jeder vorurteilslose Jude müßte heute zugeben, daß der Zionismus nicht der Willkür einer Schar von weltfremden Fanatikern seine Entstehung verdankte, sondern daß er die notwendige Vorbereitung der!!׳disehen Gesamtheit auf eine völlig veränderte Weltsifuatem war. Als der Zionismus von der Sonderart des jüdischen Wesens zu sprechen begann, erfand er nichts Neues; er verkündete vielmehr eine offenbare Realität. Wir wußten, daß mit den geschickten Definitionen von Juden und Judentum nichts gewonnen war; auch ein noch so limitiertes Judentum, das sich ebenso sehr vom jüdischen Volk wie von den Inhalten der jüdischen Religion ab/uscheiden versuchte, reichte nicht aus, um die gewünschte politische Wirkung in <ler nichtjüdischen Welt hervor/!!- bringen. Obwohl der Jude im allgemeinen äußerlich und innerlich auf seine Sonderheit in höherem Maße festgelegt ist als vielen Juden lieb war, ging man doch den Weg der Eingliederung in gewisse politische Parteien, denen man sich nur als Parteigenosse und nicht auch als Jude anschloß. Das Ergebnis lag schon vor dem letzten Regierungswcchscl, ja in Wahrheit schon vor vielen Jahren klar zutage. Die liberalen Parteien haben zu existieren aufgehört, ln der Sozialdemokratie wird kaum mehr ein Jude heute als Repräsentant ־der Partei in führender Stellung herausgestellt, und die jtklisehen Mitglieder haben sicherlich in letzter Zeit oftmals die Problematik ihrer Mitgliedschaft in der Partei empfunden. Als Juden sieb dem Zentrum anschlossen, verließen sie in Wahrheit schon die vertraute Linie des Einsseinwollcns mit der politischen Partei, der sie ihre Intcressen anvertrauten. Bedarf es einer weiteren Darlegung für die Erhärtung der Behauptung, daß die Politik der restlosen Eingliederung in das politische Leben der Umwelt sich als unmöglich herausgestellt hat? Diejenigen Teile der jüdischen Jugend, die heute im An- Schluß an die kommunistische Welt die Lösung ihrer Judenfrage durch ״Untergang des Judentums“ zu ln aller Kürze Auf seiner Rückkehr von Palästina war Sokolow in Paris bei Baron Edmond de Roth sc hild. Am Sonntag nachmittag traf Sokolow in London ein und wohnte noch am gleichen Abend dem Festbankett anläßlich des 25jährigen Bestehens des hebräischen Zentralorgans ״Haolatn“ bei. Der Kolonienminister Sir Philip Cnnliffc-Lister wird am 8. März Ehrengast auf einem Dinner des Anglo- Palestinc Club im May fair Hot«! zu London sein. Die Veranstaltung. wird der Präsident des Club, James de Rothschild, leiten. Als Redner sind vorgesehen Lord Melchett, Nahum Sokolow, Dr. Brodetskv u, a. m. Die Palästina-Regierung erklärt, daß die Zeitungsmeldüng, Emir Abdullah sei bei seiner Durchreise durch El Salt mit Steinen beworfen worden (s. vorige Nr. der ״J. R.“) nicht der Wahrheit entspricht. Arabische Zeitungen teilen auf Grund zuverlässiger lnformationen mit, daß im April 1933 mit dem Bau der Eisenbahnlinie Haifa — Bagdad definitiv begonnen werden wird. Der transjordnnischc Seheich Mitkal Pascha, der den Plan einer jüdischen Siedlung in Tratisjordanicn unterstützt, deutete in einem Gespräch mit einem Journalisten an, daß König Jbn Saud die Kampagne der palästinensischen Araber gegen Emir Abdullah unterstützt. Ibn Saud befürchtet, daß die Position des ihm gegnerischen Emirs durch Heranziehung jüdischen Kapitals und jüdischer Arbeit, wie auch jüdischer Freundschaften, gestärkt werden könnte. Die arabische Presse teilt mit, daß der Palestinc Jewish Colonisation Association (Pica) ausgedehnte Bodengebiete zum Kauf an geboten worden sind. Aut eine Anfrage im englischen Unterhaus antwortete der Kobnienminister, es sei nkht beabsichtigt, den jüdisehen Frauen, die in den jiidischen Munizipalitäten Palästinas bereits das Wahlrecht besaßen, auf Grund des neuen Munizipnlgesetzes dieses Wahlrecht zu nehmen. Bei einem Bankett zugunsten der englischen Talmud- Thora-Aktion in London, bei dem Lord Melchett den Vorsitz führte, sagte dieser in seiner Rede, Talmud-Thora und Mnkkahi seien die beiden Grundfesten der jüdischen Existenz. Unter den Rednern befand sich auch Minister Thomas, der u. a. sagte: ״Nichts in der Welt verachte ich mehr als Menschen, die sich wegen ihrer Geburt oder ihres Glaubens entschuldigen zu müssen glauben.“ Lady S n o w d e n sprach über die Bedeutung Palästinas für das Judentum und die Menschheit. Der Prinz of Wales hatte eine Begrüßungsdepeschc geschickt. Wie aus revisionistischen Kreisen berichtet wird, hat der Vizepräsident der revisionistischen Union, Mcir Großmann, in Palästina mit Führern des Misrachi und der Gruppe B der Allgemeinen Zionisten Verhandlungen über eine gemeinsame Kongreßplattform geführt. Die genannten Gruppen beabsichtigen, beim Zionistenkongreß die Wahl einer rechtsorientierten Exekutive der ״nationalen Konzentration“, d. h. der Angehörigen der genannten drei Gruppen, durchzusetzen. Der Landwirte-Vc rband Palästinas hat ein Komitee gewählt, das mit der Arbeiter-Organisation in Verbindung treten soll zwecks Bildung gemeinsamer Arbeitebüros und Herstellung normaler Beziehungen zwischen Pflanzern und Arbeitern. Der neue spanische Gesandte in Bukarest erklärte den Vertretern der sefardisch-iüdischen Gemeinde, er habe von der spanischen Regierung den Auftrag zu weit• gehendster kultureller Förderung des sefardi sehen Judentums in Rumänien erhalten. U. a. sollen Stipendien für sefardisch-jüdische Studenten in Rumänien zwecks St«- dium an einer spanischen Universität von Spanien gestiftet werden. In Wien starb dieser Tage der jüdische Universitätsprotessor Hofrat Dr. Ludwig Moli, einer der bedeutendsten Kinderärzte der Welt. Die Wiener Kultusgemeindc widmete ihm ein Ehrengrab. Der Bundespräsident Miklas gedachte des Verstorbenen als eines ״großen Wohltäters unseres Volkes,“ Arbeitermaagel in Palästina Die jüdische Arbeiterorganisation Palästinas (Histadruth) veröffentlicht eine Kundgebung, worin mifgefeilt wird, daß gegenwärtig im ganzen Lande ein akuter M a n £ e i an jüdischen Arbeiterhänden herrscht; die Histadruth hat an die Palästina-Aemter im Auslande appelliert, sofort alle Juden, für die Einwanderungszertifikate ausgegeben wurden, für die Reise nach Palästina auszurttsten. In den letzten Tagen haben jüdische Kolonien von der Histadruth 1400 Arbeiter beansprucht, die die Histadruth nicht beizustellen ln der Lage war. Die Nachfrage nach jüdischen Arbeitern hat jetzt steigende Tendenz, so daß die Gefahr besteht, daß die jüdischen Unternehmer, falls ihnen nicht sofort jüdische Arbeiter zur Verfügung stehen, anläßlich des Beginns der Pflanzungssaison nichtj‘üdische Arbeiter cinstelkn werden. Die Histadruth mobilisiert alle ncueingetröffenen Clialuzim für Sofortarbeit, um halbwegs der Situation gerecht werden zu können. lleberfall in Wadi Chawarith Ein Jude tot, zwei verletzt. Jerusalem, 24. Februar. (J.T.A.) Ein Trupp von mehr als 30 Beduinen besetzte jenen Teil des Wadi Chawarith-Bodens, auf dem vor einiger Zeit frühere jüdische Legionäre, zum Teil aus Amerika, angesiedelt worden waren. Es kam zu einem Kampf zwischen den Eindringlingen *ind den Legionären, in dessen Verlauf der Legionär Joseph Benjamini getötet und zwei andere Legionäre verletzt wurden. Von jüdischer Seite wird gegen die Polizei der Vorwurf erhoben, daß sie, obwohl sie nicht weit vom Schauplatz des Kampfes stationiert war, nicht rechtzeitig einschritt. Zwei der Angreifer wurden später von jüdischen Legionären erkannt und der Polizei übergeben. Aus dem völkischen Lager In einem ״Die Wanzen“ überschriebenen Artikel in einer der letzten Nummern des ״Völkischen Beobachtcrs“ wird die ״jüdische Rasse“ mit ״Wanzen‘, verglichen, die sich vermehren und deren Lelienszähigkeit außerordentlich ist. Es wird behauptet, daß vom Potsdamer Platz bis zum Anhalter Bahnhof jüdische Händler sitzen, eine ״herrliche Galerie der Wanzen“. Zum Schluß heißt es: ״Wie steht es noch in dem alten Naturgeschichtsbuch? — Nur eine Radikalkur, schärfste Ausräucherung des betroffenen Raums, kann sie vertreiben!“ Der ״Völkische Beobachter“ vom Sonnabend spricht unter der Ueberschrift ״Vom deutschen Kunstreich jüdischer Nation“ auf sechs Spalten die bekannte Ablehnung der modernen bildenden Kirnst und Architektur aus. Wie üblich werden alle modernen Künstler und Architekten als ״Juden“ abgestcmpclt, so u. a. der Russe Kandinsky, Uropuis, Taut, L.e Corbusier. Die Umkehrung der Wertbegriffe, schreibt der Verfasser, ist eine der vornehmsten jüdischen Aufgaben. Heinrich Heine nennt er ״das Genie der Gemeinheit“ und fordert die Deutschen auf, die Antwort am 5. März nicht schuldig zu bleiben. In die in Wernsdorf bei Erkner gelegene Villa des Dircktors des Jüdischen Krankenhauses in Berlin, Prof, Dr. Rosenstein, drangen, wie ״Vorwärts“ mitteilt, fünfzehn Leute in S. A.-Uniform mit vorgehaltenen Pistolen ein, entwendeten fünf wertvolle Jagdgewehre und dazugehörige Munition und flüchteten in zwei Privatautos. Im Rahmen der am Mittwoch, dem 1. März, vom ungarischen ״Pro P a I ä s t i n a“ - B u n d in Budapest stattfindenden Tagung wird der reformierte Bischof Dr. Desider Baltazar einen Vortrag über das Thema: ״Die Weltmission des Judentums mit und ohne Land“ halten.