Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1933)
- Date
- 1933-02-14
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 62 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 14.11.1933 ver“ — Szenen von jüdischer Not und jüdischem Aufbau, die Isi Reiß-Dessau vor kurzem bei uns zu einem beispiellosen Erfolge führte. Mit äußerster Anstrengung ließen sich in un* serer kleinen Kehillah 30 junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren zusammenbringen, die der Theaterfachmann in allabendlichen Proben binnen reichlich zwei Wochen zu einer einheitlichen Gruppe zusammenschweißte. Sprecli- und Bewegungschöre, wuchtige Einzelszenen aus bekannten jüdisehen Dichtwerken (״Semaels Sendung“, ״Die goldene Kette“, ״Massadah“), hebräische und deutsche Lieder sind mit außerordentlichem Geschick in den Rahmen des Bernsonschcn ״Ahnsver“ eingefügt, begleitet von Joel Engels eigenartiger Musik zum ״Dybuk“. Der künstlerische und propagandistische Erfolg war ungeheuer: die wütendsten Antizionisten fühlten sich mitgerissen. Die Gruppe wurde sofort aufgefordert, das Stöck in den benachbarten, größeren Gemeinden zur Aufführung zu bringen. Der schönste Erfolg aber war die Gründung einer .lugendgruppe, die alle Mitwirkenden umschließt, darunter rieben zahlreichen bisher ganz Indifferenten, auch mehrere Nichtzionislcn, die durch die gemeinsame Arbeit zu uns herübergezogen wurden Jedenfalls möchte ich nicht verfehlen, alle Ortsgruppen, in denen sich eine genügende Zahl von Mitspielern auf die Beine bringen läßt, auf diese ,,Ahasver-Revue“ und auf den ideenreichen Regisseur Isi Reiß-Dessau aufmerksam zu machen. Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe für die Z. V. f. D. und unsere nationalen Fonds, alle derartigen Versuche durch Druck und Vertrieb ollen Ortsgruppen zugänglich zu machen. So könnten sich zugleich alle auf diesem Boden schöpferischen Kräfte gegenseitig beeinflussen und befruchten und vereint unserer gesamten künstlerischen Propaganda und der Gestaltung unserer Feste einen starken, zeitnahen Auftrieb geben. 11. Lin ganz anderer, aber vielcrortcn ebenso wenig begangener Weg wirksamster Propaganda ist unsere dauernde Arbeit für Iliychschnrah und A 1 i j .1 h, Die beste Rede des hervorrngendsten Propagandisten wirkt tue über den Tag hinaus, aber ein Ilachscharnbzcntrum am Ort, ein Chalu/hcim ist eine ständig sich erneuernde Kraftquelle für unsere Prop a g a n d a. Menschen, zumal jüdische Menschen, Italien auf die Dauer nur vor denen Achtung, die Ernst machen. Deshalb setzen sich unsere in der llachscharah befindlichen Jungen und Mädel durch, ihren Fleiß und ihr Bildungsstreben bei ihren Arbeitgebern so restlos ,’durch, daß cs uns in den Dörfern, wo Chaliiziin arbeiten, trotz, aller, auf dem Lande besonders starken antisemitischen Hetze, gelingt, von Jahr zu Jahr weitere neue Stellen ausfindig zu machen; sic wirken — ganz anders als die Traktätchen und ״Aufklärungs-Vorträge vor Christen“ — als lebendiger Beweis für die Eignung und Liebe jüdischer Menschon zur Scholle und zu schwerster körperlicher Arbeit, trotzdem eine Kette von Generationen in Deutschland — noch mehr als im Osten — von Landarbeit und Handwerk abgedriingt war. Ebenso stark aber wirken sie innerhalb der Kehillah; ihr ״Dasein“ ermöglicht es uns, trotz aller Wirtschaftsnot und trotz des besonders starken Sinkens des Wohlstandes der Juden, die Mittel für Ilachscliarah und Alijah überwiegend von dem im allgemeinen weniger belasteten, nichlzionistischen Teil der Gemeinde aufzubringen lind Gemeinde, Loge, Frauen- Organisationen zur Bereitstellung von Mitteln geneigt zu machen. Die stärkste Wirkung einer Chaluzgruppe aber liegt in ihrer beispielgebenden Einwirkung auf unsere eigene Jugend. Wir wissen alle, oft ans schmerzlichen Erfahrungen im eigenen Kreise, daß Zionismus sich nicht vererbt, sondern von jeder Generation aufs neue ״erlebt“ und oft gegen stärkste Widerstünde durchgesetzt werden muß, wenn auch Zeit und Umwelt heule viel stärkere Helfer sind als früher. Nun w irkt aber auf Jugend immer am unmittelbarsten Jugend. Wie viel mehr eine Jugend, die Ernst macht, sich umschichtet, für Palästina vorbereitet und Hebräisch lernt. Am Schahbath und am Sonntag kommen die jungen Menschen, gebräunt, gestrafft, mit schwieligen Arbeitshünden zu uns ins Haus und in unmittelbare Beziehung zu unserer Jugend. Sie wandern zusammen, singen hebräische Lieder, erzählen von Palästina und ihrer täglichen Arbeit. Seitdem haben wir eine Kindergruppe, che selbst gern Hebräisch lernt, Palästinakunde treibt und ihr ,,Judesein“ nicht als drückend, sondern als stolze Beglückung empfindet. Auf diesem Boden gedeihen Religion 1!nd Volkstum ganz anders, Religionsschule und Gottesdienst werden nicht mehr als lästiger Zwang empfunden und auch auf diese Weise unsere Beziehungen zu Rabbiner und Lehrer angenehmer und verständnisvoller. Gibt es an einem Platze ein paar Menschen, arbeitsfreudig, voller Lielxi für die besonderen Note unserer Heranwachsenden Jugcnd, die die örtlichen Beziehungen zu Landwirten, Gärtnern und Handwerkern — und die gibt es überall, — ausnutzen, so sind zahllose Chaluzgruppen zu schaffen, die vor allem das!,eben der Ortsgruppe, aber auch der ganzen Gemeinde, anregen und befruchten. Dann wird es möglich, allerorten auch den größten 'Feil der zusätzlich nötigen Mittel lokal aufzubringen und der Z. V. f. D. diese finanzielle Sorge wenigstens zum großen 'Peil abzunelimen und diese wichtigste, die Zukunft sichernde Arbeit zu verhundertfachen, für die viele, selbst große und leistungsfähige Ortsgruppen, heute ־noch gar kein oder nicht ausreichendes Verständnis aufbringen. Wieviel nützlicher wäre es, wenn wir uns und die Mensehen, die wir beeinflussen und gewinnen wollen, nicht dauernd nur mit hoher oder niederer Politik befaßten, — als deren Objekt wir uns in Deutschland mit täglich wachsendem Mißvergnügen ohnehin fühlen — sondern mit den Dingen, die ich in den Vordergrund rücken möchte, die durch Arbeit Gruppengeist, Gemeinschaftsgefühl und Nachwuchs schaffen und letzlieh imstande wären, auch hier in der Golah eine zionistische Gesellschaft zu bilden, die sich durch Interessengemeinschaft, Arbeitsverbundenheit und Zielsetzung auch nach außen hin von der jüdisch-liberalen Bourgeoisie deutlich abgrenzt und abhebt. Der Warschauer Stadtrat hat vor kurzem den Magistrat beauftragt, mit Rücksicht auf die Finanzkrise der Stadtverwaltung die Subventionen für Schulwesen und soziale Fürsorge um 40 herabzusetzen. Der Magistrat ließ die Subventionen für eine große Zahl rein polnischer Anstalten ungekürzt, die Zuschüsse für die jiddischen und hebräischen Schulen jedoch wurden um mehr als 60»/» herabgesetzt, ln der gleichen Weise wurden auch die Zuschüsse für die jüdisch-orthodoxen Schulen und die jüdischen Waisenanstalten gekürzt. Die Schulen sind durch das Vorgehen des Magistrats in eine außerordentlich kritische Lage geraten. Theaterkrise auch in Palästina Von der ״Habimah" (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) g;l. Tel-Awiw, 31. Januar 1933. Seitdem die Habimah sich in Palästina ansässig gemacht hat, sind dem hebräischen Publikum von dieser Theatergruppe eine ganze Reihe von neuen Aufführungen vorgesetzt worden. Sie wurden fast alle mit großem Wohlwollen und viel Begeisterung atifgenommen und es hat sich gerade in dieser Zeit, wo die Habimah nicht mehr als Gast im Lande war, sondern richtig ״dazugehörte“, gezeigt, daß dieses hebräische Theater eines der Lieblingskinder der palästinensischen Judenheit ist. Auch heute noch ist jede Premiere ein Ereignis; und jeder Besuch in den Kolonien wird zu einer Art Triumphzug. Daß trotzdem die Schauspieler mit allen nur möglichen technischen und materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und sich erst in allerletzter Zeit eine Perspektive eröffnet hat, die Truppe auf eine einigermaßen sichere materielle Grundlage zu stellen, entspricht schließich den Verhältnissen, die hier herrschen. Hat es doch im Laute der Jahre noch sehr viel lebenswichtigeren Instituten an dem nötigsten gefehlt. In diesen Jahren einer kontinuierlichen Arbeit haben sich auch klarer als jemals früher die speziellen Probleme des hebräischen Theatersimanifestiert. Es waren Jahre eindringliehen Suchens und mannigfacher Experimente. Diese umfaßten so ziemlich alles, was mit dem palästinensisch-hebräischen Theater in Zusammenhang steht, angefangen von den äußeren technischen Bedingungen, wie Vorstdlungsraum, Dekoration usw. bis zu solch entscheidenden Komplexen wie Repertoire und Regie. In dieser Zeit hat die Habimah ihren alten engen Rahmen verlassen, hat sich einerseits in biblische Darstellungen (Ketcr David) und in Klassiker (Moliöre, Shakespearc), andererseits in die Moderne (Shaws Teufelsschüler, Maughams Heilige Flamme, Langers Peripherie) hineingewagt. Und eines wenigstens ist dabei in voller Klarheit in die Erseheinung getreten, was inan in den ersten Triumphen der Habimah noch übersehen konnte und was vielleicht heute noch von vielen übersehen wird: daß nämlich hier nicht etwa ein tcchnisches Thcatcrproblcin vorliegt, sondern eine ungewöhnlich komplizierte Frage, die mit der gesamten palästinensischen Situation, den Entwicklungsstadien des Hebräischen uncl der kulturellen Atmosphäre des Landes zusnmmenhängt. I. Das Repertoire. In der Art, wie die einzelnen Stücke der Habimah aufeinander gefolgt sind, zeigt sielt deutlich das Suchen. Die Sprünge von einer Richtung in die andere waren gewaltig. Und es ist interessant, daß jetzt nach den verschiedensten Versuchen die Habimah wieder in ein ihr vertrautes Gebiet zuriickgckchrt ist und eine Bearbeitung von Scholem A 1 c i c h e in s ״Amcha‘‘ hcrausgebracht hat, eines jener Volksstücke, das den Kassrilowker Juden mit seinem Singen, seinen Sorgen, seinen Freuden und Nöten zum Gegenstand hat. Das Stück ist wie die anderen vom großen Publikum gut aufgenommen worden. Man freut sich daran und die meisten genießen es wie eine Art Reminiszenz; eine Reminiszenz des Singsangs, des Witzes, der Tränen und der Sorgen einer vergangenen oder jedenfalls für die Palästinenser vergangenen Zeit. Es stellt sich jedoch bei all diesem Suchen eines klar heraus: daß cs eben kein Repertoire gibt. Der Boden, aut dem die Theater der modernen Welt erwuchsen, der Stoff, von dem sie sich nährten, nämlich eine alte und ausgiebige Dichtung, die sich Jahrhundert um Jahrhundert gewaltig vermehrte, fehlt. Es ist eben nicht leicht, über die Tatsache wegzukommen, daß das Judentum bis zum Beginn der Assimilation kein Theater kannte und daß die licbräisclie Literatur, aus der heraus diese Kunst eigentlich hätte geboren werden sollen, in den ersten Anfängen steht. Zugleich — man sieht es mit erschreckender Deutlichkeit an Scholem Ältlichem (der ja, nebenbei gesagt, nicht fürs Theater schrieb!) — si nd di e s e Dinge zu einem guten Teil Reminiszenz und nicht aktuell. Sie rühren Erinnemugen auf, machen nachdenklich, erfreuen, aber sie wirken nicht erregend, sie reißen nicht mit. Bei den verschiedenen Ausflügen in die Weltliteratur, die die Habimah in den letzten Jahren unternommen hat, stößt man aut ähnliche Schwierigkeifen. Die Auswahl der Stücke zeigt keinen inneren Zwang, sondern eine beängstigende Zufälligkeit. Es ist charakteristisch und nicht ntir die Folge übermäßigen Studiums, übermäßig sorgfältiger Regie und zu oft wiederholter Aufführungen dieses Stückes, daß man den Dybuk immer und immer wieder, sei es in modernen oder nicht modernen Stücken, anklingen hört und sieht. L>cr Rahmen ist eng, aber doch nicht so fest gezimmert, daß man sich danach orientieren könnte. Es wäre natürlich das Ideale, wenn es gelänge, die Habimah so natürlich in die neue hebräische Literatur einzubetten, daß sich ihr das Repertoire wie von selbst, darböte. Darauf jedoch zu hoffen, ist heute Utopismus. Eine solche Sache kann auch nicht gemacht werden, sie muß wachsen und wenn sich in der Tat die hebräische Literatur aus ihren Anfängen hcransentwickelt und neue Blüten treibt, so könnte im Laufe der Zeit (vermutlich langer Zeit) auch dieser Fall eintreten. Es wäre natürlich auch möglich, daß trotz einer bedeutenden Literaturentwicklung gerade der dramatische Zweig keine besonderen Leistungen aufzuweisen hätte. Heute ist es so, daß die hebräische Literatur nicht imstande ist, dieses Repertoire organisch herauszubringen. Die Habimah hat also recht daran getan, sich auf das weite Meer der Welt- Literatur hinauszuwagen. Nur scheint ihr dabei ein erfahrener Steuermann gemangelt zu haben. Ein Mensch oder eine Gruppe, die imstande wäre, aus den Unmassen des Möglichen das für diese Truppe und fiir Palästina Anziehende und Vielversprechende herauszuholen. Dazu gehört viel Kenntnis, Verstand, Geschmack und Einsicht in palästinensische Berlingungen und Bedürfnisse. Aber es sollte sich doch ermöglichen lassen. II. Die Kritik. Es wäre vielleicht zutreffender zu sagen die Kritiklosigkeit. Die Habimah ist in der anscheinend glücklichen, de facto jedoch unglücklichen Lage, daß sie überhaupt keine öffentliche ernsthafte Kritik besitzt. Es gibt nichts als eine ungefähre Beschreibung des Stückes, eine (fast immer gute) Zensur für die einzelnen Schauspieler und den Bericht über den Applaus. Das ist ein schwerer Mangel, denn der ernsthafte verständnisvolle Kritiker zählt ebenso als eine Stütze und ein Entwicklungsfaktor wie eine gute Regie. Ebenso wie ein Repertoirc wird man auch eine gute Kritik, vor allem eine kntische Kritik nicht aus dem Boden stampfen können. Aber etwas wäre zu ändern: nämlich die übermäßige Giorifirierung, die aut die Dauer nur schaden kann. Gewiß, es soll keineswegs geleugnet werden, daß die Schaffung eines hebräischen Theaters eine große Sache ist. Auch muß man anerkennen, daß die Truppe einige Kräfte enthält, die über dem Durchschnitt stehen und daß die Gesamtheit sehr ernst und anspruchslos an ihrer Arbeit hängt. Das alles darf aber unter keinen Umständen dazu führen, daß dieses Theater nun als ״erstklassig“ angesehen und auf eine gelegentlich peinliche Weise in den Himmel gehoben wird. Daß hebräisch gespielt wird, bedeutet durchaus nicht immer, daß gut gespielt wird. Daß das Theater in Palästina wirkt, macht es noch nicht co ipso zu einem Kulturfaktor. Hebräisch Theater zu spielen, ist nicht nur ein Verdienst, sondern eine sehr schwere Aufgäbe, Das Publikum und die Presse tut ein Unrecht an der Sache und an der Truppe, wenn sie nur Applaus und Wohlwollen spendet, wo ernsthafte Kritik bessere Dienste leisten würde. Gerade ein solcher Komplex, wie der des hebräischen Theaters darf nicht unter dem Gesichtspunkt der ״nationalen Belange“ angesehen werden, wenn er auf echte Weise national wertvoll sich gestalten soll. III. Die Sprache. Ein besonderes Problem, mit dem die Habimah, mit dem aber auch zugleich das Publikum zu kämpfen hat, ist die Sprache. Man bekommt es bei jeder Vorstellung auf das klarste zu spüren, daß wir hier noch immer (trotz aller unleugbaren Fortschritte) in einem Anfang stehen. Bei vielen Stücken, die übersetzt sind, wird man geradezu zum Zurückübersetzen veranlaßt. Nicht etwa weil die Dinge nicht verstündlich wären, sondern weil man mit Assoziationen arbeiten muß, die aus einer anderen Welt kommen. Bei den Stücken aus dem europäischen Osten übersetzt man zwangsweise gedanklich ins Jiddische (man denke nur an Scholem Aleichem!), bei modernen in europäische Sprachen. Es ist ja nur natürlieh und wahrscheinlich durchaus nicht zu bedauern, daß wir nicht wissen, welche Ausdrücke der Assistent des Assistenten des Hundefängers in der Unterhaltung mit einem Eintänzer in einer Bar gebraucht, wenn sie sich hebräisch unterhalten. Aber die Hammah macht uns das gezwungenermaßen in ihrer Aufführung der ״Peripherie“ vor, und es wird jedem, der eine engere Beziehung zur Sprache hat, etwas ängstlfeh dabei zumute. Auch das sind Dinge, die nicht von heute aut morgen in Ordnung kommen. Aber man sollte in der Auswähl der Stücke in einem gewissen Maße auch auf diese Schwierigkeiten Rücksicht nehmen. Es ist selbstverständlich nicht wünschenswert, daß auf dem Theater das Idiom gesprochen wird, das man heute iu den Straßen von Tel-Awiw hört. Worauf es jedoch ankommt, ist eine gewisse sprachliche Einfügung, die dem Zuhörer das peinliche Gefühl des Unorganischen und Erzwungenen nimmt, ihn einer klareren Assoziationswelt zuführt. IV, Gleichmaß und Technik. Während unter den Juden der Erfolg der Habimah in erster Linie auf die Tatsache des neuauficbenden Hebräisch zurückzuführen ist, erwuchs er in der großen Welt ihrer speziehen Note, dem Zusammenspiel, dem Gesang und Tanz, einem gewissen exotischen Timbre, das sie von europäischen Ensembles unterschied. Dazu kam selbstverständlich die große Leistung einiger besonders befähigter Mitglieder. Unterdessen hat sich eine gewisse Erstarrung des Stils, eine wenig elastische Technik herausgebildet, die den Genuß stark beeinträchtig! Die Art des Schminken* und der Aufmachung wirkt eckig und kraß, es ist vielfach eine Anstrengung, auf die Bühne zu sehen, Farben und Töne zeigen gleichmäßig eine Neigung ins Fortissimo. Die leise Abschattierung, die Wirkung mit zarten Mitteln wird zu gering geschätzt, und so wird häufig eine Aufführung für den Zuschauer sowohl im Hören wie im Sehen eine übermäßige Anstrengung, auf die er unwillig reagiert. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß das Publikum heute durch das Kino in dieser Beziehung übermäßig verwöhnt ist. Man ist an sehr glatte Sicht gewöhnt, es wird Sehen und Hören aufs äußerste erleichtert, man sieht die Bilder nur noch zweidimensional statt wirklich. Mit dieser Verwöhnung des Publikums muß jedoch die Bühne rechnen; es sollte ihr auch möglich sein, ihre Masken so zu gestalten, daß sic nicht wie in Ocl hingehauen aussehen, daß nicht aus der Satire sogleich eine Karikatur, aus einer Betonung ein Fortissimo wird. Das alles betrifft die Frage der Regie, die immer bei der Habimah ein dorniges Problem gewesen ist, noch zur Zeit, als sie einen russischen Regisseur besaß und jetzt, wo einzelne Schauspieler aus ihrer Mitte dieses Amt versehen. Sie wäre vermutlich bei genügender Umsicht zu lösen, weil sie sich in der Hauptsache in technischen Fragen erschöpft. V. Die Stellung des Theaters. Wir stehen heute in verschiedenen Teilen der Welt in einer Periode, in der das Theater wieder zu einer ״moralisehen Anstalt“ wird. Neben den Plätzen, die nach wie vor der Unterhaltung im besten und im schlechtesten Sinne dienen, finden sich andere, um die sich die Problematik der Zeit konzentriert. Hier nimmt sie Gestalt an und wirkt wieder auf die Massen, aus denen sie kommt, zurück. Das Theater wird zu einem Spiegel des Zeitgeistes, reflektiert seine Probleme und Ideen, strahlt in einer sehr wirksamen Propaganda neue Losungen ins Weite. Es bilden sich hier in Inhalt und Form die Produkte einer neuen, stark lebensverbundenen Kunst, die andere Maßstäbe verlangen, auch andere Reaktionen und Leidenschaften wachrufen als die Werke einer früheren Epoche. Es liegt in der Natur der palästinensischen Verhältnisse, die enger und übersichtlicher sind als die europäischen, daß ein hebräisches Theater einen größeren und tieferen Einfluß ausüben kann als ein europäisches. Auch wird die Wirkung erhöht durch das lebendige Interesse, das weite Kreise und Kreise der verschiedensten Art hier an derartigen Unternehmungen beweisen. Daraus ergibt sich auch die größere Aufgabe der Habimah. Sie könnte für das Land zu einem der geistigen Brennpunkte werden, und zwar in doppelter Hinsicht: einerseits könnte sie als Ergänzung für die heute in großen Mengen produzierte Uebersetzungsliteratur eine Brücke zu den europäischen Kulturen bilden, sie könnte Wesentliches für Palästina assimilieren und anschaulich machen. Andererseits wäre es die Aufgabe der Habimah im Lande selbst, Stoff für die Darstellung der hier wirksamen Kräfte und Tendenzen zu suchen. Eine ebenso lockende wie sch wierige Aufgabe. Es scheint, daß die Habimah heute noch von einer solchen Stellungnahme weit entfernt, sich vielleicht der bestehenden Probleme kaum in voller Klarheit bewußt ist. Diese sind jedoch von allgemeiner Bedeutung und es würde sich lohnen, an sie heranzugehen. Man würde dabei an verschiedene allgemeine Kulturfragen herankommen und in der Habimah bietet sich ein nicht unedles Werkzeug für eine solche Tat. Im Dezemberheft der Zeitschrift für Geopolitik (Verlag Vowinckel, Berlin-Grunewald) erschien ein Aufsatz von Hans Kohn ״Strukturwandei des Orients“, worin in prägnanter Zusammenfassung dargestellt wird, wie im Laufe des letzten Jahrzehnts der Orient erwachte, sich von Europa ioslöst und von Kolonialkultur zur Eigenkultur fortschreitet. So kommt es, daß heute, die Probleme des Orients vielfach denen der europäischen Völker viel ähnlicher sind als noch vor zwei Jahrzehnten. Der Aufsatz wird für jeden um ein tieferes Eindringen in das Wesen der Orientpolitik Bemühtensehr aufschlußreich sein. Unter dem Titel ״Zwiesprache“ beginnt soeben in München eine Zeitschrift jüdischer Jugend zu erscheinen, deren Schriftleitung aus Rose Heller, Hans Lamm und Fritz Rosenthal besteht. Die Zeitschrift ist nicht gedruckt, sondern in Maschinenschrift, vervielfältigt, um den intimen Charakter einer wirklichen Aussprache von Mensch zu Mensch deutlicher zu erhalten. Die Redaktion erklärt auch in ihrer Einleitung, daß es ihr vor allem auf Leser ankommt, die ohne Parteibrille die Probleme des jüdischen Menschen sehen und offen besprochen wollen. Die Adresse der Zeitschrift ist: p. Adr. Hans Lamm. München 22, Schließfach 43,